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Schamanismus – Medizinmänner und Priester

DIE Evolution der religiösen Gebräuche führte von Besänftigen, Abwen­den von Unheil, Exorzisieren, Zwingen, Versöhnen und Gnädig­stimmen zu Opfer, Sühne und Loskauf. Die Technik des religiösen Rituals entwickelte sich aus den primitiven Kultformen über Fetische zu Magie und Wunderglauben; und als das Ritual entsprechend der immer komplexeren Vorstellung des Menschen von den übermate­riellen Reichen stets komplizierter wurde, geriet es unweigerlich unter die Herrschaft der Medizinmänner, Schamanen und Priester.

90:0.2

Der primitive Mensch gelangte in seinen sich fortentwickelnden Vorstel­lungen schließlich zu der Überzeugung, dass die Welt der Geister dem gewöhn­lichen Sterblichen nicht antworte. Nur ein aus der Menge herausragender Mensch konnte sich bei den Göttern Gehör verschaffen; nur einer außergewöhn­lichen Männer- oder Frauengestalt liehen die Geister ihr Ohr. Die Religion tritt jetzt in eine neue Phase ein, in ein Stadium, wo sie schrittweise aus zweiter Hand bezogen wird; denn immer tritt jetzt ein Medizinmann, ein Schamane oder ein Priester zwischen den Glaubenden und den Gegenstand seiner Anbetung. Und heute durchlaufen auf Urantia die meisten Sys­teme organisierten religiösen Glaubens diese Stufe evolutionärer Entwicklung.

90:0.3

Die evolutionäre Religion ist aus einer einfachen, übermächtigen Furcht hervorgegangen, aus der Furcht, die im menschlichen Gemüt aufwallt, wenn es sich dem Unbekannten, Unerklärlichen und Unverständlichen gegenüber sieht. Der Religion gelingt am Ende die zutiefst einfache Verwirklichung einer übermächtigen Liebe, die die menschliche Seele unwiderstehlich durchflutet, wenn sie zum Erfassen der grenzenlosen Zuneigung erwacht, die der Universale Vater für die Söhne des Universums empfindet. Aber zwischen den Beginn und die Vollendung der evolutionären Religion schieben sich die langen Zeitalter der Schamanen, die sich als Mittler, Interpreten und Fürsprecher eine Zwischenstellung zwischen Mensch und Gott anmaßen.

1. Die ersten Schamanen – die Medizinmänner

90:1.1

Der Schamane war der höchste Medizinmann, der Fetischmann der Zeremonien und die Persönlichkeit, die im Mittelpunkt aller Praktiken der evolutionären Religion stand. Bei vielen Gruppen nahm der Schamane einen höheren Rang ein als der Kriegschef, was den Beginn der Herrschaft der Kirche über den Staat bedeutete. Der Schamane wirkte manchmal als Priester oder gar als Priesterkönig. Einige der späteren Stämme besaßen sowohl die früheren Schamanen-Medizinmänner (Seher) als auch die später erscheinenden Schamanen-Priester. Und in vielen Fällen wurde das Amt des Schamanen erblich.

90:1.2

Da in alten Zeiten alles Abnormale der Besessenheit durch Geister zugeschrieben wurde, konnte jede beliebige auffallende mentale oder physische Abnormität jemanden als Medizinmann qualifizieren. Viele dieser Männer waren Epileptiker, viele dieser Frauen Hysterikerinnen, und diese beiden Typen sind zu einem guten Teil für einstige Inspiration sowie Besessenheit durch Geister und Dämonen verantwortlich. Recht viele dieser frühesten Priester gehörten einer Klasse an, die man seither als paranoid bezeichnet hat.

90:1.3

Auch wenn sie vielleicht in kleineren Dingen zu Täuschungen griffen, so glaubten die Schamanen doch in ihrer großen Mehrheit an die Tatsache ihrer Besessenheit durch Geister. Frauen, die fähig waren, sich in eine Trance oder in einen kataleptischen Zustand zu versetzen, wurden mächtige Schamaninnen; später wurden solche Frauen Prophetinnen und Geistermedien. Ihre kataleptischen Trancen gingen immer mit angeblichen Verbindungen zu den Geistern der Toten einher. Viele Schamaninnen waren auch professionelle Tänzerinnen.

