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Erscheinungen vor den Aposteln und anderen Führern

DER Auferstehungssonntag war ein schrecklicher Tag im Leben der Apostel; zehn von ihnen verbrachten ihn überwiegend im oberen Raum hinter verschlossenen Türen. Sie hätten aus Jerusalem flüchten können, aber sie hatten Angst, von den Häschern des Sanhedrins aufgegriffen zu werden, wenn man sie im Freien antreffen würde. Thomas brütete in Bethphage allein über seinen Problemen. Es wäre ihm besser ergangen, wenn er bei seinen Apostelgefährten geblieben wäre, denn er hätte ihnen helfen können, ihre Diskussionen in eine nützlichere Bahn zu lenken.

191:0.2

Den ganzen Tag über hielt Johannes am Gedanken fest, Jesus sei von den Toten auferstanden. Er zählte nicht weniger als fünf verschiedene Gelegen­heiten auf, bei denen der Meister versichert hatte, er werde auferstehen, und mindestens drei, als er auf den dritten Tag angespielt hatte. Die Einstellung des Johannes hatte einen beträchtlichen Einfluss auf sie, besonders auf seinen Bruder Jakobus und auf Nathanael. Und Johannes hätte sie noch stärker beeinflusst, wäre er nicht der Jüngste der Gruppe gewesen.

191:0.3

Ihre Schwierigkeiten waren vor allem auf ihre Isolierung zurückzuführen. Johannes Markus hielt sie über das, was im Tempel vor sich ging, auf dem Laufenden, und trug ihnen die vielen Gerüchte zu, die sich in der Stadt ausbreiteten, aber es fiel ihm nicht ein, sich Nachrichten von den verschiedenen Gruppen von Gläubigen, denen Jesus bereits erschienen war, zu beschaffen. Das war jene Dienstleistung, welche bislang von Davids Boten erbracht worden war, aber diese waren alle abwesend in Ausführung ihres letzten Auftrags, den fern von Jerusalem wohnenden Gruppen von Gläubigen die Auferstehung zu verkündigen. Zum ersten Mal in all diesen Jahren kam es den Aposteln zum Bewusstsein, wie sehr sie für ihre tägliche Information über alles, was das Königreich betraf, von Davids Boten abhängig gewesen waren.

191:0.4

Den ganzen Tag über schwankte Petrus in der ihm eigenen gefühlsmäßigen Weise zwischen Glauben und Zweifeln an des Meisters Auferstehung hin und her. Er kam von dem Anblick der Grabtücher nicht los, die dort in der Gruft lagen, als ob Jesu Leib sich einfach daraus verflüchtigt hätte. „Aber,“ so überlegte Petrus, „wenn er auferstanden ist und sich den Frauen zeigen kann, warum erscheint er dann nicht uns, seinen Aposteln?“ Kummer überkam Petrus bei dem Gedanken, Jesus komme vielleicht wegen seiner, des Petrus, Anwesenheit unter den Aposteln nicht zu ihnen, weil er ihn in jener Nacht im Hofe des Hannas verleugnet hatte. Und dann richtete er sich wiederum an der ihm von den Frauen überbrachten Äußerung auf: „Geht und sagt es meinen Aposteln – und Petrus.“ Aber wollte er aus dieser Botschaft Mut schöpfen, setzte das seinen Glauben daran voraus, dass die Frauen den auferstandenen Meister tatsächlich gesehen und gehört hatten. Und so pendelte Petrus den ganzen Tag lang zwischen Glauben und Zweifel hin und her bis kurz nach acht Uhr, als er sich in den Hof hinauswagte. Petrus dachte daran, sich aus der Mitte der Apostel zurückzuziehen, um Jesus wegen seiner Verleugnung des Meisters nicht daran zu hindern, zu ihnen zu kommen.

191:0.5

Jakobus Zebedäus trat zuerst dafür ein, dass sich alle zum Grab begeben sollten; er wollte unbedingt etwas tun, um das Geheimnis zu ergründen. Es war Nathanael, der sie davon abhielt, sich auf Jakobus‘ Drängen hin in der Öffentlichkeit zu zeigen, und er tat dies, indem er sie an Jesu Warnung erinnerte, zu diesem Zeitpunkt ihr Leben nicht unnötig aufs Spiel zu setzen. Bis zum Mittag hatte sich Jakobus so weit beruhigt, dass er mit den anderen alles Weitere wachsam abwarten konnte. Er sprach nur wenig; er war zutiefst enttäuscht darüber, dass Jesus ihnen nicht erschien, und er wusste nichts von den vielen Erscheinungen Jesu vor anderen Gruppen und Einzelnen.

