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Die sozialen Probleme der Religion

DIE Religion leistet der Gesellschaft dann ihren höchsten Dienst, wenn sie mit deren weltlichen Einrichtungen die geringste Verbindung hat. Da sich soziale Reformen in vergangenen Zeiten weitgehend auf den sittlichen Bereich beschränkten, hatte es die Religion nicht nötig, ihre Haltung bedeutenden Veränderungen der wirtschaftlichen und politischen Systeme anzupassen. Das Hauptproblem der Religion bestand in dem Bestreben, innerhalb der existierenden gesellschaftlichen Ordnung politischer und wirtschaftlicher Kultur Übles durch Gutes zu ersetzen. Deshalb hatte die Religion die Neigung, indirekt die bestehende Gesellschaftsordnung zu verewigen, die Fortdauer der existierenden Zivilisationsart zu begünstigen.

99:0.2

Aber die Religion sollte sich nicht direkt mit der Schaffung von neuen oder mit der Bewahrung von alten gesellschaftlichen Ordnungen beschäftigen. Wahre Religion stellt sich der Gewalt als einer Technik sozialer Evolution entgegen, aber sie stemmt sich nicht gegen intelligente Anstrengungen der Gesellschaft zur Anpassung ihrer Bräuche und zur Abstimmung ihrer Institutionen auf veränderte wirtschaftliche Bedingungen und kulturelle Bedürfnisse.

99:0.3

Die Religion billigte die gelegentlichen Gesellschaftsreformen vergangener Jahrhunderte, aber im zwanzigsten Jahrhundert ist sie wohl oder übel genötigt, eine Anpassung an einen umfassenden, unablässigen gesellschaftlichen Umbau ins Auge zu fassen. Die Lebensbedingungen wechseln so rapide, dass die institutionellen Veränderungen stark beschleunigt werden müssen, und die Religion muss sich dieser neuen und dauerndem Wandel unterworfenen Gesellschaftsordnung entsprechend schneller anpassen.

1. Religion und soziale Rekonstruktion

99:1.1

Mechanische Erfindungen und Verbreitung des Wissens verändern die Zivilisation; gewisse wirtschaftliche Neuausrichtungen und soziale Wand­lungen sind dringend nötig, wenn ein kulturelles Desaster vermieden werden soll. Die neue kommende Ordnung wird sich nicht selbstzufrieden für ein ganzes Jahrtausend einrichten können. Die menschliche Rasse muss sich mit einer Reihe von Veränderungen, Anpassungen und Neuanpassungen anfreunden. Die Menschheit befindet sich auf dem Weg zu einer neuen, nicht offenbarten planetarischen Bestimmung.

99:1.2

Die Religion muss zu einem kraftvollen Einfluss für sittliche Stabilität und geistigen Fortschritt werden, der auf dynamische Weise inmitten dieser ständig wechselnden Bedingungen und unaufhörlichen wirtschaftlichen Neuan­passungen wirkt.

99:1.3

Die Gesellschaft Urantias kann nie mehr hoffen, sich wie in vergangenen Zeiten gemütlich niederzulassen. Das Schiff der Gesellschaft hat die geschützten Buchten der althergebrachten Tradition verlassen und mit seiner Kreuzfahrt auf der hohen See evolutionärer Bestimmung begonnen; und wie nie zuvor in der Weltgeschichte muss die Seele des Menschen ihre Karten der Sittlichkeit sorgfältig studieren und den Kompass der religiösen Führung peinlich genau beobachten. Die oberste Sendung der Religion als eines sozialen Einflusses ist die Stabilisierung der Menschheitsideale während dieser gefährlichen Übergangszeiten von einer Zivilisationsphase zur nächsten, von einer Kulturstufe zur anderen.

