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Evolution des Gotteskonzeptes bei den Hebräern

DIE geistigen Führer der Hebräer taten, was keinen anderen vor ihnen je gelungen war – sie nahmen ihrem Gotteskonzept die menschlichen Züge, ohne es indessen in eine nur Philosophen verständliche Gott­heitsabstraktion zu verwandeln. Auch gewöhnliche Leute waren imstande, dieses gereifte Konzept Jahves als eines Vaters – wenn auch nicht des Einzelnen, so doch wenigstens der Rasse – zu erfassen.

97:0.2

Obwohl das Konzept der Persönlichkeit Gottes in den Tagen Melchisedeks zu Salem klar gelehrt worden war, lebte es zur Zeit der Flucht aus Ägypten unbestimmt und verschwommen fort und entwickelte sich im hebräischen Denken von Generation zu Generation nur allmählich als Antwort auf die Lehrtätigkeit der geistigen Führer. Die Wahrnehmung der Persönlichkeit Jahves war in ihrer steten Entwicklung viel kontinuierlicher als die vieler anderer Gottheitsattribute. Von Moses bis Maleachi fand im hebräischen Gemüt ein fast ununterbrochenes Wachstum der Idee von der Persönlichkeit Gottes statt, und dieses Konzept wurde schließlich in Jesu Lehren über den Vater im Himmel gesteigert und verherrlicht.

1. Samuel – der erste der hebräischen Propheten

97:1.1

Der feindliche Druck der Palästina umringenden Völkerschaften lehrte die hebräischen Scheichs bald einmal, dass sie keine Überlebenschance hatten, sofern sie ihre Stammesorganisationen nicht zu einem Bund mit zentraler Regierung zusammenschlossen. Und diese Zentralisierung der Verwaltungs­autorität bot Samuel eine bessere Gelegenheit für sein Wirken als Lehrer und Reformator.

97:1.2

Samuel war der Spross einer langen Linie von Lehrern Salems, die stets an den Wahrheiten Melchisedeks als einem Teil ihrer Andachtsformen festgehalten hatten. Dieser Lehrer war von männlicher und entschlossener Art. Nur seine große Hingabe im Verein mit seiner außerordentlichen Entschlossenheit befähigte ihn, der beinahe universalen Opposition zu widerstehen, welcher er begegnete, als er damit begann, ganz Israel zur Anbetung des höchsten Jahve der mosaischen Zeiten zurückzubringen. Und auch so hatte er nur teilweise Erfolg; er gewann nur die intelligentere Hälfte der Hebräer zum Dienst am höheren Jahvekonzept zurück; die andere Hälfte verharrte in der Anbetung der Stammesgötter der ländlichen Gebiete und in der niedrigeren Vorstellung von Jahve.

97:1.3

Samuel war von rauher Art, ein praktischer Reformer, der mit seinen Gefährten ausziehen und an einem einzigen Tag an die zwanzig Baalstätten niederreißen konnte. Seine Fortschritte erzielte er durch die nackte Gewalt des Zwangs; er predigte wenig und lehrte noch weniger, aber er handelte. An einem Tag machte er sich über den Baalpriester lustig; am nächsten hieb er einen gefangenen König in Stücke. Er glaubte mit Hingabe an den einen Gott, und er besaß eine klare Vorstellung von diesem einen Gott als dem Schöpfer von Himmel und Erde: „Die Säulen der Erde sind des Herrn, und er hat die Erde auf sie gestellt.“

97:1.4

Aber der große Beitrag, den Samuel zur Entwicklung des Gottheitskonzeptes leistete, war die Aufsehen erregende Erklärung, dass Jahve unveränderlich sei, für ewig dieselbe Verkörperung unfehlbarer Vollkommenheit und Göttlichkeit. In diesen Zeiten stellte man sich Jahve als einen launenhaften Gott mit Eifersuchtsanfällen vor, der immer bereute, dieses und jenes getan zu haben. Aber jetzt hörten die Hebräer zum ersten Mal seit ihrem Auszug aus Ägypten diese erstaunlichen Worte: „Die Kraft Israels wird weder lügen noch etwas bereuen, denn er ist kein Mensch, der etwas zu bereuen hätte.“ Im Umgang mit der Göttlichkeit wurde jetzt Stabilität verkündet. Samuel kam immer wieder auf den Bund Melchisedeks mit Abraham zurück und erklärte, der Herr Gott Israels sei die Quelle aller Wahrheit, Stabilität und Beständigkeit. Die Hebräer hatten ihren Gott immer als einen Menschen, einen Übermenschen oder erhöhten Geist unbekannten Ursprungs angesehen; aber jetzt vernahmen sie, wie der einstige Geist des Horebs zu einem unveränderlichen Gott mit der Vollkommenheit eines Schöpfers emporgehoben wurde. Samuel half dem sich entwickelnden Gotteskonzept, zu Höhen aufzusteigen, die über den veränderlichen Zuständen des menschlichen Gemüts und den Wechselfällen der irdischen Existenz lagen. Unter dem Einfluss seines Lehrens begann der Gott der Hebräer seinen Aufstieg von einer Idee in der Art der Stammesgötter zum Ideal eines allmächtigen und unveränderlichen Schöpfers und Überwachers der gesamten Schöpfung.

97:1.5

Und wieder predigte er über Gottes Aufrichtigkeit und seine sich an den Bund haltende Verlässlichkeit. Samuel sagte: „Der Herr wird sein Volk nicht verlassen.“ „Er hat mit uns einen ewigen Bund geschlossen, der in jeder Hinsicht geregelt und sicher ist.“ Und so erschallte in ganz Palästina der Ruf, zur Anbetung des höchsten Jahve zurückzukehren. Unermüdlich verkündete dieser energische Lehrer: „Du bist groß, oh Herr Gott. Denn es gibt keinen wie dich, und es gibt keinen Gott außer dir.“

97:1.6

Bis dahin waren die Hebräer der Ansicht gewesen, Jahves Gunst äußere sich hauptsächlich in materiellem Wohlstand. Es war ein großer Schock für Israel und hätte Samuel beinahe das Leben gekostet, als er zu verkünden wagte: „Der Herr schickt Reichtum und Armut; er erniedrigt und erhöht. Er zieht die Armen aus dem Staub und hebt die Bettler auf, um sie unter die Fürsten zu setzen und ihnen den Thron der Herrlichkeit zum Erbe zu geben.“ Nie seit Moses waren den bescheidenen und weniger begüterten Menschen so trostreiche Versprechen verkündet worden, und unter den Armen begannen Tausende von Verzweifelnden Hoffnung zu schöp­fen, sie könnten ihren geistigen Rang verbessern.

97:1.7

Aber Samuel ging nicht sehr weit über das Konzept eines Stammesgottes hinaus. Er verkündete einen Jahve, der zwar alle Menschen erschuf, aber hauptsächlich mit den Hebräern, seinem auserwählten Volk, beschäftigt war. Aber auch so gab das Gotteskonzept wiederum wie in den Tagen Moses das Bild einer heiligen und geraden Gottheit wieder. „Es gibt niemanden, der so heilig ist wie der Herr. Wer kann mit diesem heiligen Herrn und Gott verglichen werden?“

97:1.8

Als er in die Jahre kam, machte der ergraute alte Führer in seinem Gottes­verständnis Fortschritte, denn er erklärte: „Der Herr ist ein wissender Gott, und die Handlungen werden von ihm gewogen. Der Herr wird die Enden der Welt richten, und er wird sich der Barmherzigen erbarmen, und mit dem geraden Mann wird er auch gerade verfahren.“ Eben hier dämmert Barmherzigkeit herauf, obwohl sie sich auf die Barmherzigen beschränkt. Später ging er noch einen Schritt weiter, als er sein Volk, das sich in Not befand, aufforderte: „Lassen wir uns jetzt in die Hände des Herrn fallen, denn sein Erbarmen ist groß.“ „Nichts hindert den Herrn daran, viele oder wenige zu retten.“

97:1.9

Und diese allmähliche Entwicklung der Vorstellung von Jahves Charakter setzte sich im Wirken von Samuels Nachfolgern fort. Sie versuchten, Jahve als einen Gott darzustellen, der seinem Bund treu blieb, aber sie vermochten das von Samuel angeschlagene Tempo nicht zu halten; sie versäumten es, die Idee der Barmherzigkeit, wie Samuel sie später konzipiert hatte, zu entwickeln. Es fand eine stete Rückwärtsbewegung in Richtung auf die Anerkennung anderer Götter statt, obwohl daran festgehalten wurde, dass Jahve über allen stehe. „Dein ist das Königreich, oh Herr, und du stehst als Haupt über allen.“

97:1.10

Der Grundton dieser Ära war göttliche Macht, die Propheten dieses Zeitalters predigten eine Religion, die bestimmt war, den König auf dem hebräischen Thron zu festigen. „Dein, oh Herr, ist die Größe und die Macht und der Ruhm und der Sieg und die Majestät. In deiner Hand liegen Kraft und Macht, und du vermagst alle groß zu machen und ihnen Kraft zu verleihen.“ Dies war der Stand des Gotteskonzeptes zur Zeit Samuels und seiner unmittelbaren Nachfolger.

