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Die Lehren Melchisedeks im Abendland

MELCHISEDEKS Lehren gelangten über viele Wege nach Europa, aber hauptsächlich kamen sie über Ägypten und wurden nach ihrer vollständigen Hellenisierung und späteren Christianisierung der abendländischen Philosophie einverleibt. Die Ideale der westlichen Welt waren grundlegend sokratisch, und ihre spätere religiöse Philosophie wurde diejenige von Jesus in ihrer durch den Kontakt mit der sich entwickelnden westlichen Philosophie und Religion veränderten und beeinträchtigten Gestalt. Und all das gipfelte in der christlichen Kirche.

98:0.2

Während langer Zeit waren die Missionare Salems in Europa tätig, und allmählich gingen sie in den vielen periodisch entstehenden Kulten und rituellen Gruppen auf. Von denen, die die Lehren Salems in ihrer reinsten Form bewahrten, müssen die Kyniker genannt werden. Diese Prediger des Glaubens und Vertrauens in Gott waren im römischen Europa des ersten nachchristlichen Jahrhunderts immer noch tätig und wurden später in die sich neu bildende christliche Religion eingegliedert.

98:0.3

Vieles von der Lehre Salems wurde in Europa durch die jüdischen Söldner verbreitet, die in so vielen militärischen Auseinandersetzungen des Abendlandes mitkämpften. In alten Zeiten waren die Juden ebenso sehr für ihre Tapferkeit im Kampf wie für ihre theologischen Besonderheiten bekannt.

98:0.4

Die Grundlehren griechischer Philosophie, jüdischer Theologie und christlicher Ethik waren im Wesentlichen Auswirkungen der früheren Unterweisungen Melchisedeks.

1. Die Religion Salems bei den Griechen

98:1.1

Die Missionare Salems hätten bei den Griechen eine große religiöse Struktur aufbauen können, wären sie nicht so eng gewesen in ihrer Auslegung des von ihnen anlässlich ihrer Weihe abgelegten Eides, eines ihnen von Machiventa auferlegten Gelöbnisses, das ihnen die Organisation von ausschließlich der Anbetung geweihten Kongregationen verbot und von jedem Lehrer das Versprechen verlangte, nie als Priester zu wirken und nie Honorare für religiöse Dienste entgegenzunehmen, allein Nahrung, Kleidung und Obdach. Als die Lehrer Melchisedeks das vorhellenische Griechenland betraten, fanden sie ein Volk vor, das immer noch die Überlieferungen von Adamson und der Zeit der Anditen pflegte. Aber diese Lehren hatten großen Schaden genommen durch Vorstellungen und Glauben von Horden niedriger Sklaven, die in wachsender Zahl an die griechischen Küsten gebracht worden waren. Diese Verderbnis hatte einen Rückfall in rohen Animismus mit blutigen Riten zur Folge, wobei die niedrigeren Klassen aus der Hinrichtung verurteilter Verbrecher sogar Zeremonien machten.

98:1.2

Der frühe Einfluss der Lehrer aus Salem wurde fast zunichte gemacht durch die so genannte arische Invasion aus Südeuropa und aus dem Osten. Diese hellenischen Invasoren brachten anthropomorphe Gotteskonzepte ähnlich denen mit, die ihre arischen Verwandten nach Indien getragen hatten. Mit dieser Einfuhr begann die Entwicklung der griechischen Familie von Göttern und Göttinnen. Diese neue Religion beruhte teilweise auf den Kulten der einfallenden hellenischen Barbaren, aber sie enthielt auch die Mythen der älteren Bewohner Griechenlands.

98:1.3

Die hellenischen Griechen fanden eine weitgehend vom Mutterkult beherrschte Mittelmeerwelt vor, und sie zwangen diesen Völkerschaften ihren Mann-Gott, Diaus-Zeus, auf, der wie Jahve bei den henotheistischen Semiten bereits zum Haupt des ganzen griechischen Pantheons untergeordneter Götter geworden war. Und die Griechen wären schließlich mit dem Zeuskonzept zu einem richtigen Monotheismus gelangt, hätten sie nicht an der Idee von einer höchsten Kontrolle durch das Schicksal festgehalten. Ein Gott mit endgültigem Wert muss selber der Gebieter des Schicksals und der Schöpfer der Bestimmung sein.

