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Sie ziehen durch Samaria

ENDE Juni 27 n. Chr. – angesichts des wachsenden Widerstandes der j­üdischen religiösen Führer – verließen Jesus und die Zwölf Jerusalem, nachdem sie ihre Zelte und spärlichen persönlichen Habseligkeiten zur Aufbewahrung ins Haus des Lazarus in Bethanien gebracht hatten. Auf ihrem Weg nordwärts nach Samaria verweilten sie den Sabbat über in Bethel. Sie predigten hier mehrere Tage lang zu den aus Gophna und Ephraim herbeigekommenen Leuten. Eine Gruppe von Bürgern aus Arimathäa und Thamna kam, um Jesus zum Besuch ihrer Dörfer einzuladen. Der Meister und seine Apostel verbrachten mehr als zwei Wochen mit der Unterweisung der Juden und Samaritaner dieser Gegend. Viele von ihnen waren von so weit entlegenen Orten wie Antipatris hergekommen, um die gute Nachricht vom Königreich zu hören.

143:0.2

Die Bewohner des südlichen Samaria hörten Jesus mit Freuden zu, und die Apostel mit Ausnahme von Judas Iskariot vermochten manche ihrer Vorurteile gegen die Samaritaner zu überwinden. Es fiel Judas äußerst schwer, diese Samaritaner zu lieben. In der letzten Juliwoche schickten Jesus und seine Gefährten sich an, sich in die neuen griechischen Städte Phasaelis und Archelais in der Nähe des Jordans zu begeben.

1. Sie predigen in Archelais

143:1.1

In der ersten Augusthälfte schlug die apostolische Gemeinschaft ihr Hauptquartier in den griechischen Städten Archelais und Phasaelis auf, wo die Apostel zum ersten Mal die Erfahrung machten, zu einer fast nur aus Nichtjuden bestehenden Zuhörerschaft von Griechen, Römern und Syrern zu sprechen; denn nur ganz wenige Juden wohnten in diesen beiden griechischen Städten. In der Begegnung mit diesen römischen Bürgern stießen die Apostel auf neue Schwierigkeiten bei der Verkündigung der Botschaft des kommenden Königreichs, und sie sahen sich mit neuen Einwänden gegen Jesu Lehren konfrontiert. Bei einer der zahlreichen abendlichen Zusammenkünfte mit seinen Aposteln, als die Zwölf über ihre Erfahrungen bei ihrer persönlichen Arbeit mit den Menschen berichteten, hörte Jesus sich aufmerksam diese Einwände gegen das Evangelium des Königreichs an.

143:1.2

Eine von Philipp gestellte Frage war für ihre Schwierigkeiten bezeichnend. Philipp sagte: „Meister, diese Griechen und Römer nehmen unsere Botschaft auf die leichte Schulter und sagen, dass solche Lehren nur für Schwächlinge und Sklaven taugen. Sie behaupten, die Religion der Heiden sei unserer Lehre überlegen, da sie zur Erwerbung eines starken, widerstandsfähigen und dynamischen Charakters anrege. Sie versichern, wir bekehrten alle Menschen zu geschwächten Exemplaren von passiven Widerstandslosen, die bald vom Erdboden verschwinden würden. Sie haben dich gern, Meister, und geben freimütig zu, dass deine Lehre himmlisch und ideal ist, aber sie wollen uns nicht ernst nehmen. Sie behaupten, deine Religion sei nicht für diese Welt und die Menschen könnten nicht so leben, wie du es lehrst. Nun, Meister, was sollen wir diesen Heiden sagen?“

143:1.3

Nachdem Jesus sich auch ähnliche von Thomas, Nathanael, Simon Zelotes und Matthäus vorgebrachte Einwände gegen das Evangelium des Königreichs angehört hatte, sprach er zu den Zwölf:

143:1.4

„Ich bin in diese Welt gekommen, um den Willen meines Vaters auszuführen und der ganzen Menschheit seinen liebenden Charakter zu offenbaren. Dies, meine Brüder, ist meine Sendung. Und diese Aufgabe werde ich erfüllen, auch wenn Juden oder Nichtjuden der heutigen Zeit oder einer anderen Generation meine Lehren missverstehen. Aber ihr solltet die Tatsache nicht übersehen, dass selbst göttliche Liebe strenge Disziplin kennt. Die Liebe eines Vaters für seinen Sohn zwingt den Vater häufig, den unklugen Handlungen seines unüberlegten Sprösslings Einhalt zu gebieten. Das Kind versteht die weisen und liebenden Beweggründe der einschränkenden Disziplin des Vaters nicht immer. Aber ich erkläre euch, dass mein Vater im Paradies tatsächlich kraft der unwiderstehlichen Macht seiner Liebe ein Universum von Universen beherrscht. Die Liebe ist die größte aller Geistrealitäten. Die Wahrheit ist eine befreiende Offenbarung, aber die Liebe ist die höchste aller Beziehungen. Und wie grob die Fehler auch sein mögen, die eure Mitmenschen bei der Bewältigung der heutigen Welt machen, so wird doch in einem zukünftigen Zeitalter das Evangelium, das ich euch verkündige, diese nämliche Welt regieren. Das Endziel menschlichen Fortschritts ist die ehrfürchtige Anerkennung der Vaterschaft Gottes und die liebende Verwirklichung der Brüderlichkeit unter den Menschen.