2. Elia und Elisa

97:2.1

Im zehnten Jahrhundert vor Christus spaltet sich die hebräische Nation in zwei Königreiche. In beiden politisch getrennten Gebieten versuchten viele Lehrer der Wahrheit, sich gegen die reaktionäre Flut geistigen Zerfalls zu stemmen, der eingesetzt hatte und nach dem Trennungskrieg in verheerender Weise weiterging. Aber diese Anstrengungen zur Förderung der hebräischen Religion waren wenig erfolgreich bis zu dem Tag, als der entschiedene und furchtlose Kämpfer für Rechtschaffenheit Elia zu lehren begann. Elia stellte im nördlichen Königreich wieder ein Gotteskonzept her, das dem in den Tagen Samuels erreichten vergleichbar war. Elia fand wenig Gelegenheit, ein fortgeschrittenes Gotteskonzept vorzustellen; er war, wie vor ihm schon Samuel, vollauf damit beschäftigt, Baalaltäre umzustürzen und Standbilder falscher Götter zu zerstören. Und er musste seine Reformen gegen den Widerstand eines götzendienerischen Monarchen vorantreiben; seine Aufgabe war sogar noch gigantischer und schwieriger als die, welcher Samuel gegenübergestanden hatte.

97:2.2

Als Elia hinweggerufen wurde, führte sein getreuer Gefährte Elisa sein Werk weiter und hielt in Palästina mit der unschätzbaren Hilfe des kaum bekannten Michaja das Licht der Wahrheit am Leben.

97:2.3

Aber das war keine Zeit, in der das Gotteskonzept Fortschritte machte. Die Hebräer waren nicht einmal wieder bis zum mosaischen Ideal aufgestiegen. Die Ära Elias und Elisas endete mit der Rückkehr der besseren Klassen zur Anbetung des höchsten Jahve und sah die Wiederherstellung der Idee vom Universalen Schöpfer etwa auf der Stufe, wo Samuel sie gelassen hatte.

3. Jahve und Baal

97:3.1

Die sich lange hinziehende Auseinandersetzung zwischen den Jahve­gläubigen und den Anhängern Baals war vielmehr ein sozioökonomischer, ideologischer Zusammenprall als ein religiöser Glaubensstreit.

97:3.2

Die Bewohner Palästinas hatten eine verschiedene Einstellung zum Privat­besitz. Die südlichen oder wandernden arabischen Stämme (die Jahveiten) betrachteten das Land als etwas Unveräußerliches – als ein Geschenk Gottes an den Klan. Sie waren der Ansicht, dass Land weder verkauft noch verpfändet werden könne. „Jahve sprach: ‚Das Land darf nicht verkauft werden, denn das Land gehört mir.‘“

97:3.3

Die nördlichen und sesshafteren Kanaaniten (die Baaliten) kauften, verkauften und verpfändeten ihren Boden bedenkenlos. Das Wort Baal heißt Besitzer. Der Baalkult fußte auf zwei Hauptideen: erstens auf der Gültigkeit von Besitzesaustausch, Verträgen und Abkommen – auf dem Recht, Land zu kaufen und zu verkaufen. Zweitens galt Baal als Regenbringer – er war ein Gott der Fruchtbarkeit des Bodens. Eine gute Ernte hing von der Gunst Baals ab. Der Kult betraf weitgehend den Boden, dessen Besitz und Fruchtbarkeit.

97:3.4

Im Allgemeinen besaßen die Baaliten Häuser, Land und Sklaven. Sie waren die aristokratischen Landbesitzer und lebten in den Städten. Jeder Baal hatte seine heilige Stätte, seine Priesterschaft und seine „heiligen Frauen“, die rituellen Prostituierten.

97:3.5

Aus dieser grundverschiedenen Einstellung zum Land entwickelten sich die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den von Kanaaniten und Hebräern eingenommenen sozialen, wirtschaftlichen, sittlichen und religiösen Haltungen. Diese sozioökonomische Kontroverse wurde erst zur Zeit Elias zu einer eindeutig religiösen Angelegenheit. Von den Tagen dieses dynamischen Propheten an wurde der Kampf ausgesprochener nach religiösen Gesichtspunkten geführt – Jahve contra Baal – und er endete mit dem Sieg Jahves und der nachfolgenden Tendenz zum Monotheismus.

97:3.6

Elia verlagerte die Jahve-Baal-Kontroverse von der Bodenfrage nach dem religiösen Aspekt der hebräischen und kanaanitischen Ideologien hin. Als Ahab Nabot und seine Söhne umbringen ließ, um sich ihr Land anzueignen, machte Elia aus den alten Bodengepflogenheiten eine sittliche Angelegenheit und löste seinen kraftvollen Feldzug gegen die Baaliten aus. Dies war auch ein Kampf des Landvolks gegen die Beherrschung durch die Städte. Es geschah hauptsächlich unter Elia, dass Jahve zu Elohim wurde. Der Prophet begann als Agrarreformer und endete als Verherrlicher der Gottheit. Der Baals waren viele, aber es gab nur einen Jahve – der Monotheismus siegte über den Polytheismus.

4. Amos und Hosea

97:4.1

Den großen Schritt im Übergang vom Stammesgott – dem Gott, dem so lange mit Opfern und Zeremonien gedient worden war, dem Jahve der früheren Hebräer – zu einem Gott, der Verbrechen und Unsittlichkeit sogar bei seinem eigenen Volk bestrafte, tat Amos, der von den Bergen des Südens herkam, um Kriminalität, Trunksucht, Unterdrückung und Unsittlichkeit der nördlichen Stämme anzuprangern. Nie seit den Zeiten Mose waren in Palästina mit so machtvoller Stimme verkündete Wahrheiten erschallt.

97:4.2

Amos war nicht lediglich ein Wiederhersteller oder Reformator; er war ein Entdecker von neuen Gottheitskonzepten. Er sagte vieles über Gott, was von seinen Vorgängern angekündigt worden war, und wandte sich mutig gegen den Glauben an ein Göttliches Wesen, das Sünde in seinem sogenannten auserwählten Volk gutheißen würde. Zum ersten Mal seit den Tagen Melchisedeks hörten menschliche Ohren die Verurteilung der doppelten Moral von nationaler Justiz und Sittlichkeit. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte vernahmen die Hebräer, dass ihr Gott, Jahve, Verbrechen und Sünde in ihrem Leben nicht mehr als bei irgendeinem anderen Volk duldete. Amos stellte sich Gott ebenso streng und gerecht vor wie Samuel und Elia, aber er erblickte auch einen Gott, der über die Hebräer nicht anders dachte als über jede andere Nation, wenn es um die Bestrafung von Übeltaten ging. Das war ein direkter Angriff auf die egoistische Lehre vom „auserwählten Volk“, und viele Hebräer jener Tage fühlten sich dadurch bitter gekränkt.

