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Der Garten Eden

DIE kulturelle Dekadenz und geistige Armut, die auf Caligastias Sturz und die darauf folgende gesellschaftliche Verwirrung folgten, hatten kaum Wirkung auf den physischen oder biologischen Status der Völker Urantias. Die organische Evolution ging rasch vorwärts, ganz unabhängig vom kulturellen und sittlichen Rückschritt, der dem Abfall Caligastias und Daligastias auf dem Fuße folgte. Und in der planetarischen Geschichte kam vor fast vierzigtausend Jahren eine Zeit, da die diensttuenden Lebensbringer feststellten, dass sich der entwicklungsmäßige Fortschritt der Rassen Urantias aus rein biologischer Sicht seinem Höhepunkt näherte. Die Melchisedek-Treuhänder, die gleicher Meinung waren, fanden sich gerne bereit, gemeinsam mit den Lebensbringern an die Allerhöchsten von Edentia eine Eingabe zu richten, worin sie um eine Inspektion Urantias im Hinblick auf eine Bewilligung zur Entsendung biologischer Veredler, eines Materiellen Sohnes und einer Materiellen Tochter, baten.

73:0.2

Sie richteten ihr Gesuch an die Allerhöchsten Edentias, weil diese seit Caligastias Sturz und der auf Jerusem vorübergehend fehlenden Autorität in vielen Angelegenheiten Urantias eine direkte Gerichtsbarkeit ausübten.

73:0.3

Tabamantia, souveräner Überwacher der Serie von dezimalen oder Experi­mentierwelten, traf ein, um den Planeten zu inspizieren, und nach seiner Prü­fung des rassischen Fortschritts empfahl er ordnungsgemäß, Urantia ein Materielles Paar zu gewähren. Etwas weniger als hundert Jahre nach dem Zeit­punkt dieser Inspektion trafen Adam und Eva ein, ein Materieller Sohn und eine Materielle Tochter des Lokalsystems, und machten sich an die schwierige Aufgabe des Versuchs, die verworrenen Angelegenheiten eines Planeten zu entwirren, der wegen Rebellion zurückgeblieben war und unter dem Bann geistiger Isolation lag.

1. Die Noditen und die Amadoniten

73:1.1

Auf einem normalen Planeten kündigt die Ankunft des Materiellen Sohnes gewöhnlich das Nahen eines großen Zeitalters von Erfindungen, materiellem Fortschritt und geistiger Erleuchtung an. Auf den meisten Welten ist die nachadamische Ära ein großes wissenschaftliches Zeitalter, aber nicht so auf Urantia. Obwohl der Planet von physisch tauglichen Rassen bevölkert war, lagen die Stämme in tiefer Roheit und sittlicher Stagnation darnieder.

73:1.2

Zehntausend Jahre nach der Rebellion waren praktisch alle Gewinne aus der Verwaltung des Fürsten ausradiert; es stand kaum besser um die Rassen der Welt, als wenn dieser irregeleitete Sohn nie nach Urantia gekommen wäre. Einzig unter den Noditen und Amadoniten konnten sich die Traditionen Dalamatias und die Kultur des Planetarischen Fürsten halten.

73:1.3

Die Noditen waren die Nachkommen der rebellischen Mitglieder des fürstlichen Stabs. Ihr Name leitet sich von ihrem ersten Führer, Nod, her, dem einstigen Vorsitzenden des Ausschusses für Gewerbe und Handel in Dalamatia. Die Amadoniten waren die Nachfahren jener Andoniten, die sich entschlossen hatten, Van und Amadon treu zu bleiben. „Amadonit“ ist eine mehr kulturelle und religiöse Bezeichnung als ein rassischer Begriff; rassisch betrachtet, waren die Amadoniten im Wesentlichen Andoniten. „Nodit“ ist sowohl eine kulturelle wie rassische Bezeichnung, denn die Noditen bildeten die achte Rasse Urantias.

73:1.4

Zwischen Noditen und Amadoniten herrschte eine traditionelle Feindschaft. Diese Fehde wallte ständig auf, wann immer die Nachfahren der beiden Gruppen versuchten, etwas Gemeinsames zu unternehmen. Auch noch später, in der Geschichte Edens, fiel es ihnen außerordentlich schwer, friedlich zusammenzuarbeiten.