90:1.4

Aber nicht alle Schamanen unterlagen einer Selbsttäuschung; viele waren gerissene und geschickte Schwindler. Als sich der Beruf entwickelte, verlangte man von einem Novizen zehn Lehrjahre der Entbehrungen und Selbstverleugnung, um sich als Medizinmann zu qualifizieren. Die Schamanen entwickelten eine besondere Berufstracht und hatten ein geheimnisvolles Gehabe. Sie gebrauchten oft Drogen, um gewisse physische Zustände herbeizuführen, die die Stammesangehörigen beeindruckten und hinters Licht führten. Taschenspieler­kunststücke wurden vom einfachen Volk als übernatürlich empfunden, und Bauchrednerei wurde zuerst von gerissenen Priestern angewandt. Viele der alten Schamanen entdeckten ungewollt den Hypnotismus; andere versetzten sich durch lang dauerndes Anstarren ihres Bauchnabels selber in Hypnose.

90:1.5

Obwohl viele zu solchen Tricks und Täuschungen Zuflucht nahmen, beruhte ihr Ruf als Klasse letztlich auf ihrer scheinbaren Leistung. Wenn ein Schamane bei seinen Unternehmungen erfolglos war, wurde er, sofern er keine einleuchtende Ausrede vorbringen konnte, entweder degradiert oder getötet. So gingen die ehrlichen Schamanen schon früh zugrunde; nur die durchtriebenen Schauspieler überlebten.

90:1.6

Der Schamanismus war es, der den Händen der Alten und Starken die ausschließliche Führung der Stammesangelegenheiten entriss und sie in die Hände der Gerissenen, Scharfsinnigen und Weitblickenden legte.

2. Schamanische Praktiken

90:2.1

Geisterbeschwörung war ein sehr präziser und hochkomplizierter Vorgang, der mit den heutigen, in einer alten Sprache abgehaltenen Kirchenritualen verglichen werden kann. Die menschliche Rasse suchte schon sehr früh nach übermenschlicher Hilfe, nach Offenbarung ; und die Menschen glaubten, dass der Schamane tatsächlich solche Offenbarungen empfing. Zwar verwendeten die Schamanen in ihrer Arbeit die große Macht der Suggestion, aber es war fast immer negative Suggestion; erst in jüngster Zeit ist die Technik positiver Suggestion angewendet worden. Am Anfang der Entwicklung ihres Berufs begannen die Schamanen, sich auf Gebieten wie Regenmachen, Heilung von Krankheiten und Aufklärung von Verbrechen zu spezialisieren. Krankheitsheilung war indessen nicht die Hauptfunktion des schamanischen Medizinmannes; diese war vielmehr, die Zufälle des Lebens zu kennen und zu beherrschen.

90:2.2

Die einstige Schwarze Kunst, ob religiös oder weltlich, wurde Weiße Kunst genannt, wenn sie durch Priester, Seher, Schamanen oder Medizinmänner ausgeübt wurde. Wer Schwarze Kunst trieb, wurde Hexenmeister, Magier, Zauberer, Hexe, Nekromant, Geisterbeschwörer und Wahrsager genannt. Mit der Zeit wurde all solch angeblicher Kontakt mit der übernatürlichen Welt als Hexerei oder Schamanismus eingestuft.

90:2.3

Die Hexerei umfasste die Magie, die durch frühere, irreguläre und nicht anerkannte Geister betrieben wurde; der Schamanismus befasste sich mit den Wundern, die von regulären Geistern und anerkannten Stammesgöttern bewirkt wurden. In späterer Zeit wurden die Hexen mit dem Teufel in Verbindung gebracht, und damit war die Voraussetzung für die relativ jungen Manifestationen religiöser Intoleranz geschaffen. Die Hexerei war die Religion vieler primitiver Stämme.