99:1.4

Die Religion hat keine neuen Pflichten zu übernehmen, aber sie ist dringend aufgerufen, in all diesen neuen und rasch wechselnden menschlichen Situationen als weise Führerin und erfahrene Ratgeberin zu wirken. Die Gesell­schaft wird mechanischer, kompakter, komplexer und auf gefährlichere Art wechselseitiger Abhängigkeit unter­worfen. Die Religion muss dahin wirken, dass diese neuen und engen Verflechtungen nicht zu gegenseitigem Rückschritt oder gar gegenseitiger Vernichtung führen. Die Religion muss als kosmisches Salz wirken, das die Fermente des Fortschritts daran hindert, den kulturellen Geschmack der Zivilisation zu zerstören. Die neuen gesell­schaftlichen Beziehungen und wirtschaftlichen Umwälzungen können nur durch den Dienst der Religion zu dauernder Brüderlichkeit führen.

99:1.5

Ein Humanitarismus ohne Gott ist menschlich gesprochen eine edle Geste, aber wahre Religion ist die einzige Macht, die das Empfinden einer sozialen Gruppe für die Bedürfnisse und Leiden anderer Gruppen auf Dauer zu verstärken vermag. In der Vergangenheit konnte die institutionelle Religion passiv bleiben, während die oberen Schichten der Gesellschaft für die Leiden und die Unterdrückung der hilflosen niedrigeren Schichten taub blieben, aber in moderner Zeit sind diese niedrigeren sozialen Ordnungen nicht mehr so schrecklich unwissend und politisch hilflos.

99:1.6

Die Religion darf sich am weltlichen Werk gesellschaftlichen Umbruchs und wirtschaftlicher Umorganisierung nicht organisch beteiligen. Aber sie muss mit all diesen Fortschritten der Zivilisation aktiv Schritt halten durch eindeutige und kräftige Neuformulierungen ihres sittlichen Auftrags und ihrer geistigen Unterweisung, ihrer fortschrittlichen Philosophie menschlicher Lebensweise und transzendenter Fortexistenz. Der Geist der Religion ist ewig, aber die Form, in der sie sich ausdrückt, muss bei jeder Revision des Wörterbuchs der menschlichen Sprache erneuert werden.

2. Schwäche der institutionellen Religion

99:2.1

Die institutionelle Religion kann bei der weltweit unmittelbar bevorstehenden gesellschaftlichen Umstrukturierung und wirtschaftlichen Reorga­nisation weder eine Inspiration liefern noch für Führung sorgen, da sie unglückli­cherweise mehr oder weniger ein organischer Bestandteil ebendieser Gesell­schafts­ordnung und dieses Wirtschaftssystems geworden ist, die beide eine Umbildung zu erfahren bestimmt sind. Einzig die wirkliche Religion persönlicher geistiger Erfahrung kann in der gegenwärtigen Zivilisationskrise hilfreich und schöpferisch wirken.

99:2.2

Die institutionelle Religion ist jetzt in einer Sackgasse, in einem Teufelskreis gefangen. Sie kann die Gesellschaft nicht neu bauen, ohne zuerst sich selber neu zu bauen; aber da sie so sehr integrierender Bestandteil der bestehenden Ordnung ist, kann sie sich nicht neu bauen, solange die Gesellschaft nicht einen radikalen Umbau erfahren hat.

99:2.3

Gläubige Menschen müssen in Gesellschaft, Industrie und Politik als Einzelne und nicht als Gruppen, Parteien oder Institutionen wirken. Eine religiöse Gruppe, die sich anmaßt, als solche unabhängig von religiösen Aktivitäten zu funktionieren, wird augenblicklich zu einer politischen Partei, wirtschaftlichen Organisation oder sozialen Institution. Religiöser Kollektivismus muss seine Bestrebungen auf die Förderung religiöser Anliegen beschränken.

99:2.4

Gläubige sind bei den Aufgaben des gesellschaftlichen Umbaus nicht wertvoller als Ungläubige außer insofern, als ihre Religion ihnen erhöhten kosmischen Weitblick verliehen und sie mit jener höheren sozialen Weisheit begabt hat, die aus dem aufrichtigen Wunsch hervorgeht, Gott über alles zu lieben und jeden Menschen wie einen Bruder im himmlischen Königreich zu lieben. Eine ideale Gesellschaftsordnung ist eine, in der jeder Mensch seinen Nachbarn ebenso sehr liebt wie sich selber.

