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Die Fundamente religiösen Glaubens

FÜR den ungläubigen Materialisten ist der Mensch bloß ein evolutionärer Zufall. Seine Hoffnungen auf ein Fortleben sind das Produkt menschlicher Einbildungskraft; sein Fürchten, Lieben, Sehnen und Glauben sind nur eine Reaktion des zufälligen Nebeneinanders bestimmter lebloser materieller Atome. Kein Energieaufwand und keine Vertrauenskundgebung können ihn über das Grab hinaustragen. Das hingebungsvolle Wirken und der inspirierte Genius auch der Besten der Menschen sind dazu verurteilt, mit dem Tod, der langen und einsamen Nacht ewigen Vergessens und Verlöschens der Seelen, zu vergehen. Namenlose Verzweiflung ist des Menschen einzige Belohnung für sein Leben und hartes Arbeiten unter der vergänglichen Sonne der irdischen Existenz. Mit jedem Lebenstag verstärkt sich langsam aber sicher der Griff eines erbarmungslosen Schicksals, das ein feindliches und schonungsloses Universum aus Materie als höchsten Hohn über alles verhängt hat, was es in menschlicher Sehnsucht an Schönem, Edlem, Erhabenem und Gutem gibt.

102:0.2

Aber so etwas ist nicht des Menschen Ende und ewige Bestimmung; eine solche Sicht der Dinge ist nur der Verzweiflungsschrei, der sich einer umherirrenden Seele entringt, die sich in geistiger Finsternis verloren hat und angesichts der mechanistischen Sophistereien einer materialistischen Philosophie tapfer weiterkämpft, blind gemacht durch das Verwirrende und Verzerrende einer komplizierten Gelehrsamkeit. Dieses ganze dunkle Verhängnis und verzweifelte Schicksal wird ein für alle Male wie weggeblasen durch eine einzige tapfere Glaubensgeste des demütigsten und ungebildetsten aller irdischen Gotteskinder.

102:0.3

Der rettende Glaube wird im Menschenherzen geboren, wenn das sittliche Bewusstsein des Menschen erkennt, dass in der Erfahrung des Sterblichen die menschlichen Werte vom Materiellen ins Geistige, vom Menschlichen ins Göttliche und von der Zeit in die Ewigkeit übertragen werden können.

1. Gewissheiten des Glaubens

102:1.1

Das Wirken des Gedankenjustierers ist die Erklärung für den Übergang des primitiven evolutionären Pflichtgefühls des Menschen in den höheren und sichereren Glauben an die ewigen Realitäten der Offenbarung. Im menschlichen Herzen muss Hunger nach Vollkommenheit vorhanden sein, um die Fähigkeit sicherzustellen, die zu höchstem Vollbringen führenden Glaubenspfade zu begreifen. Wenn jemand sich für die Ausführung des göttlichen Willens entscheidet, wird er den Weg der Wahrheit erkennen. Es ist buchstäblich wahr: „Man muss Menschliches erst kennen, um es zu lieben, aber Göttliches muss man erst lieben, um es zu kennen.“ Aber aufrichtige Zweifel und ehrliches Fragen sind keine Sünde; solche Haltungen bedeuten nur eine Verzögerung auf dem Weg des Fortschritts auf das Vollkommenheitsziel hin. Kindliches Vertrauen stellt den Eintritt des Menschen in das Königreich des himmlischen Aufstiegs sicher, aber der Fortschritt hängt ganz von der kräftigen Betätigung eines starken und zuversichtlichen Glaubens des voll erwachsenen Menschen ab.

102:1.2

Die Vernunft der Wissenschaft baut auf den beobachtbaren Tatsachen der Zeit auf; der Glaube der Religion argumentiert ausgehend vom geistigen Programm der Ewigkeit. Was Wissen und Vernunft für uns nicht tun können, das legt wahre Weisheit uns nahe, den Glauben aufgrund religiöser Erkenntnis und geistiger Verwandlung vollbringen zu lassen.

102:1.3

Infolge der durch die Rebellion bewirkten Isolierung ist die Wahrheitsof­fenbarung auf Urantia nur allzu oft mit Darstellungen bruchstückhafter und vergänglicher Kosmologien vermengt worden. Die Wahrheit bleibt von Generation zu Generation unverändert, aber die mit ihr verbundenen Lehren über die physische Welt ändern sich von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr. Die ewige Wahrheit sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, weil man sie zufällig in Gesellschaft überholter Ideen über die materielle Welt findet. Je mehr ihr von der Wissenschaft versteht, umso weniger sicher könnt ihr sein; je mehr Religion ihr habt, um so sicherer seid ihr.

102:1.4

Die Gewissheiten der Wissenschaft kommen einzig aus dem Intellekt; die Gewissheiten der Religion entsteigen den wahren Fundamenten der Gesamt­persönlichkeit. Wissenschaft appelliert an das Begreifen des Verstandes; Religion appelliert an die Loyalität und Hingabe von Körper, Verstand und Geist, eben an die ganze Persönlichkeit.

102:1.5

Gott ist so allumfassend real und absolut, dass kein materielles Zeichen eines Beweises noch irgendwelche Kundgebungen so genannter Wunder herangezogen werden können, um seine Realität zu bezeugen. Wir werden ihn immer nur deshalb kennen, weil wir ihm vertrauen, und unser Glaube an ihn beruht völlig auf unserer persönlichen Teilnahme an den göttlichen Äußerungen seiner unendlichen Realität.

102:1.6

Der innewohnende Gedankenjustierer weckt in der Menschenseele unfehlbar einen wahren, nach Vollkommenheit verlangenden Hunger und eine in weite Fernen zielende Neugier, die nur durch die Verbindung mit Gott, dem göttlichen Ursprung ebendieses Justierers, wirklich befriedigt werden können. Die hun­grige Menschenseele weigert sich, sich mit etwas Geringerem als der persönlichen Wahrnehmung des lebendigen Gottes zufrieden zu geben. Was immer auch Gott über eine hohe und vollkommene sittliche Persönlichkeit hinaus noch alles sein mag, so kann er doch in unserer hungrigen und endlichen Vorstellung nichts Geringeres sein.