73:1.5

Kurz nach der Zerstörung Dalamatias teilte sich die Gefolgschaft Nods in drei größere Gruppen auf. Die zentrale Gruppe blieb in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer ursprünglichen Heimat nahe dem Eingang zum Persischen Golf. Die östliche Gruppe wanderte in die hochgelegenen Gegenden von Elam gleich östlich des Euphrattales aus. Die westliche Gruppe bewohnte die nordöstliche Mittelmeerküste Syriens und die angrenzende Gegend.

73:1.6

Die Noditen hatten sich ungehemmt mit den Sangikrassen vermischt und eine fähige Nachkommenschaft hinterlassen. Und einige der Abkömmlinge der rebellischen Dalamatianer gesellten sich später zu Van und seinen getreuen Gefolgsleuten in den im Norden Mesopotamiens gelegen Gegenden. Hier, in der Nachbarschaft des Van-Sees und in der südlichen Region des Kaspischen Meeres verbanden und vermischten sich die Noditen mit den Amadoniten, und man zählte sie zu den „mächtigen Menschen von einst“.

73:1.7

Vor der Ankunft Adams und Evas waren diese Gruppen – Noditen und Amadoniten – die fortgeschrittensten und kultiviertesten Rassen auf Erden.

2. Planen für den Garten

73:2.1

Fast hundert Jahre lang vor Tabamantias Inspektion hatten Van und seine Mitarbeiter von ihrem im Hochland gelegenen ethischen und kulturellen Hauptquartier der Welt aus das Kommen eines versprochenen Gottessohnes gepredigt, eines Veredlers der Rasse, eines Wahrheitslehrers und würdigen Nach­folgers des verräterischen Caligastia. Obwohl sich die damaligen Be­wohner der Welt in ihrer Mehrheit kaum oder gar nicht um eine solche Ankün­digung kümmerten, nahmen die mit Van und Amadon unmittelbar in Kontakt Stehenden die Lehre ernst und begannen, ganz konkret auf den Empfang des versprochenen Sohnes hin zu planen.

73:2.2

Van erzählte seinen engsten Mitarbeitern die Geschichte der Materiellen Söhne Jerusems, das, was er über sie erfahren hatte, bevor er nach Urantia kam. Er wusste sehr wohl, dass die Adamischen Söhne immer in einfachen, aber reizvollen, von Gärten umgebenen Häusern wohnten, und dreiundachtzig Jahre vor der Ankunft Adams und Evas machte er seinen Mitarbeitern den Vor­schlag, sich ganz der Verkündigung ihres Kommens und der Vorbereitung eines Gartenwohnsitzes für ihren Empfang zu widmen.

73:2.3

In ihrem Hauptquartier im Hochland und in einundsechzig weit herum verstreuten Siedlungen rekrutierten Van und Amadon ein Korps von mehr als dreitausend willigen und enthusiastischen Arbeitern, die sich auf einer feierlichen Versammlung zu dieser Mission der Vorbereitung auf den versprochenen – oder zumindest erwarteten – Sohn verpflichteten.

73:2.4

Van teilte seine Freiwilligen in hundert Kompanien ein, jede mit einem Hauptmann und einem Mitarbeiter, der in seinem persönlichen Stab als Verbindungsoffizier diente, während er Amadon als seinen persönlichen Mitarbeiter behielt. All diese Kommissionen machten sich jetzt ernsthaft an ihre Vorbereitungsarbeiten, und das Komitee zur Eruierung der Gartengegend begab sich auf die Suche nach dem idealen Ort.

73:2.5

Obwohl man Caligastia und Daligastia viel von ihrer Macht, Schaden anzurichten, genommen hatte, taten sie ihr Möglichstes, um die Vorbereitungs­arbeiten für den Garten zu durchkreuzen und zu behindern. Aber ihre üblen Machenschaften wurden weitgehend durch das treue Wirken der fast zehntausend Mittler-Geschöpfe aufgewogen, die sich unermüdlich für den Fortschritt der Unternehmung einsetzten.

3. Der Ort des Gartens

73:3.1

Das Eruierungskomitee war fast drei Jahre lang abwesend. Es berichtete güns­tig über drei mögliche Standorte: Der erste war eine Insel im Persischen Golf; der zweite, an Flüssen gelegene, diente später als zweiter Garten; der dritte, eine lange, schmale Halbinsel – fast eine Insel – erstreckte sich von der Ostküste des Mittelmeeres nach Westen.

73:3.2

Das Komitee sprach sich fast einstimmig für die dritte Wahl aus. Also entschied man sich für diesen Ort, und man brauchte zwei Jahre, um das kulturelle Hauptquartier der Welt einschließlich des Baums des Lebens nach dieser Mittelmeerhalbinsel zu verlegen. Bis auf eine kleine Gruppe räumten die Bewohner die Halbinsel friedlich, als Van mit seiner Schar anlangte.

