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Ausgießung des Geistes der Wahrheit

ETWA um ein Uhr, als die hundertzwanzig Gläubigen mitten im Gebet waren, wurden sie sich alle einer seltsamen Gegenwart im Raum bewusst. Und im selben Augenblick erfuhren diese Jünger bewusst ein neues und tiefes Gefühl geistiger Freude, Sicherheit und Zuversicht. Diesem neuen Bewusstsein geistiger Kraft folgte sogleich ein heftiges Verlangen, hinauszugehen und öffentlich das Evangelium vom Königreich sowie die gute Nachricht zu verkündigen, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.

194:0.2

Petrus erhob sich und erklärte, das müsse das Kommen des Geistes der Wahrheit sein, den der Meister ihnen versprochen hatte, und er schlug vor, zum Tempel zu gehen und mit der Verkündigung der guten Nachricht zu beginnen, die in ihre Hände gelegt worden war. Und sie taten, was Petrus vorgeschlagen hatte.

194:0.3

Diese Menschen waren darin geschult und unterrichtet worden, dass das Evangelium, das sie predigen sollten, die Vaterschaft Gottes und die Sohnschaft des Menschen war, aber in eben diesem Augenblick geistiger Ekstase und persönlichen Triumphs war die beste Kunde, die gewaltigste Nachricht, woran diese Menschen denken konnten, die Tatsache des auferstandenen Meisters. Und so zogen sie hinaus, mit Macht von oben erfüllt, und predigten dem Volk die frohe Botschaft – die Errettung durch Jesus – aber sie stolperten ungewollt in den Irrtum, die eigentliche Evangeliumsbotschaft durch einige mit dem Evangelium verknüpfte Tatsachen zu ersetzen. Petrus machte unabsichtlich den Anfang mit diesem Irrtum, und andere folgten ihm darin bis hin zu Paulus, der ausgehend von einer neuen Version der guten Nachricht eine neue Religion schuf.

194:0.4

Das Evangelium vom Königreich ist: die Tatsache der Vaterschaft Gottes in Verbindung mit der sich daraus ergebenden Wahrheit der Sohnschaft-Bruderschaft der Menschen. Das Christentum, wie es sich von diesem Tag an entwickelte, ist: die Tatsache Gottes als des Vaters des Herrn Jesus Christus verbunden mit der Erfahrung des Gläubigen, mit dem auferstandenen und verherrlichten Christus Gemeinschaft zu haben.

194:0.5

Es ist nicht verwunderlich, dass diese vom Geist erfüllten Menschen die Gelegenheit ergriffen, ihre Gefühle des Triumphs über die Kräfte auszudrücken, die versucht hatten, ihren Meister zu vernichten und dem Einfluss seiner Lehren ein Ende zu setzen. In einem Augenblick wie diesem war es leichter, sich an ihr persönliches Zusammensein mit Jesus zu erinnern und sich von der Gewissheit begeistern zu lassen, dass der Meister weiterlebte, dass ihre Freundschaft kein Ende genommen hatte und dass der Geist tatsächlich über sie gekommen war, wie er es versprochen hatte.

194:0.6

Diese Gläubigen fühlten sich plötzlich in eine andere Welt entrückt, in eine neue Existenz der Freude, der Macht und der Herrlichkeit. Der Meister hatte ihnen gesagt, das Königreich werde mit Macht kommen, und einige von ihnen dachten, sie fingen an zu erfassen, was er damit gemeint hatte.

194:0.7

Und wenn man all das in Betracht zieht, fällt es nicht schwer zu verstehen, wie diese Menschen dazu kamen, anstelle ihrer früheren Botschaft von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen ein neues Evangelium über Jesus zu predigen.

1. Die Pfingstpredigt

194:1.1

Die Apostel hatten sich vierzig Tage lang versteckt gehalten. Es traf sich, dass dieser Tag mit dem jüdischen Pfingstfest zusammenfiel, als Tausende von Besuchern aus allen Teilen der Welt in Jerusalem waren. Viele waren zu diesem Fest angereist, aber die Mehrzahl war seit Passah in der Stadt geblieben. Nun kamen die verängstigten Apostel aus ihrer wochenlangen Abgeschiedenheit hervor und erschienen kühn im Tempel, wo sie die neue Botschaft vom auferstandenen Messias zu predigen begannen. Gleich ihnen waren sich auch alle Jünger bewusst, eine neue Art geistiger Erkenntnis und Macht empfangen zu haben.

