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Schrift 176

Am Dienstagabend auf dem Ölberg

ALS Jesus und die Apostel an diesem Dienstagnachmittag den Tempel verließen, um sich zum Lager von Gethsemane zu begeben, lenkte Matthäus die Aufmerksamkeit auf den Tempelbau und sagte: „Meister, schau dir die Beschaffenheit dieser Bauten an. Sieh die wuchtigen Steine und die wunderbaren Verzierungen; ist es denkbar, dass diese Gebäude einmal zerstört werden?“ Als sie in Richtung des Ölbergs weiterschritten, sagte Jesus: „Ihr seht jetzt diese Steine und diesen gewaltigen Tempel; wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Die Tage werden bald kommen, da kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Sie werden alle umgestürzt werden.“ Diese Bemerkungen über die Zerstörung des heiligen Tempels erregten die Neugier der Apostel, die hinter dem Meister hergingen; abgesehen vom Ende der Welt, konnten sie sich kein Ereignis vorstellen, das die Zerstörung des Tempels hätte verursachen können.

176:0.2

Um der Menge auszuweichen, die durch das Kidrontal nach Gethsemane zog, entschieden Jesus und seine Gefährten, ein kurzes Stück Weges den Westabhang des Ölbergs hinaufzusteigen und dann einem Fußweg zu folgen, der zu ihrem in geringer Entfernung oberhalb des öffentlichen Lagerplatzes gelegenen privaten Lager bei Gethsemane führte. Als sie von der Straße nach Bethanien abbogen, sahen sie den von den Strahlen der untergehenden Sonne in ein glorreiches Licht getauchten Tempel; und während sie auf dem Berg verweilten, beobachteten sie, wie in der Stadt die Lichter angingen, und genossen die Schönheit des hell erleuchteten Tempels; und dort, im sanften Licht des Vollmondes, setzten sich Jesus und die Zwölf. Der Meister unterhielt sich mit ihnen, und alsbald stellte Nathanael die Frage: „Sage uns, Meister, woran werden wir erkennen, dass jene Ereignisse unmittelbar bevorstehen?“

1. Die Zerstörung Jerusalems

176:1.1

Auf Nathanaels Frage gab Jesus zur Antwort: „Ja, ich will euch von den Zeiten reden, da dieses Volk den Becher seiner Frevel gefüllt haben und das Gericht jäh über diese Stadt unserer Väter kommen wird. Ich stehe im Begriff, euch zu verlassen; ich gehe zum Vater. Gebt acht, dass euch nach meinem Weggang niemand täuscht, denn manche werden als Befreier kommen und werden viele in die Irre führen. Lasst euch nicht beunruhigen, wenn ihr von Kriegen und Kriegsgerüchten hört, denn, obwohl all das geschehen wird, steht das Ende von Jerusalem nicht unmittelbar bevor. Weder Hungersnöte noch Erdbeben sollten euch etwas anhaben können, und ihr solltet unbesorgt sein, wenn man euch den zivilen Behörden überantwortet oder euch um des Evangeliums willen verfolgt. Um meinetwillen wird man euch aus der Synagoge verjagen und ins Gefängnis werfen, und einige von euch wird man töten. Wenn man euch vor Statthalter und Herrscher bringt, dann geschehe es, damit ihr für euren Glauben Zeugnis ablegt und euer unbeirrbares Festhalten am Evangelium vom Königreich unter Beweis stellt. Und wenn ihr vor Richtern steht, dann sorgt euch nicht im voraus, was ihr sagen sollt, denn der Geist wird euch gerade in jenem Augenblick eingeben, was ihr euren Gegnern antworten sollt. In jenen qualvollen Tagen werden euch selbst eure eigenen Familienangehörigen unter Führung derer, die den Menschensohn abgewiesen haben, dem Gefängnis und dem Tod überantworten. Eine Zeit lang mögen euch alle Menschen um meinetwillen hassen, aber selbst in diesen Verfolgungen werde ich euch nicht im Stich lassen; mein Geist wird euch nicht verlassen. Seid geduldig! Zweifelt nicht daran, dass das Evangelium vom Königreich über alle Feinde triumphieren und schließlich allen Völkern verkündet werden wird.“

176:1.2

Jesus hielt inne, während er auf die Stadt hinabsah. Der Meister erkannte, dass die Zurückweisung der geistigen Vorstellung vom Messias, die Ent­schlossenheit, beharrlich und blind an der weltlichen Sendung des erwarteten Befreiers festzuhalten, die Juden bald in direkten Konflikt mit den mächtigen römischen Armeen bringen würde, und dass eine solche Auseinandersetzung nur mit dem endgültigen und vollständigen Untergang der jüdischen Nation enden konnte. Als sein Volk Jesu geistiges Geschenk zurückwies und sich weigerte, das Licht des Himmels zu empfangen, das so erbarmungsvoll über ihm schien, besiegelte es damit sein Schicksal als unabhängiges Volk mit einer besonderen geistigen Sendung auf Erden. Sogar die jüdischen Führer erkannten später, dass gerade diese weltliche Vorstellung vom Messias direkt die Unruhen heraufbeschwor, die schließlich zu ihrer Vernichtung führten.