191:0.6

Andreas hörte an diesem Tag vor allem zu. Die Situation versetzte ihn in größte Ratlosigkeit, und er hatte mehr als sein Teil Zweifel, aber er genoss wenigstens ein gewisses Gefühl der Befreiung von der Verantwortung für die Führung seiner Mitapostel. Er war dem Meister wirklich dankbar, ihn von der Last der Führung befreit zu haben, bevor diese qualvollen Stunden für sie begannen.

191:0.7

Mehr als einmal während der langen und erschöpfenden Stunden dieses tragischen Tages waren die charakteristischen philosophischen Ratschläge, die Nathanael häufig von sich gab, der einzige stützende Einfluss in der Gruppe. Während des ganzen Tages war er wirklich die steuernde Kraft unter den Zehn. Nicht ein einziges Mal ließ er verlauten, ob er an des Meisters Auferstehung glaube oder nicht. Aber wie der Tag allmählich verging, neigte er immer mehr zu dem Glauben, Jesus habe sein Versprechen aufzuerstehen erfüllt.

191:0.8

Simon Zelotes war zu niedergeschlagen, um an den Diskussionen teilzunehmen. Die meiste Zeit lag er in einer Ecke des Raumes mit dem Gesicht zur Wand auf einem Lager ausgestreckt; er sprach während des ganzen Tages weniger als ein halbes Dutzend Mal. Seine Vorstellung vom Königreich des Himmels war zusammengebrochen, und er vermochte nicht zu erkennen, inwiefern des Meisters Auferstehung die Situation wesentlich verändern könnte. Seine Enttäuschung war sehr persönlich und allzu übermächtig, als dass er sich kurzfristig hätte davon erholen können, auch nicht angesichts einer derart ungeheuren Tatsache wie der Auferstehung.

191:0.9

Seltsamerweise redete Philipp, der sich sonst kaum äußerte, im Laufe des Nachmittags sehr viel. Am Vormittag hatte er nur wenig zu sagen, aber den ganzen Nachmittag über stellte er den anderen Aposteln Fragen. Petrus ärgerte sich oft über Philipps Fragen, aber die anderen ertrugen sie gutmütig. Philipp war insbesondere begierig zu wissen, ob Jesu Leib, wenn er wirklich vom Grab auferstanden war, wohl noch die physischen Spuren der Kreuzigung trug.

191:0.10

Matthäus war höchst verwirrt; er hörte den Diskussionen seiner Gefähr­ten zu, aber die meiste Zeit beschäftigte er sich mit dem Problem ihrer zukünftigen Finanzen. Von Jesu möglicher Auferstehung einmal ganz abgesehen: Judas war gegangen, David hatte ihm das Geld in unsanfter Weise übergeben und sie waren ohne maßgeblichen Führer. Noch bevor Matthäus so weit war, sich mit den die Auferstehung betreffenden Argumenten ernsthaft au­sei­nan­derzusetzen, hatte er den Meister schon von Angesicht zu Ange­sicht gesehen.

191:0.11

Die Alphäus-Zwillinge nahmen an diesen ernsten Diskussionen kaum teil; sie hatten genug mit ihren gewohnten Aufgaben zu tun. Einer von ihnen drückte beider Haltung aus, als er auf eine Frage Philipps erwiderte: „Wir verstehen das mit der Auferstehung nicht, aber unsere Mutter sagt, sie habe mit dem Meister gesprochen, und wir glauben ihr.“

191:0.12

Thomas befand sich mitten in einer seiner typischen Perioden verzweifelter Niedergeschlagenheit. Er verschlief einen Teil des Tages und wanderte den Rest der Zeit in den Bergen umher. Er verspürte den Drang, zu seinen Apostelgefährten zurückzukehren, aber der Wunsch, mit sich allein zu sein, war stärker.