99:2.5

Es ist wohl schon so, dass die institutionalisierte Kirche in der Vergangenheit manchmal zur Dienerin der Gesellschaft wurde, indem sie die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Ordnungen verherrlichte, aber will sie überleben, muss sie solches Handeln schleunigst aufgeben. Die einzige ihr zustehende Haltung besteht im Lehren der Gewaltlosigkeit, in der Doktrin friedlicher Evolution anstelle gewalttätiger Revolution – Friede auf Erden und guter Wille unter allen Menschen.

99:2.6

Die moderne Religion findet es nur deshalb so schwierig, ihre Haltung den sich rasch vollziehenden gesellschaftlichen Wechseln anzupassen, weil sie es sich erlaubt hat, so vollständig in Tradition, Dogma und Institutionalisierung zu erstarren. Die auf lebendiger Erfahrung beruhende Religion hat keine Schwierigkeit, all diese gesellschaftlichen Entwicklungen und wirtschaftlichen Umwälzungen vorauszunehmen, um stets als sittlicher Stabilisator, gesellschaftlicher Führer und geistiger Pilot in ihrer Mitte zu wirken. Von einem Zeitalter zum anderen überträgt wahre Religion jene Kulturanteile, die es wert sind, und jene Weisheit, die aus der Erfahrung hervorgegangen ist, Gott zu kennen und danach zu streben, ihm zu gleichen.

3. Religion und der religiöse Mensch

99:3.1

Das frühe Christentum war völlig frei von allen zivilen Verstrickungen, sozialen Engagements und wirtschaftlichen Allianzen. Erst später wurde das institutionalisierte Christentum zu einem organischen Teil der politischen und gesellschaftlichen Struktur der abendländischen Zivilisation.

99:3.2

Das Königreich des Himmels ist weder eine gesellschaftliche noch eine wirtschaftliche Ordnung; es ist eine ausschließlich geistige Bruderschaft von Gott kennenden Einzelpersonen. Zugegeben, eine solche Bruderschaft ist an sich ein neues und erstaunliches gesellschaftliches Phänomen, das verblüffende politische und wirtschaftliche Auswirkungen hat.

99:3.3

Der religiöse Mensch ist nicht unempfindlich für soziales Leid, nicht blind für zivile Ungerechtigkeit, wirtschaftlichem Denken nicht unzugänglich noch gefühllos gegenüber politischer Tyrannei. Die Religion hat einen direkten Einfluss auf den gesellschaftlichen Neubau, weil sie den einzelnen Bürger vergeistigt und mit Idealen erfüllt. Indirekt wird die kulturelle Zivilisation durch die Haltung dieser individuellen Gläubigen in dem Maße beeinflusst, wie diese zu aktiven und einflussreichen Mitgliedern verschiedener sozialer, sittlicher, wirtschaftlicher und politischer Gruppen werden.

99:3.4

Um zu einer hohen kulturellen Zivilisation zu gelangen, braucht es erstens den idealen Bürgertyp und zweitens ideale und adäquate gesellschaftliche Mechanismen, mittels welcher eine derartige Bürgerschaft die wirtschaftlichen und politischen Institutionen solch einer fortgeschrittenen menschlichen Gesellschaft lenken kann.

99:3.5

Aus übergroßem falschem Gefühl heraus hat sich die Kirche lange Zeit den Unterprivilegierten und Elenden zugewandt, und das war alles recht und gut, aber dasselbe Gefühl hat zu einer unklugen Fortpflanzung rassisch degenerierter Linien geführt, die den Zivilisationsfortschritt auf erschreckende Weise verzögert haben.