143:1.5

Aber wer sagte euch, dass mein Evangelium nur für Sklaven und Schwä­chlinge bestimmt sei? Seht ihr, meine berufenen Apostel, wie Schwäch­linge aus? Glich Johannes etwa einem Schwächling? Habt ihr je festgestellt, dass ich von Furcht beherrscht werde? Es ist wahr, dass das Evangelium den Armen und Schwachen dieser Generation gepredigt wird. Die Religionen dieser Welt haben die Armen vernachlässigt, aber mein Vater kennt kein Ansehen der Person. Übrigens sind es heute die Armen, die der Aufforderung zu Reue und Anerkennung der Gottessohnschaft als erste Folge leisten. Das Evangelium des Königreichs soll aber allen Menschen gepredigt werden – Juden und Heiden, Griechen und Römern, Reichen und Armen, Freien und Sklaven – und ebenso Jungen und Alten wie Männern und Frauen.

143:1.6

Aber macht euch nicht den Gedanken zu eigen, der Dienst am Königreich sei monoton und mühelos, weil mein Vater ein Gott der Liebe ist und große Freude an barmherzigen Tun hat. Der Aufstieg zum Paradies ist das größte Abenteuer aller Zeiten, die mühsame Eroberung der Ewigkeit. Der Dienst am Königreich auf Erden wird die ganze mutige Männlichkeit abverlangen, die ihr und eure Mitarbeiter aufzubringen imstande seid. Viele von euch werden für ihre Treue zum Evangelium des Königreichs getötet werden. Es ist leicht, an der Front einer physischen Schlacht zu sterben, wenn euer Mut durch die Gegenwart eurer kämpfenden Kameraden gestärkt wird, aber es bedarf einer höheren und wesentlicheren Art menschlichen Muts und menschlicher Hingabe, um euer Leben ganz allein und ruhig einzig aus Liebe zu einer in eurem sterblichen Herzen gehüteten Wahrheit zu opfern.

143:1.7

Heute verhöhnen die Ungläubigen euch vielleicht, weil ihr ein Evangelium der Widerstandslosigkeit predigt und ein gewaltloses Leben führt; aber ihr seid die er­sten Freiwilligen in einer langen Reihe von aufrichtigen Gläubigen des Evangeliums dieses Königreichs, welche die ganze Menschheit durch ihre heldenhafte Hingabe an diese Lehren in Erstaunen versetzen werden. Keine Armeen der Welt haben je mehr Mut und Tapferkeit an den Tag gelegt, als ihr und eure treuen Nachfolger beweisen werdet, die ihr in alle Welt hinausgehen und die gute Nachricht von der Vaterschaft Gottes und der Brüderlichkeit der Menschen verkünden werdet. Der physische Mut ist die niedrigste Form von Tapferkeit. Verstandesmut ist eine höhere Art von menschlicher Tapferkeit, die höchste und größte aber ist das kompromisslose Festhalten am erleuchteten Überzeugtsein von tiefgründigen geis­tigen Realitäten. Und aus solcher Tapferkeit besteht der Heroismus desjenigen, der Gott kennt. Und ihr alle kennt Gott, denn ihr seid wahrlich die persönlichen Gefährten des Menschensohns.“

143:1.8

Das war nicht alles, was Jesus bei dieser Gelegenheit sagte, sondern nur die Einleitung zu seinen Ausführungen; des Langen und Breiten entwickelte und veranschaulichte er sodann das Gesagte. Das war eine der leidenschaftlichsten je an die Zwölf gerichteten Reden Jesu. Selten sprach der Meister zu seinen Aposteln mit sichtlich starken Gefühlen, aber dies war eine jener wenigen Gelegenheiten, bei denen er mit einem großen, von tiefer Gemütsbewegung begleiteten Ernst sprach.

143:1.9

Die Wirkung auf die öffentliche Predigt der Apostel und ihren Dienst am Einzelnen war unmittelbar; von jenem Tag an gewann ihre Botschaft einen neuen Klang mutiger Bestimmtheit. Die Zwölf eigneten sich immer mehr den Geist positiver Dynamik des neuen Evangeliums vom Königreich an. Von dem Tag an legten sie nicht mehr so viel Gewicht auf das Predigen der negativen Tugenden und passiven Aufforderungen in der vielseitigen Lehre ihres Meisters.

2. Lektion über Selbstbeherrschung

143:2.1

Der Meister war ein vollendetes Beispiel menschlicher Selbstbeherrschung. Wurde er geschmäht, so schmähte er nicht; litt er, so stieß er keine Drohungen gegen seine Peiniger aus; klagten ihn seine Feinde öffentlich an, so vertraute er sich einfach dem gerechten Urteil seines Vaters im Himmel an.

143:2.2

An einer der abendlichen Zusammenkünfte fragte Andreas Jesus: „Meister, sollen wir uns in Selbstverleugnung üben, wie Johannes es uns gelehrt hat, oder sollen wir nach der von dir gelehrten Selbstbeherrschung streben? Worin unterscheidet sich deine Lehre von der des Johannes?“ Jesus antwortete: „Johannes lehrte euch in der Tat den Weg der Rechtschaffenheit gemäß den Erkenntnissen und den Gesetzen seiner Väter, und das war die Religion der Selbstprüfung und Selbstverleugnung. Aber ich komme mit einer neuen Botschaft der Selbstvergessenheit und Selbstbeherrschung. Ich zeige euch den Weg des Lebens, so wie mein Vater im Himmel ihn mir offenbart hat.

143:2.3

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, derjenige, der seinem eigenen Selbst gebietet, ist größer als derjenige, der eine Stadt erobert. Die Selbstbeherrschung ist das Maß für die sittliche Natur des Menschen und ein Hinweis auf seine geistige Entwicklung. Unter der alten Ordnung habt ihr gefastet und gebetet; als neue, aus dem Geiste geborene Geschöpfe werdet ihr gelehrt, zu glauben und euch zu freuen. In des Vaters Königreich sollt ihr neue Geschöpfe werden; das Alte wird dahinschwinden. Seht, ich zeige euch, wie alle Dinge neu werden sollen. Und durch eure Liebe füreinander sollt ihr die Welt davon überzeugen, dass ihr aus der Knechtschaft in die Freiheit und vom Tod ins ewige Leben geschritten seid.