2. Religion und Realität

102:2.1

Aufmerksame Beobachter und fein unterscheidende Seelen erkennen die Religion, wenn sie ihr im Leben ihrer Mitmenschen begegnen. Religion hat keine Definition nötig; wir alle kennen ihre gesellschaftlichen, intellektuellen, sittlichen und geistigen Früchte. Und all das wächst aus der Tatsache, dass die Religion ein Besitztum der menschlichen Rasse ist; sie ist kein Kind der Kultur. Zugegeben, die Auffassung von Religion ist noch menschlich und leidet deshalb unter Versklavung durch Unwissenheit, unter abergläubischer Hörigkeit, Irreführung durch Sophistereien und Verblendung durch falsche Philosophie.

102:2.2

Eine der charakteristischen Besonderheiten echter religiöser Gewissheit ist es, dass trotz der Absolutheit ihrer Bejahungen und der Festigkeit ihrer Haltung der Geist, in dem sie sich ausdrückt, derart ausgewogen und gemäßigt ist, dass er nie den leisesten Eindruck von Selbstanmaßung oder egoistischer Überheblichkeit erweckt. Die Weisheit religiöser Erfahrung ist insofern paradox, als sie zugleich menschlichen Ursprungs und ein Abkömmling des Justierers ist. Religiöse Kraft ist nicht das Produkt der persönlichen Vorrechte des Einzelnen, sondern das Ergebnis der sublimen Partnerschaft des Menschen mit der ewigen Quelle aller Weisheit. So nehmen die Worte und Taten wahrer und reiner Religion für alle erleuchteten Sterblichen zwingende Autorität an.

102:2.3

Es ist schwierig, die Faktoren einer religiösen Erfahrung zu identifizieren und zu analysieren, aber es fällt nicht schwer festzustellen, dass solch praktizierende Gläubige leben und vorangehen, als befänden sie sich bereits in der Gegenwart des Ewigen. Gläubige verhalten sich diesem zeitlichen Leben gegenüber, als läge die Unsterblichkeit bereits in Reichweite. Im Leben solcher Sterblicher gibt es eine gültige Originalität und Spontaneität des Ausdrucks, die sie für immer von jenen ihrer Mitmenschen unterscheidet, die sich nur mit der Weisheit der Welt voll gesogen haben. Es scheint in der Tat, als lebten Gläubige losgelöst von bedrängender Hast und vom schmerzhaften Druck der Wechselfälle, die die weltlichen Strömungen der Zeit mit sich bringen; sie zeigen eine Stabilisierung der Persönlichkeit und eine Ruhe des Charakters, die sich durch die Gesetze der Physiologie, Psychologie und Soziologie nicht erklären lassen.

102:2.4

Die Zeit ist ein unumgängliches Element zur Erlangung von Wissen; die Religion stellt ihre Gaben augenblicklich zur Verfügung, wenngleich es da den wichtigen Punkt des Wachstums in der Gnade gibt, des eindeutigen Fortschritts in allen Phasen religiöser Erfahrung. Wissen ist eine ewige Suche; immer lernt man, aber nie ist man in der Lage, zur vollen Kenntnis absoluter Wahrheit zu gelangen. Im Wissen allein kann es nie absolute Gewissheit geben, nur wachsende Wahrscheinlichkeit der Annäherung; die geistig erleuchtete religiöse Seele hingegen weiß, und weiß jetzt. Und doch führt dieses tiefe und positive Wissen solch einen seelisch gesunden Gläubigen nicht zu irgendwelcher Verringerung seines Interesses am Auf und Ab des Fortschritts menschlicher Weisheit, die an ihrem materiellen Ende an die Entwicklungen der sich langsam bewegenden Wissenschaft geknüpft ist.

102:2.5

Sogar die Entdeckungen der Wissenschaft sind im Bewusstsein der menschlichen Erfahrung nicht wahrhaft real, solange sie nicht entwirrt und in Beziehung gesetzt worden sind, solange ihre einschlägigen Fakten durch Einschaltung in den Gedankenstrom des Verstandes nicht Bedeutung angenommen haben. Der sterbliche Mensch betrachtet selbst sein physisches Umfeld von der mentalen Ebene aus, aus der Perspektive seiner psychologischen Registrierung. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der Mensch das Universum in einem stark geeinten Sinne interpretiert und dann versucht, diese energetische Einheit seiner Wissenschaft mit der geistigen Einheit seiner religiösen Erfahrung zu identifizieren. Aller Verstand ist Einheit; das sterbliche Bewusstsein lebt auf der Verstandesebene und nimmt die universellen Realitäten durch die Augen seiner Verstandesgaben wahr. Die Verstandesperspektive wird die existentielle Einheit der Quelle aller Realität, des Ersten Zentralen Ursprungs, nicht enthüllen, aber sie kann dem Menschen die erfahrungsmäßige Synthese von Energie, Verstand und Geist im Supremen Wesen und als dieses vor Augen führen, und tut es manchmal auch. Aber der Verstand vermag diese Einigung der verschiedenartigen Realität niemals erfolgreich zu bewerkstelligen, sofern er nicht ein solides Bewusstsein von materiellen Dingen, intellektuellen Bedeutungen und geistigen Werten besitzt. Einzig in der Harmonie der Dreieinigkeit der funktionellen Realität gibt es Einheit, und einzig in der Einheit erlebt die Persönlichkeit die Befriedigung, kosmische Beständigkeit und Folgerichtigkeit zu erblicken.

102:2.6

In menschlicher Erfahrung lässt sich Einheit am besten durch die Philo­sophie finden. Und während das Gerüst des philosophischen Gedankens sich stets auf materielle Tatsachen stützen muss, ist die Seele und Energie wahrer philoso­phischer Dynamik des Sterblichen geistige Schau.