97:4.3

Amos sagte: „Sucht ihn, der die Berge gestaltet und die Winde erschaffen hat, der das Siebengestirn und Orion gebildet hat, der den Schatten des Todes in Morgen verwandelt und den Tag in die Nacht verfinstert.“ Und während er seine nur halbreligiösen, opportunistischen und manchmal unsittlichen Mitbürger anklagte, versuchte er, ein Bild von der unerbittlichen Gerechtigkeit eines unveränderlichen Jahve zu entwerfen, wenn er von den Übeltätern sagte: „Und sollten sie sich in der Hölle vergraben, ich werde sie herausholen; und sollten sie den Himmel erklimmen, ich werde sie herabholen.“ „Und sollten sie vor ihren Feinden in die Gefangenschaft ziehen, so werde ich mein Schwert der Gerechtigkeit gegen sie zücken, und es wird sie töten.“ Amos bestürzte seine Zuhörer noch mehr, wenn er mit einem tadelnden und anklagenden Finger auf sie zeigte und in Jahves Namen erklärte: „Ich werde mit Sicherheit nie eines eurer Werke vergessen.“ „Und ich werde das Haus Israel unter allen Nationen durchsieben, wie man Weizen durch ein Sieb schüttelt.“

97:4.4

Amos verkündete Jahve als den „Gott aller Nationen“ und ermahnte die Israeliten, das Ritual nicht an die Stelle von Rechtschaffenheit zu setzen. Und bevor dieser mutige Lehrer zu Tode gesteinigt wurde, hatte er genug Sauerteig der Wahrheit verteilt, um die Lehre vom höchsten Jahve zu retten; er hatte die Weiterentwicklung der Offenbarung Melchisedeks sichergestellt.

97:4.5

Hosea folgte Amos und seiner Lehre von einem universalen Gott der Gerechtigkeit, indem er das mosaische Konzept eines Gottes der Liebe wieder aufleben ließ. Hosea predigte Vergebung durch Reue und nicht durch Opfer. Er verkündete ein Evangelium der Gnade und des göttlichen Erbarmens und sagte: „Ich will mich auf ewig mit euch verloben; ja, ich will mich mit euch in Rechtschaffenheit und Gericht und in Gnade und Barmherzigkeit verloben. Ich will mich mit euch sogar in Treue verloben.“ „Ich will sie freigebig lieben, denn mein Zorn hat sich abgewandt.“

97:4.6

Hosea setzte Amos‘ sittliche Warnungen getreu fort und sagte von Gott: „Es ist mein Wunsch, sie zu züchtigen.“ Aber die Israeliten empfanden es als an Verrat grenzende Grausamkeit, als er sagte: „Ich werde zu denen sagen, die nicht mein Volk waren: ‚Ihr seid mein Volk.‘ Und sie werden sagen: ‚Du bist unser Gott.‘“ Er fuhr fort, Reue und Vergebung zu predigen, indem er sagte: „Ich werde ihre Rückfälle heilen; ich will sie großzügig lieben, denn mein Zorn hat sich abgewendet.“ Immer verkündete Hosea Hoffnung und Vergebung. Der Kern seiner Botschaft war stets: „Ich werde mich meines Volkes erbarmen. Sie sollen keinen anderen Gott kennen als mich, denn es gibt keinen Retter außer mir.“

97:4.7

Amos belebte das Nationalbewusstsein der Hebräer, indem er sie erkennen ließ, dass Jahve ihnen weder Verbrechen noch Sünde nachsehen würde, nur weil sie angeblich das auserwählte Volk seien, während Hosea die ersten Töne der erbarmungsvollen Weisen göttlichen Mitleidens und göttlicher Gnade anschlug, die später von Jesaja und seinen Gefährten in so bezaubernder Weise gesungen wurden.

5. Der erste Jesaja

97:5.1

Das waren die Zeiten, als in den nördlichen Klanen einige Stimmen drohende Strafen für persönliche Sünden und nationale Verbrechen ankündigten, während andere als Vergeltung für die Vergehen des südlichen Königreichs Katastrophen voraussagten. Es geschah während dieses Erwachens von Gewissen und Bewusstheit in den hebräischen Nationen, dass der erste Jesaja erschien.

97:5.2

Jesaja fuhr fort, die ewige Natur Gottes, seine unendliche Weisheit, seine unveränderliche Vollkommenheit und Verlässlichkeit zu predigen. Er legte dem Gott Israels die Worte in den Mund: „Ich werde mein Urteil genau bemessen und meine Gerechtigkeit wird gerade sein wie das Lot.“ „Der Herr wird euch ruhen lassen von eurem Leid und eurer Angst und von der harten Fron, worin zu dienen der Mensch erschaffen worden ist.“ „Und eure Ohren werden hinter euch ein Wort vernehmen, das spricht: ‚Dies ist der Weg, gehe ihn.‘“ „Siehe, der Herr ist meine Rettung; ich will vertrauen und keine Angst haben, denn der Herr ist meine Kraft und mein Gesang.“ „‚Komm jetzt und lass uns miteinander reden‘, spricht der Herr, ‚mögen deine Sünden auch rot sein wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee; mögen sie auch rot sein wie Karmesin, sie sollen werden wie Wolle.‘“

97:5.3

Indem er sich an die furchtgeplagten Hebräer und ihre hungrigen Seelen wandte, sagte dieser Prophet: „Erhebt euch und strahlt, denn euer Licht ist gekommen und die Herrlichkeit des Herrn ist über euch aufgegangen.“ „Der Geist des Herrn ist über mir, denn er hat mich gesalbt, um den Sanftmütigen die gute Nachricht zu predigen; er hat mich gesandt, um die Wunden derer zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freiheit und den Gebundenen die Öffnung ihres Kerkers zu verkünden. „Ich will mich grenzenlos freuen im Herrn, meine Seele soll jauchzen in meinem Gott, denn er hat mich in die Gewänder des Heils gekleidet und in den Talar seiner Rechtschaffenheit gehüllt.“ „In all ihrer Betrübnis war er betrübt, und der Engel seiner Gegenwart rettete sie. In seiner Liebe und in seinem Erbarmen erlöste er sie.“

97:5.4

Auf diesen Jesaja folgten Micha und Obadia, die sein die Seele beglückendes Evangelium bestätigten und verschönerten. Und diese beiden tapferen Botschafter prangerten kühn das Ritual an, mit dem die Priester die Hebräer bedrückten, und griffen unerschrocken das gesamte Opfersystem an.

97:5.5

Micha brandmarkte „die Regierenden, die gegen Entgelt richten, und die Priester, die um Lohn lehren, und die Propheten, die um Geld wahrsagen.“ Mit diesen Worten sprach er von einem Tag der Freiheit von Aberglauben und Priestertum: „Aber jeder wird unter seinem eigenen Weinstock sitzen, und niemand soll ihm mehr Furcht einjagen, denn alle Menschen werden leben, ein jeder nach seinem eigenen Verständnis Gottes.“

97:5.6

Der Leitgedanke der Botschaft Michas war stets: „Soll ich mit verbrannten Opfern vor Gott treten? Wird sich der Herr über tausend Widder oder über zehntausend Flüsse Öl freuen? Soll ich für meine Verfehlungen mein Erstgeborenes hingeben, die Frucht meines Körpers für die Sünde meiner Seele? Er hat mir gezeigt, oh Mensch, was gut ist; und was mehr verlangt der Herr von dir, als gerecht zu handeln und die Barmherzigkeit zu lieben und demütig mit deinem Gott zu wandeln?“ Das war eine große Zeit; es waren wirklich aufregende Zeiten, als die Sterblichen vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren solch befreiende Botschaften hörten und einige sogar daran glaubten. Und wäre da nicht der hartnäckige Widerstand der Priester gewesen, hätten diese Lehrer das ganze blutige Zeremoniell des hebräischen Anbetungsrituals umgestoßen.

6. Der furchtlose Jeremia

97:6.1

Während mehrere Lehrer fortfuhren, das Evangelium Jesajas auszulegen, blieb es Jeremia vorbehalten, den nächsten kühnen Schritt auf die Interna­tionalisierung Jahves, des Gottes der Hebräer, hin zu tun.

97:6.2

Jeremia erklärte unerschrocken, dass Jahve in ihren militärischen Ausei­nan­dersetzungen mit anderen Nationen nicht auf der Seite der Hebräer stehe. Er versicherte, dass Jahve der Gott der ganzen Erde, aller Nationen und aller Völker sei. Jeremias Lehre war ein Crescendo in der Welle wachsender Inter­nationalisierung des Gottes Israels; endgültig, ein für allemal verkündigte dieser unerschrockene Prediger, dass Jahve der Gott aller Nationen sei und dass es weder einen Osiris für die Ägypter oder einen Bel für die Babylonier, noch einen Assur für die Assyrer oder einen Dagon für die Philister gäbe. Und so machte die Religion der Hebräer die um diese Zeit und danach weltweit stattfindende Renaissance des Monotheismus mit; endlich hatte das Jahvekonzept ein Gottheitsniveau planetarischen, wenn nicht kosmischen Ranges erklommen. Aber manchen von Jeremias Gefährten fiel es schwer, sich Jahve losgelöst von der hebräischen Nation vorzustellen.