73:3.3

Diese Mittelmeerhalbinsel besaß ein zuträgliches Klima und ausgeglichene Temperaturen; das stabile Wetter war den umstehenden Bergen und der Tatsache zu verdanken, dass dieser Ort praktisch eine Insel in einem Binnen­meer war. Während über den umliegenden Höhenzügen reichlich Regen niederging, regnete es im eigentlichen Eden selten. Aber jede Nacht „erhob“ sich vom weit verzweigten Netz der Bewässerungskanäle „ein Dunst“, der die Vegetation des Gartens erfrischte.

73:3.4

Die Küstenlinie dieser Landmasse war beträchtlich erhöht, und die Landenge, die die Halbinsel mit dem Festland verband, war an ihrer schmalsten Stelle nur dreiundvierzig Kilometer breit. Der große Fluss, der den Garten bewässerte, kam von den höheren Gegenden der Halbinsel herab und floss in östlicher Richtung durch die Landenge der Halbinsel auf das Festland und von dort durch die mesopotamische Tiefebene ins Meer. Er wurde von vier Neben­flüssen gespiesen, die in den küstennahen Bergen der edenischen Hal­binsel entsprangen, und das sind die „vier Hauptwasser“ des Flusses, der „Eden verließ“, die später mit den Flussarmen durcheinander gebracht wurden, die den zweiten Garten umgaben.

73:3.5

Die den Garten umgebenden Berge waren reich an Edelsteinen und Metallen, denen man aber kaum Aufmerksamkeit schenkte. Die beherrschende Idee sollte die Verherrlichung des Gartenbaus und die Preisung des Ackerbaus sein.

73:3.6

Der für den Garten ausgesuchte Ort war vermutlich der schönste Erdenfleck dieser Art überhaupt, und sein Klima war damals ideal. Nirgendwo anders fand sich eine Gegend, die sich so vorzüglich dafür eignete, ein botanisches Paradies zu werden. An diesem Treffpunkt versammelte sich die Elite der Zivilisation Urantias. Außerhalb und weiter weg lag die Welt in Dunkelheit, Unwissenheit und Wildheit. Eden war der einzige Lichtpunkt auf Urantia; es war schon von Natur aus ein Traum von Lieblichkeit, und es wurde bald zu einem Gedicht auserlesener und vervollkommneter landschaftlicher Schönheit.

4. Schaffung des Gartens

73:4.1

Wenn Materielle Söhne, die biologischen Veredler, ihren Aufenthalt auf einer evolutionären Welt antreten, nennt man ihren Wohnsitz oft Garten Eden, weil ihn die herrliche Flora und botanische Pracht Edentias, der Konstellationskapitale, kennzeichnen. Van kannte diese Gebräuche sehr wohl, und deshalb bestimmte er, dass die ganze Halbinsel dem Garten vorbehalten werde. Für Weidezwecke und Viehwirtschaft wurde das angrenzende Festland vorgesehen. An Tieren sollte es im Park nur Vögel und die verschiedenen gezähmten Arten geben. Vans Weisungen lauteten, dass Eden ein Garten, und nur ein Garten, sein müsse. Innerhalb seiner Grenzen wurden nie Tiere geschlachtet. Alles Fleisch, das die Gartenarbeiter während all der Jahre seines Baus verzehrten, wurde von den Herden herbeigeschafft, die auf dem Festland unterhalten und gehütet wurden.

73:4.2

Die erste Aufgabe war die Errichtung einer Backsteinmauer quer durch die Landenge der Halbinsel. Sobald diese stand, konnten die eigentlichen Arbeiten der Landschaftsverschönerung und des Hausbaus ungestört in Angriff genommen werden.

73:4.3

Man schuf einen zoologischen Garten, indem man gleich außerhalb der Hauptmauer eine kleinere Mauer baute; der zwischen ihnen liegende Raum, der von allen möglichen wilden Tieren bevölkert wurde, diente als zusätzliche Verteidigung gegen feindliche Angriffe. Diese Menagerie bestand aus zwölf großen Abteilungen, und zwischen den zwölf Gruppen führten ummauerte Pfade zu den zwölf Toren des Gartens. Der Fluss mit dem ihn umgebenden Weideland nahm den mittleren Bereich ein.