90:2.4

Die Schamanen glaubten sehr stark an die Mission des Zufalls, in dem sich ihnen der Wille der Geister offenbarte; sie zogen häufig Lose, um zu Ent­scheidungen zu gelangen. Beispiele für die fortlebende Neigung, Lose entscheiden zu lassen, sind nicht nur die vielen Glücksspiele, sondern auch die wohl­be­kannten „Abzählreime“. Einst musste der Ausgezählte sterben; heute ist er es nur in irgendeinem kindischen Spiel. Was für den primitiven Menschen eine ernste Angelegenheit war, hat als Zeitvertreib des modernen Kindes überlebt.

90:2.5

Die Medizinmänner setzten großes Vertrauen in Zeichen und Vorzeichen wie: „Wenn du es in den Wipfeln der Maulbeerbäume rascheln hörst, dann beeile dich!“ Sehr früh in der Geschichte der Rasse wandten die Schamanen ihre Aufmerksamkeit den Sternen zu. Weltweit glaubte man an primitive Astrologie und pflegte sie; auch Traumdeutung breitete sich stark aus. All dem folgte bald das Erscheinen jener leicht erregbaren Schamaninnen, die beteuerten, mit den Geistern der Verstorbenen kommunizieren zu können.

90:2.6

Obwohl ihr Ursprung weit zurückliegt, haben sich die Regenmacher oder Wetterschamanen durch alle Zeitalter hindurch bis heute gehalten. Eine schlimme Dürre bedeutete für den frühen Ackerbauer Tod; ein von der alten Magie verfolgtes Ziel war die Herrschaft über das Wetter. Immer noch ist das Wetter unter zivilisierten Menschen gängiges Gesprächsthema. Die alten Völker glaubten alle an die Macht des Schamanen als eines Regenmachers, aber man pflegte ihn zu töten, wenn er scheiterte, es sei denn, er war in der Lage, für seinen Misserfolg eine glaubhafte Entschuldigung vorzubringen.

90:2.7

Immer wieder verbannten die Cäsaren die Astrologen, aber sie kehrten stets wieder zurück, weil das Volk an ihre Kräfte glaubte. Sie konnten nicht hinausgeschafft werden, und selbst noch im sechzehnten Jahrhundert nach Christus waren die kirchlichen und weltlichen Fürsten des Abendlandes die Schirmherren der A­strologie. Tausende vermeintlich intelligenter Menschen glauben immer noch, dass man unter der Herrschaft eines glücklichen oder unglücklichen Sterns geboren werden kann und dass das Nebeneinander der Himmelskörper den Eintritt verschiedener irdischer Ereignisse bestimmt. Immer noch sind die Leichtgläubigen die Schirmherren der Wahrsager.

90:2.8

Die Griechen glaubten an die Wirksamkeit der Orakelsprüche, die Chinesen benutzten die Magie als Schutz vor Dämonen, der Schamanismus blühte in Indien und wird in Zentralasien immer noch in aller Offenheit ausgeübt. Seine Praxis ist in den meisten Teilen der Welt erst kürzlich aufgegeben worden.

90:2.9

Von Zeit zu Zeit erhoben sich wahre Propheten und Lehrer, um den Schamanismus anzuklagen und bloßzustellen. Sogar die sterbenden roten Menschen hatten im letzten Jahrhundert einen solchen Propheten, den Shawnee Tenskwatawa, der die Sonnenfinsternis von 1808 voraussagte und die Laster des weißen Mannes anprangerte. Viele wahre Lehrer sind im Verlauf der langen Zeitalter evolutionärer Geschichte unter den verschiedenen Stämmen und Rassen erschienen. Und sie werden sich auch in Zukunft immer wieder erheben, um die Schamanen und Priester irgendeines Zeitalters herauszufordern, die der allgemeinen Erziehung entgegenarbeiten und den wissenschaftlichen Fortschritt zu vereiteln versuchen.

90:2.10

Auf manche Weise und durch abwegige Methoden bauten die einstigen Schamanen ihren Ruf als Stimmen Gottes und Hüter der Vorsehung auf. Sie besprengten die Neugeborenen mit Wasser, sie verliehen ihnen Namen und beschnit­ten die männlichen unter ihnen. Sie leiteten alle Begräbniszeremonien und gaben in aller Form die wohlbehaltene Ankunft der Verstorbenen im Lande der Geister bekannt.