99:3.6

Viele Einzelmenschen, die am Neubau der Gesellschaft arbeiten, aber die institutionalisierte Religion vehement ablehnen, sind im Grunde bei der Propagierung ihrer gesellschaftlichen Reformen von religiösem Eifer erfüllt. Und so spielt diese persönliche und mehr oder weniger nicht anerkannte religiöse Motivation im gegenwärtigen Programm gesellschaftlichen Umbaus eine sehr große Rolle.

99:3.7

Die große Schwäche all dieser nicht anerkannten und unbewussten Art religiöser Aktivität liegt darin, dass sie nicht aus offener religiöser Kritik Nutzen ziehen und dadurch zu segensreichen Ebenen der Selbstkorrektur gelangen kann. Es ist eine Tatsache, dass Religion nicht wächst, solange sie nicht durch einen konstruktiven kritischen Geist diszipliniert, durch Philosophie verstärkt, durch Wissenschaft gereinigt und durch treue Kameradschaft genährt wird.

99:3.8

Es besteht immer die große Gefahr, dass die Religion durch Verfolgung falscher Ziele verunstaltet und verdorben wird, wie wenn in Kriegszeiten jede kämpfende Nation ihre Religion zu militärischen Propagandazwecken herab­würdigt. Eifer ohne Liebe ist der Religion stets abträglich, während Verfol­gungen die Aktivitäten der Religion auf Nebengeleise lenken, um irgendeinem soziologischen oder theologischen Impuls zu gehorchen.

99:3.9

Religion kann von unheiligen weltlichen Allianzen nur freigehalten werden durch:

99:3.10

1. Eine kritisch korrigierende Philosophie.

99:3.11

2. Freiheit von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Allianzen.

99:3.12

3. Schöpferische, stärkende und der Liebe förderliche Gemeinschaften.

99:3.13

4. Wachsende Vertiefung der geistigen Schau und Würdigung kosmischer Werte.

99:3.14

5. Verhinderung von Fanatismus durch eine ausgleichende wissenschaftliche Geisteshaltung.

99:3.15

Gläubige als Gruppe dürfen sich nie mit anderen Dingen als mit Religion beschäftigen, was aber keinen dieser Gläubigen daran hindern sollte, als individueller Bürger in irgendeiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Reformbewegung zu einem hervorragenden Führer zu werden.

99:3.16

Aufgabe der Religion ist es, im einzelnen Bürger eine derartige kosmische Loyalität wachzurufen, zu unterhalten und zu inspirieren, dass sie ihn bei der Ausübung all dieser schwierigen, aber wünschenswerten Dienste an der Gesell­schaft erfolgreich werden lässt.

4. Übergangsschwierigkeiten

99:4.1

Echte Religion macht den Gläubigen anziehend im Umgang und verleiht ihm ein Gespür für menschliche Kameradschaft. Aber das Förmlichwerden einer religiösen Gruppe zerstört oftmals gerade die Werte, zu deren Förderung sie geschaffen wurde. Menschliche Freundschaft und göttliche Religion helfen und erleuchten einander gegenseitig in bedeutungsvoller Weise, wenn sich beider Wachstum ausgeglichen und harmonisch vollzieht. Religion bringt neue Bedeutungen in alle Gruppenzusammenschlüsse – in Familien, Schulen und Klubs. Sie verleiht dem Spiel neue Werte und verschönert allen wahren Humor.

99:4.2

Soziale Führerschaft wird durch geistige Erkenntnis verwandelt; Religion bewahrt alle kollektiven Bewegungen davor, ihre wahren Ziele aus den Augen zu verlieren. Unter der Voraussetzung lebendigen und wachsenden Glaubens ist die Religion zusammen mit den Kindern die große Einigerin des Familienlebens. Es gibt kein Familienleben ohne Kinder; es kann zwar ohne Religion gelebt werden, aber eine solche Behinderung vervielfacht die Schwierigkeiten dieser innigen menschlichen Gemeinschaft ganz gewaltig. In den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts ist es das Familienleben, das nebst der persönlichen religiösen Erfahrung am meisten unter dem Zerfall leidet, der eine Folge des Übergangs von den alten religiösen Treueverhältnissen zu den erwachenden neuen Bedeutungen und Werten ist.