97:6.3

Jeremia predigte auch über den von Jesaja beschriebenen gerechten und liebenden Gott, indem er erklärte: „Ja, ich habe euch mit ewiger Liebe geliebt; deshalb habe ich euch in Barmherzigkeit an mich gezogen.“ „Denn er betrübt die Kinder der Menschen nicht gern.“

97:6.4

Der furchtlose Prophet sagte: „Rechtschaffen ist unser Herr, gewaltig an Rat und mächtig an Werken. Alle Wege aller Menschensöhne liegen offen vor seinen Augen, damit er einem jeden gemäß seiner Lebensweise und entsprechend den Früchten seiner Taten geben kann.“ Aber es wurde als gotteslästerlicher Verrat empfunden, als er während der Belagerung Jerusalems sagte: „Und jetzt habe ich dieses Land in die Hände Nebukadnezars gegeben, des Königs von Babylon meines Dieners.“ Und als Jeremia zu der Übergabe der Stadt riet, warfen ihn die Priester und zivilen Führer in den schlammigen Schacht eines finsteren Turms hinab.

7. Der zweite Jesaja

97:7.1

Die Vernichtung ihrer Nation und die Gefangenschaft der Hebräer in Mesopotamien hätten sich für ihre aufstrebende Theologie als große Wohltat erwiesen, wäre da nicht das entschlossene Handeln ihrer Priesterschaft gewesen. Ihre Nation war den Armeen Babylons unterlegen, und ihr nationalistischer Jahve hatte unter der internationalen Predigt der geistigen Führer gelitten. Es war der Groll über den Verlust ihres nationalen Gottes, der die jüdischen Priester in der Erfindung von Legenden und in der Vermehrung von anscheinend wunderbaren Geschehnissen der hebräischen Geschichte so weit gehen ließ, und all dies im Bemühen, die Juden in der Rolle des auserwählten Volkes auch angesichts dieser neuen und erweiterten Idee von einem internationalisierten Gott aller Nationen wiederher­zustellen.

97:7.2

Während ihrer Gefangenschaft standen die Juden stark unter dem Einfluss babylonischer Überlieferungen und Legenden, obwohl festgehalten werden muss, dass sie sittliches Niveau und geistige Bedeutung der von ihnen übernommenen chaldäischen Geschichten jedes Mal verbesserten, auch wenn sie diese Legenden stets so umbogen, dass auf Ahnenschaft und Geschichte Israels Ehre und Ruhm fiel.

97:7.3

Diese hebräischen Priester und Schriftgelehrten hatten nur eine einzige Idee im Sinn, und das war die Rehabilitierung der jüdischen Nation, die Glorifizierung der hebräischen Traditionen und die Verherrlichung der Geschichte ihrer Rasse. Wenn ob der Tatsache Groll aufkommen sollte, dass diese Priester ihre irrigen Ideen einem so großen Teil der westlichen Welt mitgegeben haben, sollte doch daran erinnert werden, dass sie dies nicht absichtlich taten; sie behaupteten nicht, unter Inspiration zu schreiben; sie erhoben nicht den Anspruch, ein heiliges Buch zu schreiben. Sie stellten nur eine Textsam­mlung zusammen, die bestimmt war, den schwindenden Mut ihrer Brüder in der Gefangenschaft neu zu beleben. Sie verfolgten entschieden das Ziel, den nationalen Geist und die Moral ihrer Landsleute zu heben. Es blieb Menschen späterer Zeiten vorbehalten, diese und andere Schriften in einem Führer mit angeblich unfehlbaren Lehren zu vereinigen.

97:7.4

Nach der Gefangenschaft machte die jüdische Priesterschaft ausgiebigen Gebrauch von diesen Schriften, aber in ihrem Einfluss auf ihre Mitgefangenen wurde sie stark gestört durch die Gegenwart eines jungen und unbezähmbaren Propheten, des zweiten Jesaja, der voll zum Gott der Gerechtigkeit, Liebe, Rechtschaffenheit und Barmherzigkeit des älteren Jesaja bekehrt war. Und mit Jeremia glaubte er, dass Jahve der Gott aller Nationen geworden war. Er predigte diese Theorien über die Natur Gottes so eindrücklich und wirkungsvoll, dass er sowohl unter den Juden als auch unter denen, die sie gefangen hielten, Menschen bekehrte. Und der junge Prediger hinterließ seine Lehren schriftlich. Zwischen diesen und ihm selber suchten die ihm feindlichen, unversöhnlichen Priester jeden Zusammenhang zu tilgen, obwohl bloßer Respekt vor ihrer Schönheit und Erhabenheit dafür sorgte, dass sie den Schriften des früheren Jesaja einverleibt wurden. Und so findet man jetzt die Schriften des zweiten Jesaja im Buch dieses Namens, wo sie Kapitel vierzig bis einschließlich fünfundfünfzig umfassen.

97:7.5

Von Machiventa bis zur Zeit Jesu erreichte kein Prophet oder religiöser Lehrer das hohe Gotteskonzept, das der zweite Jesaja in diesen Tagen der Gefangenschaft verkündete. Es war kein kleiner, anthropomorpher, von Menschen geschaffener Gott, den dieser geistige Führer verkündete. „Seht, er hebt die Inseln auf, als wären sie winzige Dinger.“ „Denn soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken.“

97:7.6

Endlich konnte Machiventa Melchisedek menschliche Lehrer erblicken, die den Sterblichen einen wirklichen Gott verkündeten. Wie der erste Jesaja predigte dieser Führer einen Gott universaler Schöpfung und Aufrechterhaltung. „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf sie gestellt. Ich habe sie nicht umsonst erschaffen; ich habe sie gebildet, auf dass sie bewohnt werde.“ „Ich bin der erste und der letzte; es gibt keinen Gott außer mir.“ Im Namen des Herrn Gottes Israels sprechend, sagte dieser neue Prophet: „Die Himmel mögen vergehen und die Erde altern, aber meine Rechtschaffenheit wird ewig währen und mein Heil von Generation zu Generation dauern.“ „Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch; seid unbeirrt, denn ich bin euer Gott.“ „Außer mir – einem gerechten Gott und Retter – gibt es keinen Gott.“

97:7.7

Und es tröstete die jüdischen Gefangenen, wie es seither immer wieder Tausende und Abertausende getröstet hat, Worte wie diese zu hören: „So spricht der Herr: ‚Ich habe dich erschaffen, ich habe dich losgekauft, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst mir.‘“ „Wenn du durch das Wasser gehst, werde ich bei dir sein, denn du bist mir kostbar.“ „Kann eine Frau ihren Säugling vergessen, ohne sich ihres Sohnes zu erbarmen? Ja, sie mag ihn vergessen, aber ich werde meine Kinder nicht vergessen, denn siehe, ich habe ihre Namen in meine Handflächen eingegraben, ich habe sie sogar mit dem Schatten meiner Hände bedeckt.“ „Der Gottlose lasse ab von seinen Wegen und der Unaufrichtige von seinen Gedanken und kehre zurück zum Herrn, und er wird sich seiner erbarmen; er kehre zurück zu unserem Gott, denn er wird reichlich verzeihen.“

97:7.8

Hört weiter dem Evangelium dieser neuen Offenbarung des Gottes von Salem zu: „Er wird seine Herde weiden wie ein Schäfer; er wird die Lämmer in seine Arme nehmen und sie an seiner Brust tragen. Er verleiht dem Schwachen Macht, und er steigert die Kraft der Erschlafften. Die Kraft derer, die des Herrn harren, wird sich erneuern; sie werden sich wie auf Adlerschwingen erheben; sie werden laufen und nicht müde werden; sie werden wandern und nicht schwach werden.“

97:7.9

 Dieser Jesaja machte eine weit ausholende Propaganda für das Evangelium vom sich erweiternden Konzept eines höchsten Jahve. Er wetteiferte mit Moses an Eloquenz, mit welcher er den Herrn Gott Israels als Universalen Schöpfer darstellte. Er war poetisch in seiner Schilderung der unendlichen Attribute des Universalen Vaters. Keine schöneren Beschreibungen des himmlischen Vaters wurden je gemacht. Wie die Psalmen befinden sich die Schriften Jesajas unter den sublimsten und wahrsten Darstellungen des geistigen Gotteskonzeptes, die vor Michaels Ankunft auf Urantia an menschliche Ohren gedrungen sind. Hört dieses Porträt der Gottheit: „Ich bin der Hohe und Erhabene, der in der Ewigkeit wohnt.“ „Ich bin der erste und der letzte, und außer mir gibt es keinen Gott.“ „Und des Herrn Hand ist nicht zu kurz, um zu retten, noch ist sein Ohr zu schwer, um zu hören.“ Und es war eine neue Lehre im Judentum, als dieser gütige, aber imponierende Prophet in seiner Predigt immer auf die göttliche Beständigkeit, auf Gottes Treue zurückkam. Er erklärte, dass „Gott weder vergessen, noch im Stich lassen werde“.