90:2.11

Die schamanischen Priester und Medizinmänner wurden oft sehr reich durch ihre verschiedenen sich ansammelnden Honorare, die angeblich Opfergaben an die Geister waren. Nicht selten nahm ein Schamane nach und nach praktisch den ganzen materiellen Reichtum seines Stammes an sich. Nach dem Tod eines reichen Mannes war es üblich, seinen Besitz zu gleichen Teilen unter dem Schamanen und irgendeinem öffentlichen oder wohltätigen Werk aufzuteilen. Dieser Brauch herrscht immer noch in einigen Teilen Tibets, wo die Hälfte der männlichen Bevölkerung zu dieser unproduktiven Klasse gehört.

90:2.12

Die Schamanen kleideten sich gut und hatten gewöhnlich eine ganze Anzahl Frauen; sie waren die ursprüngliche Aristokratie, die von allen Stammes­beschrän­kungen befreit war. Sehr oft hatten sie sehr niedrige Gesinnung und Sitten. Sie schalteten ihre Rivalen aus, indem sie sie als Hexer und Zauberer bezei­chneten, und stiegen sehr häufig zu derart einflussreichen und mächtigen Stellungen auf, dass sie Häuptlinge oder Könige zu beherrschen vermochten.

90:2.13

Die primitiven Menschen betrachteten den Schamanen als notwendiges Übel; sie fürchteten sich vor ihm, aber sie liebten ihn nicht. Die frühen Menschen achteten das Wissen hoch; sie verehrten und belohnten die Weisheit. Die Schamanen waren zwar meist Schwindler, aber die dem Schamanismus entge­gen­gebrachte Verehrung zeigt gut, wie hoch man in der Entwicklung der Rasse die Weisheit bewertete.

3. Die schamanische Theorie von Krankheit und Tod

90:3.1

Da der ehemalige Mensch glaubte, er und seine materielle Umgebung reagierten direkt auf die Launen der Phantome und die Grillen der Geister, ist es nicht verwunderlich, dass sich seine Religion so ausschließlich mit materiellen Angelegenheiten befasste. Der moderne Mensch geht seine materiellen Probleme direkt an; er erkennt, dass die Materie auf intelligente Handhabung durch den Verstand reagiert. Der primitive Mensch wünschte ebenso sehr, das Leben und die Energien der physischen Bereiche zu verändern und sogar zu beherrschen; und da sein beschränktes Verständnis vom Kosmos ihn glauben machte, dass Phantome, Geister und Götter sich unmittelbar und in allen Einzelheiten mit der Kontrolle des Lebens und der Materie befassten, richtete er sein Bemühen folgerichtig darauf, die Gunst und Unterstützung dieser übermenschlichen Wirkkräfte zu gewinnen.

90:3.2

In diesem Lichte gesehen, wird viel Unverständliches und Irrationales der alten Kulte verständlich. Die Zeremonien des Kults waren der Versuch des primitiven Menschen, die materielle Welt, in der er sich befand, zu kontrollieren. Und viele seiner Anstrengungen verfolgten das Ziel, das Leben zu verlängern und sich Gesundheit zu sichern. Da alle Krankheiten und selbst der Tod ursprünglich als durch Geister ausgelöste Phänomene angesehen wurden, war es unver­meidlich, dass die Schamanen, die die Funktion von Medizinmännern und Priestern wahrnahmen, auch als Ärzte und Chirurgen arbeiteten.