191:0.13

Der Meister schob seine erste morontielle Erscheinung vor den Aposteln aus mehreren Gründen hinaus. Erstens wollte er, dass sie, nachdem sie von seiner Auferstehung erfahren hatten, Zeit hätten, alles gut zu überdenken, was er ihnen über seinen Tod und seine Auferstehung gesagt hatte, als er noch als Mensch unter ihnen weilte. Der Meister wollte, dass Petrus sich durch einige seiner besonderen Schwierigkeiten hindurchkämpfe, bevor er ihnen allen erscheinen würde. Zweitens wünschte er, dass Thomas zur Zeit seiner ersten Erscheinung bei ihnen sei. Johannes Markus machte Thomas an diesem Sonntagmorgen früh im Hause Simons in Bethphage ausfindig und benachrichtigte die Apostel davon gegen elf Uhr. Thomas wäre an diesem Tag jederzeit zu ihnen zurückgekehrt, wenn Nathanael oder irgend zwei andere Apostel ihn geholt hätten. Er wünschte wirklich zurückzukehren, aber so, wie er sie am Abend zuvor verlassen hatte, war er zu stolz, es so bald aus eigenem Antrieb zu tun. Am nächsten Tag war er derart niedergeschlagen, dass er fast eine Woche brauchte, bis er sich zur Rückkehr entschloss. Die Apostel warteten auf ihn, und er wartete darauf, dass seine Brüder ihn aufspürten und ihn bäten, zu ihnen zurückzukehren. So blieb Thomas seinen Gefährten fern bis am nächsten Samstagabend, als Petrus und Johannes nach Einbruch der Dunkelheit nach Bethphage hinübergingen und ihn mit sich zurückbrachten. Und das ist auch der Grund, weshalb sie nicht sofort nach Galiläa gingen, nachdem Jesus ihnen zum ersten Mal erschienen war; sie wollten nicht ohne Thomas gehen.

1. Die Erscheinung vor Petrus

191:1.1

Es war gegen halb neun Uhr an diesem Sonntagabend, als Jesus Simon Petrus im Garten des Hauses von Markus erschien. Es war seine achte morontielle Manifestation. Seit seiner Verleugnung des Meisters hatte Petrus unter einer schweren Last von Schuld und Zweifeln gelitten. Den ganzen Samstag und diesen Sonntag über hatte er gegen die Furcht angekämpft, vielleicht nicht mehr ein Apostel zu sein. Das Schicksal von Judas ließ ihn erschauern, und er hatte sogar gedacht, auch er habe seinen Meister verraten. Den ganzen Nachmittag über dachte er, vielleicht sei es seine Anwesenheit unter den Aposteln, was Jesus davon abhalte, ihnen zu erscheinen, vorausgesetzt natürlich, er sei wirklich von den Toten auferstanden. Und diesem Petrus, der sich in einer solchen Gemütsver­fassung und in einem derartigen seelischen Zustand befand, erschien Jesus, als der niedergeschlagene Apostel zwischen den Blumen und Sträuchern umherging.

191:1.2

Als Petrus sich an den liebevollen Blick des beim Portal des Hannas an ihm vorübergehenden Meisters erinnerte, und als er sich die wunderbare Botschaft durch den Kopf gehen ließ, die ihm die vom leeren Grabe zurückkehrenden Frauen am frühen Morgen gebracht hatten: „Geht und sagt meinen Aposteln – und Petrus“ –, als er über diese Zeichen des Erbarmens nachsann, begann sein Glaube seine Zweifel zu überwinden, und er stand still, ballte seine Fäuste und sprach mit lauter Stimme: „Ich glaube, dass er von den Toten auferstanden ist; ich geh‘ es meinen Brüdern sagen.“ Und als er das sagte, erschien vor ihm plötzlich die Gestalt eines Mannes, der in vertrautem Tonfall zu ihm sprach: „Petrus, der Feind wollte dich haben, aber ich wollte dich nicht aufgeben. Ich wusste, dass es nicht aus deinem Herzen kam, als du mich verleugnetest; deshalb vergab ich dir, noch ehe du mich darum batest; aber jetzt musst du aufhören, dich mit dir selbst und den Wirren der Stunde abzugeben, sondern dich bereit machen, denen, die in der Dunkelheit sind, die gute Nachricht des Evangeliums zu bringen. Du solltest dich nicht mehr damit befassen, was du vom Königreich bekommen könntest, sondern dir vielmehr darüber Gedanken machen, was du denen geben könntest, die in größter geistiger Armut leben. Gürte dich für den Kampf eines neuen Tages, Simon, für das Ringen mit der geistigen Fins­ternis und mit dem üblen Hang zum Zweifeln, der in der Natur des menschlichen Denkens liegt.“

191:1.3

Petrus und der morontielle Jesus spazierten durch den Garten und sprachen fast fünf Minuten lang über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge. Dann entschwand der Meister seinen Blicken mit den Worten: „Lebewohl, Petrus, bis ich dich mit deinen Brüdern wiedersehe.“