143:2.4

Auf die alte Weise versucht man zu unterdrücken, zu gehorchen und sich an Lebensregeln zu halten. Auf die neue Weise werdet ihr zuerst durch den Geist der Wahrheit verwandelt und dadurch in tiefster Seele durch die ständige geistige Erneuerung eurer Verstandeskräfte gestärkt. Und so wird euch als Geschenk die Macht zuteil, sicher und freudig den gnadenreichen, angenehmen und vollkommenen Willen Gottes auszuführen. Vergesst nicht – es ist euer persönlicher Glaube an die außerordentlich großen und kostbaren Versprechen Gottes, der sicherstellt, dass ihr an der göttlichen Natur teilhaben werdet. So werdet ihr kraft eures Glaubens und dank der Verwandlung durch den Geist wahrhaftig zu Tempeln Gottes, und sein Geist wohnt wirklich in euch. Wenn also der Geist in euch wohnt, seid ihr nicht mehr Sklaven des Fleisches, sondern befreite, ungebundene Söhne des Geis­tes. Das neue Gesetz des Geistes schenkt euch die Freiheit der Selbstbeherrschung anstelle des alten Gesetzes, in dem die durch Selbstunterdrückung bewirkte Furcht herrscht und die Sklaverei der Selbstverleugnung.

143:2.5

Oft habt ihr nach einer schlechten Tat daran gedacht, sie dem Einfluss des Teufels zuzuschreiben, während euch in Wirklichkeit eure eigenen natürlichen Regungen vom rechten Weg abgebracht hatten. Hat euch nicht der Prophet Jeremia vor langer Zeit gesagt, das menschliche Herz sei voller Trug und manchmal sogar hoffnungslos verdorben? Wie leicht geschieht es euch, euch selbst zu betrügen und dadurch t­örichten Ängsten, manchen Süchten und versklavenden Vergnügungen, Bosheit, Neid und gar rachsüchtigem Hass zu erliegen!

143:2.6

Die Rettung geschieht durch die Erneuerung des Geistes und nicht durch selbstgerechte Taten des Fleisches. Der Glaube rechtfertigt euch, und die Gnade – nicht Furcht und Selbstverleugnung des Fleisches – ist eure Weggefährtin. Und trotzdem sind die aus dem Geiste geborenen Kinder des Vaters immer Meister ihres Selbst und all dessen, was mit den Begierden des Fleisches zu tun hat. Wenn ihr wisst, dass der Glaube euch rettet, dann habt ihr wirklichen Frieden mit Gott. Und alle, die dem Pfad dieses himmlischen Friedens folgen, sind dazu ausersehen, im ewigen Dienst der immer vorwärts schreitenden Söhne des ewigen Gottes geheiligt zu werden. Von nun an ist es keine Pflicht mehr, sondern viel eher euer erhabenes Vorrecht, eure Gedanken und Körper von allem Schlechten zu reinigen, während ihr nach der Vollkommenheit in der Liebe Gottes strebt.

143:2.7

Eure Sohnschaft liegt im Glauben begründet, und die Angst soll euch ungerührt lassen. Eure Freude entspringt aus dem Vertrauen in das göttliche Wort, und ihr sollt euch deshalb nicht dazu verführen lassen, die Realität der Liebe und Barmherzigkeit des Vaters in Zweifel zu ziehen. Die große Güte Gottes ist es, die die Menschen zu wahrer und echter Reue führt. Das Geheimnis eurer Selbstbeherrschung liegt in eurem Glauben an den euch innewohnenden Geist, der immer durch Liebe wirkt. Auch diesen rettenden Glauben habt ihr nicht aus euch selber; auch er ist das Geschenk Gottes. Und als Kinder dieses lebendigen Glaubens seid ihr nicht mehr die Sklaven des Selbst, sondern die siegreichen Meister eurer selbst und Gottes befreite Söhne.

143:2.8

Wenn ihr also, meine Kinder, aus dem Geiste geboren seid, dann seid ihr auch für immer von der ichbewussten Knechtschaft eines Lebens der Selbst­verleugnung und der Überwachung der Gelüste des Fleisches befreit, und ihr übersiedelt in das freudvolle Königreich des Geistes, dessen Früchte in eurem täglichen Leben spontan in Erscheinung treten; diese Früchte des Geistes sind die Essenz der höchsten Art freudiger und veredelnder Selbstbeherrschung, ja sogar der Gipfel irdischer, menschlicher Verwirklichung – wahre Herrschaft über sich selber.“

3. Abwechslung und Entspannung

143:3.1

Um diese Zeit entwickelte sich unter den Aposteln und den unmittelbar mit ihnen zusammenarbeitenden Jüngern ein Zustand großer nervlicher und gefühlsmäßiger Spannung. Sie hatten sich noch kaum an ein Zusammenleben und Zusammenarbeiten gewöhnt. Es fiel ihnen immer schwerer, harmonische Beziehungen mit den Jüngern des Johannes aufrechtzuerhalten. Der Kontakt mit den Heiden und Samaritanern war für diese Juden eine schwere Prüfung. Und zu alledem hatten die jüngsten Äußerungen Jesu ihren verstörten Gemütszustand noch vergrößert. Andreas war fast außer sich; er wusste nicht mehr, was er als Nächstes tun sollte, und so ging er mit seinen Problemen und seiner Ratlosigkeit zu Jesus. Nachdem Jesus sich den Bericht des apostolischen Oberhauptes über seine Schwierigkeiten angehört hatte, sagte er: „Andreas, man kann Menschen nicht durch bloßes Reden aus ihrer Verworrenheit heraushelfen, wenn sie einen solchen Grad von Verstrickung erreicht haben und wenn dabei so viele Personen mit starken Gefühlen betroffen sind. Ich kann nicht tun, was du von mir verlangst – ich will mich auf diese persönlichen Probleme des Zusammenlebens nicht einlassen – aber ich will gerne drei Tage der Ruhe und Entspannung mit euch genießen. Geh zu deinen Brüdern und eröffne ihnen, dass ihr alle mit mir auf den Berg Sartaba steigen sollt, wo ich einen oder zwei Tage ruhen möchte.