176:1.3

Da es Jerusalem bestimmt war, zur Wiege der jungen Evangeliums­bewe­gung zu werden, wollte Jesus nicht, dass seine Lehrer und Prediger bei der entsetzlichen, mit der Zerstörung Jerusalems einhergehenden Nieder­werfung des jüdischen Volkes umkämen; deshalb gab er seinen Anhängern diese Hinweise. Jesus war sehr besorgt, einige seiner Jünger könnten in diese baldigen Aufstände hineingezogen werden und beim Fall Jerusalems umkommen.

176:1.4

Da erkundigte sich Andreas: „Aber, Meister, wenn die Heilige Stadt und der Tempel zerstört werden und du nicht mehr hier bist, um uns zu leiten, wann sollen wir denn Jerusalem verlassen?“ Jesus sagte: „Ihr könnt in Jerusalem bleiben, nachdem ich gegangen bin, sogar während dieser Zeiten der Qualen und erbitterten Verfolgungen, aber wenn ihr nach dem Aufstand der falschen Propheten Jerusalem schließlich von den römischen Heeren umzingelt seht, dann werdet ihr wissen, dass seine Verwüstung unmittelbar bevorsteht; dann müsst ihr in die Berge fliehen. Niemand soll in der Stadt und ihrer Umgebung verweilen, um irgendetwas zu retten, noch sollen sich jene, die sich außerhalb befinden, hineinwagen. Das Leid wird groß sein, denn das werden die Tage der Rache der Heiden sein. Und nachdem ihr die Stadt verlassen habt, wird dieses ungehorsame Volk durch das Schwert umkommen und zu allen Nationen in die Gefangenschaft abgeführt werden. So wird Jerusalem von den Heiden zertreten werden. Aber ich warne euch, lasst euch in der Zwischenzeit nicht täuschen! Wenn jemand zu euch kommt und sagt: ‚Seht, hier ist der Befreier‘, oder: ‚Seht, dort ist er‘, so glaubt ihm nicht, denn manche falschen Lehrer werden aufstehen und viele sich von ihnen in die Irre führen lassen; aber ihr sollt euch nicht täuschen lassen, denn ich habe euch all das im Voraus gesagt.“

176:1.5

Lange Zeit saßen die Apostel schweigend im Mondlicht da, während sich diese erstaunlichen Vorhersagen des Meisters in ihre fassungslosen Gemüter senkten. Und eingedenk eben dieser Vorwarnung floh praktisch die ganze Schar von Gläubigen und Jüngern beim ersten Erscheinen der römischen Truppen aus Jerusalem. Und sie fanden in Pella im Norden einen sicheren Unterschlupf.

176:1.6

Sogar noch nach dieser unmissverständlichen Warnung deuteten viele von Jesu Anhängern diese Vorhersagen dahin, dass sie sich auf die Verän­derungen bezögen, die zwangsläufig in Jerusalem eintreten würden, wenn das Wiedererscheinen des Messias die Errichtung des Neuen Jerusalems und den Ausbau der Stadt zur Hauptstadt der Welt zur Folge haben würde. In ihrem Gemüt hatten die Juden entschieden, die Zerstörung des Tempels mit dem „Ende der Welt“ in Verbindung zu bringen. Sie glaubten, dass dieses Neue Jerusalem ganz Palästina füllen und dass auf das Ende der Welt sofort das Erscheinen der „neuen Himmel und der neuen Erde“ folgen würde. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Petrus sagte: „Meister, wir wissen, dass alles vergehen wird, wenn die neuen Himmel und die neue Erde erscheinen, aber wie werden wir wissen, wann du wiederkehrst, um all dies zu vollbringen?“

176:1.7

Als Jesus das hörte, sann er eine Weile nach und sprach dann: „Ihr irrt euch dauernd, weil ihr stets die neue Lehre an die alte anzuhängen versucht; ihr seid entschlossen, meine ganze Lehre misszuverstehen; ihr besteht darauf, das Evangelium gemäß euren althergebrachten Vorstellungen auszulegen. Trotzdem will ich versuchen, euch aufzuklären.“