97:7.10

Dieser wagemutige Lehrer verkündete, der Mensch stehe in sehr enger Beziehung zu Gott, und sagte: „Ich habe alle, die nach meinem Namen genannt sind, zu meinem Ruhm erschaffen, und sie werden überall mein Lob singen. Ich, ja ich, bin derjenige, der ihre Verfehlungen sich zuliebe auswischt, und ich werde mich nicht an ihre Sünden erinnern.“

97:7.11

Hört diesen großen Hebräer das Konzept eines Nationalgottes niederreißen, während er in Herrlichkeit die Göttlichkeit des Universalen Vaters verkündet, von dem er sagt: „Die Himmel sind mein Thron, und die Erde ist mein Fußschemel.“ Und Jesajas Gott war nichtsdestoweniger heilig, majestätisch, gerecht und unergründlich. Die Vorstellung vom zornigen, auf Rache sinnenden und eifersüchtigen Jahve der Wüstenbeduinen ist beinahe verblasst. Ein neues Konzept des höchsten und universalen Jahve ist im Denken der Sterblichen erschienen, um von ihnen nie wieder aus den Augen verloren zu werden. Mit dem Bewusstwerden göttlicher Gerechtigkeit hat die Zerstörung von primitiver Magie und biologischer Furcht begonnen. Endlich wird der Mensch mit einem Universum von Gesetz und Ordnung und mit einem universalen Gott bekannt gemacht, der verlässliche und endgültige Attribute besitzt.

97:7.12

Und dieser Prediger eines himmlischen Gottes wurde nicht müde, diesen Gott der Liebe zu verkünden. „Ich wohne an einer hohen und heiligen Stätte, aber auch bei dem, der reuevollen und demütigen Geistes ist.“ Und dieser große Lehrer sprach noch mehr Worte des Trostes zu seinen Zeitgenossen: „Und der Herr wird euch beständig führen und eure Seele zufrieden stellen. Und ihr werdet wie ein bewässerter Garten sein und wie ein Springquell, dessen Wasser nie versiegen. Und sollte der Feind wie eine Flut heranstürmen, so wird der Geist des Herrn gegen ihn eine Schranke errichten.“ Und das Furcht zerstörende Evangelium Melchisedeks und die Vertrauen gebärende Religion von Salem leuchteten einmal mehr weithin zum Segen der Menschheit.

97:7.13

Der weit blickende und mutige Jesaja verdunkelte mit Erfolg den nationalisti­schen Jahve durch seine sublime Darstellung der Majestät und universalen Allmacht des höchsten Jahve, des Gottes der Liebe, des Lenkers des Universums und liebenden Vaters der ganzen Menschheit. Seit jenen denkwürdigen Tagen waren im höchsten Gotteskonzept des Abendlandes stets universale Gerechtigkeit, göttliche Barmherzigkeit und ewige Rechtschaffenheit mit eingeschlossen. In wunderbarer Sprache und mit unvergleichlichem Zauber schilderte dieser große Lehrer den allmächtigen Schöpfer als allliebenden Vater.

97:7.14

Dieser Prophet der Gefangenschaft predigte zu den Angehörigen seines Volkes und vieler Nationen, die ihm am Fluss in Babylon lauschten. Und der zweite Jesaja tat viel, um den vielen falschen und rassisch egoistischen Vorstel­lungen von der Sendung des versprochenen Messias entgegenzuwirken. Aber bei diesem Bemühen war er nicht ganz erfolgreich. Hätten die Priester sich nicht der Aufgabe verschrieben, einen falsch verstandenen Nationalismus aufzubauen, dann hätten die Lehren der beiden Jesajas den Weg für die Anerkennung und Annahme des versprochenen Messias geebnet.

8. Heilige und weltliche Geschichte

97:8.1

Die Gewohnheit, die Berichte über die Erfahrungen der Hebräer als heilige Geschichte und die Geschehnisse der restlichen Welt als profane Geschichte zu betrachten, ist für einen guten Teil der Verwirrung verantwortlich, die im menschlichen Gemüt hinsichtlich der Interpretation der Geschichte herrscht. Und diese Schwierigkeit entsteht, weil es keine weltliche Geschichte der Juden gibt. Nachdem die Priester im babylonischen Exil ihre neue Version vom angeblich mirakulösen Umgang Gottes mit den Hebräern fertig gestellt hatten – die heilige Geschichte Israels, wie sie im Alten Testament dargestellt wird – zerstörten sie die existierenden Berichte über die hebräischen Angelegenheiten sorgfältig und vollständig – Bücher wie „Die Taten der Könige Israels“ und „Die Taten der Könige Judas“ nebst mehreren anderen mehr oder weniger genauen Beschreibungen der hebräischen Geschichte.

97:8.2

Um zu verstehen, wie es kam, dass der von der weltlichen Geschichte ausgehende zerstörerische Druck und unentrinnbare Zwang die gefangenen und von Fremden regierten Juden derart terrorisieren konnten, dass sie eine vollständige Neuschreibung und Neufassung ihrer Geschichte versuchten, sollten wir rasch durch die Stationen ihrer erstaunlichen nationalen Erfahrung gehen. Es muss daran erinnert werden, dass es den Juden nicht gelang, eine angemessene nichttheologische Lebensphilosophie zu entwickeln. Sie schlugen sich mit ihrem ursprünglichen ägyptischen Konzept göttlicher Belohnungen für Rechtschaffenheit, verbunden mit grässlichen Strafen für Sünde, herum. Hiobs Drama war so etwas wie ein Protest gegen diese irrige Philosophie. Der unverhohlene Pessimismus des Predigers Salomo war eine weise weltliche Reaktion auf diesen übertrieben optimistischen Glauben an die Vorsehung.

97:8.3

Aber fünfhundert Jahre fremder Oberherrschaft waren selbst für die geduldigen und langmütigen Juden zu viel. Die Propheten und Priester begannen auszurufen: „Wie lange, oh Herr, wie lange noch?“ Wenn ein ehrlicher Jude die Schriften durchforschte, wurde seine Verwirrung nur noch schlimmer. Ein alter Seher hatte versprochen, dass Gott sein „auserwähltes Volk“ beschützen und befreien werde. Amos hatte gedroht, dass Gott Israel verlassen werde, wenn es nicht zu seinen Kriterien nationaler Rechtschaffenheit zurückkehre. Der Verfasser des Deuteronomiums hatte das Bild der Großen Wahl entworfen – zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch. Der erste Jesaja hatte einen wohltätigen Befreier-König gepredigt. Jeremia hatte eine Ära innerer Rechtschaffenheit verkündet – den auf die Tafeln des Herzens geschriebenen Bund. Der zweite Jesaja sprach vom Heil durch Opfer und Erlösung. Hesekiel verkündete Befreiung durch hingebungsvollen Dienst, und Esra versprach Wohlstand durch Gesetzestreue. Aber trotz alledem schmachteten sie weiter in Sklaverei, und die Befreiung schob sich hinaus. Da entrollte Daniel sein Drama von der unmittelbar bevorstehenden „Krise“ – die Zerschmetterung der großen Statue und unverzügliche Errichtung der ewigen Herrschaft der Rechtschaffenheit, des messianischen Königreichs.

97:8.4

Und all diese falschen Hoffnungen führten zu einem derartigen Grad rassischer Enttäuschung und Frustration, dass die Führer der Juden in ihrer großen Verwirrung die Sendung und das Wirken eines göttlichen Sohnes des Paradieses verkannten und zurückwiesen, als dieser in Menschengestalt – inkarniert als der Menschensohn – auf sie zukam.