98:1.4

Aufgrund dieser Faktoren religiöser Evolution entstand bald der Volksglaube an die unbekümmerten Götter des Berges Olymp, an mehr menschliche als göttliche Götter, und an Götter, die von den intelligenten Griechen nie sehr ernst genommen wurden. Und weder liebten noch fürchteten sie diese Götter ihrer eigenen Erfindung über die Maßen. Sie empfanden für Zeus und seine Familie von halbmenschlichen und halbgöttlichen Wesen ein patriotisches und rassisches Gefühl, aber sie brachten ihnen kaum Verehrung oder Anbetung entgegen.

98:1.5

Die Hellenen waren durch die priesterfeindlichen Lehren der früheren Lehrer aus Salem so sehr geprägt worden, dass in Griechenland nie eine Priesterschaft von etwelcher Bedeutung entstand. Selbst die Anfertigung von Götterbildern ge­schah mehr im Geiste einer Kunstübung als einer andächtigen Verehrung.

98:1.6

Die olympischen Götter illustrieren den typischen Anthropomorphismus des Menschen. Aber die griechische Mythologie war mehr ästhetisch als ethisch. Die griechische Religion war insofern hilfreich, als sie ein Universum entwarf, das von einer Gruppe von Gottheiten regiert wurde. Aber Sittlichkeit, Ethik und Philosophie der Griechen eilten ihrem Gotteskonzept bald weit voraus, und dieses Ungleichgewicht zwischen intellektuellem und geistigem Wachstum war für Griechenland ebenso riskant, wie es sich für Indien erwiesen hatte.

2. Philosophisches Denken der Griechen

98:2.1

Eine leicht genommene und oberflächliche Religion kann nicht von langer Dauer sein, insbesondere wenn sie keine Priesterschaft besitzt, um ihre Formen zu pflegen und die Herzen der Gläubigen mit Furcht und heiliger Scheu zu erfüllen. Weder versprach die olympische Religion Rettung, noch löschte sie den geistigen Durst der an sie Glaubenden, und deshalb war sie zum Untergang verurteilt. Tausend Jahre nach ihrem Entstehen war sie beinahe erloschen, und die Griechen fanden sich ohne nationale Religion, da die Götter des Olymp ihre Macht über die besseren Intelligenzen verloren hatten.

98:2.2

So lagen die Dinge, als Orient und Levante im sechsten vorchristlichen Jahr­hundert eine Erweckung geistigen Bewusstseins und eine neu erwachende Anerkennung des Monotheismus erlebten. Aber der Westen teilte diese Ent­wicklung nicht; weder Europa noch Nordafrika nahmen an dieser religiösen Renaissance nennenswerten Anteil. Die Griechen indessen unternahmen einen großartigen intellektuellen Vorstoß. Sie hatten begonnen, die Furcht in den Griff zu bekommen, und sie suchten deren Gegengift nicht mehr in der Religion. Aber sie erkannten nicht, dass wahre Religion den Hunger der Seele stillt und sie von geistiger Unrast und sittlicher Verzweiflung heilt. Sie suchten in tiefem Denken – in Philosophie und Metaphysik – Trost für die Seele. Sie wandten sich vom Nachsinnen über die Selbstbewahrung – Errettung – ab und der Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis zu.

98:2.3

Durch strenges Denken versuchten die Griechen zu jenem Bewusstsein von Sicher­heit zu gelangen, das als Ersatz für den Glauben an das Fortleben dienen sollte, aber sie scheiterten dabei vollkommen. Nur die intelligenteren Angehörigen der höheren Klassen des hellenischen Volkes konnten die neue Lehre erfassen; die große Masse der Nachkommen der Sklaven früherer Generationen besaß keine Fähigkeit zur Aufnahme dieses neuen Religionsersatzes.

98:2.4

Die Philosophen verachteten alle Formen von Anbetung, obwohl sie praktisch alle lose an einem im Hintergrund vorhandenen Glauben an die Salem-Lehre von „der Intelligenz des Universums“, „der Idee Gottes“ und „dem Großen Ursprung“ festhielten. Insofern als die griechischen Philosophen das Göttliche und Überendliche anerkannten, waren sie klar monotheistisch; sie schenkten der ganzen Galaxie olympischer Götter und Göttinnen kaum Beachtung.