2. Des Meisters zweites Kommen

176:2.1

Bei mehreren Gelegenheiten hatte Jesus Äußerungen gemacht, die seine Hörer folgern ließen, dass er wohl in Kürze diese Welt zu verlassen gedenke, aber mit Sicherheit wiederkehren würde, um das Werk des himmlischen Königreichs zu vollenden. Als bei seinen Anhängern die Überzeugung wuchs, dass er sie verlassen würde, und als er dann diese Welt verlassen hatte, war es nur natürlich, dass alle Gläubigen sich fest an diese Versprechen seiner Rückkehr klammerten. So wurde den Lehren der Christen schon früh die Doktrin vom zweiten Kommen Christi einverleibt, und fast jede spätere Generation von Jüngern hat inbrünstig an diese Wahrheit geglaubt und vertrauensvoll und freudig sein künftiges Kommen erwartet.

176:2.2

Da sie sich von ihrem Meister und Lehrer trennen mussten, klammerten sich die ersten Jünger und die Apostel umso stärker an dieses Versprechen der Wiederkehr, und sofort brachten sie die vorausgesagte Zerstörung Jerusalems mit dem versprochenen zweiten Kommen in Verbindung. Und sie fuhren fort, seine Worte in diesem Sinne auszulegen, obwohl sich der Meister während dieser abendlichen Unterweisung auf dem Ölberg ganz besonders darum bemühte, gerade einem solchen Irrtum vorzubeugen.

176:2.3

Zur Frage von Petrus führte Jesus weiter aus: „Warum wartet ihr immer noch darauf, dass der Menschensohn sich auf Davids Thron setze und sich die materiellen Träume der Juden erfüllten? Habe ich euch nicht all die Jahre hindurch gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist? Das, worauf ihr eben jetzt herabschaut, geht seinem Ende entgegen, aber es wird zugleich ein Neubeginn sein, durch den das Evangelium vom Königreich in die ganze Welt hinausgetragen und sich das Heil unter allen Völkern ausbreiten wird. Wenn das Königreich einst zu voller Blüte gelangt sein wird, könnt ihr sicher sein, dass der Vater im Himmel euch ohne Frage eine erweiterte Offenbarung der Wahrheit und eine höhere Bekundung von Rechtschaffenheit gewähren wird, in derselben Weise, wie er dieser Welt bereits denjenigen geschenkt hat, der zum Fürsten der Finsternis geworden ist, und nach ihm Adam, auf den Melchisedek und in diesen Tagen der Menschensohn gefolgt sind. Und so wird mein Vater fortfahren, seine Barmherzigkeit zu zeigen und seine Liebe kundzutun, auch gegenüber dieser finsteren und schlechten Welt. Ebenso will ich, wenn mein Vater mir alle Macht und Autorität übertragen hat, weiterhin euer Schicksal verfolgen und euch in den Dingen des Königreichs durch die Anwesenheit meines Geistes leiten, der in Kürze über alle Sterblichen ausgegossen werden wird. Und obwohl ich in dieser Weise im Geiste bei euch anwesend sein werde, verspreche ich auch, dass ich irgendwann auf die Welt zurückkehren werde, wo ich dieses Leben als Sterblicher gelebt und die Erfahrung erlangt habe, gleichzeitig Gott den Menschen zu offenbaren und die Menschen zu Gott zu führen. Ich muss euch sehr bald verlassen und das Werk weiterführen, das der Vater meinen Händen anvertraut hat, aber seid guten Mutes, denn ich werde irgendwann wiederkehren. In der Zwischenzeit soll mein Geist der Wahrheit eines Universums euch ermutigen und führen.

176:2.4

Ihr seht mich jetzt in Schwachheit und in einem Körper, aber wenn ich wiederkehre, wird es mit Macht und im Geist sein. Das leibliche Auge nimmt den verkörperten Menschensohn wahr, aber nur das Auge des Geistes wird den vom Vater verherrlichten und in seinem eigenen Namen auf Erden erscheinenden Menschensohn erkennen.

176:2.5

Aber die Zeit der Wiederkunft des Menschensohns ist nur den Räten des Paradieses bekannt; nicht einmal die Engel des Himmels wissen, wann sie stattfinden wird. Ihr solltet aber dieses verstehen: Wenn das Evangelium vom Königreich dereinst der ganzen Welt zum Heil aller Völker verkündet worden ist und wenn das Zeitalter erfüllt ist, wird der Vater euch eine neue Dispensations-Gnadengabe senden, oder aber der Menschensohn wird zurückkehren, um das Zeitalter zu richten.