90:3.3

Der primitive Verstand mag durch mangelnde Tatsachenkenntnis benachteiligt sein, aber er ist trotz allem logisch. Wenn denkende Menschen Krankheit und Tod beobachten, dann gehen sie daran, die Ursachen dieser Heimsu­chungen herauszufinden, und im Lichte ihres Verständnisses haben Schamanen und Wissenschaftler darüber folgende Theorien vorgeschlagen :

90:3.4

1. Phantome – direkter Einfluss von Geistern. Nach der frühesten Hypo­these, die zur Erklärung von Krankheit und Tod aufgestellt wurde, verursachten die Geister Krankheit dadurch, dass sie die Seele aus dem Körper lockten; wenn es ihr nicht gelang zurückzukehren, trat der Tod ein. Die Alten fürchteten sich dermaßen vor dem bösartigen Tun von Krankheit bringenden Geistern, dass Leidende oft sogar ohne Nahrung und Wasser sich selbst überlassen wurden. Trotz der irrigen Grundlage, auf der solcher Glaube beruhte, isolierte er Leidende auf wirksame Weise und verhinderte die Ausbreitung ansteckender Krankheiten.

90:3.5

2. Gewalt – offensichtliche Ursachen. Die Ursachen gewisser Unfälle und Tode waren so leicht auszumachen, dass sie schon früh aus der Kategorie der Geisteraktion entfernt wurden. Tod und Verwundungen im Krieg, Kampf gegen Tiere und andere ohne weiteres erkennbare Wirkkräfte wurden als natürliche Geschehnisse betrachtet. Aber man glaubte noch lange, dass die Geister für zögernde Heilungen oder für Wundinfektionen, auch wenn diese „natürliche“ Ursachen hatten, verantwortlich waren. Wenn man keine beobachtbare natürliche Kraft entdecken konnte, machte man immer noch die Geisterphantome für Krankheit und Tod verantwortlich.

90:3.6

Heute kann man in Afrika und anderswo noch primitive Völker finden, die jedes Mal, wenn ein nicht gewaltsamer Tod eintritt, jemanden umbringen. Ihre Medizinmänner bezeichnen jeweils die schuldigen Teile. Wenn eine Mutter bei der Geburt stirbt, wird das Kind unmittelbar erwürgt – Leben für Leben.

90:3.7

3. Magie – der Einfluss von Feinden. Die Ursache vieler Krankheiten sah man in Behexung, in der Kraft des bösen Blicks oder des magisch auf jemanden gerichteten Bogens. Zu einer bestimmten Zeit war es wirklich gefährlich, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen; das zu tun, gilt noch heute als ungezogen. Bei undurchsichtigen Krankheits- und Todesfällen stellten die Alten eine förmliche Untersuchung an, sezierten den Leichnam und entschieden sich nach irgendeinem Befund für die Todesursache; waren sie dazu nicht fähig, wurde der Tod auf Hexerei zurückgeführt, was die Hinrichtung der verantwortlichen Hexe erforderlich machte. Diese Untersuchungen zur Feststellung der Todesursache retteten manch einer vermutlichen Hexe das Leben. Einige Stämme glaubten, jemand könne durch eigene Hexerei umkommen; in einem solchen Falle wurde niemand angeklagt.

90:3.8

4. Sünde – Bestrafung für Tabuverletzung. In vergleichsweise junger Zeit glaubte man, dass Krankheit eine Bestrafung für Sünde sei, für persönlich begangene oder Rassensünde. Bei Völkern, die dieses Evolutionsstadium durchlaufen, lautet die vorherrschende Theorie, dass man nicht leiden kann, solange man kein Tabu verletzt hat. Krankheit und Leiden als „die Pfeile des Allmächtigen in seinem Inneren“ zu betrachten, ist für solche Anschauungen typisch. Chinesen und Mesopotamier sahen in der Krankheit lange Zeit das Resultat des Wirkens böser Dämonen, obwohl die Chaldäer auch die Sterne als Verursacher von Leiden ansahen. Diese Theorie von der Krankheit als Folge göttlichen Zorns ist bei vielen angeblich zivilisierten Gruppen von Urantianern noch sehr verbreitet.

