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Jesus in Jerusalem

KEIN Vorkommnis auf dem gesamten ereignisreichen irdischen Lebensweg Jesu war anziehender, menschlich erregender als dieser in seiner Erinnerung erste Besuch Jerusalems. Die Erfahrung, an den Tempeldiskussionen ganz auf sich selber gestellt teilzunehmen, regte ihn besonders an, und lange hob sie sich aus seinen Erinnerungen als das große Ereignis seiner späten Kindheit und frühen Jugend heraus. Das war die erste Gelegenheit, einige Tage unabhängigen Lebens und das Vergnügen zu genießen, ohne Zwang und ohne Einschränkung zu kommen und zu gehen. Diese kurze, ohne Führung verlebte Zeit in der auf das Passahfest folgenden Woche war das erste vollkommene Freisein von Verantwortung, das er je genossen hatte. Und es sollte danach viele Jahre dauern, ehe ihm wiederum, und sei es auch nur für kurze Zeit, eine ähnliche, von allem Verantwortungsgefühl freie Periode vergönnt war.

125:0.2

Selten kamen Frauen zum Passahfest nach Jerusalem; ihre Gegenwart war nicht erforderlich. Aber Jesus hatte es faktisch abgelehnt, ohne die Beglei­tung seiner Mutter mitzugehen. Und als Maria sich dazu entschied, ließen sich auch viele andere Frauen von Nazareth zur Reise bewegen, so dass die Passahfestgesellschaft im Verhältnis zu den Männern die größte Anzahl von Frauen aufwies, die je von Nazareth zum Passahfest aufgebrochen war. Auf dem Wege nach Jerusalem sangen sie von Zeit zu Zeit den hundertdreißigsten Psalm.

125:0.3

Vom Augenblick an, als sie Nazareth verließen, bis sie auf dem Gipfel des Ölbergs anlangten, lebte Jesus in andauernder gespannter und erwartungsvoller Vorfreude. Während seiner ganzen fröhlichen Kindheit hatte er mit Ehrfurcht von Jerusalem und seinem Tempel sprechen hören; nun würde er sie bald in Wirklichkeit sehen. Vom Ölberg aus und von außen, bei näherer Betrachtung, erfüllte und übertraf der Tempel Jesu Erwartungen; aber sobald er durch die heiligen Portale geschritten war, begann die große Ernüch­terung.

125:0.4

In Begleitung seiner Eltern ging er durch die Tempelvorhöfe, um sich zur Gruppe der neuen Söhne des Gesetzes zu gesellen, die im Begriffe waren, die Weihe als Bürger Israels zu empfangen. Er war ein bisschen enttäuscht von dem allgemeinen Verhalten der Menge im Tempel, aber den ersten großen Schock des Tages erhielt er, als seine Mutter sich von ihnen trennte, um auf die Frauengalerie zu gehen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass seine Mutter ihn nicht zu den Weihehandlungen begleiten dürfte, und er war zutiefst empört darüber, dass sie eine solch ungerechte Diskriminierung zu erdulden hatte. Auch wenn ihn dies heftig aufbrachte, sagte er nichts außer einigen Bemerkungen des Protestes zu seinem Vater. Aber er dachte lange und intensiv darüber nach, wie es seine Fragen zeigen sollten, die er eine Woche später an die Schriftgelehrten und Lehrer richtete.

125:0.5

Er ging durch die Riten der Weihe, war aber von ihrer oberflächlichen und routinemäßigen Natur enttäuscht. Er vermisste die persönliche Anteilnahme, wie sie den Zeremonien in der Synagoge von Nazareth eigen war. Darauf kehrte er zurück, um seine Mutter zu begrüßen, und machte sich dann bereit, seinen Vater auf seinem ersten Gang durch den Tempel und dessen verschiedene Höfe, Galerien und Korridore zu begleiten. Die Tempelvorhöfe konnten mehr als zweihunderttausend Gläubige auf einmal fassen, und obschon die Größe dieser Gebäude – im Vergleich mit allen, die er je gesehen hatte – mächtigen Eindruck auf ihn machte, so fesselte es ihn doch mehr, über die geistige Bedeutung der Tempelzeremonien und den diese begleitenden Kult nachzusinnen.

