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Das letzte Abendmahl

4. Letzte Worte an den Verräter

179:4.1

Einige Minuten lang aßen die Apostel schweigend, aber unter dem Einfluss des fröhlichen Verhaltens des Meisters begannen sie sich bald zu unterhalten, und binnen kurzem verlief das Mahl, als ob nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre, das die frohe Stimmung und Geselligkeit dieses besonderen Ereignisses gestört hätte. Als einige Zeit verstrichen war, etwa mitten im zweiten Gang der Mahlzeit, ließ Jesus den Blick über sie schweifen und sagte: „Ich habe euch gesagt, wie sehr ich wünschte, dieses Abendessen mit euch einzunehmen; und im Wissen darum, wie die bösen Mächte der Finsternis sich verschworen haben, um den Tod des Menschensohns herbeizuführen, beschloss ich, dieses Abendessen mit euch in diesem geheimen Raum und einen Tag vor Passah einzunehmen, da ich morgen Abend um diese Zeit nicht mehr bei euch sein werde. Ich habe euch wiederholt gesagt, dass ich zum Vater zurückkehren muss. Jetzt ist meine Stunde gekommen, aber es war nicht nötig, dass einer von euch mich verrate und in die Hände meiner Feinde ausliefere.“

179:4.2

Als die Zwölf, die durch das Gleichnis der Fußwaschung und die anschließenden Worte des Meisters schon viel von ihrem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen eingebüßt hatten, dies hörten, begannen sie, einander anzuschauen, und fragten mit Beunruhigung und Zögern in der Stimme: „Bin ich es?“ Und als sie alle so gefragt hatten, sagte Jesus: „Zwar ist es notwendig, dass ich zum Vater gehe, aber es war nicht erforderlich, dass, um des Vaters Willen zu erfüllen, einer von euch zum Verräter werde. Dies ist die herangereifte Frucht des verborgenen Bösen im Herzen eines, dem es nicht gelungen ist, die Wahrheit mit ganzer Seele zu lieben. Wie trügerisch ist doch intellektueller Hochmut, der dem geistigen Sturz vorausgeht! Mein langjähriger Freund, der eben jetzt von meinem Brot isst, wird willens sein, mich zu verraten, obwohl er jetzt seine Hand mit mir in die Schüssel taucht.“

179:4.3

Und als Jesus so gesprochen hatte, begannen sie alle wiederum zu fragen: „Bin ich es?“ Und als Judas, der zur Linken seines Meisters saß, wiederum fragte; „Bin ich es?“, tauchte Jesus das Brot in die Kräuterschale, reichte es Judas und sagte: „Du hast es gesagt.“ Aber die anderen hörten nicht, dass Jesus zu Judas sprach. Johannes, der zur Rechten Jesu lagerte, lehnte sich herüber und fragte den Meister: „Wer ist es? Wir sollten wissen, wer derjenige ist, der sich seiner Sendung untreu erwiesen hat.“ Jesus antwortete: „Ich habe es euch schon gesagt, eben der, dem ich das eingetunkte Brotstück gegeben habe.“ Aber es war so natürlich für den Gastgeber, demjenigen, der ihm zur Linken am nächsten saß, ein Stück Brot zu reichen, dass keiner davon Notiz nahm, obwohl der Meister so klar gesprochen hatte. Aber Judas war sich der Bedeutung der Worte des Meisters, die sich auf seine Tat bezogen, schmerzlich bewusst, und er begann zu befürchten, seine Brüder könnten ebenfalls gewahr werden, dass er der Verräter war.

179:4.4

Diese Äußerungen hatten Petrus in große Erregung versetzt. Er beugte sich über den Tisch und fragte Johannes: „Frag ihn, wer es ist, oder wenn er es dir gesagt hat, sag mir, wer der Verräter ist.“

179:4.5

Jesus machte ihrem Geflüster ein Ende, indem er sagte: „Ich bin traurig, dass dieses Unheil eintreten musste, und hoffte noch bis zu dieser Stunde, dass die Macht der Wahrheit über die Täuschungen des Bösen triumphieren könnte, aber solche Siege gewinnt man nicht ohne eine vom Glauben getragene, aufrichtige Wahrheitsliebe. Ich hätte euch diese Dinge an diesem unserem letzten Abendmahl lieber nicht gesagt, aber ich möchte euch von diesen schmerzlichen Dingen unterrichten und so auf das vorbereiten, was uns jetzt erwartet. Ich habe zu euch darüber gesprochen, weil ich wünsche, dass ihr euch nach meinem Weggang daran erinnert, dass ich um all diese bösen Komplotte gewusst habe, und dass ich euch bezüglich des Verrats an mir vorgewarnt habe. Und ich tue all dies nur, damit ihr gestärkt werdet angesichts der Versuchungen und Prüfungen, die jetzt unmittelbar bevorstehen.“

179:4.6

Nachdem Jesus so gesprochen hatte, lehnte er sich zu Judas hinüber und sagte: „Tue rasch, was du zu tun beschlossen hast.“ Und als Judas diese Worte vernahm, erhob er sich vom Tisch und verließ hastig den Raum. Er trat in die Nacht hinaus, um auszuführen, was er in seinem Herzen beschlossen hatte. Als die anderen Apostel Judas hinauseilen sahen, nachdem Jesus zu ihm gesprochen hatte, dachten sie, er sei gegangen, um zusätzlich etwas zum Abendessen zu holen oder irgendeine andere Besorgung für den Meister zu verrichten; denn sie glaubten, er habe die Börse immer noch bei sich.

179:4.7

Jesus wusste jetzt, dass nichts mehr getan werden konnte, um zu verhindern, dass Judas zum Verräter wurde. Er hatte mit zwölfen begonnen – jetzt hatte er nur noch elf. Er hatte sechs von ihnen gewählt, und obwohl Judas einer von denen war, die von den zuerst gewählten Aposteln vorgeschlagen wurden, hatte der Meister ihn angenommen und bis zu dieser Stunde alles nur Mögliche getan, um ihn zu läutern und zu retten, genau so, wie er für den Frieden und die Errettung der anderen gewirkt hatte.

179:4.8

Dieses Abendmahl mit seinen zarten Episoden und einem Hauch von Rührung war Jesu letzter Appell an den abtrünnigen Judas, aber er war vergeblich. Auch wenn eine Mahnung in der taktvollsten Weise gegeben und im freundlichsten Geiste ausgesprochen wird, verstärkt sie in der Regel nur den Hass und befeuert die böse Entschlossenheit zur vollständigen Ausführung unserer eigennützigen Pläne, wenn die Liebe einmal wirklich tot ist.


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