143:3.2

Du solltest jetzt zu jedem deiner elf Brüder gehen, einzeln mit ihnen sprechen und sagen: ‚Der Meister wünscht, dass wir uns mit ihm für eine Ruhe- und Entspannungsphase abseits begeben. Da wir alle vor kurzem große Geistesnöte und Gemütsanspannungen erlebt haben, schlage ich vor, dass unsere Prüfungen und Schwierigkeiten während dieser Ruhetage nicht erwähnt werden. Kann ich mich auf dich verlassen, dass du in dieser Angelegenheit mit mir zusammenarbeitest?‘ Wende dich in dieser Weise vertraulich und persönlich an jeden deiner Brüder.“ Und Andreas tat, wie der Meister ihm aufgetragen hatte.

143:3.3

Das war für jeden von ihnen ein wunderbares Erlebnis; sie vergaßen diesen Tag der Bergbesteigung nie. Während des ganzen Ausflugs wurde kaum ein Wort über ihre Schwierigkeiten geredet. Auf dem Gipfel des Berges angekommen, hieß Jesus sie, sich um ihn herum zu setzen und sprach: „Meine Brüder, ihr müsst alle den Wert des Ruhens und die Wirksamkeit der Entspannung kennen lernen. Ihr müsst euch bewusst werden, dass die beste Methode zur Lösung von verwickelten Problemen darin besteht, sie für eine Weile loszulassen. Wenn ihr dann von eurer Ruhe oder Anbetung erfrischt zurückkehrt, seid ihr fähig, eure Schwierigkeiten mit klarerem Kopf und einer sichereren Hand anzupacken, ganz zu schweigen von einem entschlosseneren Herzen. Außerdem werdet ihr oft finden, dass Größe und Proportionen eures Problems abgenommen haben, während ihr Kopf und Körper Ruhe gegönnt habt.“

143:3.4

Am nächsten Tag wies Jesus jedem der Zwölf ein Diskussionsthema zu. Der ganze Tag war Erinnerungen und dem Gespräch über Angelegenheiten gewidmet, die in keiner Beziehung zu ihrer religiösen Arbeit standen. Sie waren einen Augenblick lang fassungslos, als Jesus es sogar unterließ, beim Brechen des Brotes für ihr Mittagessen ausdrücklich zu danken. Dies war das erste Mal, dass sie ihn solche Formalitäten vernachlässigen sahen.

143:3.5

Als sie den Berg hinanstiegen, war Andreas‘ Kopf voller Probleme. Johannes war im Innersten maßlos verwirrt. Jakobus war schmerzlich aufgewühlt in seiner Seele. Matthäus war in argen Geldverlegenheiten, weil sie sich bei den Heiden aufgehalten hatten. Petrus war überarbeitet und in der letzten Zeit leichter erregbar als gewöhnlich. Judas litt unter einem periodischen Anfall von Überempfindlichkeit und Ichbezogenheit. Simon war bei seinen Bemühungen, seinen Patriotismus mit der Liebe zu der Brüderlichkeit unter den Menschen zu versöhnen, ungewöhnlich aus der Verfassung geraten. Der Lauf der Dinge machte Philipp immer ratloser. Seit sie mit der heidnischen Bevölkerung in Berührung gekommen waren, war Nathanael weniger humorvoll, und Thomas befand sich mitten in einer Phase ernster Depression. Nur die Zwillinge blieben normal und gelassen. Alle waren in größter Verlegenheit, wie sie mit den Jüngern des Johannes friedlich auskommen könnten.

143:3.6

Als sie am dritten Tag aufbrachen, um den Berg hinunter und zurück in ihr Lager zu gehen, war in ihnen eine große Veränderung vorgegangen. Sie hatten die wichtige Entdeckung gemacht, dass viele menschliche Verwirrungen in Wirklichkeit gar nicht existieren, dass viele Schwierigkeiten, die einem zusetzen, die Schöpfung übertriebener Angst und das Ergebnis verstärkter Befürchtungen sind. Sie hatten gelernt, dass man mit solcher Ratlosigkeit am Besten umgeht, indem man sie loslässt. Durch ihr Weggehen ließen sie die Probleme sich von selber lösen.

143:3.7

Mit der Rückkehr von ihrem Ausflug begann eine Zeit wesentlich verbesserter Beziehungen zu den Anhängern des Johannes. Viele der Zwölf ließen ihrer Fröhlichkeit freien Lauf, als sie die veränderte Gemütsverfassung aller feststellten und die Befreiung von nervöser Reizbarkeit beobachteten, die ihnen als Folge ihrer dreitägigen Ferien von den routinemäßigen Lebensaufgaben geschenkt worden war. Es besteht immer die Gefahr, dass die Eintönigkeit menschlichen Kontaktes Verwirrungen beträchtlich vermehrt und Schwierigkeiten vergrößert.

143:3.8

Nur wenige Heiden in den beiden griechischen Städten Archelais und Phasaelis glaubten an das Evangelium, aber die zwölf Apostel wurden während dieser ihrer ersten intensiven Tätigkeit unter ausschließlich nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen um eine wertvolle Erfahrung reicher. An einem Montagmorgen ungefähr Mitte des Monats sagte Jesus zu Andreas: „Wir gehen nach Samaria.“ Und sie machten sich sogleich auf den Weg nach der Stadt Sychar in der Nähe des Jakobsbrunnens.