125:0.6

Obgleich viele Tempelrituale seinen Sinn für das Schöne und Symbolische sehr berührten und beeindruckten, war er doch immer enttäuscht von der Erklärung der wirklichen Bedeutung dieser Zeremonien, welche seine Eltern ihm in Beantwortung seiner vielen forschenden Fragen gaben. Jesus wollte ganz einfach keine Erklärungen über Anbetung und religiöse Verehrung annehmen, die einen Glauben an den Zorn Gottes oder den Unwillen des Allmächtigen beinhalteten. Als sie diese Fragen nach Beendigung des Tempelbesuchs weiterdiskutierten und sein Vater milde darauf bestand, dass er sich die orthodoxen jüdischen Glaubensinhalte zu eigen mache, wandte sich Jesus plötzlich seinen Eltern zu, schaute seinem Vater flehend in die Augen und sagte: „Mein Vater, es kann nicht wahr sein – so kann der Vater im Himmel seine verirrten Kinder auf Erden nicht anschauen. Der himmlische Vater kann seine Kinder nicht weniger lieben als du mich liebst. Und ich weiß genau – ganz gleich, was für unbesonnene Dinge ich auch immer täte – du würdest nie deine Wut an mir auslassen, noch deiner Empörung gegen mich Luft machen. Wenn du, mein irdischer Vater, solch einen menschlichen Widerschein des Göttlichen besitzt, wieviel gütiger und voll überfließender Barmherzigkeit muss dann der himmlische Vater sein! Ich weigere mich zu glauben, dass mein Vater im Himmel mich weniger liebt als mein Vater auf Erden.“

125:0.7

Als Joseph und Maria diese Worte ihres erstgeborenen Sohnes hörten, blieben sie ruhig. Und nie wieder versuchten sie, ihn bezüglich der Liebe Gottes und der Barmherzigkeit des Vaters im Himmel umzustimmen.

1 . Jesus besichtigt den Tempel

125:1.1

Wo immer Jesus in den Tempelhöfen hinkam, war er schockiert und angewidert vom Geist der Ehrfurchtslosigkeit, den er beobachtete. Er fand, dass das Benehmen der Menschenmenge im Tempel mit ihrer Gegenwart im „Hause seines Vaters“ nicht vereinbar sei. Aber der Schock seines jungen Lebens traf ihn, als sein Vater ihn in den Hof der Heiden begleitete, wo sich lärmende Gassensprache, lautes Reden und Fluchen in wildem Durcheinander mit dem Geblöke der Schafe und den klimpernden Geräuschen vermischten, welche die Anwesenheit der Geldwechsler und der Anbieter von Opfertieren und allerlei anderen Handelswaren verrieten.

125:1.2

Aber am stärksten wurde sein Anstandsgefühl beim Anblick der frivolen Kurtisanen verletzt, die sich innerhalb des Tempelvorhofes zur Schau stellten, gerade solch geschminkter Frauen, wie er sie kürzlich während eines Besuchs in Sepphoris gesehen hatte. Diese Entweihung des Tempels erregte vollends seine ganze jugendliche Empörung, und er zögerte nicht, sich dazu Joseph gegenüber frei zu äußern.

125:1.3

Jesus bewunderte die Atmosphäre und den Dienst des Tempels, aber er erschrak ob der geistigen Hässlichkeit, die er auf den Gesichtern so vieler gedankenloser Tempelgänger wahrnahm.

125:1.4

Sie stiegen nun in den unterhalb des Felsenrandes gegenüber dem Tempel gelegenen Hof der Priester hinunter, wo der Altar stand, um zuzusehen, wie die Tiere herdenweise getötet wurden und wie sich die diensttuenden Schlächter­priester am Bronzebrunnen das Blut von den Händen wuschen. Das blutverschmierte Pflaster, die besudelten Hände der Priester und die Schreie der verendenden Tiere waren mehr, als dieser naturliebende Knabe ertragen konnte. Der schreckliche Anblick ekelte den Jungen aus Nazareth an; er fasste seinen Vater am Arm und bat darum, fortgebracht zu werden. Sie gingen durch den Hof der Heiden zurück, und sogar das grobe Gelächter und die profanen Späße, die er hier zu hören bekam, waren eine Erleichterung nach dem eben Erlebten.

125:1.5

Joseph hatte gesehen, wie seinem Sohn beim Anblick der Tempelriten übel wurde, und er nahm ihn klugerweise mit, um ihm das „schöne Tor“, das künstlerische Tor aus korinthischer Bronze zu zeigen. Aber Jesus hatte genug von seinem ersten Tempelbesuch. Sie kehrten in den oberen Hof zu Maria zurück und gingen dann eine Stunde lang abseits der Menschenmengen an der frischen Luft spazieren und besichtigten den Palast der Hasmonäer, den prachtvollen Wohnsitz des Herodes, und den Turm der römischen Garde. Unterwegs erklärte Joseph Jesus, dass es einzig den Bewohnern Jerusalems gestattet sei, den täglichen Opferungen im Tempel beizuwohnen, und dass die Bewohner Galiläas nur dreimal im Jahr herkamen, um am Tempelgottesdienst teilzunehmen: zum Passahfest, zum Pfingstfest (sieben Wochen nach Passah) und zum Laubhüttenfest im Oktober. Diese Feste hatte Moses eingeführt. Dann sprachen sie über die zwei Feste, die später eingeführt worden waren: das Tempelweihfest und das Purimfest. Anschließend begaben sie sich zu ihrer Unterkunft und bereiteten sich auf die Passahfeier vor.