191:1.4

Einen Augenblick lang war Petrus von der Erkenntnis überwältigt, dass er mit dem auferstandenen Meister gesprochen hatte und dass er sicher sein konnte, immer noch Botschafter des Königreichs zu sein. Gerade hatte der verherrlichte Meister ihn ermahnt, mit der Predigt des Evangeliums fortzufahren. Und während all das in seinem Herzen aufwallte, stürmte er in den oberen Raum zu seinen Mitaposteln hinauf und rief in atemloser Erregung: „Ich habe den Meister gesehen; er war im Garten. Ich habe mit ihm gesprochen, und er hat mir vergeben.“

191:1.5

Die Aussage des Petrus, er habe Jesus im Garten gesehen, machte auf seine Apostelgefährten einen tiefen Eindruck, und sie waren im Begriff, ihre Zweifel aufzugeben, als Andreas sich erhob und sie davor warnte, sich durch den Bericht seines Bruders allzu sehr beeinflussen zu lassen. Andreas ließ durchblicken, dass Petrus schon früher Dinge gesehen habe, die nicht real waren. Obwohl Andreas nicht direkt auf die nächtliche Vision auf dem Galiläischen Meer anspielte, als Petrus behauptet hatte, er habe den Meister auf dem Wasser auf sie zukommen sehen, so sagte er doch genug, um allen Anwesenden deutlich zu machen, dass er an diesen Vorfall dachte. Seines Bruders Anspielungen verletzten Simon Petrus sehr, und er verfiel augenblicklich in gedrücktes Schweigen. Den Zwillingen tat Petrus sehr leid, und beide gingen zu ihm hin, um ihn ihrer Sympathie zu versichern und ihm zu sagen, dass sie ihm glaubten, und um ihm erneut zu erklären, dass ihre eigene Mutter den Meister ebenfalls gesehen habe.

2. Erste Erscheinung vor den Aposteln

191:2.1

An diesem Abend kurz nach neun Uhr – Kleopas und Jakob waren eben weggegangen –, als die Alphäus-Zwillinge Petrus trösteten und Nathanael Andreas Vorhaltungen machte und die zehn Apostel dort im oberen Raum, dessen Türen sie aus Angst vor einer Verhaftung verriegelt hatten, beisammen waren, erschien der Meister auf einmal in morontieller Gestalt in ihrer Mitte und sagte: „Friede sei mit euch. Warum erschreckt ihr bei meinem Erscheinen so sehr, als sähet ihr einen Geist? Habe ich euch nicht von diesen Dingen gesprochen, als ich noch als ein Mensch unter euch weilte? Habe ich euch nicht gesagt, dass die obersten Priester und Führer mich dem Tod ausliefern würden, dass einer von euch mich verraten und dass ich am dritten Tag auferstehen würde? Weshalb all eure Zweifel und diese Diskussionen über die Berichte der Frauen, die von Kleopas und Jakob und sogar von Petrus? Wie lange noch wollt ihr meine Worte bezweifeln und euch weigern, meinen Versprechen zu glauben? Wollt ihr jetzt, da ihr mich wirklich seht, endlich glauben? Einer von euch ist jetzt immer noch abwesend. Wenn ihr wieder vollzählig seid und jeder von euch mit Bestimmtheit weiß, dass der Menschensohn vom Grab auferstanden ist, dann begebt euch von hier nach Galiläa. Habt Vertrauen in Gott; vertraut einander; und so sollt ihr in den neuen Dienst am Königreich des Himmels eintreten. Ich werde bei euch in Jerusalem verweilen, bis ihr bereit seid, nach Galiläa zu gehen. Ich lasse euch meinen Frieden.“

191:2.2

Nachdem der morontielle Jesus zu ihnen gesprochen hatte, entschwand er plötzlich ihren Blicken. Und sie fielen alle nieder, priesen Gott und verehrten ihren entschwundenen Meister. Dies war des Meisters neunte morontielle Erscheinung.

3. Bei den morontiellen Geschöpfen

191:3.1

Den ganzen nächsten Tag, Montag, verbrachte Jesus mit den damals auf Urantia anwesenden morontiellen Geschöpfen. Als an der morontiellen Transit-Erfahrung des Meisters Beteiligte waren über eine Million morontieller Leiter und Mitarbeiter zusammen mit Transitsterblichen verschiedener Ordnungen von den sieben Residenzwelten Satanias nach Urantia gekommen. Der morontielle Jesus weilte vierzig Tage lang unter diesen wunderbaren Intelligenzen. Er unterrichtete sie und erfuhr von ihren Leitern von dem morontiellen Übergangs­dasein, das die Sterblichen der bewohnten Welten Satanias auf ihrem Weg durch die morontiellen Planeten des Systems leben.