102:2.7

Der evolutionäre Mensch findet von Natur aus keinen Geschmack an harter Arbeit. Wenn er in seiner Lebenserfahrung mit den drängenden Forderungen und zwingenden Impulsen einer wachsenden religiösen Erfahrung Schritt halten will, bedeutet das ein unaufhörliches Aktivsein in geistigem Wachstum, intellektueller Eroberung, zunehmender Faktenkenntnis und sozialem Dienen. Es gibt keine wahrhafte Religion außer in einer höchst aktiven Persönlichkeit. Deshalb suchen die indolenteren Menschen oft der Strenge wahrer religiöser Aktivitäten durch eine Art gewitzter Selbsttäuschung zu entgehen, indem sie unter dem falschen Obdach stereotyper religiöser Lehren und Dogmen Schutz suchen. Aber wahre Religion ist lebendig. Intellektuelle Kristallisierung religiöser Konzepte ist gleichbedeutend mit geistigem Tod. Man kann sich eine Religion nicht ohne Ideen vorstellen, aber wenn Religion einmal auf eine Idee reduziert worden ist, ist sie keine Religion mehr; sie ist dann bloß zu einer Art menschlicher Philosophie geworden.

102:2.8

Und dann gibt es andere Typen unstabiler und kaum disziplinierter Seelen, die die gefühlsmäßigen Ideen der Religion als Weg benutzen möchten, um den lästigen Ansprüchen des Lebens zu entgehen. Wenn gewisse schwankende und scheue Sterbliche dem anhaltenden Druck des evolutionären Lebens auszuweichen versuchen, scheint Religion, so wie sie sie verstehen, den nächsten Zufluchtsort, den besten Fluchtweg, darzustellen. Aber die Sendung der Religion ist es, die Menschen bereit zu machen, den Wechselfällen des Lebens tapfer, ja heroisch, die Stirn zu bieten. Die Religion ist die höchste Gabe des evolutionären Menschen, das, was ihn befähigt, weiterzumachen und „durchzuhalten, als sähe er Ihn, der unsichtbar ist“. Der Mystizismus indessen gleicht manchmal irgendwie einem Rückzug aus dem Leben, und es wenden sich ihm jene Menschen zu, die keinen Geschmack an den kräftigeren Aktivitäten finden, die mit einem religiösen Leben in der offenen Arena der Gesellschaft und des menschlichen Umgangs verbunden sind. Wahre Religion muss handeln. Das Verhalten wird sich aus der Religion ergeben, wenn der Mensch sie wirklich besitzt, oder besser, wenn der Religion erlaubt wird, wahrhaft vom Menschen Besitz zu ergreifen. Nie wird sich Religion mit bloßem Denken und untätigem Fühlen begnügen.

102:2.9

Wir sind nicht blind gegenüber der Tatsache, dass Religion oft unweise, ja irreligiös handelt, aber sie handelt. Abwegige religiöse Überzeugungen haben zu blutigen Verfolgungen geführt, aber die Religion tut immer etwas; sie ist dynamisch!

3. Wissen, Weisheit und geistige Schau

102:3.1

Es ist unvermeidlich, dass intellektuelles Defizit oder spärliche Erziehung höheres religiöses Vollbringen behindern, weil solch ein verarmtes Umfeld der geistigen Natur die Religion ihres Hauptkanals philosophischen Kontaktes mit der Welt wissenschaftlicher Erkenntnisse beraubt. Die intellektuellen Faktoren der Religion sind wichtig, aber ihre übermäßige Entwicklung ist manchmal ebenfalls sehr hinderlich und störend. Die Religion muss dauernd unter einer paradoxen Notwendigkeit arbeiten: der Notwendigkeit, das Denken in wirksamer Weise zu gebrauchen und zugleich die geistige Nützlichkeit alles Denkens gering zu achten.

102:3.2

Religiöse Spekulation ist unvermeidlich, aber immer schädlich; Spekulation verfälscht stets ihr Ziel. Spekulation neigt dazu, die Religion in etwas Mate­rielles oder Humanistisches zu verwandeln, und während sie sich direkt gegen die Klarheit logischen Denkens vergeht, lässt sie die Religion indirekt als eine Funktion der zeitlichen Welt erscheinen, gerade jener Welt, zu der sie ewig einen Kontrast bilden sollte. Deshalb wird Religion immer durch Paradoxe gekennzeichnet sein. Diese kommen von der Abwesenheit einer erfahrungsmäßigen Brücke zwischen der materiellen und der geistigen Ebene des Universums – der morontiellen Mota, des überphilosophischen Feingefühls für das Erkennen von Wahrheit und die Wahrnehmung von Einheit.

102:3.3

Materielle Gefühle, menschliche Gemütsbewegungen führen direkt zu materiellen Handlungen, selbstsüchtigen Akten. Religiöse Erkenntnisse, geistige Beweggründe führen direkt zu religiösen Handlungen, selbstlosen Akten sozialen Dienens und altruistischer Wohltätigkeit.

102:3.4

Religiöse Sehnsucht ist ein hungerndes Verlangen nach göttlicher Realität. Religiöse Erfahrung ist das Erwachen des Bewusstseins, Gott gefunden zu haben. Und wenn ein menschliches Wesen tatsächlich Gott findet, macht seine Seele die Erfahrung eines so unbeschreiblichen Entdeckertriumphs, dass es sich voller Unrast gedrängt fühlt, sich seinen weniger erleuchteten Mitmenschen in Liebe zuzuwenden; nicht etwa, um ihnen zu eröffnen, dass es Gott gefunden hat, sondern um dem Aufwallen ewiger Güte in seiner Seele zu erlauben überzufließen, um seine Gefährten zu erfrischen und zu veredeln. Wahre Religion führt zu verstärktem sozialem Dienen.