98:2.5

Die griechischen Dichter des fünften und sechsten Jahrhunderts, insbesondere Pindar, unternahmen eine Erneuerung der griechischen Religion. Sie steigerten deren Ideale, aber sie waren mehr Künstler als religiöse Menschen. Es gelang ihnen nicht, eine Technik zur Förderung und Bewahrung höchster Werte zu entwickeln.

98:2.6

Xenophanes lehrte einen einzigen Gott, aber sein Gottheitskonzept war zu pantheistisch, um dem sterblichen Menschen ein persönlicher Vater sein zu können. Anaxagoras war ein Mechanist, außer dass er eine Erste Ursache, einen Ursprünglichen Verstand, anerkannte. Sokrates und seine Nachfolger Plato und Aristoteles lehrten, dass Tugend gleich Wissen ist; Güte gleich seelischer Gesundheit; dass es besser ist, Unrecht zu erleiden als sich seiner schuldig zu machen, dass es falsch ist, Böses mit Bösem zu vergelten, und dass die Götter weise und gut sind. Ihre Haupttugenden waren: Weisheit, Mut, Mäßigkeit und Gerechtigkeit.

98:2.7

Die Evolution religiöser Philosophie im hellenischen und hebräischen Volk liefert eine kontrastreiche Illustrierung der Funktion der Kirche als einer den kulturellen Fortschritt gestaltenden Institution. In Palästina war das menschliche Denken dermaßen von den Priestern kontrolliert und von den Schriften gelenkt, dass Philosophie und Ästhetik vollständig in Religion und Sittlichkeit untergingen. In Griechenland ließ die fast vollständige Abwesenheit von Priestern und „heiligen Schriften“ den menschlichen Verstand frei und ungebunden, und die Folge davon war eine staunenswerte Entwicklung der Gedankentiefe. Aber die Religion als eine persönliche Erfahrung vermochte mit dem intellektuellen Eindringen in Natur und Realität des Kosmos nicht Schritt zu halten.

98:2.8

In Griechenland war der Glaube dem Denken untergeordnet; in Palästina blieb das Denken dem Glauben unterworfen. Ein guter Teil der Kraft des Christentums kommt daher, dass es sowohl bei hebräischer Sittlichkeit als auch bei griechischem Denken ausgiebige Anleihen gemacht hat.

98:2.9

In Palästina nahm das religiöse Dogma derart starre Formen an, dass jedes weitere Wachstum in Frage gestellt wurde; in Griechenland wurde menschliches Denken so abstrakt, dass das Gotteskonzept sich in einem nebligen Dunst pantheistischer Spekulation auflöste, die gar nicht so weit von der unpersönlichen Unendlichkeit der brahmanischen Philosophen entfernt war.

98:2.10

Aber die gewöhnlichen Menschen jener Zeiten konnten die griechische Philosophie der Selbstverwirklichung und einer abstrakten Gottheit weder erfassen, noch interessierten sie sich besonders dafür; sie sehnten sich vielmehr nach Heilsversprechen, verbunden mit einem persönlichen Gott, der ihre Gebete hören konnte. Sie verbannten die Philosophen, verfolgten die letzten Vertreter des Salemkultes – beide Denkrichtungen hatten sich stark vermischt – und bereiteten sich auf jenes fürchterliche orgiastische Untertauchen in die Mysterienkulte vor, die sich damals in allen Mittelmeerländern ausbreiteten. Im olympischen Pantheon entwickelten sich die eleusinischen Mysterien, eine griechische Version des Fruchtbarkeitskultes; die dionysische Naturanbetung blühte; der beste der Kulte war derjenige der orphischen Bruderschaft, deren sittliche Predigten und Heilsversprechen an viele mächtig appellierten.

98:2.11

Ganz Griechenland wurde von diesen neuen Methoden, zum Heil zu gelangen, von diesen emotionalen und glühenden Riten ergriffen. Keine Nation hat je in so kurzer Zeit solche Höhen künstlerischer Philosophie erklommen; keine hat je ein so fortgeschrittenes ethisches System praktisch ohne Gottheit und in gänzlicher Ermangelung des Versprechens menschlicher Errettung geschaffen; und keine Nation ist je so rasch, tief und heftig in solche Tiefen intellektueller Stagnation, sittlicher Verderbtheit und geistiger Armut hinabgetaucht wie diese selben griechischen Völker, als sie sich in den verrückten Wirbel der Mysterienkulte stürzten.