176:2.6

Was nun das Leiden Jerusalems betrifft, von dem ich euch gesprochen habe, so wird diese Generation nicht vergehen, ehe sich meine Worte erfüllt haben; was dagegen den Zeitpunkt der Wiederkehr des Menschensohnes anlangt, so maße sich niemand im Himmel oder auf Erden an, darüber zu reden. Aber ihr solltet so weise sein, das Reifen eines Zeitalters zu beobachten; ihr solltet wachen Sinnes sein, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Wenn am Feigenbaum die zarten Zweige sprießen und die Blätter erscheinen, wisst ihr, dass der Sommer naht. In derselben Weise solltet ihr, nachdem die Welt durch den langen Winter materialistischer Einstellung gegangen ist und ihr das Kommen des geistigen Frühlings einer neuen Dispensation feststellt, wissen, dass der Sommer einer neuen Visitation naht.

176:2.7

Aber was für eine Bedeutung hat diese Lehre vom Kommen der Söhne Gottes? Erkennt ihr nicht, dass sich jeder von euch im Augenblick, da er aufgerufen wird, seinen Lebenskampf aufzugeben und durch die Pforte des Todes zu gehen, in der unmittelbaren Gegenwart des Gerichts befindet und sich direkt den Tatsachen einer neuen Dispensation des Dienstes im ewigen Plan des unendlichen Vaters gegenübersieht? Was die ganze Welt am Ende eines Zeitalters als eine feststehende Tatsache zu gewärtigen hat, hat jeder einzelne von euch mit größter Sicherheit als persönliche Erfahrung zu gewärtigen, wenn er am Ende seines natürlichen Lebens anlangt und sich den Bedingungen und Forderungen gegenübersieht, die der nächsten Offenbarung des sich ewig vorwärtsbewegenden Königreichs des Vaters innewohnen.“

176:2.8

Von allen Ansprachen, die der Meister an seine Apostel richtete, hinterließ keine in ihren Gedanken eine solche Verwirrung wie jene vom Dienstagabend auf dem Ölberg über das zweifache Thema der Zerstörung Jerusalems und seines eigenen zweiten Kommens. Deshalb gab es wenig Übereinstimmung zwischen den späteren schriftlichen Berichten, die auf der Erinnerung an das fußten, was der Meister bei dieser außerordentlichen Gelegenheit gesagt hatte. Demzufolge entstanden viele Überlieferungen aufgrund der Tatsache, dass sich die Aufzeichnungen über so manches ausschwiegen, was an jenem Dienstagabend gesagt worden war; und gleich zu Beginn des zweiten Jahrhunderts wurde eine jüdische Apokalyptik über den Messias, dessen Verfasser ein zum Hof des Kaisers Caligula gehörender gewisser Selta war, als Ganzes dem Matthäusevangelium einverleibt und später (teilweise) den Aufzeichnungen von Markus und Lukas hinzugefügt. In diesen Schriften des Selta tauchte auch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen auf. Kein Teil der Evangeliumsberichte hat eine so verwirrende Missdeutung erfahren wie gerade die Unterweisung dieses Abends. Aber der Apostel Johannes geriet nie in eine derartige Verwirrung.

176:2.9

Als die dreizehn Männer ihren Weg zum Lager fortsetzten, waren sie stumm und standen unter einer großen gefühlsmäßigen Spannung. In Judas hatte sich der Entschluss, seine Gefährten zu verlassen, endgültig gefestigt. Es war schon spät am Abend, als David Zebedäus, Johannes Markus und eine Anzahl führender Jünger Jesus und die Zwölf in dem neuen Lager willkommen hießen, aber die Apostel wollten nicht schlafen gehen; sie wollten noch mehr wissen über die Zerstörung Jerusalems, über des Meisters Weggang und das Ende der Welt.

3. Spätere Diskussion im Lager

176:3.1

Nachdem sich ihrer etwa zwanzig um das Lagerfeuer versammelt hatten, fragte Thomas: „Da du zurückkehren wirst, um das Werk des Königreichs zu vollenden, wie sollen wir uns verhalten, während du weg bist und den Angele­genheiten deines Vaters nachgehst?“ Beim Schein des Feuers schaute Jesus auf sie und antwortete:

176:3.2

Und auch du, Thomas, verstehst nicht, was ich gesagt habe. Habe ich euch denn nicht die ganze Zeit über gelehrt, dass eure Beziehung zum Königreich gei­stiger und individueller Natur ist – ganz und gar eine Angelegenheit persönlicher Erfahrung im Geiste – die durch den Glauben erlangte Erkenntnis, Söhne Gottes zu sein? Was soll ich dem noch hinzufügen? Was hat der Niedergang von Nationen, der Zusammenbruch von Imperien, die Vernichtung der ungläubigen Juden, das Ende eines Zeitalters oder gar das Ende der Welt, was hat all das mit demjenigen zu tun, der an dieses Evangelium glaubt und der sein Leben in der Sicherheit des ewigen Königreichs geborgen weiß? Ihr, die ihr Gott kennt und an das Evangelium glaubt, habt die Gewissheit des ewigen Lebens bereits empfangen. Da ihr euer Leben im Geiste und für den Vater gelebt habt, kann euch nichts ernsthaft etwas anhaben. Erbauer des Königreichs, beglaubigte Bürger der himmlischen Welten, dürfen sich weder durch weltliche Aufstände beirren, noch durch irdische Katastrophen aus der Fassung bringen lassen. Was hat es für euch, die ihr an dieses Evangelium vom Königreich glaubt, zu bedeuten, wenn Nationen zugrunde gehen, wenn das Zeitalter endet oder alle sichtbaren Dinge zusammenbrechen, da ihr ja wisst, dass euer Leben das Geschenk des Sohnes ist und sich in ewiger Sicherheit beim Vater befindet? Nachdem ihr euer zeitliches Leben aus dem Glauben heraus gelebt und in rechtschaffenem, liebevollem Dienst an euren Mitmenschen die Früchte des Geistes hervorgebracht habt, könnt ihr dem nächsten Schritt auf dem ewigen Lebensweg zuversichtlich mit demselben Glauben an das Fortleben entgegensehen, der euch durch euer erstes, irdisches Abenteuer als Söhne Gottes getragen hat.

176:3.3

Jede Generation von Gläubigen sollte an ihrer Aufgabe im Hinblick auf die mögliche Rückkehr des Menschensohnes weiterarbeiten, genauso wie jeder einzelne Gläubige sein Lebenswerk im Hinblick auf den unvermeidlichen und stets drohenden natürlichen Tod verfolgt. Wenn ihr einmal durch euren Glauben ein Sohn Gottes geworden seid, wird alles andere für die Gewissheit des Fortlebens bedeutungslos. Aber irrt euch nicht! Dieser Glaube an das Fortleben ist ein lebendiger Glaube, und er bringt in wachsendem Maße die Früchte jenes göttlichen Geistes hervor, der ihn dem menschlichen Herzen zuerst eingegeben hat. Die Tatsache, dass ihr einmal die Sohnschaft im Himmelreich angenommen habt, wird euch nicht retten, wenn ihr wissentlich und beharrlich jene Wahrheiten zurückweist, die damit zu tun haben, dass die sterblichen Söhne Gottes zunehmend geistige Früchte tragen sollen. Ihr, die ihr mit mir am Werk Gottes auf Erden gearbeitet habt, könnt sogar jetzt noch das Königreich verlassen, wenn ihr herausfindet, dass ihr des Vaters Art und Weise, der Menschheit zu dienen, nicht mögt.