73:4.4

Bei der Vorbereitung des Gartens wurden nie Mietlinge eingesetzt, sondern nur freiwillige Arbeiter beschäftigt. Sie pflegten den Garten und hüteten ihre Herden, von denen sie lebten; zusätzliche Nahrung erhielten sie auch von Gläubigen, die in der Nähe wohnten. Und diese große Unternehmung wurde trotz der Schwierigkeiten zu Ende geführt, die der unklare Status der Welt in diesen Zeiten der Wirren mit sich brachte.

73:4.5

Aber Van, der nicht wusste, wie bald das erwartete Paar kommen würde, löste große Enttäuschung aus, als er anregte, für den Fall einer verzögerten Ankunft auch die jüngere Generation in die Arbeit einzuführen, um das Unternehmen fortzusetzen. Das klang wie ein Eingeständnis, dass es ihm an Glauben fehle, und richtete beträchtliche Verwirrung an und bewirkte viele Desertionen; aber Van verfolgte seinen Bereitschaftsplan weiter und ersetzte die Abtrünnigen durch jüngere Freiwillige.

5. Der Garten-Wohnsitz

73:5.1

Im Zentrum der edenischen Halbinsel erhob sich der auserlesene Steintempel des Universalen Vaters, der heilige Schrein des Gartens. Nördlich davon wurde das administrative Hauptquartier errichtet; dem Süden zu wurden die Häuser für die Arbeiter und ihre Familien gebaut; im Westen wurden Grundstücke für die geplanten Schulen des Erziehungswesens des erwarteten Sohnes vorgesehen, während im „Osten Edens“ die Wohnhäuser für den versprochenen Sohn und seine unmittelbaren Nachkommen gebaut wurden. Die Baupläne für Eden sahen Heime und reichlich Land für eine Million menschlicher Wesen vor.

73:5.2

Obwohl der Garten zum Zeitpunkt der Ankunft Adams nur zu einem Viertel ausgeführt war, besaß er bereits Tausende von Kilometern Bewässer­ungsgräben und über zwanzigtausend Kilometer gepflasterter Pfade und Straßen. Es gab in den verschiedenen Sektoren etwas mehr als fünftausend Backsteingebäude und Bäume und Pflanzen ohne Zahl. Sieben war die höchste Zahl von zu einer Gruppe zusammengeschlossenen Häusern im Park. Und obwohl die Gebäude des Gartens einfach waren, waren sie doch höchst künstlerisch. Die Straßen und Pfade waren gut gebaut und die Landschaftsgestaltung war auserlesen.

73:5.3

Die sanitären Einrichtungen des Gartens waren allem, was bis dahin auf Urantia versucht worden war, weit voraus. Das Trinkwasser Edens wurde durch die strenge Einhaltung der die Bewahrung seiner Reinheit bezweckenden hygienischen Bestimmungen gesund gehalten. In diesen frühen Zeiten entstanden aus der Vernachlässigung dieser Regeln viele Unannehmlichkeiten, aber Van prägte seinen Mitarbeitern allmählich ganz tief ein, wie wichtig es war, nichts in das Wasserreservoir des Gartens fallen zu lassen.

73:5.4

Vor der späteren Erstellung eines Abwassersystems pflegten die Edeniten allen Abfall und alles faulende Material gewissenhaft zu vergraben. Amadons Aufseher machten jeden Tag die Runde, um mögliche Krankheitsursachen aufzuspüren. Die Urantianer wurden sich erst wieder im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert der Wichtigkeit bewusst, menschlichen Krankheiten vorzubeugen. Noch vor dem Zusammenbruch der adamischen Herrschaft war ein aus einer abgedeckten Backsteinleitung bestehendes Abwassersystem gebaut worden, das unter den Mauern hinausführte und sich etwa anderthalb Kilometer jenseits der äußeren, kleineren Mauer in den Fluss Eden entleerte.

73:5.5

Zur Zeit von Adams Ankunft wuchsen in Eden die meisten Pflanzen dieser Erdengegend. Viele Früchte, Getreidepflanzen und Nüsse waren bereits stark verbessert worden. Viele heutige Gemüse und Getreidepflanzen wurden zuerst hier gezüchtet, aber der Welt sind in der Folgezeit Dutzende von essbaren Pflanzenarten abhanden gekommen.

73:5.6

Etwa fünf Prozent des Gartens wurden nach hochkünstlichen Methoden bestellt, fünfzehn Prozent waren teilweise bebaut, während der Rest bis zu Adams Ankunft in einem mehr oder weniger natürlichen Zustand belassen wurde, weil man es für das Beste hielt, ihm die Vollendung des Gartens nach seinen eigenen Ideen zu überlassen.