2. Jesus und Passah

125:2.1

Fünf Familien aus Nazareth waren die Gäste bzw. Freunde der Familie Simons von Bethanien bei der Passahfeier. Simon hatte das Passahlamm für die ganze Gesellschaft gekauft. Gerade die Abschlachtung dieser Lämmer in riesiger Zahl hatte Jesus während seines Tempelbesuchs so mitgenommen. Es war geplant, das Passahmahl mit Marias Verwandten einzunehmen, aber Jesus überredete seine Eltern, die Einladung nach Bethanien anzunehmen.

125:2.2

An diesem Abend kamen sie für die Passahrituale zusammen und aßen das gebratene Fleisch mit ungesäuertem Brot und bitteren Kräutern. Da Jesus nun ein neuer Sohn des Bundes war, forderte man ihn auf, den Ursprung des Passahfestes zu erzählen, was er gut machte; aber er beunruhigte seine Eltern ein wenig durch die Einflechtung zahlreicher Bemerkungen, welche in milder Form die Eindrücke wiedergaben, die die kürzlich gesehenen und gehörten Dinge in seinem jugendlichen, aber nachdenklichen Gemüt hinterlassen hatten. Das war der Beginn der siebentägigen Feierlichkeiten des Passahfestes.

125:2.3

Obwohl er seinen Eltern solche Angelegenheiten verschwieg, hatte Jesus schon so früh darüber nachzusinnen begonnen, ob es angemessen wäre, Passah ohne das geschlachtete Lamm zu feiern. Er fühlte in sich die Gewissheit, dass der Vater im Himmel sich an diesem Anblick der Opfergaben nicht erfreute, und im Laufe der Jahre wurde er immer entschlossener, eines Tages die Passahfeier ohne Blutver­gießen einzuführen.

125:2.4

In dieser Nacht schlief Jesus nur sehr wenig. Abstoßende Träume von Schlächtereien und Leiden beeinträchtigten seine Nachtruhe sehr. Sein Sinn war aufgewühlt und sein Herz zerrissen angesichts der Ungereimtheiten und Absurditäten der Theologie des ganzen jüdischen zeremoniellen Systems. Auch seine Eltern schliefen kaum. Die Ereignisse des gerade zu Ende gegangenen Tages beunruhigten sie sehr. Sie waren in ihren Herzen völlig aus der Fassung gebracht durch die ihrer Meinung nach befremdliche und entschlossene Haltung des Jungen. Maria litt während der ersten Hälfte der Nacht unter nervösen Störungen, aber Joseph bewahrte seine Ruhe, obwohl auch er vor einem Rätsel stand. Beide hatten Angst, offen mit dem Jungen über diese Probleme zu sprechen, obgleich Jesus über eine Aussprache mit seinen Eltern glücklich gewesen wäre, wenn sie nur gewagt hätten, ihn dazu zu ermutigen.

125:2.5

Die Gottesdienste des nächsten Tages im Tempel waren für Jesus annehmbarer und trugen viel dazu bei, die unerfreulichen Eindrücke des Vortages abzuschwächen. Am darauf folgenden Morgen nahm sich der junge Lazarus Jesu an, und sie begannen, Jerusalem und seine Umgebung systematisch zu erkunden. Vor Tagesende hatte Jesus die verschiedenen Orte rund um den Tempel ausfindig gemacht, wo Lehr- und Fragestunden abliefen; abgesehen von einigen Besuchen im Allerheiligsten, wo er sich staunend fragte, was sich wohl wirklich hinter dem Trennungsschleier verberge, verbrachte er die meiste Zeit im Tempelbereich und bei den Lehrvorträgen.

125:2.6

Während der ganzen Passahwoche behielt Jesus seinen Platz inmitten der neuen Söhne des Gebotes, und das bedeutete, dass er sich außerhalb des Geländers zu setzen hatte, das alle Personen, die nicht vollwertige Bürger Israels waren, absonderte. In dieser Weise auf seine Jugend aufmerksam gemacht, enthielt er sich der vielen Fragen, die in seinem Geiste auftauchten; wenigstens enthielt er sich ihrer solange, bis die Passahfeierlichkeiten vorüber und die Beschränkungen für die neu geweihten Jugendlichen aufgehoben waren.