194:1.2

Es war etwa zwei Uhr, als Petrus sich im Tempel an derselben Stelle erhob, wo sein Meister zuletzt gelehrt hatte, und jenen leidenschaftlichen Appell an die Menge richtete, der zur Folge hatte, dass über zweitausend Seelen gewonnen wurden. Der Meister war gegangen, aber sie entdeckten plötzlich, dass diese Geschichte über ihn auf das Volk eine große Macht ausübte. Kein Wunder, dass sie dem Irrtum verfielen, mit der Verkündigung dessen fortzufahren, was ihre frühere Hingabe an Jesus rechtfertigte und die Menschen zugleich so sehr zwang, an ihn zu glauben. Sechs der Apostel nahmen an dieser Veranstaltung teil: Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Philipp und Matthäus. Sie sprachen mehr als anderthalb Stunden lang und trugen ihre Botschaften auf Griechisch, Hebräisch und Aramäisch vor und mit ein paar Worten sogar in anderen Sprachen, mit denen sie etwas vertraut waren.

194:1.3

Die Führer der Juden staunten ob der Kühnheit der Apostel, aber angesichts der großen Zahl derer, die an ihre Geschichte glaubten, fürchteten sie sich davor, sie zu belästigen.

194:1.4

Gegen halb fünf Uhr folgten mehr als zweitausend neue Gläubige den Apos­teln zum Teich von Siloa hinunter, wo Petrus, Andreas, Jakobus und Johan­nes sie im Namen des Meisters tauften. Und es war schon dunkel, als sie mit dem Taufen dieser Menge fertig wurden.

194:1.5

Pfingsten war das große Tauffest, der Tag, an dem die Proselyten der Pforte, jene Heiden, die Jahve zu dienen wünschten, in die Gemeinschaft aufgenommen wurden. Daher fiel es einer großen Zahl von Juden und gläubigen Nicht­juden umso leichter, sich an diesem Tag der Taufe zu unterziehen. Durch diese Handlung trennten sie sich in keiner Weise vom jüdischen Glauben. Sogar noch einige Zeit später waren die an Jesus Glaubenden eine Sekte innerhalb des Judaismus. Sie alle, die Apostel inbegriffen, erfüllten immer noch getreu die wesentlichen Anforderungen des jüdischen zeremoniellen Systems.

2. Die Bedeutung von Pfingsten

194:2.1

Jesus lebte und lehrte auf Erden ein Evangelium, das den Menschen von dem Aberglauben erlöste, er sei ein Kind des Teufels, und ihn zu der Würde eines durch den Glauben zum Gottessohn Gewordenen emporhob. Jesu Botschaft, wie er sie damals predigte und lebte, vermochte die geistigen Schwierigkeiten der Menschen in den Tagen ihrer Verkündigung wirksam zu lösen. Und jetzt, da er persönlich die Welt verlassen hat, sendet er statt seiner den Geist der Wahrheit, der bestimmt ist, im Menschen zu leben und Jesu Botschaft für jede neue Generation stets neu zu formulieren, damit jede frisch auf der Erde erscheinende Gruppe von Sterblichen eine neue und moderne Version des Evangeliums besitze – d. h. gerade jene persönliche Erleuchtung und kollektive Führung, die sich für die immer neuen und verschiedenartigen geistigen Schwierigkeiten der Menschen als wirksame Lösung erweisen werden.

194:2.2

Die erste Mission dieses Geistes besteht natürlich darin, die Wahrheit wachsen und persönlich werden zu lassen, denn das Erfassen der Wahrheit stellt die höchste Form menschlicher Freiheit dar. Alsdann ist es das Ziel dieses Geistes, dem Gefühl von Verwaistsein des Gläubigen ein Ende zu machen. Nach­dem Jesus unter den Menschen gelebt hat, würden alle Gläubigen unter einem Gefühl des Verlassenseins leiden, hätte nicht der Geist der Wahrheit im Menschen­herzen Wohnung genommen.

194:2.3

Diese Ausgießung des Geistes des Sohnes bereitete den Verstand aller normalen Menschen wirkungsvoll auf die spätere universelle Austeilung des Vater­geistes (des Justierers) an die gesamte Menschheit vor. In einem gewissen Sinne ist dieser Geist der Wahrheit der Geist sowohl des Universalen Vaters als auch des Schöpfersohnes.

194:2.4

Macht nicht den Fehler zu erwarten, euch des euch verliehenen Geistes der Wahrheit intellektuell stark bewusst zu werden. Der Geist bewirkt nie ein Bewusstsein seiner selbst, sondern nur ein Bewusstsein von Michael, dem Sohn. Von Anfang an lehrte Jesus, dass der Geist nicht selber sprechen werde. Deshalb wird man den Beweis eurer Gemeinschaft mit dem Geist der Wahrheit nicht in eurem Bewusstsein von diesem Geist finden, sondern in eurer Erfahrung verstärkter Gemeinschaft mit Michael.