102:3.5

Wissenschaft, Wissen, führt zu einem Bewusstsein von Tatsachen ; Religion, Erfahrung, führt zu einem Bewusstsein von Werten ; Philosophie, Weisheit, führt zu einem koordinierten Bewusstsein; Offenbarung (der Ersatz für die morontielle Mota) führt zum Bewusstsein wahrer Realität ; während die Koordinierung des Bewusstseins von Tatsachen, Werten und wahrer Realität das Gewahren der Realität der Persönlichkeit – maximales Sein – darstellt, zusammen mit dem Glauben an die Möglichkeit des Fortlebens ebendieser Persönlichkeit.

102:3.6

Wissen führt dazu, den Menschen einen Platz zuzuweisen, es lässt Gesell­schaftsschichten und Kasten entstehen. Religion führt zum Dienst an den Menschen und schafft so Ethik und Altruismus. Weisheit führt zu höherer und besserer Verträglichkeit zwischen Ideen und Mitmenschen. Offenbarung befreit die Menschen und schickt sie in das ewige Abenteuer.

102:3.7

Wissenschaft sortiert die Menschen; Religion liebt die Menschen, sogar „wie sich selbst“; Weisheit lässt den voneinander verschiedenen Menschen Gerech­tigkeit widerfahren; aber Offenbarung verherrlicht den Menschen und enthüllt seine Fähigkeit zur Partnerschaft mit Gott.

102:3.8

Wissenschaft bemüht sich umsonst, eine Brüderlichkeit der Kultur zu schaffen; Religion ruft die Brüderlichkeit des Geistes ins Dasein. Philosophie strebt die Brüderlichkeit der Weisheit an; Offenbarung gibt ein Bild von der ewigen Brüderlichkeit, vom Paradies-Korps der Finalität.

102:3.9

Wissen zieht Stolz aus der Tatsache der Persönlichkeit; Weisheit ist das Bewusstsein von der Bedeutung der Persönlichkeit; Religion ist die Erfahrung, den Wert der Persönlichkeit zu erkennen; Offenbarung ist die Gewissheit des Fortlebens der Persönlichkeit.

102:3.10

Wissenschaft bemüht sich, die segmentierten Teile des grenzenlosen Kosmos zu identifizieren, analysieren und klassifizieren. Die Religion erfasst die Idee-des-Ganzen, die Gesamtheit des Kosmos. Philosophie versucht eine Identi­fikation der materiellen Segmente der Wissenschaft mit dem Konzept der geistigen Schau des Ganzen. Worin die Philosophie bei ihrem Versuch scheitert, darin ist Offenbarung erfolgreich, indem sie versichert, dass der kosmische Kreis universal, ewig, absolut und unendlich ist. Dieser Kosmos des Unendlichen ICH BIN ist deshalb endlos, grenzenlos und allumfassend – zeitlos, raumlos und eigenschaftslos. Und wir bezeugen, dass das Unendliche ICH BIN auch der Vater Michaels von Nebadon und der Gott menschlicher Errettung ist.

102:3.11

Wissenschaft zeigt die Gottheit als eine Tatsache ; Philosophie legt die Idee eines Absoluten vor; Religion sieht Gott als eine liebende geistige Persönlichkeit. Offenbarung bekräftigt die Einheit der Tatsache der Gottheit, der Idee des Absoluten und der geistigen Persönlichkeit Gottes und präsentiert des Weiteren dieses Konzept als unseren Vater – als die universale Tatsache der Existenz, als die ewige Idee des Verstandes und als den unendlichen Geist des Lebens.

102:3.12

Die Verfolgung des Wissens bildet die Wissenschaft; die Suche nach Weisheit ist Philosophie; die Liebe Gottes ist Religion; der Hunger nach Wahrheit ist eine Offenbarung. Aber es ist der innewohnende Gedankenjustierer, der der menschlichen geistigen Schau des Kosmos das Gefühl von Realität verleiht.

102:3.13

In der Wissenschaft geht die Idee dem Ausdruck ihrer Verwirklichung voraus; in der Religion geht die Erfahrung der Verwirklichung dem Ausdruck der Idee voraus. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem evolutionären Willen-zum-Glauben und dem Produkt aus erleuchteter Vernunft, religiöser Schau und Offenbarung – dem Willen, der glaubt.

102:3.14

In der Evolution führt die Religion den Menschen oft dazu, sich seine eigenen Gotteskonzepte zu schaffen; die Offenbarung eröffnet das Phänomen der von Gott selber gesteuerten Evolution des Menschen, während wir im irdischen Leben von Christus Michael das Phänomen des sich dem Menschen offenbarenden Gottes betrachten. Evolution neigt dazu, Gott menschenähnlich zu machen; Offenbarung strebt danach, den Menschen gottähnlich zu machen.

102:3.15

Wissenschaft kann nur durch erste Ursachen zufrieden gestellt werden, Religion durch eine höchste Persönlichkeit und Philosophie durch Einheit. Offenbarung erklärt, dass diese drei eins sind, und dass alle gut sind. Das ewige Reale ist das Gute des Universums und nicht zeitliche Illusionen von Üblem im Raum. In der geistigen Erfahrung aller Persönlichkeiten ist es immer wahr, dass das Reale das Gute ist und das Gute das Reale.

4. Die Tatsache der Erfahrung

102:4.1

Wegen der Gegenwart des Gedankenjustierers in eurem Verstand ist es für euch kein größeres Geheimnis, Gottes Gedanken zu kennen, als die Sicherheit zu haben, euch irgendeines anderen, ob menschlichen oder übermenschlichen, Verstandes bewusst zu sein. Religion und soziales Bewusstsein haben dieses gemeinsam: Sie fußen auf dem Bewusstsein der Mentalität anderer. Die Technik, durch welche ihr die Idee eines anderen als die eure annehmen könnt, ist dieselbe wie jene, durch welche ihr „das Denken, das in Christus war, auch in euch wohnen lassen“ könnt.