4. Die Juden und die Samaritaner

143:4.1

Seit mehr als sechshundert Jahren waren die Juden von Judäa und später auch diejenigen von Galiläa mit den Samaritanern verfeindet. Das böse Blut zwischen Juden und Samaritanern war auf folgende Weise entstanden: Ungefähr siebenhundert Jahre vor Christus verschleppte Sargon, König von Assyrien, nach der Niederschlagung einer Revolte in Zentralpalästina über fünfundzwanzigtausend Juden des nördlichen Königreichs Israels in die Gefangenschaft und siedelte an ihrer Stelle eine fast gleich große Zahl von Nachkommen der Kuthiter, Sepharviter und Hamathiter an. Später sandte Assurbanipal noch andere Siedlergruppen nach Samaria.

143:4.2

Die religiöse Feindschaft zwischen Juden und Samaritanern ging auf die Rückkehr jener aus der babylonischen Gefangenschaft zurück, als die Sama­ritaner versuchten, den Wiederaufbau Jerusalems zu verhindern. Später beleidigten sie die Juden, als sie den Armeen Alexanders freundliche Unterstützung gewährten. Zum Dank für ihre Freundschaft erlaubte Alexander den Samaritanern, auf dem Berg Gerizim einen Tempel zu errichten, wo sie Jahve und ihre Stammesgötter anbeteten und ihnen in enger Anleh­nung an die Ord­nung der Tempeldienste in Jerusalem Opfer darbrachten. Diesen Kult führten sie mindestens bis in die Zeit der Makkabäer weiter, als Johannes Hyrkanus ihren Tempel auf dem Berg Gerizim zerstörte. Bei seinen Bemühungen um die Samaritaner nach Jesu Tod hielt der Apostel Philipp am Ort dieses alten Samaritanertempels viele Versammlungen ab.

143:4.3

Die Feindschaft zwischen Juden und Samaritanern war uralt und historisch. Seit den Tagen Alexanders hatte es immer weniger Kontakte zwischen ihnen gegeben. Die zwölf Apostel sträubten sich nicht dagegen, in den griechischen und anderen Heidenstädten der Dekapolis und Syriens zu predigen; hingegen wurde ihre Ergebenheit gegenüber dem Meister auf eine harte Probe gestellt, als er sagte: „Gehen wir nach Samaria.“ Aber in der etwas mehr als einjährigen Zeit ihres Zusammenseins mit Jesus hatte sich in ihnen eine Art persönlicher Treue entwickelt, die sogar stärker war als ihr Glaube an seine Lehren und als ihre Vorurteile gegen die Samaritaner.

5. Die Frau von Sychar

143:5.1

Als der Meister und die Zwölf am Jakobsbrunnen ankamen, war Jesus müde von der Reise und blieb beim Brunnen, während Philipp die Apostel mit sich nahm, damit sie ihm behilflich wären, Lebensmittel und Zelte von Sychar herbeizuholen; denn sie planten, sich eine Weile in der Nachbarschaft aufzuhalten. Petrus und die Söhne des Zebedäus wären gerne bei Jesus geblieben, aber er bat sie, ihre Brüder zu begleiten, und sagte: „Habt keine Angst um mich; diese Samaritaner werden freundlich sein; nur unsere Brüder, die Juden, suchen uns zu schaden.“ Und es war fast sechs Uhr an diesem Sommerabend, als Jesus sich am Brunnen niederließ, um auf die Rückkehr der Apostel zu warten.

143:5.2

Das Wasser des Jakobsbrunnens war weniger mineralhaltig als dasjenige der Brunnen von Sychar und deshalb als Trinkwasser sehr geschätzt. Jesus war dur­stig, aber es gab keine Möglichkeit, Wasser aus dem Brunnen zu bekommen. Als nun eine Frau aus Sychar mit ihrem Wasserkrug daherkam und sich anschickte, aus dem Brunnen zu schöpfen, sagte Jesus zu ihr: „Gib mir zu trinken.“ Die Samaritanerin wusste nach Jesu Erscheinung und Kleidung, dass er Jude war, und seine Aussprache ließ sie vermuten, dass er ein galiläischer Jude war. Sie hieß Nalda und war ein schönes Geschöpf. Sie war sehr überrascht, in dieser Weise von einem jüdischen Mann am Brunnen angesprochen und um Wasser gebeten zu werden; denn in der damaligen Zeit galt es für einen Mann, der etwas auf sich hielt, als unschicklich, in der Öffentlichkeit mit einer Frau zu reden, und noch vielmehr für einen Juden, sich mit einer Samaritanerin zu unterhalten. Deshalb fragte Nalda Jesus: „Wie kommt es, dass du, ein Jude, mich, eine samaritanische Frau, um Wasser bittest?“ Jesus gab zur Antwort: „Ich habe dich allerdings um Wasser gebeten, aber wenn du nur verstehen könntest, würdest du von mir einen Schluck lebendigen Wassers verlangen.“ Da sagte Nalda: „Aber Herr, du hast kein Schöpfgerät, und der Brunnen ist tief; woher willst du denn dieses lebendige Wasser nehmen? Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gab und der selber daraus trank, und mit ihm seine Söhne und sein Vieh?“

143:5.3

Jesus erwiderte: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst haben, aber wer vom Wasser des lebendigen Geistes trinkt, den wird niemals dürsten. Und dieses lebendige Wasser wird in ihm zu einer Quelle der Erfrischung werden, die sogar bis in das ewige Leben hineinsprudeln wird.“ Da sagte Nalda: „Gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr leide und nicht mehr den ganzen Weg zum Schöpfen herkommen muss. Übrigens, alles was eine samaritanische Frau von einem so empfehlenswerten Juden empfangen könnte, wäre ein Vergnügen.“