99:4.3

Wahre Religion ist eine bedeutungsvolle Art, inmitten der gewöhnlichen Realitäten des täglichen Lebens dynamisch zu leben. Aber wenn Religion die individuelle Charakterbildung stimulieren und die Integrierung der Persön­lichkeit fördern soll, darf sie nicht standardisiert werden. Wenn sie die der Erfahrung beigemessene Wichtigkeit stimulieren und zur Suche nach Werten einladen soll, darf sie nicht stereotyp werden. Wenn Religion höchste Treue auslösen soll, darf sie nicht förmlich werden.

99:4.4

Was für Umwälzungen auch immer das gesellschaftliche und wirtschaftliche Wachstum der Zivilisation begleiten mögen, so ist Religion echt und lohnend, wenn sie im Einzelnen eine Erfahrung begünstigt, in der die Macht von Wahrheit, Schönheit und Güte beherrschend ist, denn das ist das wahre geistige Konzept höchster Realität. Und durch Liebe und Anbetung wird all das bedeutungsvoll in der brüderlichen Beziehung zu den Menschen und in der Sohnesbeziehung zu Gott.

99:4.5

Letztlich ist vielmehr das, was man glaubt, für das Verhalten bestimmend und die persönlichen Leistungen prägend, als das, was man weiß. Reines Tatsachenwissen übt auf den Durchschnittsmenschen nur einen sehr geringen Einfluss aus, solange es nicht emotional aktiviert wird. Aber die Aktivierung durch Religion liegt über den Emotionen und einigt die gesamte menschliche Erfahrung auf transzendenten Ebenen durch den Kontakt mit geistigen Energien und deren Einströmen in das Leben des Sterblichen.

99:4.6

Während der psychologisch aus dem Gleichgewicht geratenen Zeiten des zwanzigsten Jahrhunderts, inmitten der wirtschaftlichen Umwälzungen, sittlichen Gegenströmungen und soziologischen Wellenbewegungen der zyklonischen Übergänge einer wissenschaftlichen Ära, sind Tausende und Abertausende von Männern und Frauen menschlich erschüttert worden; sie sind bang, ruhelos, furchtsam, ungewiss und unstet; wie nie zuvor in der Weltgeschichte brauchen sie den Trost und die Stabilisierung einer gesunden Religion. Nie da gewesenen wissenschaftlichen Leistungen und mechanischen Entwicklungen stehen geistige Stagnation und philosophisches Chaos gegenüber.

99:4.7

Es liegt keine Gefahr in dem Umstand, dass Religion je länger je mehr zu einer privaten Angelegenheit – zu einer persönlichen Erfahrung – wird, vorausgesetzt, dass sie dabei ihre Motivation für selbstlosen und liebenden sozialen Dienst nicht verliert. Die Religion hat unter vielen sekundären Einflüssen gelitten: unter plötzlicher Vermischung der Kulturen, Vermengung von Glaubens­vorstellungen, Abnahme der kirchlichen Autorität, Veränderung des Familienlebens sowie Verstädterung und Mechanisierung.

99:4.8

Die größte geistige Gefährdung des Menschen besteht im nur teilweisen Fortschritt, in der misslichen Lage nicht abgeschlossenen Wachstums: im Aufgeben der evolutionären Religionen der Furcht ohne sofortige Annahme der offenbarten Religion der Liebe. Die moderne Wissenschaft, insbesondere die Psychologie, hat nur solche Religionen geschwächt, die weitgehend auf Furcht, Aberglauben und Emotion gründen.

