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Wartezeit in Galiläa

8. Predigt über das Königreich

137:8.1

Am Sabbat, dem 22. Juni, kurz bevor sie sich auf ihre erste Predigtwanderung begaben und etwa zehn Tage nach der Gefangennahme des Johannes, stand Jesus zum zweiten Mal am Rednerpult der Synagoge, seit er mit seinen Aposteln nach Kapernaum gekommen war.

137:8.2

Einige Tage vor dieser Predigt über „Das Königreich“, als Jesus in der Bootswerkstatt arbeitete, überbrachte ihm Petrus die Nachricht von der Verhaftung des Johannes. Jesus legte abermals seine Werkzeuge nieder, zog seine Schürze aus und sagte zu Petrus: „Des Vaters Stunde ist gekommen. Machen wir uns bereit, das Evangelium des Königreichs zu verkündigen.“

137:8.3

Jesus arbeitete an diesem Dienstag, dem 18. Juni des Jahres 26 n. Chr. zum letzen Mal an der Zimmermannsbank. Petrus rannte aus der Werkstatt, und bis zur Mitte des Nachmittags hatte er alle seine Kameraden versammelt. Er ließ sie bei einer Baumgruppe am Ufer und ging auf die Suche nach Jesus. Aber er konnte ihn nicht finden, denn der Meister hatte eine andere Baumgruppe aufgesucht, um zu beten. Und sie erblickten ihn erst am späten Abend, als er zum Hause des Zebedäus zurückkehrte und um Essen bat. Am nächsten Tag sandte er seinen Bruder Jakobus zur Synagoge, damit er um die Erlaubnis nachsuche, dass Jesus am kommenden Sabbat dort predigen dürfe. Und der Synagogenvorsteher war hocherfreut, dass Jesus wieder willens war, den Gottesdienst zu leiten.

137:8.4

Bevor Jesus diese denkwürdige Predigt über das Königreich Gottes hielt – es war die erste anspruchsvolle Handlung seiner öffentlichen Laufbahn – las er aus den Schriften diese Stellen vor: „Ihr sollt für mich ein Königreich von Priestern, ein heiliges Volk sein. Jahve ist unser Richter, Jahve ist unser Gesetzgeber, Jahve ist unser König, er wird uns retten. Jahve ist mein König und mein Gott. Er ist ein g­roßer König über die ganze Erde. Liebende Güte ist über Israel in diesem Königreich. Gesegnet sei unser ruhmreicher Herr, denn er ist unser König.“

137:8.5

Nachdem er zu Ende gelesen hatte, sagte Jesus:

137:8.6

„Ich bin gekommen, um die Errichtung des Königreichs des Vaters zu verkünden. Und dieses Reich wird die gläubigen Seelen von Juden und Heiden, Reichen und Armen, Freien und Sklaven einschließen; denn mein Vater kennt kein Ansehen der Person; seine Liebe und sein Erbarmen gelten allen.

137:8.7

Der Vater im Himmel sendet seinen Geist aus, um dem Verstand der Menschen innezuwohnen, und wenn ich mein Werk auf Erden vollendet haben werde, wird der Geist der Wahrheit desgleichen auf alles Fleisch ausgegossen werden. Und meines Vaters Geist und der Geist der Wahrheit sollen euch im kommenden Königreich geistigen Verstehens und göttlicher Rechtschaffenheit heimisch werden lassen. Mein Königreich ist nicht von dieser Welt. Der Menschensohn wird keine Armeen in den Kampf führen, um einen Thron der Macht oder ein Königreich weltlichen Ruhmes zu begründen. Wenn mein Königreich gekommen ist, werdet ihr den Menschensohn als Friedefürsten kennen, als Offenbarung des ewigen Vaters. Die Kinder dieser Welt kämpfen für die Errichtung und Vergrößerung der Königreiche dieser Welt, aber meine Jünger werden durch ihre sittlichen Entscheidungen und ihre geistigen Siege ins Königreich des Himmels gelangen; und wenn sie es einst betreten, werden sie Freude, Gerechtigkeit und ewiges Leben finden.

137:8.8

Jene, die vor allem anderen danach trachten, ins Königreich zu gelangen und damit beginnen, nach einem edlen Charakter wie demjenigen meines Vaters zu streben, sollen bald auch alles andere Nötige besitzen. Aber ich sage euch in aller Offenheit: Solange ihr nicht mit dem Glauben und der vertrauensvollen Abhängigkeit eines kleinen Kindes Einlass ins Königreich begehrt, wird euch keinesfalls Zutritt gewährt werden.