143:5.4

Nalda wusste nicht, wie sie Jesu Gesprächsbereitschaft mit ihr auffassen sollte. Sie sah in des Meisters Antlitz den Ausdruck eines geraden und heiligen Mannes, aber sie hielt seine Freundlichkeit fälschlicherweise für gewöhnliche Vertraulichkeit und seine bildliche Ausdrucksweise für ein Mittel, sich an sie heranzumachen. Und da sie eine Frau von lockeren Sitten war, wollte sie offen mit ihm anbändeln, als Jesus ihr gerade in die Augen schaute und im Befehlston sprach: „Frau, geh deinen Mann holen und bring ihn hierher.“ Dieser Befehl brachte Nalda zur Besinnung. Sie erkannte, dass sie die Freundlichkeit des Meisters falsch ausgelegt hatte, und begriff, dass sie seinen Worten einen falschen Sinn beigelegt hatte. Sie erschrak. Es dämmerte ihr, dass sie sich in Gegenwart einer ungewöhnlichen Person befand. Sie suchte nach einer passenden Antwort und sagte endlich in großer Verwirrung: „Aber Herr, ich kann meinen Mann nicht holen, da ich keinen Mann habe.“ Da sagte Jesus: „Du hast die Wahrheit gesagt, denn, magst du auch einmal einen Mann gehabt haben, derjenige, mit dem du jetzt lebst, ist nicht dein Mann. Es wäre besser, du hörtest auf, mit meinen Worten leichtfertig umzugehen und suchtest nach dem lebendigen Wasser, das ich dir heute angeboten habe.“

143:5.5

Jetzt war Nalda ernüchtert, und ihr besseres Selbst war geweckt. Sie war nicht ganz aus freiem Willen eine Frau ohne Moral geworden. Sie war von ihrem Ehemann erbarmungslos und ungerechtfertigterweise verstoßen worden und hatte sich in einer ernsten Notlage bereit erklärt, mit einem gewissen Griechen als dessen Frau aber ohne Heirat zusammenzuleben. Nalda schämte sich nun zutiefst, so gedankenlos mit Jesus gesprochen zu haben, und in größter Zerknirschung wandte sie sich mit den Worten an den Meister: „Mein Herr, ich bereue, in dieser Art mit dir gesprochen zu haben, denn ich sehe klar, dass du ein heiliger Mann oder vielleicht sogar ein Prophet bist.“ Und sie war gerade im Begriff, den Meister um direkte und persönliche Hilfe anzugehen, als sie das tat, was so viele vor und nach ihr getan haben – sie wich dem wesentlichen Punkt der persönlichen Rettung aus, indem sie zu theologischen und philosophischen Erörterungen überging. Rasch lenkte sie die Unterhaltung von ihren eigenen Bedürfnissen weg und zu einer theologischen Streitfrage. Sie zeigte hinüber zum Berg Gerizim und fuhr fort: „Unsere Väter haben Gott auf diesem Berg angebetet, und doch würdest du sagen, dass Jerusalem der Ort ist, wo die Menschen ihn anbeten sollten; welches ist nun der richtige Ort der Anbetung Gottes?“

143:5.6

Jesus erkannte den Versuch der Seele der Frau, einem direkten und forschenden Kontakt mit ihrem Schöpfer auszuweichen, aber er sah auch, dass in ihrer Seele der Wunsch gegenwärtig war, die bessere Lebensweise kennen zu lernen. Im Grunde verspürte Naldas Herz einen wahren Durst nach dem lebendigen Wasser; deshalb übte er mit ihr Geduld und sagte: „Frau, lass mich dir sagen, dass bald der Tag kommt, wo du den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten wirst. Aber gegenwärtig betest du etwas an, was du nicht kennst, ein Gemisch aus der Religion vieler heidnischer Götter und Philosophien. Die Juden wissen wenigstens, wen sie anbeten. Sie haben alle Unklarheit ausgeräumt und ihre Anbetung auf den einen Gott, Jahve, konzentriert. Aber du solltest mir glauben, wenn ich sage, dass die Stunde bald kommt – sogar schon da ist – da alle aufrichtigen Gläubigen den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten, denn gerade solche Betende sucht der Vater. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Dein Heil wird dir nicht aus dem Wissen zuteil, wie und wo andere anbeten sollen, sondern indem du in deinem eigenen Herzen dieses lebendige Wasser empfängst, das ich dir jetzt anbiete.“

143:5.7

Aber Nalda unternahm noch einen weiteren Versuch, um ein Eingehen auf die unbequeme Frage nach ihrem persönlichen Leben auf Erden und nach dem Stand ihrer Seele vor Gott zu vermeiden. Noch einmal flüchtete sie sich in allgemeine religiöse Fragen, indem sie sagte: „Ja, Herr, ich weiß, dass Johannes vom Kommen des Bekehrers, den man den Befreier nennen wird, gepredigt hat, und dass dieser, wenn er kommt, uns alles verkündigen wird“ – da unterbrach Jesus Nalda und sagte mit verblüffender Selbstsicherheit: „Ich, der ich mit dir spreche, bin dieser.“

143:5.8

Das war die erste direkte, positive und unverhüllte Erklärung seiner göttlichen Natur und Sohnschaft, die Jesus auf Erden machte; und er machte sie gegenüber einer Frau, zudem einer samaritanischen Frau, und einer Frau, die bis zu diesem Zeitpunkt in den Augen der Menschen einen fragwürdigen Charakter hatte, aber einer Frau, gegen die aus göttlicher Sicht mehr gesündigt worden war, als dass sie aus eigenem Antrieb gesündigt hatte, und die jetzt eine menschliche Seele war, die Rettung wünschte und diese aufrichtig und von ganzem Herzen wünschte; und das genügte.