125:2.7

Am Mittwoch der Passahwoche erhielt Jesus die Erlaubnis, Lazarus nach Hause zu begleiten und die Nacht in Bethanien zu verbringen. An diesem Abend hörten Lazarus, Martha und Maria Jesus von zeitlichen und ewigen, menschlichen und göttlichen Dingen sprechen, und von diesem Abend an liebten ihn alle drei, als wäre er ihr eigener Bruder.

125:2.8

Am Wochenende sah Jesus Lazarus weniger oft, da dieser nicht einmal zur Zulassung im äußeren Kreis der Tempeldiskussionen berechtigt war, aber wenigstens einigen öffentlichen Reden beiwohnte, die in den äußeren Höfen gehalten wurden. Lazarus war gleich alt wie Jesus, aber in Jerusalem waren die Jungen selten zur Weihe der Söhne des Gesetzes vor vollendetem dreizehntem Lebensjahr zugelassen.

125:2.9

Während der Passahwoche fanden Jesu Eltern ihn immer wieder abseits für sich dasitzen, den jugendlichen Kopf in den Händen und tief in Gedanken versunken. Sie hatten ihn sich nie so verhalten gesehen, und da sie nicht wussten, wie sehr seine Gedanken in Aufruhr und sein Geist in Bedrängnis waren wegen der Erfahrung, die er durchlebte, waren sie in arger Verlegenheit; sie wussten nicht, was sie tun sollten. Sie waren froh, dass die Tage der Passahwoche vorübergingen, und sehnten sich danach, ihren sich so seltsam gebärdenden Sohn sicher in Nazareth zurück zu haben.

125:2.10

Tag für Tag durchdachte Jesus all seine Probleme. Bis zum Wochenende hatte er manches zurechtgerückt; aber als es an der Zeit war, nach Nazareth zurückzukehren, wimmelte es in seinem jugendlichen Geist immer noch von Unge­wiss­heiten, und eine Menge unbeantworteter Fragen und ungelöster Probleme bedrängte ihn.

125:2.11

Vor ihrer Abreise aus Jerusalem trafen Joseph und Maria zusammen mit Jesu Lehrer aus Nazareth endgültige Abmachungen, dass Jesus mit Erreichen des fünfzehnten Lebensjahres zurückkehren solle, um mit seinem langen Studien­gang an einer der bestbekannten Rabbiner-Akademien zu beginnen. Jesus begleitete seine Eltern und seinen Lehrer bei ihren Schulbesuchen, aber sie waren alle unglücklich festzustellen, wie unberührt er von allem, was sie sagten und taten, zu sein schien. Seine Reaktionen auf den Besuch Jerusalems erfüllten Maria mit tiefem Schmerz, und Joseph war völlig aus der Fassung gebracht durch die seltsamen Bemerkungen und das ungewöhnliche Verhalten des Jungen.

125:2.12

Alles in allem war die Passahwoche ein großes Ereignis in Jesu Leben gewesen. Er hatte sich über die Gelegenheit gefreut, mit einer großen Anzahl gleichaltriger Knaben Bekanntschaft zu machen, die wie er Kandidaten für die Weihe waren, und er nutzte solche Kontakte als Mittel zu erfahren, wie die Leute in Mesopotamien, Turkestan und Parthien und in den fernen westlichen Provinzen Roms lebten. Er war schon recht gut vertraut damit, wie die Jugend Ägyptens und anderer Gegenden in der Nähe Palästinas aufwuchs. Zu jenem Zeitpunkt waren Tausende von jungen Leuten in Jerusalem anwesend, und der Knabe aus Nazareth machte persönlich Bekanntschaft mit über hundertfünfzig von ihnen und befragte sie mehr oder weniger eingehend. Besonderes Interesse brachte er jenen entgegen, die aus den fernöstlichen und abgelegenen westlichen Ländern kamen. Diese Kontakte hatten zur Folge, dass der Junge fortan den Wunsch verspürte, die Welt zu bereisen, um zu erfahren, wie die verschiedenen Gruppen seiner Mitmenschen sich für ihr Fortkommen abmühten.