98:2.12

Religionen haben ohne philosophische Unterstützung lange zu dauern vermocht, aber nur wenige Philosophien haben als solche ohne irgendwelche Identifikation mit Religion lange bestanden. Philosophie verhält sich zu Religion wie Idee zu Aktion. Aber der ideale menschliche Zustand ist jener, in dem Philosophie, Religion und Wissenschaft durch Zusammenwirken von Weisheit, Glauben und Erfahrung zu einer bedeutungsvollen Einheit zusammengeschweißt werden.

3. Die Lehren Melchisedeks in Rom

98:3.1

Da sich die nachmalige Religion der Lateiner aus den früheren Formen der Anbetung von Familiengöttern zum Stammeskult des Kriegsgottes Mars entwickelt hatte, war sie ganz natürlich viel politischer geprägt als die intellektuellen Systeme der Griechen und Brahmanen oder die mehr geistigen Religionen mehrerer anderer Völker.

98:3.2

Während der großen monotheistischen Renaissance des Evangeliums Melchisedeks im sechsten Jahrhundert vor Christus betraten allzu wenige Missionare aus Salem Italien, und diese wenigen waren unfähig, den Einfluss der sich rasch ausbreitenden etruskischen Priesterschaft mit ihrer neuen Galaxie von Göttern und Tempeln zu überwinden, was alles in die Organisation der römischen Staatsreligion einmündete. Diese Religion der lateinischen Stämme war nicht trivial und korrupt wie diejenige der Griechen, noch war sie streng und tyrannisch wie diejenige der Hebräer; sie bestand größtenteils aus der Beobachtung von Formen, Gelübden und Tabus.

98:3.3

Die römische Religion geriet stark unter den Einfluss umfangreicher kultureller Importe aus Griechenland. Schließlich wurden die meisten olympischen Götter verpflanzt und dem lateinischen Pantheon einverleibt. Die Griechen hatten lange Zeit das Feuer des Familienherdes verehrt – Hestia war ihre jungfräuliche Göttin des Herdes; nun wurde Vesta zu der römischen Göttin des Heims. Zeus wurde zu Jupiter, Aphrodite zu Venus, und dasselbe widerfuhr vielen anderen olympischen Gottheiten.

98:3.4

Die religiöse Initiation der römischen Jugendlichen war der Anlass ihrer feierlichen Verpflichtung auf den Dienst am Staat. Gelübde und Aufnahme in die Staatsbürgerschaft waren in Wirklichkeit religiöse Zeremonien. Die lateinischen Völker unterhielten Tempel, Altäre und heilige Schreine und befragten in Krisenzeiten die Orakel. Sie bewahrten die Gebeine von Helden und später diejenigen der christlichen Heiligen.

98:3.5

Diese förmliche und nichtemotionale Art von pseudoreligiösem Patriotismus war zum Untergang verurteilt, geradeso wie die hochintellektuelle und künstlerische Verehrung der Griechen vor der glühenden und tief emotionalen Anbetung der Mysterienkulte abgedankt hatte. Der mächtigste dieser zerstörerischen Kulte war die Mysterienreligion der Mutter-Gottes-Sekte, die ihren Hauptsitz in jenen Tagen genau an der Stelle der heutigen St. Peterskirche in Rom hatte.

98:3.6

Der aufstrebende römische Staat machte politische Eroberungen, wurde aber seinerseits durch die Kulte, Riten, Mysterien und Gotteskonzepte Ägyptens, Griechenlands und der Levante erobert. Diese importierten Kulte blühten im ganzen römischen Staatswesen weiter bis zu der Zeit des Augustus, der aus rein politischen und staatsbürgerlichen Gründen eine heroische und einigermaßen erfolgreiche Anstrengung unternahm, die Mysterien zu zerstören und die ältere politische Religion neu zu beleben.

98:3.7

Einer der Priester der Staatsreligion berichtete Augustus von den früheren Bestrebungen der Lehrer aus Salem, die Lehre von dem einen Gott, von einer endgültigen, über allen übernatürlichen Wesen stehenden Gottheit zu verbreiten; und diese Idee setzte sich im Kaiser so stark fest, dass er viele Tempel erbaute, sie mit schönen Statuen versah, die staatliche Priesterschaft reorganisierte, die Staatsreligion wiederherstellte, sich zum amtierenden höchsten Priester aller ernannte und als Kaiser nicht zögerte, sich selbst zum höchsten Gott auszurufen.