191:3.2

Gegen Mitternacht dieses Montags wurde die morontielle Gestalt des Meisters für den Übergang zum zweiten Stadium morontieller Progression adaptiert. Als er seinen sterblichen Kindern das nächste Mal auf Erden erschien, war er ein morontielles Wesen des zweiten Stadiums. Während der Meister auf dem morontiellen Weg vorwärts schritt, fiel es den morontiellen Intelligenzen und ihren transformierenden Mitarbeitern technisch immer schwerer, den Meister für sterbliche materielle Augen sichtbar zu machen.

191:3.3

Zum dritten morontiellen Stadium ging Jesus am Freitag, dem 14. April über; zum vierten Stadium am Montag, dem 17.; zum fünften Stadium am Samstag, dem 22.; zum sechsten Stadium am Donnerstag, dem 27.; zum siebenten Stadium am Dienstag, dem 2. Mai; zur Staatsbürgerschaft von Jerusem am Sonntag, dem 7.; und in die Umarmung der Allerhöchsten von Edentia ging er am Sonntag, dem 14. ein.

191:3.4

Auf diese Weise vervollständigte Michael von Nebadon seine dienende Universumserfahrung; denn in Verbindung mit seinen früheren Selbsthingaben hatte er das Leben der aufsteigenden Sterblichen von Zeit und Raum bereits vollständig erfahren, angefangen beim Aufenthalt auf der Hauptwelt der Konstellation und hinauf sogar bis und mit dem Dienst auf der Hauptwelt des Superuniversums. Und gerade mit diesen morontiellen Erfahrungen beschloss der Schöpfersohn von Nebadon wirklich und zufriedenstellend seine siebente und letzte Selbsthingabe an sein Universum.

4. Die zehnte Erscheinung (in Philadelphia)

191:4.1

Die zehnte menschlicher Wahrnehmung zugängliche morontielle Mani­fes­tation ereignete sich am Dienstag, dem 11. April, kurz nach acht Uhr in Philadelphia, als Jesus sich Abner und Lazarus und etwa hundertundfünfzig ihrer Mitarbeiter zeigte, von denen über fünfzig dem evangelischen Korps der Siebzig angehörten. Diese Erscheinung geschah in der Synagoge gleich nach der Eröffnung eines besonderen, von Abner einberufenen Treffens, das der Besprechung der Kreuzigung Jesu und des jüngsten Berichts von seiner Auferstehung galt, den Davids Bote gebracht hatte. Da der auferstandene Lazarus jetzt zu dieser Gruppe von Gläubigen gehörte, fiel es ihnen nicht schwer, an die Nachricht zu glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.

191:4.2

Abner und Lazarus, die zusammen am Lesepult standen, eröffneten gerade das Treffen in der Synagoge, als die gesamte Zuhörerschaft der Gläubigen sah, wie die Gestalt des Meisters plötzlich zwischen Abner und Lazarus erschien, ohne dass die beiden ihn bemerkt hätten. Von dort, wo er erschienen war, schritt er auf die Versammelten zu, begrüßte sie und sagte:

191:4.3

„Friede sei mit euch. Ihr wisst alle, dass wir nur einen Vater im Himmel haben und dass es nur ein Evangelium vom Königreich gibt – die gute Nachricht vom Geschenk des ewigen Lebens, das die Menschen durch den Glauben erhalten. Während ihr freudig dem Evangelium die Treue haltet, bittet den Vater der Wahrheit darum, in eure Herzen eine neue und größere Liebe zu euren Brüdern auszuschütten. Ihr sollt alle Menschen lieben, wie ich euch geliebt habe; ihr sollt allen Menschen dienen, wie ich euch gedient habe. Steht mit verstehender Anteilnahme und brüderlicher Zuneigung all euren Brüdern zur Seite, die sich der Verkündigung der guten Nachricht widmen, ob sie nun Juden oder Nichtjuden, Griechen oder Römer, Perser oder Äthiopier seien. Johannes hat das Königreich im Voraus angekündigt; ihr habt das Evangelium mit Macht gepredigt; schon lehren die Griechen die gute Nachricht; und bald werde ich den Geist der Wahrheit in die Seelen all dieser meiner Brüder senden, die ihr Leben so selbstlos der Erleuchtung ihrer sich in geistiger Finsternis befindlichen Mitmenschen verschrieben haben. Ihr seid alle Kinder des Lichts; stolpert deshalb nicht in die auf Missverständnissen beruhenden Verstrickungen irdischen Argwohns und menschlicher Intoleranz. Wenn ihr durch die veredelnde Gnade des Glaubens dahingelangt, Ungläubige zu lieben, solltet ihr dann eure Glaubensbrüder im weit verzweigten Hause des Glaubens nicht ebenso sehr lieben? Bedenkt, dass alle Menschen euch daran als meine Jünger erkennen werden, dass ihr einander liebt.