3. Abreise Josephs und Marias

125:3.1

Es war verabredet worden, dass die Gruppe aus Nazareth sich etwa um zehn Uhr vormittags am ersten Wochentag nach Beendigung der Passahfestlichkeiten in der Gegend des Tempels versammeln sollte. So geschah es auch, und man machte sich auf die Rückreise nach Nazareth. Jesus war in den Tempel gegangen, um den Diskussionen zuzuhören, während seine Eltern die Versammlung ihrer Reisegefährten abwarteten. Bald war die Gesellschaft bereit zum Aufbruch. Die Männer gingen in einer Gruppe und die Frauen in einer andern, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich zu den Festen nach Jerusalem begaben und von dort zurückkehrten. Jesus war in Gesellschaft seiner Mutter und der Frauen nach Jerusalem gekommen. Da er nun ein junger Mann der Weihe war, hätte er mit seinem Vater und den Männern nach Nazareth zurückreisen sollen. Aber während sich die Gesellschaft aus Nazareth auf dem Weg nach Bethanien befand, war Jesus im Tempel vollkommen in eine Diskussion über die Engel vertieft und sich überhaupt nicht bewusst, dass die Zeit der Abreise seiner Eltern verstrichen war. Und er wurde erst gewahr, zurückgelassen worden zu sein, als die Tempelvorträge zur Mittagsstunde unterbrochen wurden.

125:3.2

Die Reisenden aus Nazareth vermissten Jesus nicht, weil Maria annahm, er sei bei den Männern, während Joseph dachte, er sei bei den Frauen, da er auch mit ihnen nach Jerusalem gekommen war und Marias Esel geführt hatte. Sie entdeckten seine Abwesenheit erst, als sie Jericho erreichten und sich bereitmachten, dort die Nacht zu verbringen. Nachdem sie sich bei den zuletzt in Jericho angelangten Reisegefährten erkundigt und von ihnen erfahren hatten, dass keiner ihren Sohn gesehen hatte, verbrachten sie eine schlaflose Nacht. Sie fragten sich, was ihm wohl zugestoßen sei, erinnerten sich an seine vielen ungewöhnlichen Reaktionen auf die Ereignisse der Passahwoche und machten einander gegenseitig leise Vorwürfe, dass sie sich vor ihrer Abreise aus Jerusalem nicht seiner Anwesenheit in einer der beiden Gruppen versichert hatten.

4. Erster und zweiter Tag im Tempel

125:4.1

Unterdessen war Jesus den ganzen Nachmittag über im Tempel geblieben, wo er den Diskussionen zuhörte und die stillere und würdigere Atmosphäre genoss, nachdem die großen Mengen der Passahwoche nahezu verschwunden waren. Nach dem Abschluss der nachmittäglichen Diskussionen, an denen sich Jesus nicht beteiligt hatte, begab er sich nach Bethanien, wo er gerade eintraf, als Simons Familie sich anschickte, das Abendessen einzunehmen. Die drei jungen Leute waren außer sich vor Freude, Jesus zu empfangen, und er blieb über Nacht in Simons Haus. Er plauderte nur wenig im Verlaufe des Abends und hielt sich lange Zeit allein und in Gedanken versunken im Garten auf.

125:4.2

Am nächsten Morgen war Jesus schon früh auf dem Weg zum Tempel. Auf der Kuppe des Ölbergs blieb er stehen und weinte über den Anblick, der sich seinem Auge bot – ein geistig verarmtes, traditionsgebundenes Volk, das unter der Überwachung der römischen Legionen lebte. Am frühen Vormittag war er mit dem festen Vorsatz im Tempel, an den Diskussionen teilzunehmen. Unter­dessen waren auch Joseph und Maria in der frühen Morgendämmerung aufgestanden, entschlossen, nach Jerusalem zurückzukehren. Zuerst begaben sie sich in aller Eile zu ihren Verwandten, wo sie als Familie in der Passahwoche gewohnt hatten, aber ihre Erkundigungen erbrachten, dass niemand Jesus gesehen hatte. Nachdem sie den ganzen Tag vergeblich gesucht und keine Spur von ihm gefunden hatten, kehrten sie für die Nacht zu ihren Verwandten zurück.