98:3.8

Diese neue Religion der Augustus-Verehrung blühte und wurde zu seinen Lebzeiten im ganzen Reich mit Ausnahme Palästinas, der Heimat der Juden, befolgt. Und diese Ära menschlicher Götter setzte sich so lange fort, bis der offizielle römische Kult eine Liste von über vierzig selbsternannten menschlichen Gottheiten enthielt, die alle auf mirakulöse Geburt und andere übermenschliche Attribute Anspruch erhoben.

98:3.9

Den letzten Widerstand der schrumpfenden Gruppe von Salemgläubigen leis­tete die ernste Predigerschar der Kyniker, die die Römer aufforderten, ihre wilden und sinnlosen religiösen Rituale aufzugeben und zu einer Form der Anbetung zurückzukehren, die das durch den Kontakt mit der Philosophie der Griechen veränderte und infizierte Evangelium Melchisedeks enthielt. Aber das Volk als Ganzes lehnte die Kyniker ab; es zog vor, sich in die Rituale der Mysterien zu stürzen, die ihm nicht nur Hoffnung auf persönliche Errettung anboten, sondern auch seinem Wunsch nach Abwechslung, Erregung und Unterhaltung entgegenkamen.

4. Die Mysterienkulte

98:4.1

Da die Menschen der griechisch-römischen Welt in ihrer Mehrheit ihre angestammte Familien- und Staatsreligion verloren hatten und nicht fähig oder willens waren, die Bedeutung der griechischen Philosophie zu erfassen, wandten sie ihre Aufmerksamkeit den spektakulären und erregenden Mysterienkulten aus Ägypten und der Levante zu. Die einfachen Leute sehnten sich nach Heilsversprechen – nach religiösem Trost für das Heute und nach Bekräftigung der Hoffnung auf Unsterblichkeit nach dem Tode.

98:4.2

Die drei Mysterienkulte, die am populärsten wurden, waren:

98:4.3

1. Der phrygische Kult der Kybele und ihres Sohnes Attis.

98:4.4

2. Der ägyptische Kult des Osiris und seiner Mutter Isis.

98:4.5

3. Der iranische Kult der Verehrung Mithras als des Retters und Erlösers der sündigen Menschheit.

98:4.6

Die phrygischen und ägyptischen Mysterien lehrten, dass der göttliche Sohn (Attis bzw. Osiris) durch den Tod gegangen und durch göttliche Macht auferweckt worden sei, und ferner, dass alle, die geziemend in das Mysterium eingeweiht waren und seinen Todestag und den Tag seiner Auferstehung mit Ehrfurcht feierten, dadurch an seiner göttlichen Natur und Unsterblichkeit teilhaben würden.

98:4.7

Die phrygischen Zeremonien waren beeindruckend, aber entwürdigend; ihre blutigen Feiern lassen erkennen, wie heruntergekommen und primitiv diese levantinischen Mysterien geworden waren. Der heiligste Tag war der Schwarze Freitag, der „Tag des Blutes“, an dem man des selbstauferlegten Todes Attis‘ gedachte. Nach drei Tagen der feierlichen Begehung des Opfers und Todes von Attis schlug die Feier zu Ehren seiner Auferstehung in Freude um.

98:4.8

Die Rituale des Isis- und Osiriskultes waren raffinierter und eindrücklicher als jene des phrygischen Kultes. Dieses ägyptische Ritual rankte sich um die Sage des alten Nilgottes, eines Gottes, der starb und auferweckt wurde. Diese Vorstellung war aus der Beobachtung des jährlich wiederkehrenden Stillstandes des Pflanzenwuchses hervorgegangen, auf den im Frühling die Rückkehr aller lebenden Pflanzen folgt. Die Raserei bei der Befolgung der Mysterienkulte und die Orgien ihres Zeremoniells, die angeblich zum „Enthusiasmus“ göttlicher Verwirklichung führten, waren manchmal höchst widerlich.