99:4.9

Übergangszeiten sind immer von Verwirrung begleitet, und es wird in der religiösen Welt wenig Ruhe geben, solange die große Auseinandersetzung zwischen den drei sich bekämpfenden Religionsphilosophien nicht vorüber ist:

99:4.10

1. Der geistorientierte Glaube (an eine schicksalsbestimmende Gottheit) vieler Religionen.

99:4.11

2. Der humanistische und idealistische Glaube vieler Philosophien.

99:4.12

3. Die mechanistische und naturalistische Auffassung vieler Wissen­schaften.

99:4.13

Und diese drei partiellen Herangehensweisen an die Realität des Kosmos müssen schließlich harmonisiert werden durch die geoffenbarte Darstellung von Religion, Philosophie und Kosmologie, die beschreibt, wie die dreieinige Existenz von Geist, Verstand und Energie aus der Trinität des Paradieses hervorgeht und innerhalb der Gottheit des Supremen zu Einigung in Zeit und Raum gelangt.

5. Soziale Aspekte der Religion

99:5.1

Während Religion eine ausschließlich persönliche, geistige Erfahrung ist – Gott als einen Vater zu kennen – erfordert die logische Folgerung aus dieser Erfahrung – den Menschen als einen Bruder zu kennen – die Abstimmung des Selbst auf das Selbst anderer, und hierin liegt der soziale oder Gruppenaspekt des religiösen Lebens. Die Religion ist zuerst eine innere oder persönliche Ein­stimmung, und danach wird sie zu einer Angelegenheit sozialen Dienstes oder der Einstimmung auf die Gruppe. Die Tatsache des menschlichen Herden­instinktes bringt es zwangsläufig mit sich, dass religiöse Gruppen ins Dasein treten. Was mit solchen religiösen Gruppen geschieht, hängt sehr stark von intelligenter Führerschaft ab. In der primitiven Gesellschaft ist die religiöse Gruppe nicht immer sehr verschieden von wirtschaftlichen oder politischen Gruppen. Religion ist immer eine Bewahrerin der Sittlichkeit und Stabilisatorin der Gesellschaft gewesen. Und das ist immer noch wahr, trotz der gegenteiligen Lehre vieler moderner Sozialisten und Humanisten.

99:5.2

Denkt stets daran: Wahre Religion ist, Gott als euren Vater und den Menschen als euren Bruder zu kennen. Religion ist kein sklavischer Glaube an angedrohte Strafen oder magische Versprechungen künftiger mystischer Belohnungen.

99:5.3

Jesu Religion ist der dynamischste aller je die menschliche Rasse aktivierenden Einflüsse. Jesus zerschmetterte die Tradition, zerstörte das Dogma und rief die Menschheit zur Verwirklichung ihrer höchsten Ideale in Zeit und Ewigkeit auf – vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist.

99:5.4

Die Religion hat nur geringe Aussicht zu funktionieren, bevor sich die religiöse Gruppe von allen anderen Gruppen trennt – zum gesellschaftlichen Zusam­menschluss der geistigen Angehörigen des himmlischen Königreichs wird.

99:5.5

Die Lehre von der völligen Verworfenheit des Menschen zerstörte einen guten Teil des in der Religion vorhandenen Potentials zur Zeitigung von sozialen Auswirkungen erhebender Natur und inspirierenden Wertes. Jesus trachtete danach, die menschliche Würde wiederherzustellen, als er erklärte, dass alle Menschen Kinder Gottes sind.

99:5.6

Jede religiöse Überzeugung, die sich auf einen Gläubigen vergeistigend auswirkt, wird mit Sicherheit in dessen sozialem Leben mächtige Auswirkungen haben. Die religiöse Erfahrung bringt unfehlbar die „Früchte des Geistes“ im täglichen Leben des vom Geist geführten Sterblichen hervor.

99:5.7

Ebenso sicher, wie Menschen denselben religiösen Glauben teilen, bilden sie eine religiöse Gruppe irgendwelcher Art, die schließlich gemeinsame Ziele schafft. Eines Tages werden die religiösen Menschen zusammenspannen und tatsächlich auf der Basis von einheitlichen Idealen und Zielsetzungen zur Zusammenarbeit schreiten, anstatt dasselbe auf der Basis von psychologischen Meinungen und theologischen Anschauungen zu versuchen. Ziele, und nicht Kredos, sollten die Gläubigen vereinen. Da wahre Religion eine Angelegenheit persönlicher geistiger Erfahrung ist, muss jeder einzelne Gläubige notwendigerweise von der Verwirklichung dieser geistigen Erfahrung eine eigene persönliche Interpretation haben. Der Sinn des Wortes „Glaube“ sollte viel eher die Beziehung des Einzelnen zu Gott sein als die kredohafte Formulierung dessen, worauf sich eine Gruppe von Sterblichen als gemeinsame religiöse Haltung geeinigt hat. „Glaubst du? Dann glaube an dich selber.“