125:4.3

In der zweiten Gesprächsrunde erkühnte sich Jesus, Fragen zu stellen, und in einer höchst erstaunlichen Weise nahm er nun an den Tempel­diskussionen teil, jedoch immer in einer seiner Jugend geziemenden Art. Manchmal brachten seine gezielten Fragen die gelehrten Lehrer des jüdischen Gesetzes einigermaßen in Verlegenheit, aber er legte einen solchen Geist aufrichtiger Anständigkeit und einen so offensichtlichen Wissens­hunger an den Tag, dass die Mehrzahl der Tempellehrer geneigt war, ihn mit aller Achtung zu behandeln. Als er sich aber herausnahm zu bezweifeln, ob es gerecht sei, einen betrunkenen Heiden hinzurichten, der außerhalb des Hofes der Heiden umhergegangen war und ahnungslos die verbotenen und angeblich heiligen Tempelvorhöfe betreten hatte, verlor einer der weniger verständnisvollen Lehrer angesichts der versteckten Kritik des Jungen die Geduld und fragte, ihn finster anblickend, wie alt er sei. Jesus antwortete: „Es fehlen etwas mehr als vier Monate bis zu meinem dreizehnten Jahr.“ Der nun erzürnte Lehrer erwiderte: „Und wieso bist du hier, obschon du nicht das Alter eines Sohnes des Gesetzes hast?“ Und nachdem Jesus erklärt hatte, dass er die Weihe während des Passah erhalten und seinen Lehrgang an den Schulen von Nazareth abgeschlossen hatte, gaben die Lehrer einhellig in spöttischem Ton zurück: „Wir hätten es wissen können; er kommt aus Nazareth.“ Aber der Leiter betonte, dass man nicht Jesus dafür tadeln dürfe, wenn die Verantwortlichen der Synagoge von Nazareth ihn technisch mit zwölf statt dreizehn Jahren zur Schlussprüfung zugelassen hatten; und obwohl einige seiner Kritiker sich erhoben und weggingen, wurde beschlossen, dass der Junge weiterhin unbehelligt als Schüler an den Tempeldiskussionen teilnehmen dürfe.

125:4.4

Als dieser sein zweiter Tag im Tempel zu Ende war, begab er sich für die Nacht wieder nach Bethanien. Und wiederum ging er in den Garten, um zu meditieren und zu beten. Ganz offensichtlich war sein Geist mit der Betrachtung schwerwiegender Probleme beschäftigt.

5. Der dritte Tag im Tempel

125:5.1

Am dritten Tag, den Jesus mit den Schriftgelehrten und Lehrern im Tempel verbrachte, fanden sich viele Zuschauer ein, die von diesem Jungen aus Galiläa gehört hatten, um sich am Anblick eines Knaben, der die weisen Männer des Gesetzes in Verlegenheit brachte, zu ergötzen. Auch Simon kam von Bethanien herunter, um zu sehen, was der Junge vorhatte. Den ganzen Tag über setzten Joseph und Maria angsterfüllt ihre Suche nach Jesus fort. Mehrmals gingen sie sogar in den Tempel, dachten aber nie daran, sich die verschiedenen Diskussionsgruppen näher anzusehen, obwohl sie einmal beinahe in Hörweite seiner faszinierenden Stimme kamen.

125:5.2

Bevor der Tag zu Ende ging, hatte sich die ganze Aufmerksamkeit der Haupt-Diskussionsgruppe des Tempels auf die Fragen konzentriert, die Jesus stellte. Unter seinen vielen Fragen befanden sich folgende:

125:5.3

1. Was existiert wirklich im Allerheiligsten hinter dem Schleier?

125:5.4

2. Wieso müssen die israelischen Mütter von den männlichen Tempel­gängern getrennt sein?

125:5.5

3. Wenn Gott ein Vater ist, der seine Kinder liebt, wozu dann diese Tier­schlächterei, um göttliche Gunst zu gewinnen – wurde die Lehre des Moses miss­verstanden?

125:5.6

4. Da doch der Tempel zur Anbetung des Vaters im Himmel bestimmt ist, ist es dann folgerichtig, die Anwesenheit jener zu gestatten, die sich mit weltlichen Tauschgeschäften und Handel befassen?

125:5.7

5. Wird der erwartete Messias ein weltlicher Fürst sein und auf Davids Thron sitzen, oder wird er als Licht des Lebens bei der Errichtung eines geistigen Königreichs wirken?

125:5.8

Und den ganzen Tag über staunten alle, die zuhörten, über diese Fragen, und niemand wunderte sich mehr als Simon. Mehr als vier Stunden lang setzte dieser Knabe aus Nazareth den jüdischen Lehrern mit zum Nachdenken herausfordernden und das Gewissen erforschenden Fragen zu. Zu den Bemerkungen der Älteren nahm er nur wenig Stellung. Er übermittelte seine Unterweisung durch die Fragen, die er stellte. Durch deren geschickte und subtile Formulierung gelang es ihm, zu gleicher Zeit die Auffassung der Lehrer anzufechten und seine eigene durchblicken zu lassen. Seine Art, eine Frage zu stellen, war eine ansprechende Kombination aus Scharfsinn und Humor, die ihn selbst bei jenen beliebt machte, die sich mehr oder weniger an seiner Jugend stießen. Er war immer äußerst fair und rücksichtsvoll in seinen tiefschürfenden Fragen. An diesem bewegten Nachmittag im Tempel legte er genau jene Abneigung an den Tag, seine Überlegenheit über einen Gegner auszunutzen, die später sein ganzes öffentliches Wirken kennzeichnen sollte. Als Junge und später als Mann schien er vollkommen frei von jedem egoistischen Wunsch, eine Auseinandersetzung zu gewinnen, bloß um den Triumph der Logik über seine Gefährten auszukosten; denn nur eines interessierte ihn im höchsten Maße: die ewige Wahrheit zu verkünden und dadurch eine umfassendere Offenbarung des ewigen Gottes zu bewirken.