102:4.2

Was ist denn menschliche Erfahrung? Es ist ganz einfach die Wechselwir­kung zwischen einem aktiven und forschenden Selbst und irgendeiner anderen aktiven äußeren Realität. Die Masse der Erfahrung wird bestimmt durch die Tiefe der Vorstellung zuzüglich der gesamten Wahrnehmung der äußeren Realität. Die Bewegung der Erfahrung ist gleich der Kraft erwartungsvollen Vorstellungsvermögens zuzüglich der Schärfe sensorischer Entdeckung der äußeren Eigenschaften der kontaktierten Realität. Die Tatsache der Erfahrung liegt im Selbstbewusstsein zuzüglich anderer Wesenheit – anderer Dinglichkeit, anderer Gedanklichkeit und anderer Geistigkeit.

102:4.3

Der Mensch wird sich sehr früh bewusst, dass er in der Welt oder im Universum nicht allein ist. Er entwickelt ein natürliches spontanes Bewusstsein andersgearteter Gedanklichkeit im Umfeld seines Selbst. Der Glaube überträgt diese natürliche Erfahrung auf die Religion, die Wahrnehmung Gottes als der Realität – Quelle, Wesen und Endbestimmung – aller anderen Gedanklichkeit. Aber eine derartige Kenntnis Gottes ist immer und ewig eine Realität persönlicher Erfahrung. Wenn Gott keine Persönlichkeit wäre, könnte er kein lebendiger Teil der realen religiösen Erfahrung einer menschlichen Persönlichkeit werden.

102:4.4

Der in menschlicher religiöser Erfahrung vorhandene Anteil des Irrtums verhält sich direkt proportional zum materialistischen Inhalt, der das geistige Konzept des Universalen Vaters trübt. Der vorgeistige Fortschritt des Menschen im Universum besteht in der Erfahrung, sich dieser irrigen Ideen über Gottes Natur und die Realität reinen und wahren Geistes zu entledigen. Die Gottheit ist mehr als Geist, aber die geistige Annäherung ist die dem aufsteigenden Menschen einzig mögliche.

102:4.5

Allerdings gehört das Gebet zur religiösen Erfahrung, aber die modernen Religionen haben fälschlicherweise unter starker Vernachlässigung der weit wesentlicheren Verbindung mit Gott in der Anbetung den Hauptakzent auf das Gebet gelegt. Die das Nachdenken fördernden Verstandeskräfte vertiefen und weiten sich in der Anbetung. Wohl bereichert Beten das Leben, aber Anbetung erhellt die Bestimmung.

102:4.6

Offenbarte Religion ist das einigende Element der menschlichen Existenz. Offenbarung eint Geschichte, koordiniert Geologie, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie und Psychologie. Geistige Erfahrung ist die wahre Seele des menschlichen Kosmos.

5. Die Vormachtstellung des planenden Potentials

102:5.1

Obwohl der Nachweis der Tatsache des Glaubens nicht dasselbe ist, wie den Nachweis der Tatsache des Geglaubten zu erbringen, so beweist doch der evolutionäre Aufstieg simplen Lebens zum Persönlichkeitsstatus klar die Tatsache des Vorhandenseins eines anfänglichen Persönlichkeitspotentials. Und in den Universen der Zeit ist das Potentielle gegenüber dem Verwirklichten immer beherrschend. Im sich entwickelnden Kosmos ist das Potential das, was sein wird; und was sein wird, ist die Entfaltung der absichtsvollen Verfügungen der Gottheit.

102:5.2

Dieselbe Vormachtstellung des Plans zeigt sich in der Evolution der Ideen­bildung, wenn die tierische Furcht des primitiven Gemüts sich in immer tiefere Verehrung Gottes und in wachsende Ehrfurcht vor dem Universum verwandelt. Der primitive Mensch besaß mehr religiöse Angst als Glauben, und die beherrschende Stellung der geistigen Potentiale gegenüber den mentalen Verwirklichungen zeigt sich, wenn diese feige Furcht in einen lebendigen Glauben an geistige Realitäten übergeht.

102:5.3

Man kann die evolutionäre Religion psychologisch deuten, nicht aber die persönlich erfahrene Religion geistigen Ursprungs. Menschliche Sittlichkeit kann Werte anerkennen, aber nur die Religion kann solche Werte erhalten, erhöhen und vergeistigen. Aber obwohl die Religion solches vermag, ist sie mehr als nur em­pfindungsvolle Sittlichkeit. Religion verhält sich zu Sittlichkeit wie Liebe zu Pflicht, wie Sohnschaft zu Hörigkeit, wie das Wesen zu der Substanz. Sittlichkeit lässt einen allmächtigen Überwacher erkennen, eine Gottheit, der gedient werden muss; Religion enthüllt einen allliebenden Vater, einen Gott, der angebetet und geliebt werden will. Und wiederum ist dem so, weil die geistige Potentialität der Religion gegenüber der von der Pflicht diktierten Wirklichkeit evolutionärer Sittlichkeit beherrschend ist.

6. Die Gewissheit religiösen Glaubens

102:6.1

Die Eliminierung der religiösen Furcht durch die Philosophie und der stetige Fortschritt der Wissenschaft tragen in hohem Maße zum Sterben der falschen Götter bei; auch wenn dieser Verlust der vom Menschen geschaffenen Gottheiten vorübergehend die geistige Schau trüben sollte, so wird er schließlich die Unwissenheit und den Aberglauben zerstören, die so lange den lebendigen Gott ewiger Liebe verdunkelten. Die Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer ist eine lebendige Erfahrung, ein dynamischer religiöser Glaube, der keiner genauen Definition unterworfen ist. Einen Teil des Lebens zu isolieren und ihn Religion zu nennen, heißt, das Leben zu desinte­grieren und die Religion zu verzerren. Und das ist gerade der Grund, weshalb der Gott der Anbetung entweder die ganze Hingabe oder gar keine verlangt.

102:6.2

Die Götter der primitiven Menschen waren wohl kaum mehr als deren Schatten; der lebendige Gott ist das göttliche Licht, dessen Unterbrechungen die Schöpfungsschatten allen Raums darstellen.