99:5.8

Dass Glauben nur mit dem Festhalten an idealen Werten zu tun hat, bezeugt jene Definition des Neuen Testamentes, die erklärt, dass der Glaube die Substanz der Dinge ist, die man erhofft, und die Selbstverständlichkeit von Dingen, die man nicht sieht.

99:5.9

Der primitive Mensch strengte sich kaum an, seine religiösen Überzeugungen in Worte zu fassen. Er drückte seine Religion viel eher im Tanz als in Worten aus. Die modernen Menschen haben viele Kredos ausgesonnen und viele Kriterien religiösen Glaubens geschaffen. Die Gläubigen der Zukunft müssen ihre Religion leben, sich von ganzem Herzen dem Dienst an der menschlichen Bruderschaft hingeben. Es ist höchste Zeit, dass die religiöse Erfahrung des Menschen so persönlich und sublim wird, dass sie sich einzig durch „Gefühle, die für Worte zu tief sind“, erleben und ausdrücken lässt.

99:5.10

Jesus verlangte von seinen Anhängern nicht, sich periodisch zu versammeln, um formelhafte Worte herzusagen, die den ihnen gemeinsamen Glauben wiedergäben. Er gebot ihnen einzig zusammenzukommen, um tatsächlich etwas zu tun – teilzunehmen am gemeinsamen Abendmahl der Erinnerung an sein Leben der Selbsthingabe auf Urantia.

99:5.11

Was für einen Fehler begehen doch Christen, die Christus als höchstes Ideal geistiger Führerschaft preisen, wenn sie es wagen, von gottbewussten Männern und Frauen zu verlangen, die historische Führerschaft von gottnahen Menschen abzulehnen, die in vergangenen Zeitaltern zur Erleuchtung ihrer jeweiligen Nation oder Rasse beigetragen haben!

6. Institutionelle Religion

99:6.1

Sektierertum ist eine Krankheit institutioneller Religion, und Dogmatismus ist eine Versklavung der geistigen Natur. Es ist weit besser, eine Religion ohne Kirche zu haben, als eine Kirche ohne Religion. Der religiöse Tumult des zwanzigsten Jahrhunderts ist an und für sich nicht ein Zeichen des Niedergangs. Verwirrung geht ebenso sehr dem Wachstum voraus wie der Zerstörung.

99:6.2

Die Sozialisierung der Religion verfolgt einen wirklichen Zweck. Der Zweck von religiösen Gruppenaktivitäten ist es, die der Religion entsprungenen Treueverhältnisse kräftig zu steigern; den Reiz von Wahrheit, Schönheit und Güte zu betonen; zu der Anziehungskraft höchster Werte beizutragen; den Dienst im Geiste selbstloser Brüderlichkeit zu verstärken; die im Familienleben liegenden Potentiale zu rühmen; für religiöse Erziehung zu sorgen; weise Beratung und geistige Führung anzubieten; und gemeinsame Anbetung zu ermutigen. Und alle lebendigen Religionen ermutigen menschliche Freundschaft, bewahren die Sittlichkeit, fördern die Hilfsbereitschaft unter Nachbarn und erleichtern die Verbreitung des wesentlichen Evangeliums ihrer jeweiligen Botschaft ewigen Heils.