125:5.9

Als der Tag vorüber war, kehrten Simon und Jesus nach Bethanien zurück. Den größten Teil der Strecke legten der Mann und der Knabe schweigend zurück. Wieder hielt Jesus auf der Kuppe des Ölbergs an, aber beim Anblick der Stadt und des Tempels weinte er nicht; er neigte nur den Kopf in schweigsamer Ehrfurcht.

125:5.10

Nach dem Abendessen in Bethanien lehnte er es wiederum ab, sich der fröhlichen Gesellschaft anzuschließen. Stattdessen ging er in den Garten, wo er sich bis tief in die Nacht hinein aufhielt und vergebens versuchte, einen bestimmten Plan zu ersinnen, wie das Problem seines Lebenswerkes anzugehen sei, und zu entscheiden, wie er am besten vorgehen könnte, um seinen geistig blinden Landsleuten eine schönere Vorstellung vom himmlischen Vater zu offenbaren und sie dadurch von ihrem schrecklichen Joch des Gesetzes, der Riten, Zeremonien und verstaubten Traditionen zu befreien. Aber der nach Wahrheit suchende Junge gewann keine Klarheit.

6. Der vierte Tag im Tempel

125:6.1

Jesus dachte seltsamerweise nicht an seine irdischen Eltern; auch als Lazarus‘ Mutter beim Frühstück bemerkte, seine Eltern seien nun wohl bald zu Hause, schien Jesus nicht zu begreifen, dass sie über sein Zurückbleiben einigermaßen in Sorge sein mussten.

125:6.2

Er begab sich wiederum zum Tempel, blieb aber nicht oben auf dem Ölberg stehen, um nachzudenken. Während der morgendlichen Diskussionen wurde viel Zeit auf das Gesetz und die Propheten verwendet, und die Lehrer waren erstaunt, dass Jesus mit den Schriften sowohl in Hebräisch wie auch in Griechisch so vertraut war. Aber seine Jugend erstaunte sie noch mehr als seine Kenntnis der Wahrheit.

125:6.3

Am Nachmittag hatten sie kaum begonnen, seine Frage zu beantworten, die den Zweck des Gebetes betraf, als der Vorsitzende den Jungen aufforderte, nach vorn zu kommen. Und als er neben ihm saß, lud er ihn ein, seine eigenen Anschauungen über das Gebet und die Gottesverehrung darzulegen.

125:6.4

Am Abend zuvor hatten Jesu Eltern von dem seltsamen Jungen gehört, der sich mit den Gesetzesauslegern so geschickt Wortgefechte lieferte, aber es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Knabe ihr Sohn war. Sie hatten nahezu entschieden, sich zum Haus des Zacharias zu begeben, da sie dachten, Jesus sei möglicherweise dorthin gegangen, um Elisabeth und Johannes zu besuchen. Sie überlegten sich, Zacharias könnte vielleicht im Tempel sein und machten dort auf ihrem Weg nach der Stadt Juda Halt. Man stelle sich ihre Überraschung und Verwunderung vor, als sie auf ihrem Gang durch die Tempelhöfe die Stimme des vermissten Jungen erkannten und ihn mitten unter den Tempelgelehrten sitzend erblickten.

125:6.5

Joseph war sprachlos, aber Maria machte ihrem lange aufgestauten Bangen und ihrer Beklemmung Luft, indem sie auf den Jungen zueilte, der aufgestanden war, um seine erstaunten Eltern zu begrüßen, und zu ihm sagte: „Mein Kind, warum hast du uns so behandelt? Seit mehr als drei Tagen suchen dein Vater und ich dich voller Kummer. Was ist nur in dich gefahren, uns zu verlassen?“ Es war ein spannungsgeladener Augenblick. Aller Augen waren auf Jesus gerichtet in Erwartung dessen, was er sagen würde. Sein Vater schaute ihn vorwurfsvoll an, sagte aber nichts.

125:6.6

Es sollte in Erinnerung gerufen werden, dass Jesus nun eigentlich als junger Mann galt. Er hatte die vorschriftsmäßige Schulzeit eines Kindes abgeschlossen, war als Sohn des Gesetzes anerkannt worden und hatte die Weihe als Bürger Israels erhalten. Dennoch erteilte ihm seine Mutter vor all den versammelten Leuten eine eher unsanfte Rüge, und zwar mitten in der ernstesten und erhaben­sten Anstrengung seines jungen Lebens, und sie brachte dadurch eine der größten Gelegenheiten, die sich Jesus je bot, als Lehrer der Wahrheit, Prediger der Rechtschaffenheit und Offenbarer des liebenden Charakters seines himmlischen Vaters zu wirken, zu einem unrühmlichen Ende.