73:5.7

In dieser Weise wurde der Garten Eden für den Empfang des versprochenen Adams und seiner Gefährtin vorbereitet. Und dieser Garten hätte auch einer Welt unter vervollkommneter Verwaltung und normaler Kontrolle alle Ehre gemacht. Adam und Eva waren mit der allgemeinen Anlage Edens sehr zufrieden, indessen nahmen sie an der Einrichtung ihres eigenen persönlichen Wohnhauses viele Änderungen vor.

73:5.8

Auch wenn die Verschönerungsarbeiten zur Zeit von Adams Ankunft noch nicht abgeschlossen waren, war der Ort bereits ein Juwel an botanischer Schönheit; und in der frühen Zeit von Adams Aufenthalt in Eden nahm der ganze Garten neue Gestalt und neue Ausmaße an Schönheit und Erhabenheit an. Nie vor oder nach dieser Zeit hat Urantia eine derart wunderbare und verschwenderische Schau von Garten- und Ackerbau beherbergt.

6. Der Baum des Lebens

73:6.1

In der Mitte des Tempels des Gartens pflanzte Van den lange gehüteten Baum des Lebens, dessen Blätter der „Heilung der Nationen“ dienten und dessen Früchte ihn selber so lange auf Erden am Leben erhalten hatten. Van wusste sehr wohl, dass auch Adam und Eva nach ihrem Erscheinen auf Urantia in materieller Form zur Aufrechterhaltung ihres Lebens auf diese Gabe Edentias angewiesen sein würden.

73:6.2

Auf den Systemkapitalen haben die Materiellen Söhne den Lebensbaum für ihren Unterhalt nicht nötig. Nur in ihrer planetarischen Neupersonifizierung sind sie für ihre physische Unsterblichkeit auf diese Ergänzung angewiesen.

73:6.3

Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ ist vielleicht eine Metapher, eine symbolische Bezeichnung für eine Menge menschlicher Erfahrungen, aber der „Baum des Lebens“ war kein Mythos; er war Wirklichkeit und lange Zeit auf Urantia anwesend. Als die Allerhöchsten Edentias die Beauftragung Caligastias als Planetarischen Fürsten Urantias und diejenige der hundert Bürger Jerusems als seines administrativen Stabs guthießen, übersandten sie durch die Melchisedeks einen Strauch aus Edentia, und aus dieser Pflanze entwickelte sich der Baum des Lebens Urantias. Diese Form nichtintelligenten Lebens ist auf den Hauptsitzsphären der Konstellationen heimisch, und man findet sie auch auf den Hauptsitzwelten der Lokal- und Superuniversen sowie auf den Sphären Havonas, nicht aber auf den Systemkapitalen.

73:6.4

Diese Überpflanze speicherte gewisse Raumenergien, welche den für den Alterungsprozess verantwortlichen Elementen der tierischen Existenz entgegenwirkten. Die Frucht vom Baum des Lebens war wie eine überchemische Speicherbatterie, die, wenn verspiesen, auf geheimnisvolle Weise die lebensverlängernde Kraft des Universums freisetzte. Diese Art Nahrung war für die gewöhnlichen evolutionären Wesen Urantias völlig nutzlos, aber sie diente ganz gezielt den hundert materialisierten Mitgliedern des Stabs Caligastias und den hundert modifizierten Andoniten, die den Stabsangehörigen des Fürsten ihr Lebensplasma gespendet hatten und im Gegenzug dazu in den Besitz jener Lebensergänzung gelangt waren, die es ihnen ermöglichte, die Frucht vom Baum des Lebens zur unbeschränkten Verlängerung ihrer sonst sterblichen Existenz zu benutzen.

73:6.5

In den Tagen der Herrschaft des Fürsten wuchs der Baum in der Erde des zentralen, kreisförmigen Hofs des Tempels des Vaters. Nach Ausbruch der Rebellion brachten Van und seine Gefährten seinen Wurzelstock in ihrem vorübergehenden Lager wieder zum Austreiben. Später überführten sie den Strauch Edentias in ihren Zufluchtsort auf dem Hochland, wo er Van und Amadon mehr als hundertfünfzigtausend Jahre lang diente.

73:6.6

Als Van und seine Gefährten den Garten für Adam und Eva vorbereiteten, verpflanzten sie den Baum aus Edentia in den Garten Eden, wo er abermals in einem zentralen, kreisförmigen Hof eines anderen Tempels des Vaters wuchs. Und Adam und Eva aßen periodisch von seinen Früchten zur Aufrechterhaltung ihrer zweifachen Art physischen Lebens.