194:2.5

Der Geist kam auch, um den Menschen zu helfen, sich der Worte des Meisters zu erinnern und sie zu verstehen, und um sein Erdenleben zu erhellen und neu zu interpretieren.

194:2.6

Und weiter kam der Geist der Wahrheit, um dem Gläubigen zu helfen, selber zu einem Zeugen für die Realität der Lehren Jesu und seines Lebens zu werden, das er als Mensch gelebt hatte und jetzt wieder von neuem und abermals in jedem einzelnen Gläubigen jeder vorübergehenden Generation geisterfüllter Gottessöhne lebt.

194:2.7

Daraus geht hervor, dass der Geist der Wahrheit wirklich kommt, um alle Gläubigen in alle Wahrheit zu führen, in die sich erweiternde Erfahrung eines lebendigen und wachsenden geistigen Bewusstseins von der Realität ewiger und aufsteigender Gottessohnschaft.

194:2.8

Jesus lebte ein Leben, das einen Menschen offenbart, der dem väterlichen Willen unterworfen ist, aber kein Beispiel, dem jeder Mensch wörtlich zu folgen versuchen sollte. Sein irdisches Leben zusammen mit seinem Tod am Kreuz und der darauf folgenden Auferstehung wurde bald zu einem neuen Evangelium vom Sühneopfer, das dargebracht wurde, um den Menschen aus den Klauen des Teufels loszukaufen – um der Verurteilung durch einen beleidigten Gott zu entgehen. Obwohl das Evangelium stark entstellt wurde, bleibt trotzdem die Tatsache bestehen, dass diese neue Botschaft über Jesus viele der fundamentalen Wahrheiten und Lehren seines ursprünglichen Evangeliums vom Königreich enthielt. Und früher oder später werden diese verborgenen Wahrheiten von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen hervorkommen und die Zivilisation der gesamten Menschheit wirksam umwandeln.

194:2.9

Aber diese intellektuellen Irrtümer hinderten die Gläubigen in keiner Weise daran, im geistigen Wachstum große Fortschritte zu machen. In weniger als einem Monat nach der Ausschüttung des Geistes der Wahrheit machten die Apostel bedeutendere individuelle geistige Fortschritte als während ihres fast vierjährigen persönlichen und liebevollen Zusammenseins mit dem Meister. Ebenso wenig behinderte die Ersetzung der rettenden Evangeliums wahrheit der Gottessohnschaft durch die Tatsache der Auferstehung Jesu in irgendeiner Weise die rasche Ausbreitung ihrer Lehren; im Gegenteil schien diese Überschattung von Jesu Botschaft durch die neuen Lehren über seine Person und Auferstehung das Predigen der guten Nachricht bedeutend zu erleichtern.

194:2.10

Der Ausdruck „Taufe durch den Geist“, der in jener Zeit allgemein gebräuchlich wurde, bedeutete nur den bewussten Empfang der Gabe des Geistes der Wahrheit und die persönliche Anerkennung dieser neuen geistigen Macht als einer Verstärkung der von gottesbewussten Seelen bislang erfahrenen geistigen Einwirkungen.

194:2.11

Seit der Verleihung des Geistes der Wahrheit erfährt der Mensch Unter­weisung und Führung durch eine dreifache geistige Begabung: durch den Geist des Vaters – den Gedankenjustierer; den Geist des Sohnes – den Geist der Wahrheit; den Geist des Geistes – den Heiligen Geist.

194:2.12

In gewissem Sinne steht die Menschheit unter der gemeinsamen Einwirkung der siebenfachen Anziehungskraft universaler Geist-Einflüsse. Die frühen evolutionären Rassen der Sterblichen geraten schrittweise unter den Einfluss der sieben mentalen Hilfsgeiste des Muttergeistes des Lokaluniversums. Während der Mensch intelligenzmäßig und in geistiger Erkenntnis Stufe um Stufe erklimmt, schweben am Ende die sieben höheren Geist-Einwirkungen über ihm und wohnen in ihm. Und diese sieben Geiste der im Fortschritt begriffenen Welten sind:

194:2.13

1. Der vom Universalen Vater verliehene Geist – die Gedankenjustierer.

194:2.14

2. Die Geist-Gegenwart des Ewigen Sohnes – die geistige Gravitation des Universums der Universen und der sichere Kanal aller geistigen Verbindung.