97:8.5

Alle modernen Religionen haben beim Versuch, gewisse Epochen der menschlichen Geschichte auf mirakulöse Weise zu deuten, grobe Fehler begangen. Obwohl es zutrifft, dass Gott oftmals mit väterlicher Hand schicksalhaft in den Strom menschlicher Angelegenheiten eingegriffen hat, ist es falsch, theologische Dogmen und religiösen Aberglauben als übernatürliche Sedimentierung aufzufassen, die im Lauf der menschlichen Geschichte durch wunderbares Wirken auftritt. Die Tatsache, dass die „Allerhöchsten in den Königreichen der Menschen regieren“, verwandelt die weltliche Geschichte nicht in eine so genannte heilige Geschichte.

97:8.6

Die Verfasser des Neuen Testamentes und spätere christliche Schriftsteller haben die Verdrehung der hebräischen Geschichte durch ihre gut gemeinten Versuche, die jüdischen Propheten ins Transzendente zu deuten, nur noch kompliziert. So ist die hebräische Geschichte sowohl durch jüdische wie christliche Autoren auf verheerende Weise ausgebeutet worden. Die weltliche hebräische Geschichte ist vollständig dogmatisiert worden. Sie ist in eine Fiktion heiliger Geschichte übergeführt und unentwirrbar mit den sittlichen Konzepten und religiösen Lehren der so genannten christlichen Nationen verknüpft worden.

97:8.7

Eine kurze Darstellung der Hauptpunkte der hebräischen Geschichte soll illu­strieren, wie die jüdischen Priester in Babylon die schriftlich überlieferten Tatsachen so abänderten, dass sich die alltägliche weltliche Geschichte ihres Volkes in eine fiktive heilige Geschichte verwandelte.

9. Hebräische Geschichte

97:9.1

Es hat nie zwölf Israelitenstämme gegeben – nur drei oder vier in Palästina sesshafte Stämme. Die hebräische Nation entstand infolge der Vereinigung der so genannten Israeliten mit den Kanaaniten. „Und die Kinder Israels wohnten unter den Kanaaniten. Und sie nahmen deren Töchter zu Frauen und gaben ihre Töchter den Söhnen der Kanaaniten.“ Die Hebräer verjagten die Kanaaniten nie aus Palä­stina, obwohl die Priesterberichte ohne zu zögern das Gegenteil behaupteten.

97:9.2

Das israelitische Bewusstsein entstand in der bergigen Landschaft von Ephraim; das spätere jüdische Bewusstsein nahm seinen Ursprung im südlichen Klan Judas. Die Juden (Judaiten) trachteten immer danach, die Geschichte der nördlichen Israeliten (Ephraimiten) zu verleumden und anzuschwärzen.

97:9.3

Die anmaßende hebräische Geschichte beginnt damit, dass Saul die nördlichen Klane um sich schart, um sich einem Angriff der Ammoniten auf ihre Stammesfreunde – die Gileaditen – im Osten des Jordans zu widersetzen. Mit einer Armee von etwas mehr als dreitausend Mann schlug er den Feind, und diese Kriegstat bewegte die Gebirgsstämme, ihn zum König zu machen. Als die exilierten Priester diese Geschichte neu schrieben, erhöhten sie Sauls Armee auf 330 000 Mann und fügten der Liste der an der Schlacht beteiligten Stämme „Juda“ an.

97:9.4

Unmittelbar nach der Niederlage der Ammoniten wurde Saul durch Volkswahl von seinen Truppen zum König gemacht. Weder ein Priester noch ein Prophet war an diesem Vorgang beteiligt. Aber die Priester setzten später in die Annalen, dass Saul durch den Propheten Samuel gemäß göttlichen Anweisungen zum König gekrönt worden sei. Das taten sie, um eine „göttliche Stammlinie“ für Davids judäisches Königtum zu schaffen.

97:9.5

Die größte aller Verdrehungen der jüdischen Geschichte geschah im Zusammenhang mit David. Nach Sauls Sieg über die Ammoniten (den er Jahve zuschrieb) gerieten die Philister in Harnisch und begannen, die nördlichen Klane anzugreifen. David und Saul konnten sich nie vertragen. David, der sechshundert Mann befeh­ligte, schloss mit den Philistern ein Bündnis und marschierte der Küste entlang hinauf nach Esdraelon. Bei Gat befahlen die Philister David, das Schlachtfeld zu verlassen, da sie befürchteten, er könnte zu Saul übergehen. David zog sich zurück; die Philister gingen zum Angriff über und bereiteten Saul eine Niederlage. Sie wären dazu nicht fähig gewesen, wenn David Israel treu geblieben wäre. Davids Armee war eine vielsprachige Ansammlung Unzufriedener, die zum größten Teil aus sozialen Außenseitern und solchen, die vor der Justiz flohen, bestand.

97:9.6

Die tragische Niederlage, die die Philister Saul bei Gilboa bereiteten, ließ in den Augen der umliegenden Kanaaniten Jahves Ansehen im Kreis der Götter tief sinken. Gewöhnlich wäre Sauls Niederlage einer Abkehr von Jahve zugeschrieben worden, aber diesmal lasteten die judäischen Verfasser es rituellen Fehlern an. Sie brauchten die Tradition Sauls und Samuels als Hintergrund für Davids Königtum.

97:9.7

Mit seiner kleinen Armee errichtete David sein Hauptquartier in der nichthebräischen Stadt Hebron. Bald riefen ihn seine Landsleute zum König des neuen Königtums Juda aus. Juda bestand zum größten Teil aus nichthebräischen Elementen – aus Keniten, Kalebiten, Jebusiten und anderen Kanaaniten. Es waren Nomaden – Hirten – sie hingen also der hebräischen Idee über Landbesitz an. Sie besaßen die Ideologien der Wüstenklane.

97:9.8

Der Unterschied zwischen heiliger und weltlicher Geschichte kommt schön zum Ausdruck am Beispiel der beiden voneinander abweichenden Erzählungen über Davids Wahl zum König, wie man sie im Alten Testament findet. Einen Teil der weltlichen Darstellung der Art, wie seine unmittelbaren Anhänger (seine Armee) ihn zum König machten, hatten die Priester aus Unachtsamkeit in ihrem Bericht stehen lassen. Danach fertigten sie die langatmige und prosaische Version der heiligen Geschichte an, worin beschrieben wird, wie der Prophet Samuel auf göttliche Weisung David aus seinen Brüdern auswählte und daran ging, ihn förmlich und in komplizierten, feierlichen Zeremonien zum König über die Hebräer zu salben, um ihn dann zum Nachfolger Sauls auszurufen.

97:9.9

So oft versäumten es die Priester, nachdem sie ihre fiktiven Erzählungen über Gottes mirakulösen Umgang mit Israel ausgearbeitet hatten, die klaren und prosai­schen Aussagen, die sich bereits in den Annalen befanden, völlig auszumerzen.

97:9.10

David ging daran, sich politisch zu festigen, indem er zuerst Sauls Tochter heiratete, darauf die Witwe Nabals, des reichen Edomiten, und danach die Tochter Talmais, des Königs von Gesur. Er nahm sich sechs Gattinnen unter den Frauen von Jebus, ganz zu schweigen von Batseba, der Frau des Hetiters.

97:9.11

Mit solchen Methoden und mit Hilfe solcher Leute baute David die Fiktion eines göttlichen Königreichs Juda auf, das die Nachfolge von Erbe und Traditionen des sterbenden nördlichen Königreichs des ephraimitischen Israels antrat. Davids kosmopolitischer Stamm Juda war mehr nichtjüdisch als jüdisch; trotzdem kamen die unterdrückten Ältesten Ephraims zu ihm herab und „salbten ihn zum König Israels“. Nach einer militärischen Drohung schloss David mit den Jebusiten einen Vertrag in Jebus (Jerusalem), das eine von starken Mauern umgebene Stadt halbwegs zwischen Juda und Israel war. Die Philister wurden aufgerüttelt und griffen David bald an. In einer wilden Schlacht wurden sie geschlagen, und einmal mehr war Jahve als „Der Herr Gott der Heerscharen“ gefestigt.