125:6.7

Aber der Junge zeigte sich den Umständen gewachsen. Wenn man alle an der Entstehung dieser Situation mitwirkenden Faktoren richtig in Betracht zieht, ist man besser imstande, die Weisheit der Antwort des Knaben auf den unabsichtlichen Tadel seiner Mutter zu ergründen. Nach kurzer Überlegung antwortete Jesus seiner Mutter folgendermaßen: „Warum habt ihr mich so lange gesucht? Würdet ihr nicht erwarten, mich in meines Vaters Haus zu finden, da die Zeit gekommen ist, dass ich mich um die Angelegenheiten meines Vaters kümmere?“

125:6.8

Jedermann staunte über des Jungen Art zu sprechen. Schweigend zogen sich alle zurück und ließen ihn mit seinen Eltern allein. Augenblicklich verscheuchte er die Betretenheit aller drei, als er ruhig sprach: „Kommt, meine Eltern, jeder von uns hat nur getan, was ihm das Beste zu sein schien. Unser Vater im Himmel hat diese Dinge so angeordnet; lasst uns nach Hause gehen.“

125:6.9

Schweigend machten sie sich auf den Weg und kamen zur Übernachtung in Jericho an. Nur einmal hielten sie auf der Kuppe des Ölbergs an, als der Junge seinen Wanderstab hob und, vor starker Erregung von Kopf bis Fuß zitternd, sprach: „Oh Jerusalem, Jerusalem und deine Bewohner, was für Sklaven seid ihr – dem römischen Joch unterworfen und Opfer eurer eigenen Traditionen – aber ich werde zurückkehren, um den Tempel zu reinigen und mein Volk von dieser Knechtschaft zu befreien!“

125:6.10

Auf der dreitägigen Rückreise nach Nazareth sprach Jesus nur wenig; auch seine Eltern sagten in seiner Gegenwart nicht viel. Sie wussten wirklich nicht mehr, wie sie das Verhalten ihres erstgeborenen Sohnes verstehen sollten, aber sie bewahrten seine Worte als kostbares Gut in ihren Herzen, auch wenn sie deren Bedeutung nicht ganz begreifen konnten.

125:6.11

Als sie zu Hause anlangten, gab Jesus gegenüber seinen Eltern eine kurze Erklärung ab. Er versicherte sie seiner Zuneigung und gab ihnen zu verstehen, sie brauchten nicht zu fürchten, dass er ihnen je wieder Anlass zu Besorgnis wegen seines Verhaltens geben würde. Er schloss diese wichtige Erklärung mit den Worten: „Obwohl ich den Willen meines Vaters im Himmel tun muss, werde ich auch meinem irdischen Vater gehorsam sein. Ich werde meine Stunde abwarten.“

125:6.12

Auch wenn sich Jesus in seinem Innern oft weigerte, den gut gemeinten, aber irrigen Versuchen seiner Eltern zuzustimmen, seinen Gedanken die Richtung vorzuschreiben oder den Plan seines irdischen Wirkens festzulegen, so fügte er sich dennoch auf geziemende Art den Wünschen seines irdischen Vaters und den Bräuchen seiner leiblichen Familie in jeder Weise, die sich mit seiner Hingabe an den Willen seines paradiesischen Vaters vereinbaren ließ. Selbst wenn er nicht zustimmen konnte, tat er doch alles nur Mögliche, um sich anzupassen. Er war ein Künstler, wenn es darum ging, seine Hingabe an seine Aufgabe mit den Verpflichtungen gegenüber der Familie und dem Dienst an der Gemein­schaft abzustimmen.

125:6.13

Joseph stand vor einem Rätsel, aber Maria, je länger sie über das Erlebte nachdachte, fasste neuen Mut und betrachtete schließlich seinen Ausspruch auf dem Ölberg als prophetisch im Sinne der messianischen Sendung ihres Sohnes als Befreier Israels. Sie machte sich mit neuer Energie daran, seine Gedanken in patriotische und nationalistische Kanäle zu lenken und gewann dafür die Unterstützung ihres Bruders, des Lieblingsonkels Jesu. Und auf jede erdenkliche andere Weise widmete sich Jesu Mutter der Aufgabe, ihren erstgeborenen Sohn darauf vorzubereiten, dereinst die Führung jener zu übernehmen, die den Thron Davids wiederherstellen und das heidnische Joch politischer Knechtung für immer abschütteln würden.


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