99:6.3

Aber wenn sich die Religion immer mehr zu einer Institution wandelt, wird ihre Kraft zum Guten beschnitten, während ihre Möglichkeiten zu Üblem gewaltig zunehmen. Die Gefahren förmlicher Religion sind: Fixierung von Glaubensvorstellungen und Kristallisierung von Gefühlen; Anhäufung verbriefter Rechte bei zunehmender Verweltlichung; Tendenz zu Standardisierung und Fossilisierung der Wahrheit; Übergang der Religion vom Dienst an Gott zum Dienst an der Kirche; Neigung der Führer, Verwalter statt Seelsorger zu sein; Tendenz zur Bildung von Sekten und wetteifernden Untergruppen; Entstehen einer unterdrückerischen geistlichen Autorität; Schaffung der aristokratischen „Auserwähltes Volk“-Haltung; Förderung falscher und übertriebener Ideen von Heiligkeit; Übergang der Religion in Routine und Versteinerung des Kultes; Hinwendung zur Verehrung der Vergangenheit und Taubheit für aktuelle Bedürfnisse; Unvermögen, Religion auf moderne Weise zu deuten; Verquickung mit Funktionen weltlicher Institutionen; und die förmliche Religion schafft die üble Sonderung in religiöse Kasten; sie wird zu einem intoleranten Richter der Orthodoxie; sie versagt dabei, das Interesse einer abenteuerlustigen Jugend wach zu halten, und verliert allmählich die rettende Botschaft des Evangeliums vom ewigen Heil aus den Augen.

99:6.4

Die förmliche Religion schränkt die Menschen in ihren persönlichen geistigen Aktivitäten ein, anstatt sie als Erbauer des Königreichs für einen höheren Dienst zu befreien.

7. Beitrag der Religion

99:7.1

Obwohl die Kirchen und alle anderen religiösen Gruppen sich von jeder weltlichen Aktivität fernhalten sollten, darf die Religion zugleich nichts unternehmen, um die gesellschaftliche Koordinierung menschlicher Institutionen zu verhindern oder zu verzögern. Das Leben muss fortfahren, immer größere Bedeutung zu gewinnen; der Mensch muss seine Reformierung der Philosophie und seine Klärung der Religion fortsetzen.

99:7.2

Die politische Wissenschaft muss die Rekonstruktion von Wirtschaft und Indu­strie aufgrund der Techniken, die sie von der Sozialwissenschaft lernt, und aufgrund der aus religiösem Leben gewonnenen Erkenntnisse und Antriebe herbeiführen. Bei jedem gesellschaftlichen Umbau liefert die Religion die stabilisierende Treue zu einem transzendenten Bezugspunkt, ein festigendes Ziel jenseits und über dem verfolgten unmittelbaren zeitlichen Zweck. Inmitten der Verwirrung eines sich rasch wandelnden Umfeldes braucht der sterbliche Mensch die Stütze einer gewaltigen kosmischen Perspektive.

99:7.3

Die Religion inspiriert den Menschen dazu, sein Leben auf der Erde mutig und freudig zu leben; sie verbindet Geduld mit Leidenschaft, Erkenntnis mit Eifer, Sympathie mit Macht und Ideale mit Energie.

99:7.4

Der Mensch kann in zeitlichen Fragen niemals zu weisen Entscheidungen gelangen oder über selbstsüchtige persönliche Interessen hinausgehen, es sei denn, er halte in der Gegenwart der Souveränität Gottes Einkehr und rechne mit den Realitäten göttlicher Bedeutungen und geistiger Werte.

99:7.5

Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit und soziale Brüderlichkeit werden letzten Endes die Bruderschaft herbeiführen. Der Mensch ist von Natur aus ein Träumer, aber die Wissenschaft sorgt für seine Ernüchterung, so dass die Religion ihn alsbald aktivieren kann und dabei viel weniger Gefahr läuft, in ihm fanatische Reaktionen auszulösen. Die wirtschaftlichen Zwänge binden den Menschen an die Realität, und die persönliche religiöse Erfahrung lässt denselben Menschen von Angesicht zu Angesicht den ewigen Realitäten einer stets expandierenden und voranschreitenden kosmischen Bürgerschaft gegenübertreten.

99:7.6

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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