102:6.3

Der philosophisch denkende religiöse Mensch glaubt an einen persönlichen Gott persönlichen Heils, an etwas mehr als nur eine Realität, einen Wert, eine Ebene des Vollbringens, einen erhabenen Prozess, eine Verwandlung, etwas Zeit und Raum Übersteigendes, eine Idealisierung, die Personifizierung von Energie, die Wesenheit der Schwerkraft, eine menschliche Projektion, eine Idealisierung des Selbst, eine Eruption der Natur, die Neigung zur Güte, den Vorwärtsimpuls der Evolution oder eine sublime Hypothese. Der Gläubige glaubt an einen Gott der Liebe. Liebe ist die Essenz der Religion und die Quelle höherer Zivilisation.

102:6.4

Der Glaube verwandelt in persönlicher religiöser Erfahrung den philosophischen Gott der Wahrscheinlichkeit in den rettenden Gott der Gewissheit. Skeptizismus mag die theologischen Theorien herausfordern, aber das Vertrauen in die Verlässlichkeit persönlicher Erfahrung bestätigt die Wahrheit von Geglaubtem, das zu Glauben geworden ist.

102:6.5

Zu Überzeugungen über Gott kann man durch weise Überlegung gelangen, aber das Wissen um Gott erlangt der Einzelne nur über den Glauben, durch persönliche Erfahrung. Bei vielem, was das Leben betrifft, muss man mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, aber wenn es sich um den Kontakt mit der kosmischen Realität handelt, kann man Gewissheit erfahren, wenn man sich solchen Bedeutungen und Werten durch einen lebendigen Glauben nähert. Die Gott kennende Seele wagt zu sagen „Ich weiß“, selbst wenn dieses Wissen um Gott durch den Ungläubigen in Frage gestellt wird, der eine solche Gewissheit verneint, weil sie nicht gänzlich auf intellektueller Logik beruht. Jedem derartigen Zweifler antwortet der Gläubige nur: „Wie weißt du, dass ich nicht weiß?“

102:6.6

Obwohl der Verstand den Glauben stets in Frage stellen kann, kann der Glaube stets Verstand und Logik ergänzen. Der Verstand schafft die Wahrscheinlichkeit, welche der Glaube in eine sittliche Gewissheit, ja geistige Erfahrung umwandeln kann. Gott ist die erste Wahrheit und die letzte Tatsache; deshalb hat alle Wahrheit ihren Ursprung in ihm, während alle Tatsachen in Beziehung zu ihm existieren. Gott ist absolute Wahrheit. Als Wahrheit kann man Gott kennen, aber um Gott zu verstehen – zu erklären – muss man die Tatsache des Universums der Universen erforschen. Der tiefe Abgrund zwischen der Erfahrung der Wahrheit Gottes und der Unwissenheit bezüglich der Tatsache Gottes kann nur durch einen lebendigen Glauben überbrückt werden. Der Verstand allein ist unfähig, eine Harmonie zwischen unendlicher Wahrheit und universaler Tatsache herzustellen.

102:6.7

Bloß Geglaubtes vermag unter Umständen nicht, Zweifeln zu widerstehen und Furcht abzuwehren, aber der Glaube siegt immer über alles Zweifeln, denn Glaube ist zugleich positiv und lebendig. Positives ist Negativem immer überlegen, Wahrheit dem Irrtum, Erfahrung der Theorie, geistige Wahrheiten den isolierten Fakten von Zeit und Raum. Der überzeugende Beweis dieser geistigen Gewissheit besteht in den sozialen Früchten des Geistes, die solch wahre Gläubige aufgrund dieser echten geis­tigen Erfahrung hervorbringen. Jesus sagte: „Wenn ihr eure Nächsten liebt, wie ich euch geliebt habe, werden alle Menschen wissen, dass ihr meine Jünger seid.“

102:6.8

Für die Wissenschaft ist Gott eine Möglichkeit, für die Psychologie eine Wünschbarkeit, für die Philosophie eine Wahrscheinlichkeit, für die Religion eine Gewissheit, eine Wirklichkeit religiöser Erfahrung. Die Vernunft verlangt, dass eine Philosophie, die den Gott der Wahrscheinlichkeit nicht zu finden vermag, großen Respekt haben sollte vor einem religiösen Glauben, der den Gott der Gewissheit finden kann und ihn auch findet. Und auch die Wissenschaft sollte religiöse Erfahrung nicht mit dem Argument der Leichtgläubigkeit herabmindern, solange sie in der Annahme verharrt, dass des Menschen intellektuelle und philosophische Begabungen, je weiter zurück man geht, aus immer geringerer Intelligenz hervorgegangen sind und schlussendlich ihren Anfang im primitiven Leben nahmen, das völlig des Denkens und Fühlens entbehrte.

102:6.9

Man darf die Tatsachen der Evolution nicht aufbieten gegen die Wahrheit der Realität der Gewissheit der geistigen Erfahrung im religiösen Leben eines Gott kennenden Sterblichen. Intelligente Menschen sollten aufhören, wie Kinder zu urteilen, und sollten versuchen, die konsequente Logik Erwachsener anzuwenden, eine Logik, die zugleich mit der Beobachtung von Tatsachen auch die Vorstellung von Wahrheit duldet. Der wissenschaftliche Materialismus geht bankrott, wenn er dabei bleibt, angesichts jedes wiederkehrenden Universumsphänomens seine üblichen Einwände zu wiederholen, die das allgemein als höher Eingestufte auf das allgemein als niedriger Eingestufte zurückführen. Folgerichtigkeit verlangt die Anerkennung des Wirkens eines planenden Schöpfers.