143:5.9

Als Nalda sich anschickte, ihre wirkliche und persönliche Sehnsucht nach etwas Besserem und nach einer würdigeren Lebensweise auszudrücken, gerade als sie bereit war, ihren wahren Herzenswunsch auszusprechen, kehrten die zwölf Apostel von Sychar zurück, und sie waren mehr als erstaunt, als sie Jesus in so vertraulichem Gespräch mit dieser Frau – einer samaritanischen Frau, und allein mit ihr – vorfanden. Sie setzten rasch ihre Vorräte ab und traten zur Seite; keiner wagte, ihn zu tadeln. Währenddessen sagte Jesus zu Nalda: „Frau, geh deines Weges; Gott hat dir vergeben. Fortan wirst du ein neues Leben leben. Du hast das lebendige Wasser empfangen, und eine neue Freude wird in deine Seele einziehen, und du wirst eine Tochter des Allerhöchsten werden.“ Und die Frau, die der Missbilligung der Apostel gewahr wurde, ließ ihren Wasserkrug stehen und floh zur Stadt.

143:5.10

Als sie die Stadt betrat, rief sie jedem zu, dem sie begegnete: „Geh zum Jakobsbrunnen hinaus, aber beeil‘ dich, denn dort wirst du einen Mann sehen, der mir alles gesagt hat, was ich jemals getan habe. Könnte das der Bekehrer sein?“ Und ehe die Sonne unterging, hatte sich eine große Menschenmenge beim Jakobsbrunnen versammelt, um Jesus zu hören. Und der Meister sprach zu ihnen weiter über das Wasser des Lebens, über die Gabe des innewohnenden Geistes.

143:5.11

Immer wieder waren die Apostel von Jesu Bereitwilligkeit schockiert, mit Frauen – Frauen fragwürdigen Charakters und sogar unmoralischen Frauen – zu sprechen. Es war sehr schwierig für Jesus, seinen Aposteln beizubringen, dass Frauen, und sogar sogenannte unmoralische Frauen, Seelen haben, die Gott als ihren Vater wählen und dadurch zu Töchtern Gottes und Anwär­terinnen auf das ewige Leben werden können. Sogar neunzehn Jahrhunderte später zeigen sich viele gleichermaßen unwillig, des Meisters Unterweisungen zu begreifen. Sogar die christliche Religion wurde beharrlich um die Tatsache des Todes Christi und nicht um die Wahrheit seines Lebens herum aufgebaut. Die Welt sollte sich mehr mit seinem glücklichen und Gott offenbarenden Leben als mit seinem tragischen und leidvollen Tod beschäftigen.

143:5.12

Nalda erzählte dem Apostel Johannes am nächsten Tag die ganze Begebenheit, aber er teilte sie den anderen Aposteln nie ganz mit, und Jesus sprach darüber nicht im Einzelnen mit den Zwölf.

143:5.13

Nalda sagte Johannes, dass Jesus ihr „alles, was ich jemals getan habe“ gesagt habe. Viele Male wollte Johannes Jesus über dieses Gespräch mit Nalda befragen, aber er tat es nie. Jesus sagte ihr nur eine einzige Tatsache über sie selbst, aber sein Blick in ihre Augen und die Art, wie er mit ihr umging, hatten in Sekundenschnelle ihr ganzes bewegtes Leben in panoramischer Übersicht derartig vor ihr geistiges Auge gebracht, dass sie diese ganze Selbstoffenbarung ihres vergangenen Lebens mit dem Blick und dem Wort des Meisters verband. Jesus sagte ihr nie, dass sie fünf Männer gehabt hatte. Seit ihr Ehemann sie verstoßen hatte, hatte sie mit vier verschiedenen Männern gelebt, und all das trat zusammen mit ihrer ganzen Vergangenheit im Augenblick, als sie erkannte, dass Jesus ein Mann Gottes war, so lebhaft vor sie, dass sie später Johannes gegenüber wiederholte, Jesus habe ihr tatsächlich alles über sie selbst gesagt.

6. Die samaritanische Erneuerung

143:6.1

Am Abend, als die Menge hinter Nalda aus Sychar hinauszog, um Jesus zu sehen, waren die Zwölf gerade mit Lebensmitteln zurückgekehrt, und sie drangen Jesus, doch mit ihnen zu essen anstatt zu den Leuten zu sprechen, da sie den ganzen Tag nichts zu sich genommen hatten und hungrig waren. Aber Jesus wusste, dass die Dunkelheit rasch hereinbrechen würde; deshalb beharrte er auf seinem Entschluss, zu den Leuten zu sprechen, bevor er sie wegschicken würde. Als Andreas ihn zu überreden versuchte, doch vor der Ansprache an die Menge einen Bissen zu essen, sagte Jesus: „Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nichts wisst.“ Als die Apostel dies hörten, sagten sie zueinander: „Hat irgendjemand ihm etwas zu essen gebracht? Kann es sein, dass die Frau ihm Speise und Trank gegeben hat?“ Als Jesus sie miteinander sprechen hörte, wandte er sich an die Zwölf, bevor er zu den Leuten sprach, und sagte zu ihnen: „Meine Speise ist, den Willen Dessen zu tun, der mich gesandt hat, und Sein Werk zu erfüllen. Ihr solltet aufhören zu sagen: Es dauert noch so und so lange bis zur Ernte. Seht diese Leute, die aus einer samaritanischen Stadt kommen, um uns zu hören; ich sage euch, die Felder sind schon weiß für die Ernte. Wer erntet, erhält seinen Lohn und sammelt die Frucht für das ewige Leben; deshalb freuen sich Sämänner und Schnitter miteinander. Hierin hat das Sprichwort recht: ‚Der eine sät und der andere erntet.‘ Ich sende euch jetzt aus, das zu ernten, woran ihr nicht gearbeitet habt; andere haben die Arbeit getan, und ihr steht im Begriff, in ihre Arbeit einzusteigen.“ Er sagte dies mit Bezug auf die Predigttätigkeit von Johannes dem Täufer.