5. Der Mithraskult

98:5.1

Die phrygischen und ägyptischen Mysterien mussten schließlich dem größten aller Mysterienkulte, der Verehrung Mithras, weichen. Der mithraische Kult sprach die verschiedensten Menschentypen an und verdrängte allmählich seine beiden Vorgänger. Der Mithraismus verbreitete sich über das ganze Römische Reich durch die Propaganda der in der Levante – wo diese Religion im Schwang war – rekrutierten römischen Legionen; denn sie trugen diesen Glauben mit sich in alle Gegenden, wo sie hinkamen. Und dieses neue religiöse Ritual bedeutete gegenüber den früheren Mysterienkulten eine große Verbesserung.

98:5.2

Der Mithraskult entstand in Iran und hielt sich in seiner Heimat lange Zeit trotz der militanten Opposition der Anhänger Zarathustras. Bis der Mithraismus Rom erreichte, war er durch die Aufnahme vieler Lehren Zarathustras bedeutend verbessert worden. Und es geschah hauptsächlich über den mithraischen Kult, dass Zarathustras Religion das später erscheinende Christentum beeinflusste.

98:5.3

Der mithraische Kult schilderte einen kämpferischen Gott, der aus einem großen Felsen geboren wurde, zu Heldentaten auszog und dessen Pfeile beim Aufprall auf einem Felsen aus diesem Wasser hervorschießen ließen. Es gab eine Sintflut, welcher nur ein einziger in einem besonders gebauten Boot entging, und ein letztes Abendmahl, das Mithras mit dem Sonnengott feierte, bevor er zum Himmel aufstieg. Dieser Sonnengott oder Sol Invictus war eine Entartung des Ahura-Mazda-Gottheitkonzeptes des Zoroastrismus. Man stellte sich Mithras als den überlebenden Vorkämpfer des Sonnengottes in dessen Kampf gegen den Gott der Finsternis vor. Und in Anerkennung dafür, dass er den mythischen heiligen Stier tötete, wurde Mithras unsterblich gemacht und in die Stellung eines Fürsprechers der menschlichen Rasse bei den Göttern in der Höhe erhoben.

98:5.4

Die Anhänger dieses Kultes trafen sich zur Anbetung in Höhlen und an anderen geheimen Orten, wobei sie Hymnen sangen, magische Formeln murmelten, das Fleisch der Opfertiere aßen und deren Blut tranken. Sie hielten dreimal am Tag Andacht, mit einem besonderen wöchentlichen Zeremoniell am Tage des Sonnengottes und mit der anspruchsvollsten aller Feiern am jährlichen Fest Mithras, dem fünfundzwanzigsten Dezember. Man glaubte, dass die Teilnahme am Sakrament das ewige Leben, das unverzügliche Weitergehen nach dem Tode an den Busen Mithras zusichere, um dort bis zum Tage des Gerichts in Seligkeit zu verharren. Am Tage des Gerichts würden Mithras‘ Himmelsschlüssel die Pforten des Paradieses zum Empfang der Gläubigen aufschließen. Danach würden bei Mithras‘ Rückkehr zur Erde alle Ungetauften unter den Lebenden und Toten vernichtet. Es wurde gelehrt, dass ein Mensch bei seinem Tode vor Mithras trete, um von ihm gerichtet zu werden, und dass dieser am Ende der Welt alle Toten zum ewigen Gericht aus ihren Gräbern rufe. Die Gottlosen kämen im Feuer um, und die Rechtschaffenen würden für immer mit Mithras herrschen.

98:5.5

Zuerst war es nur eine Religion für Männer, und es gab sieben verschiedene Grade, in die die Gläubigen nacheinander eingeweiht werden konnten. Später wurden die Frauen und Töchter von Gläubigen in die Tempel der Großen Mutter aufgenommen, die an die mithraischen Tempel stießen. Der Kult der Frauen war eine Mischung aus mithraischem Ritual und den Zeremonien des phrygischen Kultes Kybeles, der Mutter von Attis.

6. Mithraismus und Christentum

98:6.1

Vor dem Kommen der Mysterienkulte und des Christentums entwickelte sich in den zivilisierten Ländern Nordafrikas und Europas kaum eine persönliche Religion als unabhängige Institution; Religion war mehr eine Angelegenheit der Familie, des Stadtstaates, eine politische, eine kaiserliche Sache. Die hellenischen Griechen entwickelten nie ein zentralisiertes System religiöser Praxis; das Ritual war lokal; sie hatten weder Priesterschaft noch „heiliges Buch“. Wie den religiösen Institutionen der Römer fehlte auch den ihren ein mächtiger Motor zur Bewahrung der höheren sittlichen und geistigen Werte. Zwar stimmt es, dass die Institutionalisierung einer Religion gewöhnlich ihrer geistigen Qualität abträglich gewesen ist, aber es ist auch eine Tatsache, dass es bisher keiner Religion gelungen ist, ohne die Hilfe einer institutionellen Organisation größeren oder geringeren Umfanges zu überleben.