73:6.7

Als die Pläne des Materiellen Sohnes fehlschlugen, wurde es Adam und seiner Familie verwehrt, den Wurzelstock des Baums aus dem Garten mitzunehmen. Als dann die Noditen in Eden einfielen, wurde ihnen gesagt, sie würden „wie Götter, wenn sie von den Früchten des Baums äßen“. Zu ihrem großen Erstaunen fanden sie ihn unbewacht. Jahrelang aßen sie reichlich von seinen Früchten, aber er tat an ihnen keine Wirkung; denn sie waren alles materielle Sterbliche dieser Welt, denen jenes Element fehlte, das als Ergänzung zu den Früchten des Baums wirkte. Ob ihrer Unfähigkeit, aus dem Baum des Lebens Nutzen zu ziehen, gerieten sie in Wut, und bei einem ihrer Bruderkämpfe wurden Tempel und Baum durch Feuer zerstört. Nur die Steinmauer blieb bestehen, bis der Garten schließlich versank. Das war der Untergang des zweiten Tempels des Vaters.

73:6.8

Von jetzt an muss auf Urantia alles Fleisch dem natürlichen Lauf von Leben und Tod gehorchen. Adam, Eva, ihre Kinder und Kindeskinder und ihre Mitarbeiter erlitten mit der Zeit alle den Tod und wurden dadurch der Aufstiegsordnung des Lokaluniversums unterworfen, bei welcher auf den natürlichen Tod die Auferstehung auf den Residenzwelten folgt.

7. Das Schicksal Edens

73:7.1

Nachdem der erste Garten von Adam verlassen worden war, wurde er verschiedentlich von den Noditen, Kutiten und Suntiten besetzt. Später wurde er zum Wohnsitz der nördlichen Noditen, die sich einer Zusammenarbeit mit den Adamiten widersetzten. Fast viertausend Jahre waren seit der Einnahme der Halbinsel durch diese tieferstehenden Noditen verflossen, als der Boden des östlichen Mittelmeeres im Zusammenhang mit heftiger Aktivität der umliegenden Vulkane und mit dem Untertauchen der sizilischen Landbrücke zu Afrika absank und die ganze edenische Halbinsel mit sich unter den Wasserspiegel hinabzog. Diese ausgedehnte Absenkung ging mit einer starken Erhebung der Küstenlinie des östlichen Mittelmeers einher. Und das war das Ende der schönsten natürlichen Schöpfung, die Urantia je beherbergt hatte. Das Versinken geschah nicht plötzlich; es brauchte mehrere hundert Jahre, bis die gesamte Halbinsel völlig überflutet war.

73:7.2

Wir können das Verschwinden des Gartens in keiner Weise als Folge des Scheiterns des göttlichen Planes oder als Folge der Irrtümer Adams und Evas betrachten. Wir betrachten das Untertauchen Edens als nichts anderes als ein natürliches Ereignis, aber es will uns scheinen, dass der Untergang des Gartens auf einen Zeitpunkt hin vorgesehen war, an dem die violette Rasse sich genügend vermehrt hätte, um mit dem Werk der Wiederaufrichtung der Völker der Welt zu beginnen.

73:7.3

Die Melchisedeks hatten Adam geraten, mit dem Programm der rassischen Veredelung und Durchmischung nicht eher zu beginnen, als bis seine eigene Familie auf eine halbe Million Mitglieder angewachsen wäre. Es hatte nie die Absicht bestanden, aus dem Garten die bleibende Heimat der Adamiten zu machen. Sie sollten zu Sendboten eines neuen Lebens für die ganze Welt werden; sie sollten sich für eine selbstlose Hingabe an die bedürftigen Rassen der Erde bereit machen.

73:7.4

Die Weisungen der Melchisedeks an Adam beinhalteten, dass es seine Aufgabe war, rassische, kontinentale und Abteilungshauptquartiere zu errich­ten und sie der Leitung seiner unmittelbaren Söhne und Töchter zu unterstellen, während er selber und Eva ihre Zeit zwischen diesen verschiedenen Hauptsitzen der Welt aufteilen würden, als Berater und Koordinatoren des weltweiten Dienstes biologischer Veredelung, intellektuellen Fortschritts und sittlicher Wiederaufrichtung.

73:7.5

[Dargeboten von Solonia, der seraphischen „Stimme im Garten“.]


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