102:6.10

Die organische Evolution ist eine Tatsache; planvolle oder progressive Evolution ist eine Wahrheit, welche die ansonsten widersprüchlichen Phänomene der immer höheren Vollbringungen der Evolution in einen logischen Zusammenhang rückt. Je tiefer ein Wissenschaftler in den von ihm gewählten Wissenszweig eindringt, umso mehr wird er die sich auf materialistische Tatsachen gründenden Theorien zugunsten der kosmischen Wahrheit des alles beherrschenden Supremen Verstandes aufgeben. Der Materialismus setzt den Wert des menschlichen Lebens herab; das Evangelium Jesu erhöht jeden Sterblichen auf unerhörte Weise und vergöttlicht ihn. Die menschliche Existenz muss als etwas angesehen werden, das aus der fesselnden und faszinierenden Erfahrung besteht, sich der Realität der Begegnung zwischen menschlichem Aufschwung und göttlichem, rettendem Herabbeugen bewusst zu werden.

7. Die Gewissheit des Göttlichen

102:7.1

Der Universale Vater, der aus sich selber heraus existiert, erklärt sich auch selber; er lebt tatsächlich in jedem vernunftbegabten Sterblichen. Aber ihr könnt Gottes nicht sicher sein, solange ihr ihn nicht kennt; Sohnschaft ist die einzige Erfahrung, die die Vaterschaft gewiss werden lässt. Das Universum ist überall Wandlungen unterworfen. Ein sich veränderndes Universum ist ein abhängiges Universum; solch eine Schöpfung kann weder endgültig noch absolut sein. Ein endliches Universum hängt völlig vom Ultimen und vom Absoluten ab. Das Universum und Gott sind nicht identisch; dieser ist die Ursache, jenes die Wirkung. Die Ursache ist absolut, unendlich, ewig und unveränderlich; die Wirkung ist zeit- und raumgebunden und transzendent, aber sich ewig wandelnd und stets wachsend.

102:7.2

Gott ist die allereinzige selbstverursachte Tatsache im Universum. Er ist das Geheimnis von Ordnung, Plan und Zweck der gesamten Schöpfung von Dingen und Wesen. Das sich überall wandelnde Universum wird reguliert und stabilisiert durch absolut unveränderliche Gesetze, die Gewohnheiten eines unveränderlichen Gottes. Die Tatsache Gottes, das göttliche Gesetz, ist unveränderlich; die Wahrheit Gottes, seine Beziehung zum Universum, ist eine relative Offenbarung, die sich dem in ständiger Evolution begriffenen Universum ewig anpassen lässt.

102:7.3

Diejenigen, die eine Religion ohne Gott erfinden möchten, sind wie jene, die ohne Bäume Früchte einsammeln oder ohne Eltern Kinder haben möchten. Man kann nicht Wirkungen ohne Ursachen haben; einzig das ICH BIN ist ohne Ursache. Die Tatsache religiöser Erfahrung schließt Gott ein, und solch ein persönlich erfahrener Gott muss eine persönliche Gottheit sein. Ihr könnt nicht zu einer chemischen Formel beten, eine mathematische Gleichung anflehen, eine Hypothese verehren, euch einem Postulat eröffnen, mit einem Prozess in Verbindung treten, einer Abstraktion dienen oder mit einem Gesetz liebevolle Kameradschaft pflegen.

102:7.4

Es ist wahr, dass aus nichtreligiösen Wurzeln viele anscheinend religiöse Wesenszüge wachsen können. Der Mensch kann in seinem Intellekt Gott verneinen und trotzdem sittlich gut, treu, ein guter Sohn, ehrlich und gar idealistisch sein. Der Mensch kann seiner zugrunde liegenden geistigen Natur viele rein humani­stische Zweige aufpfropfen und damit scheinbar seine Behauptungen über eine Religion ohne Gott beweisen, aber solch eine Erfahrung ist ohne Fortlebenswerte, ohne Kenntnis Gottes und ohne Aufstieg zu Gott. In einer solchen menschlichen Erfahrung erscheinen nur soziale, aber keine geistigen Früchte. Das Pfropfreis bestimmt die Natur der Frucht, obwohl die lebendige Nahrung aus den Wurzeln der ursprünglichen göttlichen Verstandes- und Geistesgaben bezogen wird.

102:7.5

Die intellektuelle Erkennungsmarke der Religion ist Gewissheit; ihre philosophische Eigentümlichkeit ist Folgerichtigkeit; die sozialen Früchte sind Liebe und Dienen.

102:7.6

Der Gott Kennende ist nicht jemand, der für Schwierigkeiten blind wäre oder Hindernisse nicht gewahren würde, die einem Finden Gottes angesichts des Irrgartens aus Aberglauben, Tradition und materialistischen Tendenzen der modernen Zeit im Wege stehen. Er ist all diesen Abschreckungsmitteln begegnet und hat über sie gesiegt, sie durch lebendigen Glauben überwunden und ihnen zum Trotz das Hochland geistiger Erfahrung betreten. Aber es ist wahr, dass viele, die Gottes in ihrem Inneren sicher sind, sich davor fürchten, solche Gefühle der Gewissheit laut auszusprechen wegen der Vielzahl und Gerissenheit jener, die Einwände gegen den Glauben an Gott zusammentragen und die damit verbundenen Schwierigkeiten aufbauschen. Es braucht keine große Tiefe des Intellekts, um Schwachpunkte aufzugreifen, Fragen zu stellen oder Einwände zu erheben. Hingegen bedarf es eines glänzenden Verstandes, um auf solche Fragen zu antworten und solche Schwierigkeiten zu lösen; Glaubensgewissheit ist die größte Technik, um mit all diesen oberflächlichen Anfechtungen zurechtzukommen.

102:7.7

Sollten es Wissenschaft, Philosophie oder Soziologie wagen, im Kampf gegen die Propheten wahrer Religion dogmatisch zu werden, dann sollten die Gott kennenden Menschen auf einen solch ungerechtfertigten Dogmatismus mit diesem viel weitsichtigeren, aus der Sicherheit persönlicher geistiger Erfahrung geborenen Dogmatismus antworten: „Ich weiß, was ich erfahren habe, weil ich ein Sohn bin des ICH BIN.“ Sollte die persönliche Erfahrung eines Glaubenden durch Dogma angegriffen werden, dann kann dieser Glaubenssohn des erfahrbaren Vaters darauf mit diesem unanfechtbaren Dogma antworten, mit der Erklärung, dass er tatsächlich ein Sohn des Universalen Vaters ist.