143:6.2

Jesus und die Apostel gingen nach Sychar hinein und predigten zwei Tage lang, bevor sie ihr Lager auf dem Berg Gerizim aufschlugen. Und viele Bewohner von Sychar glaubten an das Evangelium und begehrten, getauft zu werden, aber Jesu Apostel tauften noch nicht.

143:6.3

Am ersten Abend ihres Lagers auf dem Berg Gerizim erwarteten die Apostel von Jesus einen Tadel wegen ihrer Haltung gegenüber der Frau am Jakobsbrunnen, aber er erwähnte die Sache nicht. Hingegen hielt er ihnen jenen denkwürdigen Vortrag über „Die Realitäten von zentraler Bedeutung im Königreich Gottes“. In jeder Religion geschieht es sehr leicht, dass gewisse Werte überbetont werden und die Theologie es Fakten erlaubt, den Platz von Wahrheiten einzunehmen. Die Kreuzestatsache wurde zum Schwerpunkt des späteren Christentums; aber sie ist nicht die zentrale Wahrheit der Religion, die aus Leben und Lehren Jesu von Nazareth abgeleitet werden kann.

143:6.4

Das Thema der Unterweisung Jesu auf dem Berg Gerizim war folgendes: Er wünscht, dass alle Menschen Gott als einen Vater-Freund betrachten, gerade wie er (Jesus) ein Bruder-Freund ist. Wieder und wieder prägte er ihnen ein, dass die Liebe die größte Beziehung in der Welt und im Universum ist, gerade wie die Wahrheit die größte Verkündigung der Beobachtung dieser göttlichen Beziehungen ist.

143:6.5

Jesus eröffnete sich den Samaritanern so ganz und gar, weil er es hier gefahrlos tun konnte und weil er wusste, dass er nie mehr in das Herz von Samaria zurückkehren würde, um das Evangelium vom Königreich zu predigen.

143:6.6

Jesus und die Zwölf lagerten bis Ende August auf dem Berg Gerizim. Tagsüber verkündigten sie den Samaritanern in den Städten die gute Nachricht vom Königreich – die Vaterschaft Gottes – und die Nacht verbrachten sie im Lager. Das Werk, das Jesus und die Zwölf in diesen samaritanischen Städten vollbrachten, brachte dem Königreich viele Seelen und ebnete in bedeutendem Maße den Weg für Philipps wunderbare Arbeit in dieser Gegend nach Jesu Tod und Auferstehung, nachdem sich die Apostel vor der heftigen Verfolgung der Gläubigen in Jerusalem in alle Welt zerstreut hatten.

7. Unterweisung über Gebet und Anbetung

143:7.1

An den abendlichen Zusammenkünften auf dem Berg Gerizim lehrte Jesus viele große Wahrheiten, und besonderen Nachdruck legte er auf Folgendes:

143:7.2

Wahre Religion wird von einer individuellen Seele in ihren ihr selbst bewussten Beziehungen zum Schöpfer ausgeübt; organisierte Religion ist der Versuch des Menschen, die Anbetung der individuellen Gläubigen zu sozialisieren.

143:7.3

Anbetung – Kontemplation des Geistigen – muss abwechseln mit Dienen und dem Kontakt mit der materiellen Wirklichkeit. Arbeit sollte sich mit Spiel abwechseln; Religion sollte durch Humor ausgewogen werden. Auf tiefgründige Philosophie sollte rhythmische Poesie folgen. Die Lebensmühsal – der auf die Persönlichkeit wirkende Zeitdruck – sollte durch ruhespendende Anbetung gelockert werden. Den Unsicherheitsgefühlen, die der Furcht der Persönlichkeit vor Isolation im Universum entspringen, sollte mit der gläubigen Kontemplation des Vaters begegnet werden und mit dem Versuch, sich des Supremen bewusst zu werden.

143:7.4

Das Gebet ist dazu bestimmt, den Menschen weniger zum Denken und mehr zur Erkenntnis zu führen; seine Bestimmung ist nicht Wissensvermehrung, sondern vielmehr Erweiterung der inneren Schau.

143:7.5

Die Anbetung bezweckt, das zukünftige bessere Leben vorwegzunehmen und dann diese neuen geistigen Bedeutungen auf das jetzige Leben zurückzuspiegeln. Das Gebet ist im geistigen Sinn eine Stütze, aber die Anbetung ist auf göttliche Weise schöpferisch.

143:7.6

Anbetung ist die Methode des Hinblickens auf den Einen, um die göttliche Eingebung zum Dienst an den Vielen zu empfangen. Anbetung ist der Maßstab für den Grad der Loslösung der Seele vom materiellen Universum und ihrer gleichzeitigen und sicheren Bindung an die geistigen Realitäten der gesamten Schöpfung.

143:7.7

Gebet ist Selbsterinnern – sublimes Denken; Anbetung ist Selbstverges­senheit – Denken höherer Art. Anbetung ist Aufmerksamkeit ohne Anstren­gung, wahres und ideales Rasten der Seele, eine Form erholsamer geistiger Übung.

143:7.8

Anbetung ist das Handeln eines Teiles, der sich mit dem Ganzen identifiziert; das Endliche mit dem Unendlichen; der Sohn mit dem Vater; Zeit im Schritthalten mit der Ewigkeit. In der Anbetung tritt der Sohn in persönliche Verbindung mit dem göttlichen Vater und nimmt die menschliche Geist-Seele eine erfrischende, kreative, brüderliche und romantische Haltung ein.

143:7.9

Die Apostel erfassten nur wenig von diesen im Lager erteilten Lehren. Aber andere Welten begriffen sie, und andere Generationen auf Erden werden sie verstehen.


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