98:6.2

So siechte die abendländische Religion bis zu den Tagen der Skeptiker, Kyniker, Epikuräer und Stoiker dahin, aber wichtiger noch als alles andere, bis zu der Zeit der großen Auseinandersetzung zwischen dem Mithraismus und der neuen christlichen Religion des Paulus.

98:6.3

Während des dritten Jahrhunderts nach Christus waren sich die mithraischen und christlichen Kirchen sowohl in ihrer äußeren Erscheinung als auch im Charakter ihres Rituals sehr ähnlich. Die Mehrzahl dieser Stätten der Anbetung war unterirdisch, und beide besaßen Altäre, in deren Hintergrund auf manche Weise die Leiden des Retters dargestellt waren, welcher der von Sünde heimgesuchten menschlichen Rasse das Heil gebracht hatte.

98:6.4

Schon immer war es Sitte der mithraischen Gläubigen gewesen, ihre Finger beim Betreten des Tempels in heiliges Wasser einzutauchen. Und da es in vielen Gegenden Menschen gab, die eine Zeitlang beiden Religionen angehörten, führte man diesen Brauch in der Mehrzahl der christlichen Kirchen der Umgebung Roms ein. Beide Religionen wandten die Taufe an und nahmen am Sakrament des Brotes und Weines teil. Abgesehen von den Charakteren von Mithras und Jesus war einer der Hauptunterschiede zwischen Mithraismus und Christentum, dass jener den Militarismus ermutigte, während dieses extrem pazifistisch war. Die Toleranz des Mithraismus gegenüber anderen Religionen (außer dem späteren Christentum) führte zu seinem schließlichen Untergang. Aber der ausschlaggebende Faktor im Kampf zwischen den beiden war die Aufnahme der Frauen als vollwertige Mitglieder in die christliche Glaubensgemeinschaft.

98:6.5

Am Ende beherrschte der nominelle christliche Glaube das Abendland. Die griechische Philosophie steuerte die ethischen Wertvorstellungen bei, der Mithraismus die den Kult begleitenden Rituale und das Christentum als solches die Technik zur Erhaltung sittlicher und sozialer Werte.

7. Die christliche Religion

98:7.1

Nicht um einen zornigen Gott zu versöhnen, inkarnierte sich ein Schöpfersohn in der Gestalt eines Sterblichen und gab sich an die Menschheit Urantias hin, sondern um die ganze Menschheit dahin zu bringen, des Vaters Liebe zu erkennen und sich ihrer Sohnesbeziehung zu Gott bewusst zu werden. Im Grunde erkannte selbst der große Anwalt der Sühnedoktrin etwas von dieser Wahrheit, denn er erklärte, dass „Gott in Christus die Welt mit sich versöhnte“.

98:7.2

Es ist nicht Aufgabe dieser Schrift, auf Ursprung und Verbreitung der christ­lichen Religion einzugehen. Begnügen wir uns damit festzuhalten, dass sie um die Person Jesu von Nazareth, den als Menschen inkarnierten Michael-Sohn von Nebadon herum aufgebaut ist, den Urantia als den Christus, den Gesalb­ten, kennt. Das Christentum wurde in der Levante und im Abendland durch die Jünger dieses Galiläers verbreitet, und ihr missionarischer Eifer kam dem ihrer illustren Vorgänger, der Sethiter und Salemiten, und dem ihrer ernsten asiatischen Zeitgenossen, der buddhistischen Lehrer, gleich.

98:7.3

Die christliche Religion als urantianisches Glaubenssystem entstand aus der Vermengung folgender Lehren, Einflüsse, Glaubensvorstellungen, Kulte und individueller persönlicher Haltungen:

98:7.4

1. Die Lehren Melchisedeks. Sie bilden den Grundfaktor aller Religionen von Okzident und Orient, die in den letzten viertausend Jahren entstanden sind.