176:3.4

Hört mir zu, während ich euch als Einzelnen sowie als einer Generation von Gläubigen ein Gleichnis erzähle: Es lebte da ein bedeutender Mann, der vor einer langen Reise in ein anderes Land all seine bewährten Diener zu sich rief und sein ganzes Gut in ihre Hände legte. Einem übergab er fünf Talente, einem anderen zwei und noch einem anderen eines. Und so verfuhr er mit der ganzen Gruppe der so beehrten Verwalter und vertraute seine Güter einem jeden entsprechend seinen besonderen Fähigkeiten an; und dann begab er sich auf seine Reise. Nachdem ihr Herr abgereist war, machten sich seine Diener daran, aus dem ihnen anvertrauten Reichtum Gewinn zu ziehen. Sogleich begann derjenige, welcher fünf Talente erhalten hatte, damit zu handeln und erzielte sehr bald einen Gewinn von fünf weiteren Talenten. Auf dieselbe Weise gewann derjenige, der zwei Talente empfangen hatte, bald zwei weitere hinzu. Und so machten alle Diener für ihren Meister Gewinne mit Ausnahme desjenigen, der nur ein Talent erhalten hatte. Dieser ging abseits und grub ein Loch in die Erde, worin er das Geld seines Herrn versteckte. Bald darauf kehrte dieser unvermutet zurück und rief seine Verwalter zusammen, damit sie ihm Rechenschaft ablegten. Und als sie alle um ihren Meister versammelt waren, trat derjenige, der die fünf Talente erhalten hatte, mit dem Geld, das ihm anvertraut worden war, vor und brachte fünf zusätzliche Talente mit den Worten: ‚Herr, du hast mir fünf Talente zum Anlegen gegeben, und ich bin glücklich, dir als meinen Gewinn fünf weitere Talente zu überreichen.‘ Da sprach der Herr zu ihm: ‚Gut gemacht, guter und treuer Diener. Du hast dich in wenigen Dingen als treu erwiesen; ich will dich jetzt als Verwalter über viele setzen; tritt unverzüglich ein in die Freude deines Herrn.‘ Und dann trat derjenige vor, der die zwei Talente erhalten hatte, und sprach: ‚Herr, du hast zwei Talente in meine Hände gelegt; schau, ich habe diese zwei weiteren Talente hinzugewonnen. Und sein Herr sprach zu ihm: ‚Gut gemacht, guter und treuer Verwalter; auch du hast dich in wenigen Dingen als treu erwiesen, und ich will dich jetzt über viele setzen; tritt ein in die Freude deines Herrn.‘ Und dann war derjenige, der das eine Talent erhalten hatte, an der Reihe, Rechenschaft abzulegen. Dieser Diener trat vor und sagte: ‚Herr, ich kannte dich und wurde mir bewusst, dass du ein schlauer Mann bist, der dort Gewinne erwartet, wo er selber nicht gearbeitet hat; deshalb hatte ich Angst, irgendetwas von dem mir Anvertrauten zu riskieren. Ich versteckte dein Talent sicher in der Erde; hier ist es; du hast jetzt wieder, was dir gehört.‘ Aber sein Herr antwortete: ‚Du bist ein fauler und träger Verwalter. Mit deinen eigenen Worten gestehst du ein, dass du wusstest, ich würde von Dir eine Abrechnung mit einem vernünftigen Gewinn wie demjenigen verlangen, den deine gewissenhaften Gefährten mir heute übergeben haben. In diesem Wissen hättest du deshalb mein Geld zumindest den Händen von Bankleuten anvertrauen sollen, damit ich bei meiner Rückkehr mein Gut mit Zinsen hätte entgegennehmen können.‘ Und zu dem Hauptverwalter gewendet sprach der Herr: ‚Nimm diesem nutzlosen Diener das eine Talent weg und gib es demjenigen, der die zehn Talente hat.‘

176:3.5

Jedem, der da hat, soll noch mehr gegeben werden, und er soll Überfluss haben; aber dem, der nicht hat, soll auch das Wenige, das er hat, weggenommen werden. Ihr könnt in den Angelegenheiten des ewigen Königreichs nicht stehen bleiben. Mein Vater verlangt von all seinen Kindern, in Gnade und Kenntnis der Wahrheit zu wachsen. Ihr, die ihr diese Wahrheiten kennt, müsst in zunehmendem Maße die Früchte des Geistes hervorbringen und im selbstlosen Dienst an euren mit euch dienenden Gefährten wachsende Hingabe zeigen. Und ruft euch dieses in Erinnerung: Was immer ihr für den geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr für mich getan.

176:3.6

Und in diesem Geiste solltet ihr an des Vaters Angelegenheiten herangehen, jetzt und in Zukunft, und sogar in aller Ewigkeit. Macht so weiter, bis ich komme. Tut getreu, was euch aufgetragen worden ist, und so werdet ihr bereit sein, wenn der Tod euch zur Rechenschaft aufruft. Nach einem solchen Leben zum Ruhme des Vaters und zur Zufriedenheit des Sohnes werdet ihr froh und mit überaus g­roßer Freude in den ewigen Dienst des immerwährenden Königreichs treten.“