90:3.9

5. Natürliche Verursachung. Nur sehr langsam hat die Menschheit die materiellen Geheimnisse der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung in den physischen Bereichen von Energie, Materie und Leben erkannt. Die alten Griechen, die die überlieferten Lehren Adamsons bewahrt hatten, waren unter den ersten, die erkannten, dass alle Krankheit ein Resultat natürlicher Ursachen ist. Langsam aber sicher zerstört die sich entfaltende wissenschaftliche Ära die Jahrtausende alten Theorien des Menschen über Krankheit und Tod. Das Fieber war eine der ersten menschlichen Unpässlichkeiten, die aus der Kategorie der übernatürlichen Störungen entfernt wurden, und allmählich hat die wissenschaftliche Ära die Ketten der Unwissenheit zerrissen, die den menschlichen Verstand so lange gefangen hielten. Das Verständnis von Alterungsprozess und Ansteckung bringt allmählich die Furcht des Menschen vor Phantomen, Geistern und Göttern als den persönlichen Urhebern menschlichen Elends und Leidens zum Verschwinden.

90:3.10

Die Evolution gelangt unfehlbar an ihr Ziel: Sie durchdringt den Menschen mit jener abergläubischen Furcht vor dem Unbekannten und mit jenem Grauen vor dem Unsichtbaren, die das Gerüst für das Gotteskonzept sind. Und wenn sie – dank dem koordinierten Wirken der Offenbarung – die Geburt eines fortgeschrittenen Gottheitsverständnisses feststellt, dann setzt dieselbe Evolutionstechnik unfehlbar jene Gedankenkräfte in Bewegung, die das Gerüst, das seinen Zweck erfüllt hat, unerbittlich vernichten werden.

4. Medizin unter den Schamanen

90:4.1

Das ganze Leben der alten Menschen war prophylaktisch; ihre Religion war in nicht geringem Maße eine Technik zur Krankheitsverhütung. Und ungeachtet der Irrtümer ihrer Theorien wandten sie diese aus voller Überzeugung an; sie hatten grenzenloses Vertrauen in ihre Behandlungsmethoden, und das ist an sich ein mächtig wirkendes Heilmittel.

90:4.2

Der Glaube, den es brauchte, um dank den unsinnigen Handlungen eines dieser alten Schamanen zu genesen, unterschied sich letztlich nicht wesentlich von dem Glauben, der erforderlich ist, um sich von einem seiner Nachfolger späterer Zeiten, der Krankheiten in nichtwissenschaftlicher Weise behandelt, heilen zu lassen.

90:4.3

Die primitiveren Stämme fürchteten sich sehr vor den Kranken, und diese wurden während langer Zeitalter peinlichst gemieden und schändlich vernachlässigt. Es bedeutete einen großen humanitären Fortschritt, als die Evolution des Schamanismus Priester und Medizinmänner hervorbrachte, die sich zur Behandlung von Krankheiten bereit fanden. Da wurde es Sitte, dass der ganze Klan sich im Krankenraum zusammendrängte, um dem Schamanen zu helfen, die Krankheit bringenden Phantome durch Geheul zu verjagen. Nicht selten war der die Diagnose stellende Schamane eine Frau, während ein Mann die Behandlung durchführte. Die übliche Methode zur Diagnostizierung von Krankheiten bestand in der Untersuchung der Eingeweide eines Tieres.

90:4.4

Die Krankheitsbehandlung geschah durch Singsang, Heulen, Handauflegen, Anhauchen des Patienten und viele andere Techniken. Später wandte man weltweit den Tempelschlaf an, währenddessen angeblich die Heilung erfolgte. Schließlich versuchten sich die Medizinmänner in Verbindung mit dem Tempelschlummer in wirklicher Chirurgie; unter den ersten Operationen befand sich eine Schädeltrepanation, die einem Geist, der Kopfschmerzen verursachte, das Entwischen erlauben sollte. Die Schamanen lernten, Knochenbrüche und Verrenkungen zu behandeln, Furunkel und Abszesse zu öffnen; die Schamaninnen wurden erfahrene Hebammen.