191:4.4

So geht nun in alle Welt hinaus und verkündet allen Völkern und Rassen dieses Evangelium von der Vaterschaft Gottes und von der Bruderschaft der Menschen, und seid immer weise in der Wahl eurer Methoden, wenn ihr den verschiedenen Rassen und Völkerstämmen der Menschheit die gute Nachricht vermittelt. Umsonst habt ihr dieses Evangelium vom Königreich empfangen, und umsonst werdet ihr allen Nationen die gute Nachricht bringen. Fürchtet euch nicht vor dem Widerstand des Bösen, denn ich bin immer bei euch, sogar bis ans Ende aller Tage. Und ich lasse euch meinen Frieden.“

191:4.5

Nach den Worten „Ich lasse euch meinen Frieden“ entschwand er ihren Blicken. Eine seiner Erscheinungen in Galiläa ausgenommen, als über fünfhundert Gläubige ihn auf einmal sahen, umfasste diese Gruppe in Philadelphia die größte Zahl von Sterblichen, die ihn bei einer einzigen Gelegenheit erblickten.

191:4.6

Während die Apostel in Jerusalem säumten und die emotionale Erho­lung von Thomas abwarteten, zogen diese Gläubigen von Philadelphia früh am nächsten Morgen los, um zu verkünden, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden sei.

191:4.7

Den folgenden Tag, Mittwoch, verbrachte Jesus ohne Unterbrechung in der Gesellschaft seiner morontiellen Gefährten, und in den Nachmittagsstunden empfing er den Besuch morontieller Abgeordneter aus den Residenzwelten aller Lokalsysteme bewohnter Sphären der ganzen Konstellation von Norlatiadek. Und sie freuten sich alle darüber, ihren Schöpfer als einen Angehörigen ihrer eigenen Ordnung von Universumsintelligenzen zu erleben.

5. Zweite Erscheinung vor den Aposteln

191:5.1

Thomas verbrachte eine einsame Woche mit sich selbst auf den Höhen im Umkreis des Ölbergs. Während dieser Zeit sah er nur die Angehörigen von Simons Haus und Johannes Markus. Am Samstag, dem 15. April, fanden ihn die beiden Apostel gegen neun Uhr und nahmen ihn mit sich zurück zu ihrem Versammlungsort im Hause des Markus. Am nächsten Tag hörte sich Thomas die Erzählungen von den verschiedenen Erscheinungen des Meisters an, aber er weigerte sich beharrlich zu glauben. Er hielt daran fest, Petrus habe sie mit seiner Begeisterung so sehr angesteckt, dass sie meinten, den Meister gesehen zu haben. Nathanael versuchte ihn zu überzeugen, aber es half nichts. Es handelte sich um emotionale Halsstarrigkeit, verbunden mit seiner gewöhnlichen Zweifelsucht, und diese Gemütsverfassung, zu der noch sein Verdruss hinzukam, von ihnen weggelaufen zu sein, half eine Situation der Isolierung schaffen, die nicht einmal Thomas selber recht verstand. Er hatte sich von seinen Kameraden zurückgezogen, er war seinen eigenen Weg gegangen, und obwohl er jetzt wieder unter ihnen war, neigte er unbewusst dazu, eine Haltung des Widerspruchs einzunehmen. Er ließ sich mit dem Aufgeben Zeit; es widerstrebte ihm nachzugeben. Ohne es zu wollen, genoss er wirklich die ihm geschenkte Aufmerksamkeit. Die Bemühungen all seiner Gefährten, ihn zu überzeugen und zu bekehren, verschafften ihm unbewusst Befriedigung. Er hatte sie eine ganze Woche lang vermisst, und ihre fortwährende Aufmerksamkeit tat ihm sehr gut.