98:7.5

2. Das hebräische System der Sittlichkeit, Ethik, Theologie und des Glaubens an die Vorsehung sowie an den höchsten Jahve.

98:7.6

3. Die zoroastrische Auffassung vom Kampf zwischen dem kosmischen Guten und Bösen, die ihren Stempel bereits dem Judaismus und dem Mithraismus aufgedrückt hatte. Durch den lang währenden Kontakt, den die Kämpfe zwischen Mithraismus und Christentum mit sich brachten, wurden die Lehren des iranischen Propheten zu einem mächtigen und bestimmenden Faktor in der theologischen und philosophischen Art und Bauweise der Dogmen, Lehrsätze und der Kosmologie der hellenisierten und latinisierten Versionen von Jesu Lehren.

98:7.7

4. Die Mysterienkulte, insbesondere der Mithraismus, aber auch die Verehrung der Großen Mutter im phrygischen Kult. Selbst auf die Legenden über Jesu Geburt auf Urantia färbte die römische Version von der wunderbaren Geburt des iranischen Retters und Helden Mithras ab, bei dessen Ankunft auf Erden nur eine Handvoll Hirten zugegen waren, die Geschenke darbrachten und denen Engel das unmittelbar bevorstehende Ereignis bekannt gegeben hatten.

98:7.8

5. Die historische Tatsache des menschlichen Lebens Josua ben Josephs, die Realität Jesu von Nazareth als des verherrlichten Christus, des Sohnes Gottes.

98:7.9

6. Der persönliche Gesichtspunkt von Paulus von Tarsus. Und es sollte daran erinnert werden, dass während seiner Adoleszenz die dominierende Religion von Tarsus der Mithraismus war. Paulus hätte sich nie träumen lassen, dass seine in guter Absicht verfassten Briefe an seine Bekehrten eines Tages von späteren Christen als „Wort Gottes“ betrachtet würden. Man darf solche wohlmeinenden Lehrer nicht für den Gebrauch verantwortlich machen, den spätere Nachfolger von ihren Schriften machen.

98:7.10

7. Das philosophische Denken der hellenistischen Völker, von Alexan­drien und Antiochien über Griechenland bis nach Syrakus und Rom. Die Philosophie der Griechen stand mehr in Harmonie mit der paulinischen Version des Christentums als mit jedem anderen der damaligen religiösen Systeme und wurde zu einem wichtigen Faktor des Erfolges des Christentums im Abend­land. Immer noch bildet die griechische Philosophie im Verein mit der Theologie des Paulus die Grundlage der europäischen Ethik.

98:7.11

Während die ursprünglichen Lehren Jesu im Abendland eindrangen, wurden sie verwestlicht, und mit ihrer Verwestlichung begannen sie, ihre potentiell universale Anziehungskraft auf alle Rassen und Arten von Menschen einzubüßen. Das heutige Christentum ist zu einer Religion geworden, die den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sitten der weißen Rassen gut angepasst ist. Es hat seit langem aufgehört, Jesu Religion zu sein, obwohl es Einzelnen, die aufrichtig seiner Unterweisung nachzuleben trachten, immer noch mutig eine schöne Religion über Jesus bietet. Es hat Jesus als den Christus, den messianischen Gesalbten Gottes verherrlicht, aber es hat weitgehend des Meisters persönliches Evangelium vergessen: die Vaterschaft Gottes und die universale Bruderschaft aller Menschen.

98:7.12

Das ist die lange Geschichte der Lehren Machiventa Melchisedeks auf Urantia. Es ist fast viertausend Jahre her, seit sich dieser Nothelfersohn Nebadons auf Urantia hingab, und in diesem Zeitraum sind die Lehren des „Priesters El Elyons, des Allerhöchsten Gottes“, zu allen Rassen und Völkern gedrungen. Und Machiventa erfüllte das Ziel seiner außergewöhnlichen Selbsthingabe; denn als Michael sich anschickte, auf Urantia zu erscheinen, existierte das Gotteskonzept in den Herzen von Männern und Frauen, dasselbe Gotteskonzept, das in der lebendigen geistigen Erfahrung der mannigfaltigen Kinder des Universalen Vaters immer wieder neu aufflammt, während sie ihr fesselndes zeitliches Leben auf den durch den Raum wirbelnden Planeten leben.

98:7.13

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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