90:4.5

Eine übliche Behandlungsmethode bestand darin, eine infizierte oder geschädigte Körperstelle mit einem magischen Gegenstand zu reiben, diesen dann wegzuwerfen und dadurch angeblich geheilt zu werden. Wenn jemand zufälligerweise das weggeworfene Zauberding aufhob, zog er sich nach der herrschenden Vorstellung augenblicklich dieselbe Infektion oder Schädigung zu. Es dauerte lange, bis Heilpflanzen und andere wirkliche Heilmittel eingeführt wurden. Massage entwickelte sich in Verbindung mit Geisterbeschwörung, Ausreiben des Geistes aus dem Körper; ihr waren Anstrengungen vorausgegangen, Heilmittel einzureiben, gerade wie moderne Menschen Einreibemittel handhaben. Schröpfen und Saugen der erkrankten Körperstellen hielt man zusammen mit dem Aderlass für wertvolle Mittel, um einen Krankheit stiftenden Geist loszuwerden.

90:4.6

Da Wasser ein mächtiger Fetisch war, verwendete man es zur Behandlung vieler Leiden. Lange glaubte man, dass der die Krankheit verursachende Geist durch Schwitzen beseitigt werden könne. Dampfbäder genossen hohes Ansehen; bald blühten um natürliche heiße Quellen herum primitive Kurorte auf. Die frühen Menschen entdeckten, dass Wärme schmerzlindernd wirkte; sie benutzten Sonnenlicht, frische Tierorgane, heißen Lehm und heiße Steine, und viele dieser Methoden werden noch heute angewendet. Man pflegte den Rhythmus, um auf die Geister einzuwirken; die Tamtams waren über die ganze Erde verbreitet.

90:4.7

Einige Völker nahmen an, dass Krankheit aus einer bösartigen Verschwörung von Geistern mit Tieren hervorging. Das ließ den Glauben entstehen, dass für jede von Tieren verursachte Krankheit ein wohltuendes pflanzliches Heilmittel existierte. Insbesondere die roten Menschen vertraten die Theorie, dass Pflanzen universale Heilmittel seien; sie ließen immer einen Blutstropfen in das Wurzelloch fallen, wenn sie eine Pflanze ausgerissen hatten.

90:4.8

Fasten, Diät und Gegenreizmittel wurden oft als Heilmaßnahmen gebraucht. Die als ausgesprochen magisch geltenden menschlichen Sekretionen waren hochgeschätzt; so waren Blut und Urin unter den ersten Heilmitteln, und sie wurden bald durch Wurzeln und verschiedene Salze verstärkt. Die Schamanen glaubten, dass die Krankheitsgeister durch übel riechende und schlechtschmeckende Medizin aus dem Körper vertrieben werden konnten. Purgieren wurde sehr früh zu einer Routinebehandlung, und eine der allerfrühesten pharmazeutischen Entdeckungen war der Wert des rohen Kakaos und Chinins.

90:4.9

Die Griechen entwickelten als erste wirklich rationale Methoden der Kran­ken­behandlung. Griechen wie Ägypter hatten ihr medizinisches Wissen aus dem Euphrattal empfangen. Öl und Wein waren sehr frühe Heilmittel zur Wundbe­handlung; Rizinusöl und Opium waren bei den Sumerern in Gebrauch. Viele dieser alten und wirksamen geheimen Heilmittel verloren ihre Kraft, als sie bekannt wurden; Geheimhaltung ist immer wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Praxis von Betrug und Aberglauben gewesen. Nur Tatsachen und Wahrheit streben nach dem vollen Licht des Verständnisses und freuen sich, wenn wissenschaftliche Forschung sie durchleuchtet und erhellt.

5. Priester und Rituale

90:5.1

Das Wesentliche des Rituals ist die Vollkommenheit seiner Ausführung; unter Wilden muss es mit peinlichster Genauigkeit eingehalten werden. Nur wenn das Ritual richtig durchgeführt worden ist, besitzt die Zeremonie zwingende Macht über die Geister. Wenn es fehlerhaft ist, erregt es nur den Ärger und Groll der Götter. Da der sich langsam entwickelnde Verstand des Menschen der Anschauung war, dass die Technik des Rituals der entscheidende Faktor seiner Wirksamkeit sei, war es unvermeidlich, dass die frühen Schamanen sich früher oder später zu einer Priesterschaft entwickelten, die in der Leitung des peinlich genau beobachteten Rituals geschult war. Und so haben während Zehntausenden von Jahren endlose Rituale die Gesellschaft behindert und sich wie ein Fluch auf die Zivilisation gelegt, haben als unerträgliche Bürde auf jedem Lebensakt, jedem Unternehmen der Rasse gelastet.