97:9.12

Aber Jahve musste gezwungenermaßen etwas von seinem Ruhm mit den kanaanitischen Göttern teilen, weil das Gros von Davids Armee nichthebräisch war. Und so erscheint in eurer Schrift diese verräterische (von den judäischen Herausgebern übersehene) Aussage: „Jahve hat vor mir eine Bresche in meine Feinde geschlagen. Deshalb hat er diesen Ort Baal-Perazim genannt.“ Und das geschah, weil achtzig Prozent von Davids Soldaten Anhänger Baals waren.

97:9.13

David erklärte Sauls Niederlage bei Gilboa damit, dass Saul eine kanaanitische Stadt, Gibeon, angegriffen hatte, deren Einwohner mit den Ephraimiten einen Friedensvertrag abgeschlossen hatten. Aus diesem Grunde habe Jahve ihn verlassen. Schon zu Sauls Lebzeiten hatte David die kanaanitische Stadt Keila gegen die Philister verteidigt, und dann errichtete er seine Hauptstadt in einer kanaanitischen Stadt. Getreu seiner Politik der Kompromisse mit den Kanaaniten lieferte David sieben Nachkommen Sauls an die Gibeoniten aus, damit sie sie erhängten.

97:9.14

Nach der Niederlage der Philister gelangte David in den Besitz der „Lade Jahves“, brachte sie nach Jerusalem und machte die Verehrung Jahves zum offiziellen Kult seines Königreichs. Als Nächstes auferlegte er den Nachbar­stämmen – den Edomiten, Moabiten, Ammoniten und Syrern – schwere Tribute.

97:9.15

Davids korrupter politischer Apparat begann, sich in Verletzung der hebräi­schen Sitten im Norden persönlichen Landbesitz anzueignen, und legte bald Hand auf die Zollgebühren für die Karawanen, die zuvor von den Philistern erhoben worden waren. Und dann folgte eine Serie von Abscheulichkeiten, die in der Ermordung Urias gipfelten. Alle Justizappelle wurden in Jerusalem entschieden; „die Ältesten“ durften nicht mehr Recht sprechen. Kein Wunder, dass eine Rebellion ausbrach. Heute würde man Absolom wohl einen Demagogen nennen; seine Mutter war eine Kanaanitin. Es gab ein halbes Dutzend Thronanwärter nebst dem Sohn Batsebas – Salomo.

97:9.16

Nach Davids Tod reinigte Salomo den politischen Apparat von allen nördlichen Einflüssen, setzte aber die ganze Tyrannei und Besteuerung des väterlichen Regimes fort. Salomo ruinierte die Nation durch seinen verschwenderischen Hofstil und seine anspruchsvollen Bauvorhaben: Da gab es das Haus Libanon, den Palast der Tochter des Pharao, den Tempel Jahves, den Königspalast und die Erneuerung der Mauern zahlreicher Städte. Salomo schuf eine bedeutende hebräische Flotte, die von syrischen Schiffsleuten betrieben wurde und mit der ganzen Welt Handel trieb. Sein Harem zählte an die tausend Frauen.

97:9.17

Zu dieser Zeit hatte der Tempel Jahves in Silo sein Ansehen eingebüßt, und die ganze Anbetung der Nation konzentrierte sich in der prachtvollen königlichen Kapelle in Jebus. Das nördliche Königreich kehrte mehrheitlich zur Verehrung Elohims zurück. Es genoss die Gunst der Pharaonen, die später Juda versklavten, indem sie dem südlichen Königreich einen Tribut auferlegten.

97:9.18

Es gab Höhen und Tiefen – Kriege zwischen Israel und Juda. Nach vier Jahren Bürgerkrieg und drei Dynastien fiel Israel unter die Herrschaft von Städtedespoten, die begannen, mit Land zu handeln. Sogar König Omri versuchte, die Besitzung Semers zu kaufen. Aber das Ende nahte rasch, als Salmanassar III sich entschloss, die Mittelmeerküste zu kontrollieren. König Ahab von Ephraim scharte noch zehn andere Gruppen um sich und stellte sich ihm bei Karkar entgegen; die Schlacht endete mit einem Unentschieden. Der Assyrer wurde zwar aufgehalten, aber die Verbündeten wurden stark dezimiert. Diese gewaltige Schlacht findet im Alten Testament nicht einmal Erwähnung.

97:9.19

Neue Wirren begannen, als König Ahab von Nabot Land kaufen wollte. Seine phönizische Gattin fälschte Ahabs Namen auf Schreiben, welche die Konfiskation des Landes Nabots aufgrund der Anklage befahlen, Nabot habe die Namen „Elohims und des Königs“ geschmäht. Nabot und seine Söhne wurden auf der Stelle hingerichtet. Da trat der kraftvolle Elia auf und klagte Ahab des Mordes an der Familie Nabots an. So begann Elia, einer der größten Propheten, seine Lehrtätigkeit als Verteidiger der alten Bodensitten gegen die den Landverkauf befürwortende Einstellung der Baalisten, gegen den Versuch der Städte, das Land zu beherrschen. Aber die Reform hatte erst Erfolg, als der ländliche Gutsbesitzer Jehu seine Kräfte mit denen des Zigeunerchefs Jonadab verband, um in Samaria die Propheten Baals (Grund­stückmakler) umzubringen.

97:9.20

Neues Leben kam mit Joasch und seinem Sohn Jerobeam, die Israel von seinen Feinden befreiten. Aber zu dieser Zeit regierte in Samaria ein Gangsteradel, dessen Räubereien mit denen der davidschen Dynastie vergangener Tage wetteiferten. Staat und Kirche gingen Hand in Hand. Der Versuch, die Redefreiheit zu unterdrücken, bewegte Elia, Amos und Hosea dazu, insgeheim mit Schreiben zu beginnen, und das war der tatsächliche Anfang der jüdischen und christlichen Bibel.

97:9.21

Aber das nördliche Königreich verschwand erst aus der Geschichte, als der König von Israel sich mit dem König von Ägypten verschwor und sich weigerte, Assyrien weiterhin Tribut zu zahlen. Da begann eine dreijährige Belagerung, die mit der völligen Auflösung des nördlichen Königreichs endete. So ging Ephraim (Israel) unter. In Juda – bei den Juden, dem „Rest Israels“ – hatte die Land­konzentration in den Händen einiger weniger begonnen, indem diese – mit den Worten Jesajas – „Haus zu Haus und Feld zu Feld fügten“. Bald stand in Jerusalem neben dem Tempel Jahves ein Tempel Baals. Diese Schreckens­herrschaft wurde durch einen monotheistischen Aufstand unter Führung des Knabenkönigs Joasch beendet, der fünfunddreißig Jahre lang für Jahve kämpfte.

97:9.22

Der nächste König, Amazja, bekam Schwierigkeiten mit den sich erhebenden steuerpflichtigen Edomiten und ihren Nachbarn. Nach einem eklatanten Sieg wandte er sich gegen seine nördlichen Nachbarn und erlebte eine ebenso eklatante Niederlage. Darauf erhoben sich die Landbewohner; ermordeten den König und setzten seinen sechzehn Jahre alten Sohn auf den Thron. Das war Asarja, den Jesaja Usja nannte. Nach Usja verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und Juda existierte hundert Jahre lang, indem es den Königen von Assyrien Tribut bezahlte. Der erste Jesaja sagte seinen Zuhörern, dass Jerusalem – die Stadt Jahves – nie fallen werde. Aber Jeremia zögerte nicht, seinen Untergang anzukündigen.

97:9.23

Der eigentliche Ruin Judas wurde durch einen korrupten und reichen Poli­tik­erkreis herbeigeführt, der unter der Regierung eines Knabenkönigs, Manasse, wirkte. Ein wirtschaftlicher Umschwung begünstigte die Rückkehr des Baalkultes, dessen privater Handel mit Land der Ideologie Jahves zuwiderlief. Der Fall Assyriens und der Aufstieg Ägyptens brachten Juda eine Zeitlang Befreiung, und die Landbevölkerung übernahm die Macht. Unter Josja beseitigte sie den korrupten Politikerring Jerusalems.