176:3.7

Die Wahrheit ist etwas Lebendiges; der Geist der Wahrheit führt die Kinder des Lichts stets in neue Reiche geistiger Realität und göttlichen Dienstes. Die Wahrheit wird euch nicht gegeben, damit ihr sie in festen, sicheren und ehrenwerten Formen erstarren lässt. Die durch euch offenbarte Wahrheit muss in eurer persönlichen Erfahrung so gesteigert werden, dass sich allen, die eure geistigen Früchte sehen, neue Schönheit und wirkliche geistige Gewinne enthüllen und sie dahingeleitet werden, den Vater im Himmel zu lobpreisen. Nur jene treuen Diener, die auf solche Weise in der Kenntnis der Wahrheit wachsen und dabei die Fähigkeit zu einer göttlichen Würdigung geistiger Realitäten entwickeln, können je hoffen, „ganz und gar in die Freude ihres Herrn einzutreten“. Was für einen traurigen Anblick bieten doch die aufeinander folgenden Generationen erklärter Anhänger Jesu, wenn sie über ihre Verwaltung der göttlichen Wahrheit sagen: „Hier, Meister, ist die Wahrheit, die du uns vor hundert oder tausend Jahren anvertraut hast. Wir haben nichts davon verloren; wir haben gewissenhaft alles aufbewahrt, was du uns gegeben hast; wir haben es nicht geduldet, dass an dem, was du uns gelehrt hast, irgendwelche Änderungen vorgenommen würden; hier ist die Wahrheit, so wie du sie uns gegeben hast.“ Aber eine solche Ausrede für geistige Trägheit wird den unproduktiven Verwalter der Wahrheit in Gegenwart des Meisters nicht rechtfertigen. Der Meister der Wahrheit wird von euch entsprechend der euren Händen anvertrauten Wahrheit Rechenschaft fordern.

176:3.8

In der nächsten Welt wird man euch auffordern, über eure Gaben und über eure Verwalterdienste in dieser Welt Rechenschaft abzulegen. Ob ihr wenige oder viele angeborene Talente habt – ihr müsst einer gerechten und mitleidsvollen Abrechnung ins Auge sehen. Wenn Gaben nur zur Verfolgung selbstischer Zwecke gebraucht und keine Gedanken an die höhere Pflicht gegeben werden, einen größeren Ertrag an geistigen Früchten zu erzielen, wie sie im stets wachsenden Dienst an den Mitmenschen und in der Anbetung Gottes zum Ausdruck kommen, dann müssen solche egoistischen Verwalter die Folgen ihrer vorsätzlichen Wahl akzeptieren.

176:3.9

Und wie sehr glich dieser pflichtvergessene Diener mit dem einen Talent allen egoistischen Sterblichen darin, dass er für seine Trägheit direkt seinen Herrn tadelte! Wie geneigt ist doch der Mensch, wenn er mit seinem selbst verursachten Versagen konfrontiert wird, dafür anderen die Schuld zu geben, und oft gerade jenen, die es am wenigsten verdienen!

176:3.10

Als sie sich an diesem Abend zur Ruhe begaben, sagte Jesus: „Ihr habt reichlich erhalten; deshalb solltet ihr die Wahrheit des Himmels reichlich weiter­ schenken, und im Geben wird sich diese Wahrheit vervielfältigen und sie wird das Licht der rettenden Gnade immer heller leuchten lassen, während ihr sie austeilt.“

4. Die Rückkehr Michaels

176:4.1

Kein einziger Aspekt von allen Unterweisungen des Meisters ist so gründlich missverstanden worden wie sein Versprechen, dereinst persönlich auf diese Welt zurückzukehren. Es ist nicht verwunderlich, dass Michael ein Interesse daran hat, irgendwann auf den Planeten zurückzukehren, auf dem er als ein Sterblicher der Welt durch die Erfahrung seiner siebenten und letzten Selbsthingabe gegangen ist. Es ist nur natürlich zu glauben, dass Jesus von Nazareth, jetzt souveräner Herrscher über ein ausgedehntes Universum, daran interessiert ist, nicht nur einmal, sondern sogar viele Male auf die Welt zurückzukehren, auf der er ein so einzigartiges Leben gelebt und dafür vom Vater schließlich unbegrenzte Macht und Autorität über sein Universum erhalten hat. Urantia wird ewig eine der sieben Geburtswelten Michaels bleiben, auf denen er sich die Souveränität über sein Universum verdient hat.

176:4.2

Jesus bekundete bei zahlreichen Gelegenheiten und vielen Personen gegenüber seine Absicht, auf diese Welt zurückzukehren. Als seine Anhänger der Tatsache gewahr wurden, dass ihr Meister nicht die Rolle eines weltlichen Befreiers übernehmen würde, und als sie seine Vorhersagen über die Zerstörung Jerusalems und den Fall der jüdischen Nation anhörten, begannen sie ganz natürlich, seine versprochene Rückkehr mit diesen katastrophalen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Als aber die römischen Armeen die Mauern Jerusalems dem Erdboden gleichmachten, den Tempel zerstörten und die Juden Judäas zerstreuten und der Meister sich immer noch nicht in Macht und Glanz offenbarte, begannen seine Anhänger jenen Glauben zu formulieren, der schließlich das zweite Erscheinen Christi mit dem Ende des Zeitalters oder sogar mit dem Ende der Welt verband.