90:5.2

Das Ritual ist die Technik, durch welche ein Brauch geheiligt wird; das Ritual schafft Mythen und verewigt sie, und es trägt zur Bewahrung gesellschaftlichen und religiösen Brauchtums bei. Und das Ritual ist seinerseits aus Mythen hervorgegangen. Rituale sind oft zuerst gesellschaftlich, werden später wirtschaftlich und erlangen endlich die Heiligkeit und Würde religiösen Zeremoniells. Die Ausübung des Rituals kann persönlich oder kollektiv – oder beides in einem – sein, wie Gebet, Tanz und Drama veranschaulichen.

90:5.3

Wörter wurden zu Bestandteilen des Rituals; Beispiele dafür sind der Gebrauch von Ausdrücken wie Amen und Sela. Die Gewohnheit des Fluchens, des Gebrauchs gotteslästerlicher Kraftausdrücke ist eine Herabwürdigung einer früheren rituellen Wiederholung heiliger Namen. Pilgerfahrten zu Heiligtümern ist ein sehr altes Ritual. Die Rituale wuchsen sich später zu umständlichen Zere­mo­nien der Reinigung, Läuterung und Heiligung aus. Die Einweihungs­zeremonien der Geheimgesellschaften primitiver Stämme waren in Wirklichkeit ein roher religiöser Ritus. Die Andachtstechnik der alten Mysterienkulte war nichts weiter als eine lange Abfolge angehäufter religiöser Rituale. Das Ritual entwickelte sich schließlich zu den modernen Ausprägungen gesellschaftlichen Zeremoniells und religiöser Anbetung weiter, in Gottesdienste mit Gebet, Gesang, wechselseitigen Lesungen und anderen individuellen oder kollektiven geistigen Andachtsübungen.

90:5.4

Die Priester entwickelten sich aus den Schamanen über Weissager, Wahrsager, Sänger, Tänzer, Wettermacher, Hüter religiöser Reliquien, Tempelwächter und Kün­der kom­mender Ereignisse bis zum Rang von richtigen Leitern der religiösen Verehrung. Schließlich wurde das Priesteramt erblich; eine dauernde Priester­kaste entstand.

90:5.5

Als sich die Religion entwickelte, begannen die Priester, sich gemäß ihren angeborenen Talenten oder besonderen Vorlieben zu spezialisieren. Die einen wurden Sänger, die anderen Beter und noch andere Opferer; später gesellten sich die Redner – die Prediger – zu ihnen. Und als die Religion zu einer Institution wurde, erhoben die Priester den Anspruch, „die Schlüssel zum Himmel zu besitzen“.

90:5.6

Die Priester versuchten das einfache Volk immer dadurch zu beeindrucken und mit heiliger Scheu zu erfüllen, dass sie das religiöse Ritual in einer alten Sprache und mit allerlei magischen Kunstgriffen zelebrierten, womit sie die Gläubigen hinters Licht führten und ihren eigenen Ruf der Frömmigkeit und ihre Autorität verstärkten. Die große Gefahr bei alledem ist, dass das Ritual die Tendenz hat, zu einem Ersatz für die Religion zu werden.

90:5.7

Die Priesterschaften haben viel getan, um die wissenschaftliche Entwicklung zu verzögern und den geistigen Fortschritt zu behindern, aber sie haben zur Stabilisierung der Zivilisation und zur Bereicherung gewisser Aspekte der Kultur beigetragen. Aber viele moderne Priester haben aufgehört, als Lenker des Rituals der Gottesverehrung zu fungieren, und ihre Aufmerksamkeit der Theologie zugewandt – dem Versuch, Gott zu definieren.

90:5.8

Es kann nicht bestritten werden, dass die Priester ein Mühlstein am Nacken der Rassen gewesen sind, aber die wahren religiösen Führer hatten einen unschätzbaren Wert, weil sie den Weg zu höheren und besseren Realitäten wiesen.

90:5.9

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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