97:9.24

Aber diese Ära nahm ein tragisches Ende, als sich Josja unterfing, der mächtigen Armee Nechos entgegenzuziehen und ihr den Weg abzuschneiden, als sie von Ägypten her die Küste entlang heraufzog, um Assyrien gegen Babylon zu Hilfe zu eilen. Er wurde vernichtend geschlagen, und Juda wurde Ägypten gegenüber tributpflichtig. Die politische Baalpartei gelangte in Jerusalem wiederum an die Macht, und die wirk­liche ägyptische Versklavung begann jetzt. Darauf folgte eine Periode, während welcher die Baal-Politiker das Rechtswesen und die Priesterschaft beherrschten. Der Baalkult war ein wirtschaftliches und gesellschaftliches System, das ebenso sehr mit Besitzrechten wie mit Bodenfruchtbarkeit zu tun hatte.

97:9.25

Mit Nebukadnezars Sieg über Necho geriet Juda unter die Herrschaft Babylons und bekam zehn Jahre der Gnade zugestanden, erhob sich aber schon bald. Als Nebukadnezar gegen die Judaiten heranzog, schritten sie zu sozialen Reformen wie Sklavenbefreiung, um Jahve zu beeinflussen. Als die babylonische Armee sich vorübergehend zurückzog, frohlockten die Hebräer darüber, dass ihre reformerische Magie sie befreit habe. Zu dieser Zeit war es, dass Jeremia ihnen das bevorstehende Verhängnis ankündigte, und bald darauf kehrte Nebukadnezar zurück.

97:9.26

Und damit kam das jähe Ende Judas. Die Stadt wurde zerstört und die Men­schen wurden nach Babylon verschleppt. Der Kampf zwischen Jahve und Baal endete in der Gefangenschaft. Und der Schock der Gefangenschaft trieb den Rest Israels in den Monotheismus.

97:9.27

In Babylon kamen die Juden zu der Überzeugung, dass sie als kleine Gruppe mit ihren besonderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gepflogenheiten in Palä­stina nicht existieren konnten und dass sie, sollten sich ihre Ideologien behaupten, die Nichtjuden bekehren mussten. So entstand die neue Vorstellung von ihrer Bestimmung – die Idee, dass die Juden die auserwählten Diener Jahves werden mussten. Die jüdische Religion des Alten Testamentes entwickelte sich ganz eigentlich in der babylonischen Gefangenschaft.

97:9.28

Auch die Lehre von der Unsterblichkeit nahm in Babylon Gestalt an. Die Juden hatten bisher gedacht, dass die Beschäftigung mit einem zukünftigen Leben von dem auf sozialer Gerechtigkeit liegenden Schwerpunkt ihres Evangeliums ablenke. Zum ersten Mal verdrängte jetzt die Theologie Soziologie und Wirtschaft. Religion bildete sich mehr und mehr als ein von Politik, Soziologie und Wirtschaft getrenntes System menschlichen Denkens und Verhaltens heraus.

97:9.29

Und so lässt die Wahrheit über das jüdische Volk erkennen, dass vieles, was als heilige Geschichte betrachtet worden ist, sich als kaum mehr als die Chronik gewöhnlicher weltlicher Geschichte herausstellt. Der Judaismus war der Boden, dem das Christentum entwuchs, aber die Juden waren kein mirakulöses Volk.

10. Die hebräische Religion

97:10.1

Ihre Führer hatten die Israeliten gelehrt, sie seien ein auserwähltes Volk, nicht aufgrund besonderen Wohlwollens oder eines Monopols göttlicher Gunst, sondern aufgrund des besonderen Dienstes, allen Nationen die Wahrheit von dem einen und allerhöchsten Gott zu bringen. Und sie hatten den Juden versprochen, dass sie, sollten sie diese Bestimmung erfüllen, zu den geistigen Führern aller Völker werden würden, und dass der kommende Messias über sie und alle Welt als der Friedensfürst herrschen würde.

97:10.2

Als die Juden von den Persern freigelassen wurden, kehrten sie nach Palästina zurück, nur um sich in die Knechtschaft ihrer eigenen, ihnen von den Priestern aufgezwungenen Gesetzessammlungen, Opfer und Rituale zu begeben. Und gleich wie die hebräischen Klane die wundervolle Geschichte Gottes in der Abschiedsrede des Moses für die Opfer- und Bußrituale zurückgewiesen hatten, so wiesen auch diese Reste der hebräischen Nation das großartige Konzept des zweiten Jesaja für die Gesetze, Regelungen und Rituale ihrer wachsenden Priesterschaft zurück.

97:10.3

Nationale Eigensucht, das trügerische Vertrauen in einen falsch verstandenen versprochenen Messias und wachsende Knechtung durch die tyrannische Priester­schaft brachten die Stimmen der geistigen Führer (mit Ausnahme Daniels, Hesekiels, Haggais und Maleachis) für immer zum Verstummen; und von diesem Tag an bis zur Zeit von Johannes dem Täufer machte ganz Israel eine zunehmende geistige Regression durch. Aber nie verloren die Juden das Konzept des Universalen Vaters aus den Augen; selbst bis ins zwanzigste Jahrhundert nach Christus haben sie stets an dieser Vorstellung von der Gottheit festgehalten.

97:10.4

Von Moses bis zu Johannes dem Täufer erstreckt sich eine ununterbrochene Kette treuer Lehrer, die die Fackel des monotheistischen Lichts von einer Generation zur anderen weitergaben, während sie ohne Unterlass skrupellose Herrscher in die Schranken wiesen, geschäftstüchtige Priester anprangerten und das Volk unermüdlich aufforderten, sich der Verehrung des höchsten Jahve, des Herrn Gottes Israels, zuzuwenden.

97:10.5

Die Juden haben schließlich ihre politische Identität als eine Nation verloren, aber die hebräische Religion des aufrichtigen Glaubens an den einen und universalen Gott lebt in den Herzen der versprengten Exilierten weiter. Und diese Religion überlebt, weil sie in wirksamer Weise dafür gesorgt hat, die höchsten Werte ihrer Anhänger zu erhalten. Die jüdische Religion hat die Ideale eines Volkes bewahrt, aber sie hat es unterlassen, den Fortschritt zu begünstigen und philosophische schöpferische Entdeckungen in den Reichen der Wahrheit zu ermutigen. Die jüdische Religion hatte viele Fehler – es mangelte ihr an Philosophie und sie entbehrte ästhetischer Qualitäten fast völlig – aber sie bewahrte sittliche Werte; deshalb hat sie überdauert. Der höchste Jahve war im Vergleich zu anderen Gottheitskonzepten scharf umrissen, lebendig, persönlich und sittlich.

97:10.6

Die Juden liebten Gerechtigkeit, Weisheit, Wahrheit und Rechtschaffenheit wie nur wenige Völker, aber sie haben von allen Völkern am wenigsten zum intellektuellen Erfassen und geistigen Verständnis dieser göttlichen Qualitäten beigesteuert. Obwohl die hebräische Theologie sich einer Erweiterung verwehrte, spielte sie eine wichtige Rolle in der Entwicklung zweier anderer Welt­religionen – des Christentums und des Mohammedanismus.

97:10.7

Die jüdische Religion überdauerte auch dank ihren Institutionen. Es ist für eine Religion schwer, als private Praxis getrennter Individuen zu überleben. Hierin haben sich die religiösen Führer stets geirrt: Angesichts der Übel institutionalisierter Religion suchen sie die Technik des Funktionierens in Gruppen zu zerstören. Statt alles Ritual zu zerstören, täten sie besser daran, es zu reformieren. In dieser Hinsicht war Hesekiel weiser als seine Zeitgenossen. Obwohl er im großen Gewicht, das er auf die persönliche sittliche Verantwortung legte, mit ihnen einig ging, unternahm er es auch, die getreue Beobachtung eines höher stehenden und gereinigten Rituals durchzusetzen.

97:10.8

Und so vollbrachten die aufeinander folgenden Lehrer Israels in der Evolution der Religion die hervorragendste Leistung, die auf Urantia je stattgefunden hat: die schrittweise, aber kontinuierliche Umwandlung der barbarischen Vorstellung von dem wilden Dämon Jahve, dem eifersüchtigen und grausamen Geistergott des fauchenden Sinaivulkans, in das spätere erhabene und himmlische Konzept des höchsten Jahve, Schöpfers aller Dinge und liebenden und erbarmenden Vaters der ganzen Menschheit. Und dieses hebräische Gotteskonzept war die höchste menschliche Sicht des Universalen Vaters bis zu der Zeit, als es durch die persönlichen Lehren und das gelebte Beispiel seines Sohnes, Michaels von Nebadon, erweitert und auf so einnehmende Weise verstärkt wurde.

97:10.9

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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