191:5.2

 Kurz nach sechs Uhr aßen sie ihr Abendbrot. Neben Thomas saßen auf der einen Seite Petrus und auf der anderen Nathanael, als der zweifelnde Apostel sagte: „Und ich werde nicht glauben, es sei denn, ich sehe den Meister mit eigenen Augen und lege meinen Finger auf die Wundmale der Nägel.“ Während sie so hinter sicher verschlossenen und verriegelten Türen beim Abendessen saßen, erschien der morontielle Meister auf einmal in der Mitte des Tischbogens direkt vor Thomas und sagte:

191:5.3

„Friede sei mit euch. Eine ganze Woche lang habe ich mit meinem Wiedererscheinen gewartet, damit ihr alle anwesend wäret, um wieder einmal den Auftrag zu hören, in alle Welt hinauszuziehen und dieses Evangelium vom Königreich zu predigen. Wiederum sage ich euch: So wie der Vater mich in die Welt gesandt hat, so sende ich euch hinaus. So wie ich den Vater offenbart habe, so sollt ihr die göttliche Liebe offenbaren, nicht nur mit Worten, sondern in eurem täglichen Leben. Ich sende euch aus, nicht die Seelen der Menschen zu lieben, sondern vielmehr die Menschen zu lieben. Ihr sollt nicht nur die Freuden des Himmels verkündigen, sondern diese Geistesrealitäten des göttlichen Lebens auch in eurem täglichen Verhalten zeigen, da ihr durch euren Glauben das ewige Leben als ein Geschenk Gottes bereits besitzt. Wenn ihr den Glauben habt und wenn die Macht von oben, der Geist der Wahrheit, auf euch herabgekommen sein wird, werdet ihr euer Licht nicht länger hier hinter verschlossenen Türen verbergen; ihr werdet die ganze Menschheit mit Gottes Liebe und Erbarmen bekanntmachen. Aus Angst geht ihr jetzt den Tatsachen einer unangenehmen Erfahrung aus dem Wege, aber nachdem ihr mit dem Geist der Wahrheit getauft sein werdet, werdet ihr mutig und freudig auf die neue Erfahrung zugehen, die gute Nachricht vom ewigen Leben im Königreich Gottes zu verkünden. Ihr mögt jetzt hier und in Galiläa noch kurze Zeit säumen, um euch zu erholen vom Schock des Übergangs von der falschen Sicherheit überlieferter Autorität zu der neuen Ordnung der Autorität der Tatsachen, der Wahrheit und des Glaubens an die höchsten Realitäten lebendiger Erfahrung. Eure Weltsendung gründet auf der Tatsache, dass ich unter euch ein Leben der Gottesoffenbarung gelebt habe; auf der Wahrheit, dass ihr und alle anderen Menschen die Söhne Gottes seid; und sie soll aus dem Leben bestehen, das ihr unter den Menschen führen werdet – die wirkliche und lebendige Erfahrung, die Menschen zu lieben und ihnen zu dienen, wie ich euch geliebt und euch gedient habe. Lasst euren Glauben der Welt euer Licht offenbaren; lasst die Offenbarung der Wahrheit die durch Tradition blind gewordenen Augen öffnen; lasst euer liebevolles Dienen die aus Unwissenheit hervorgegangenen Vorurteile wirksam zerstören. Indem ihr euch euren Mitmenschen in dieser Weise mit verständnisvoller Zuneigung und selbstloser Hingabe nähert, werdet ihr sie zum rettenden Wissen um des Vaters Liebe führen. Die Juden haben die Güte gepriesen; die Griechen haben die Schönheit gerühmt; die Hindu predigen Hingabe; die fernen Asketen lehren Ehrerbietung; die Römer verlangen Treue; ich aber verlange von meinen Jüngern Leben, eben ein Leben liebevollen Dienens an ihren irdischen Brüdern.“

191:5.4

Nachdem der Meister so gesprochen hatte, schaute er Thomas ins Gesicht und sprach: „Und du, Thomas, der du sagtest, du würdest nicht glauben, solange du mich nicht gesehen und deinen Finger auf die Nägelmale meiner Hände gelegt hättest, du hast mich jetzt gesehen und meine Worte gehört; und obwohl du an meinen Händen keine Nägelmale wahrnimmst, da ich in einer Gestalt auferstanden bin, wie auch du sie haben wirst, wenn du von dieser Welt gehst – was wirst du deinen Brüdern jetzt sagen? Du wirst die Wahrheit anerkennen, denn in deinem Herzen hattest du bereits zu glauben begonnen, selbst als du deinen Unglauben noch so zäh verteidigtest. Thomas, deine Zweifel behaupten sich immer dann am hartnäckigsten, wenn sie zu zerbröckeln beginnen. Thomas, ich sage dir: Lass ab von deinem Unglauben und glaube – und ich weiß, dass du glauben wirst, sogar von ganzem Herzen.“

191:5.5

Als Thomas diese Worte hörte, fiel er vor dem morontiellen Meister nieder und rief aus: „Ich glaube! Mein Herr und mein Meister!“ Da sagte Jesus zu Thomas: „Du hast geglaubt, Thomas, weil du mich wirklich gesehen und gehört hast. Gesegnet seien in den kommenden Zeitaltern jene, die glauben, ohne mit leiblichen Augen gesehen oder mit sterblichen Ohren gehört zu haben.“

191:5.6

Und während sich darauf des Meisters Gestalt zum oberen Tischende hin bewegte, richtete er das Wort an sie alle und sprach: „Geht jetzt alle nach Galiläa, wo ich euch bald erscheinen werde.“ Nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken.