137:8.9

Lasst euch nicht durch solche täuschen, die euch sagen: das Königreich ist hier, das Königreich ist dort; denn meines Vaters Königreich hat nichts mit sichtbaren und materiellen Dingen zu tun. Und dieses Königreich ist sogar jetzt unter euch, denn da, wo der Geist Gottes die Menschenseele unterrichtet und führt, da ist in Wahrheit das Königreich des Himmels. Und dieses Königreich Gottes ist Rechtschaffenheit, Friede und Freude im Heiligen Geist.

137:8.10

Es ist wahr, Johannes hat euch zum Zeichen der Reue und zur Vergebung eurer Sünden getauft; aber wenn ihr ins himmlische Königreich eintretet, werdet ihr mit dem Heiligen Geist getauft.

137:8.11

In meines Vaters Königreich wird es weder Juden noch Heiden geben, sondern nur solche, die nach Vollkommenheit streben, indem sie dienen; denn ich erkläre, dass wer in meines Vaters Königreich groß sein möchte, zuerst ein Diener aller werden muss. Wenn ihr willens seid, euren Mitmenschen zu dienen, werdet ihr bei mir in meinem Königreich sitzen, gerade so wie ich dadurch, dass ich gegenwärtig in Gestalt eines Geschöpfes diene, bald bei meinem Vater in seinem Königreich sitzen werde.

137:8.12

Dieses neue Königreich gleicht einem Samen, der im guten Boden eines Feldes wächst. Er reift nicht sofort zur vollen Frucht heran. Es liegt eine Spanne Zeit zwischen der Begründung des Königreichs in der Menschenseele und der Stunde, da es zur vollen Frucht dauernder Rechtschaffenheit und ewigen Heils heranreift.

137:8.13

Und dieses neue Königreich, das ich euch verkünde, ist keine Herrschaft der Macht und des Überflusses. Das Himmelreich hat nichts zu tun mit Speise und Trank, es ist vielmehr ein Leben fortschreitender Rechtschaffenheit und wachsender Freude im vervollkommnenden Dienst meines Vaters im Himmel. Denn hat nicht der Vater von seinen Kindern in der Welt gesagt: ‚Mein Wille ist, dass sie schließlich vollkommen werden, so wie ich vollkommen bin.‘

137:8.14

Ich bin gekommen, um die gute Nachricht vom Königreich zu predigen. Ich bin nicht gekommen, um der schweren Last jener, die in dieses Königreich eintreten möchten, noch Zusätzliches aufzubürden. Ich verkündige den neuen und besseren Weg, und wer fähig ist, ins kommende Königreich einzutreten, soll sich göttlicher Ruhe erfreuen. Und was es euch auch in weltlicher Hinsicht kosten mag und gleichgültig, welchen Preis ihr bezahlen müsst, um in das Königreich des Himmels einzutreten, so werdet ihr doch ein Mehrfaches an Freude und geistigem Fortschritt bereits in dieser Welt und das ewige Leben im künftigen Zeitalter erhalten.

137:8.15

Der Eintritt in des Vaters Königreich hängt weder von marschierenden Armeen noch gestürzten Königreichen dieser Welt oder vom Sprengen der Joche von Gefangenen ab. Das Königreich des Himmels ist ganz nahe, und alle, die eintreten, sollen Freiheit im Überfluss und frohe Rettung finden.

137:8.16

Dieses Königreich hat ewigen Bestand. Diejenigen, die in das Königreich eintreten, werden zu meinem Vater emporsteigen; sie werden mit Sicherheit die rechte Hand seiner Herrlichkeit im Paradies erreichen. Und alle, die das Königreich des Himmels betreten, sollen Söhne Gottes werden und im kommenden Zeitalter zum Vater aufsteigen. Ich bin nicht gekommen, um die so genannten Gerechten zu rufen, wohl aber die Sünder und all jene, die hungern und dürsten nach der Rechtschaffenheit der göttlichen Vollkommenheit.

137:8.17

Johannes kam und predigte Buße, um euch auf das Königreich vorzubereiten; jetzt komme ich und verkündige den Glauben, dieses Gottesgeschenk, als Preis für den Eintritt ins Königreich des Himmels. Wenn ihr nur daran glauben wolltet, dass mein Vater euch mit unendlicher Liebe liebt, dann seid ihr im Königreich Gottes.“

137:8.18

Nachdem er so gesprochen hatte, setzte er sich. Alle, die ihn gehört hatten, staunten über seine Worte. Seine Jünger waren verwundert. Aber die Leute waren nicht darauf vorbereitet, die gute Nachricht von den Lippen dieses Gottmenschen zu em­pfangen. Etwa ein Drittel der Zuhörer glaubte an die Botschaft, obwohl sie sie nicht ganz verstehen konnten; ein weiteres Drittel bereitete sich insgeheim darauf vor, ein solch rein geistiges Konzept vom erwarteten Königreich zurückzuweisen, während das restliche Drittel seine Unterweisung nicht fassen konnte und viele allen Ernstes glaubten, er „sei von Sinnen“.


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