176:4.3

Jesus versprach, zwei Dinge zu tun, nachdem er zum Vater aufgestiegen wäre und alle Macht im Himmel und auf Erden in seine Hände gelegt würde. Erstens versprach er, der Welt an seiner Stelle einen anderen Lehrer, den Geist der Wahrheit, zu senden; und das tat er am Pfingsttag. Zweitens versprach er seinen Anhängern ganz bestimmt, irgendwann persönlich auf diese Welt zurückzukehren. Aber er sagte nicht, wie, wo und wann er diesen Planeten, auf dem er durch seine menschliche Erfahrung der Selbsthingabe gegangen war, erneut besuchen werde. Bei einer Gelegenheit deutete er an, dass das leibliche Auge ihn wohl erblickt habe, als er hier in Menschengestalt lebte, dass ihn aber bei seiner Rückkehr (oder zumindest bei einem seiner möglichen Besuche) nur das Auge des geistigen Glaubens erkennen werde.

176:4.4

Viele von uns neigen dem Glauben zu, dass Jesus in den kommenden Zeitaltern viele Male auf Urantia zurückkehren wird. Wir haben nicht sein ausdrückliches Versprechen, dass er diese wiederholten Besuche machen wird, aber es scheint höchst wahrscheinlich, dass derjenige, der unter seinen Universumstiteln auch den eines Planetarischen Fürsten von Urantia führt, die Welt, deren Eroberung ihm einen so einzigartigen Titel eintrug, viele Male besuchen wird.

176:4.5

Wir glauben ganz bestimmt, dass Michael wieder persönlich nach Urantia kommen wird, aber wir haben nicht die leiseste Ahnung, welchen Zeitpunkt oder welche Art des Kommens er wählen wird. Wird sein zweites Erscheinen auf der Erde zeitlich so angesetzt werden, dass es in Verbindung mit dem letzten Gericht des gegenwärtigen Zeitalters stattfindet, sei es mit oder ohne ein damit verknüpftes Erscheinen eines Richtersohnes? Wird er im Zusammenhang mit der Beendigung irgendeines späteren urantianischen Zeitalters kommen? Wird er unangemeldet erscheinen und als ein selbstständiges Ereignis? Wir wissen es nicht. Wir sind nur einer Sache sicher, nämlich dieser: Wenn er wiederkehrt, wird es voraussichtlich die ganze Welt wissen, denn er muss als der höchste Gebieter eines Universums kommen und nicht als das unbekannte Neugeborene von Betlehem. Wenn aber jedes Auge ihn sehen soll, und wenn nur geistige Augen imstande sind, seine Gegenwart wahrzunehmen, dann muss sein Erscheinen lange hinausgeschoben werden.

176:4.6

Ihr tätet deshalb gut daran, des Meisters persönliche Rückkehr auf die Erde mit keinen festen Ereignissen oder bestimmten Epochen in Verbindung zu bringen. Wir sind uns nur einer Sache sicher: Er hat versprochen zurückzukehren. Wir haben keine Ahnung, wann und in welchem Zusammenhang er sein Versprechen erfüllen wird. Soviel wir wissen, kann er jeden Tag auf der Erde erscheinen, es kann aber auch sein, dass er erst kommen wird, nachdem ganze Zeitalter verstrichen und diese von seinen Mitarbeitern, den Söhnen des Paradies-Korps, ordnungsgemäß gerichtet worden sind.

176:4.7

Das zweite Erscheinen Michaels auf Erden ist sowohl für die Mittler wie für die Menschen ein Ereignis von gewaltigem gefühlsmäßigem Wert; aber im Übrigen hat es für die Mittler keine unmittelbare Bedeutung und ist für die menschlichen Wesen von keiner größeren praktischen Wichtigkeit als das gewöhnliche Ereignis des natürlichen Todes, der die sterblichen Menschen so plötzlich in die unmittelbare Aktualität jener Folge universeller Abläufe wirft, die direkt in die Gegenwart eben desselben Jesus, des souveränen Gebieters unseres Universums, führen. Die Kinder des Lichts sind alle dazu bestimmt, ihn zu sehen, und es hat keine ernsthafte Bedeutung, ob wir zu ihm gehen, oder ob es sich trifft, dass er zuerst zu uns kommt. Haltet euch deshalb stets bereit, ihn auf Erden willkommen zu heißen, so wie er bereit ist, euch im Himmel willkommen zu heißen. Wir erwarten zuversichtlich sein glorreiches Erscheinen, sogar sein wiederholtes Kommen, aber wir wissen überhaupt nichts darüber, wie, wann und in welchem Zusammenhang ihm zu erscheinen bestimmt ist.


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