191:5.7

Die elf Apostel waren nun völlig überzeugt, dass Jesus von den Toten auferstanden war, und sehr früh am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, brachen sie nach Galiläa auf.

6. Die Erscheinung in Alexandrien

191:6.1

Während die elf Apostel auf ihrem Weg nach Galiläa waren und sich ihrem Reiseziel näherten, erschien Jesus in Alexandrien am Dienstagabend, dem 18. April, gegen halb neun Uhr Rodan und rund achtzig weiteren Gläubigen. Es war die zwölfte Erscheinung des Meisters in morontieller Gestalt. Jesus erschien diesen Griechen und Juden, als der Bote Davids gerade seinen Bericht über die Kreuzigung beendet hatte. Dieser Bote, der fünfte der sich zwischen Jerusalem und Alexandrien ablösenden Läufer, war am späten Nachmittag in Alexandrien eingetroffen. Nachdem er Rodan seine Botschaft überbracht hatte, wurde beschlossen, die Gläubigen zusammenzurufen, damit sie die tragische Nachricht aus dem Munde des Boten selber hören könnten. Gegen acht Uhr trat dieser, Nathan von Busiris, vor die Versammelten und erzählte ihnen im Einzelnen alles, was der vorhergehende Läufer ihm gesagt hatte. Nathan beschloss seinen bewegenden Bericht mit den Worten: „Aber David, der uns diese Botschaft schickt, lässt sagen, dass der Meister seinen Tod vorhergesagt und dabei erklärt hat, er werde wieder auferstehen.“ Nathan hatte noch nicht ausgeredet, als der morontielle Meister für alle gut sichtbar erschien. Nachdem Nathan sich gesetzt hatte, sagte Jesus:

191:6.2

„Friede sei mit euch. Das, zu dessen Errichtung mein Vater mich in die Welt gesandt hat, gehört weder einer Rasse noch einer Nation noch einer besonderen Gruppe von Lehrern oder Predigern. Das Evangelium vom Königreich gehört Juden und Heiden, Reichen und Armen, Freien und Sklaven, Männern und Frauen und sogar den kleinen Kindern. Und ihr seid alle aufgerufen, dieses Evangelium der Liebe und Wahrheit durch das Leben zu verkündigen, das ihr als Menschen lebt. Ihr sollt einander mit einer neuen und eindrucksvollen Zuneigung lieben, gerade so, wie ich euch geliebt habe. Ihr werdet der Menschheit mit einer neuen und erstaunlichen Hingabe dienen, gerade so, wie ich euch gedient habe. Und wenn die Menschen sehen, wie sehr ihr sie liebt, und wenn sie feststellen, mit welchem Eifer ihr ihnen dient, werden sie verstehen, dass ihr Glaubensbrüder im Königreich des Himmels geworden seid, und sie werden dem Geist der Wahrheit, den sie in eurem Leben sehen, folgen und das ewige Heil finden.

191:6.3

So wie der Vater mich in diese Welt gesandt hat, so sende ich euch jetzt aus. Ihr seid alle aufgerufen, denen, die in der Finsternis sind, die gute Nachricht zu bringen. Dieses Evangelium vom Königreich gehört allen, die daran glauben; es soll nicht nur in die Obhut von Priestern gegeben werden. Bald wird der Geist der Wahrheit über euch kommen, und er wird euch in alle Wahrheit führen. Geht deshalb in der ganzen Welt dieses Evangelium predigen, und seht, ich bin immer bei euch, sogar bis ans Ende aller Tage.“

191:6.4

Nach diesen Worten entschwand der Meister ihren Blicken. Und die Gläu­bigen verbrachten die ganze Nacht miteinander, erzählten von ihren Erfah­rungen als Königreich-Gläubige und hörten lange den Worten Rodans und seiner Mitarbeiter zu. Und sie glaubten alle, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Stellt euch das Erstaunen von Davids Herold der Auferstehung vor, der zwei Tage später eintraf, als sie ihm auf seine Bekanntgabe erwiderten: „Ja, wir wissen, denn wir haben ihn gesehen. Er ist uns vorgestern erschienen.“


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