102:7.8

Nur eine eigenschaftslose Realität, ein Absolutes, dürfte es logischerweise wagen, dogmatisch zu sein. Wer den Anspruch erhebt, dogmatisch zu sein, wird, sofern er folgerichtig denkt, früher oder später in die Arme des Absoluten der Energie, der universalen Wahrheit und der unendlichen Liebe getrieben.

102:7.9

Wenn nichtreligiöse Annäherungen an die kosmische Realität sich anmaßen, die Gewissheit des Glaubens anzufechten, weil man ihn nicht beweisen kann, dann kann jemand mit geistiger Erfahrung in derselben Art zur dogmatischen Anfechtung der Tatsachen der Wissenschaft und des von der Philosophie Geglaubten schreiten, weil sie ganz ebenso unbewiesen sind; sie sind genau gleich Erfahrungen im Bewusstsein des Wissenschaftlers oder Philosophen.

102:7.10

Von allen Universumserfahrungen haben wir das Recht, Gottes am sichersten zu sein, dieser unumgänglichsten aller Gegenwarten, wirklichsten aller Tatsachen, lebendigsten aller Wahrheiten, dieses liebendsten aller Freunde und göttlichsten aller Werte.

8. Die Beweise der Religion

102:8.1

Der stärkste Beweis für die Realität und Wirksamkeit der Religion liegt in der Tatsache der menschlichen Erfahrung, nämlich darin, dass der Mensch, von Natur aus furchtsam und argwöhnisch, mit einem angeborenen starken Selbsterhaltungstrieb ausgestattet und sich nach einem Fortleben nach dem Tode sehnend, gewillt ist, die wesentlichsten Interessen seiner Gegenwart und Zukunft der Obhut und Leitung jener Macht oder Person anzuvertrauen, die sein Glaube mit Gott bezeichnet. Das ist die zentrale Wahrheit aller Religion. Aber hinsichtlich dessen, was diese Macht oder Person vom Menschen im Gegenzug für seine Behütung und schließliche Errettung verlangt, sind sich nicht zwei Religionen einig; in der Tat sind sie alle mehr oder weniger verschiedener Meinung.

102:8.2

Über die Stellung, die irgendeine Religion auf der evolutionären Skala einnimmt, kann am besten nach ihren sittlichen Anschauungen und ethischen Normen geurteilt werden. Je höherer Art irgendeine Religion ist, umso mehr ermutigt sie eine ständig steigende soziale Sittlichkeit und ethische Kultur und lässt sich von diesen ermutigen. Wir können eine Religion nicht nach dem Rang der sie begleitenden Zivilisation beurteilen; wir täten besser daran, auf das wahre Wesen einer Zivilisation nach der Reinheit und dem Adel ihrer Religion zu schließen. Viele der bemerkenswertesten religiösen Lehrer der Welt besaßen praktisch keine Bildung. Die Weisheit der Welt ist nicht nötig, um den rettenden Glauben an die ewigen Realitäten zu unterhalten.

102:8.3

Die Unterschiede zwischen den Religionen verschiedener Zeitalter hängen allein von den Unterschieden im menschlichen Erfassen der Realität ab und von der unterschiedlichen Einstufung sittlicher Werte, ethischer Beziehungen und geistiger Realitäten.

102:8.4

Die Ethik ist der ewige gesellschaftliche oder rassische Spiegel, der getreu den anderswie nicht erkennbaren Fortschritt innerer geistiger und religiöser Entwicklungen widerspiegelt. Der Mensch hat für seine Vorstellungen von Gott immer das Beste herangezogen, was er kannte, seine tiefsten Ideen und höchsten Ideale. Auch die his­torische Religion hat ihre Gottesvorstellungen immer ausgehend von ihren höchsten anerkannten Werten geschaffen. Jedes intelligente Geschöpf verwendet den Namen Gottes für das Beste und Höchste, was es kennt.

102:8.5

Sich auf Vernunft und intellektuellen Ausdruck beschränkend, hat es Religion immer gewagt, an Zivilisation und evolutionärem Fortschritt im Lichte ihrer eigenen Normen ethischer Kultur und sittlichen Fortschritts Kritik zu üben.

102:8.6

Während die persönliche Religion der Entwicklung menschlicher Sittlich­keit vorauseilt, ist es eine bedauerliche Tatsache, dass die institutionelle Reli­gion ausnahmslos den sich langsam verändernden Sitten der menschlichen Rassen nachgehinkt ist. Organisierte Religion hat sich als konservativ träge erwiesen. Im Allgemeinen haben die Propheten das Volk zu religiöser Entwi­cklung geführt, während die Theologen es gewöhnlich zurückgehalten haben. Da Religion eine Angelegenheit innerer oder persönlicher Erfahrung ist, kann sie sich nie sehr weit über die intellektuelle Evolution der Rassen hinausentwickeln.

102:8.7

Aber nie wird Religion durch einen Appell an das so genannte Wunderbare gehoben. Die Suche nach Wundern ist ein Rückfall in die primitiven Religionen der Magie. Wahre Religion hat nichts zu schaffen mit angeblichen Wundern, und nie verweist offenbarte Religion auf Wunder, um ihre Autorität zu beweisen. Immer und ewig wurzelt Religion in persönlicher Erfahrung und gründet auf ihr. Und eure höchste Religion, das Leben Jesu, war gerade solch eine persönliche Erfahrung: der Mensch, der sterbliche Mensch, der Gott sucht und ihn während eines einzigen kurzen Erdenlebens in Fülle findet, während in derselben menschlichen Erfahrung Gott erschien, der den Menschen suchte und ihn fand zur vollen Zufriedenheit der vollkommenen Seele der unendlichen Suprematie. Und das ist Religion, ja sogar die höchste bis dahin im Universum von Nebadon offenbarte Religion – das irdische Leben Jesu von Nazareth.

102:8.8

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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