194:2.15

3. Die Geist-Gegenwart des Unendlichen Geistes – der universale Geist-Verstand der ganzen Schöpfung, die geistige Quelle der intellektuellen Verwandtschaft aller progressiven Intelligenzen.

194:2.16

4. Der Geist des Universalen Vaters und des Schöpfersohnes – der Geist der Wahrheit, im allgemeinen betrachtet als Geist des Universumssohnes.

194:2.17

5. Der Geist des Unendlichen Geistes und der Geist der Universumsmutter – der Heilige Geist, im allgemeinen betrachtet als Geist des Universumsgeistes.

194:2.18

6. Der Verstandesgeist des Geistes der Universumsmutter – die sieben men­talen Hilfsgeiste des Lokaluniversums.

194:2.19

7. Der Geist des Vaters, der Söhne und der Geiste – der Geist mit neuem Namen der aufsteigenden Sterblichen der Welten nach der Fusion der sterblichen geistgeborenen Seele mit dem Paradies-Gedankenjustierer und nach dem späteren Erreichen der Göttlichkeit und Verherrlichung im Status des Paradies-Korps‘ der Finalität.

194:2.20

Und so brachte die Ausgießung des Geistes der Wahrheit der Welt und ihren Völkern die letzte der Geistesgaben, deren Aufgabe es ist, ihnen bei der aufsteigenden Gottessuche zu helfen.

3. Was zu Pfingsten geschah

194:3.1

Viele ausgefallene und seltsame Lehren knüpften sich an die frühen Berichte über den Pfingsttag. In späteren Zeiten wurden die Ereignisse dieses Tages, an dem der Geist der Wahrheit, der neue Lehrer, in die Menschheit einzog, mit den närrischen Kundgebungen eines überbordenden Gefühlsausbruchs verwechselt. Die Hauptaufgabe des ausgegossenen Geistes des Vaters und des Sohnes ist es, die Menschen in den Wahrheiten von der Liebe des Vaters und Barmherzigkeit des Sohnes zu unterrichten. Es sind diese Göttlichkeits-Wahrheiten, welche die Menschen besser verstehen können als alle anderen göttlichen Wesenszüge. Der Geist der Wahrheit hat in erster Linie mit der Offenbarung der Geistnatur des Vaters und des sittlichen Charakters des Sohnes zu tun. Der inkarnierte Schöpfersohn offenbarte Gott den Menschen; in ihren Herzen offenbart ihnen der Geist der Wahrheit den Schöpfersohn. Wenn ein Mensch in seinem Leben die „Früchte des Geistes“ trägt, dann lässt er nur die Wesenszüge erkennen, die der Meister in seinem eigenen Erdenleben manifestierte. Als Jesus auf Erden weilte, lebte er sein Leben als Einzelpersönlichkeit – als Jesus von Nazareth. Seit Pfingsten ist der Meister als der im Inneren wohnende Geist des „neuen Lehrers“ in der Lage, sein Leben von neuem in der Erfahrung jedes in der Wahrheit unterrichteten Gläubigen zu leben.

194:3.2

Viele Dinge, die sich im Laufe eines menschlichen Lebens zutragen, sind schwer verständlich und kaum mit der Vorstellung zu vereinbaren, dass dies ein Universum ist, in dem die Wahrheit vorherrscht und die Rechtschaffenheit siegt. Es scheint so häufig, dass Verleumdung, Lügen, Unehrlichkeit und Unge­rechtigkeit – Sünde – überwiegen. Triumphiert denn der Glaube am Ende über Übel, Sünde und Frevelei? Mit Sicherheit. Jesu Leben und Tod sind der ewige Beweis dafür, dass die Wahrheit der Güte und der Glaube des vom Geist geführten Geschöpfes immer gerechtfertigt sind. Sie verhöhnten Jesus am Kreuz mit den Worten: „Lasst uns sehen, ob Gott kommen und ihn befreien wird.“ Es sah düster aus an jenem Kreuzigungstag, aber der Auferstehungsmorgen war wunderbar hell; und noch heller und freudiger war der Pfingsttag. Die Religionen pessimistischer Verzweiflung trachten danach, Befreiung von den Bürden des Lebens zu erlangen; sie sehnen sich nach Auslöschung in Schlummer und Ruhe ohne Ende. Es sind die Religionen der Angst und des Grauens der Primitiven. Die Religion Jesu ist ein neues Evangelium des Glaubens, das der ringenden Menschheit verkündet werden muss. Diese neue Religion gründet auf Glauben, Hoffnung und Liebe.

194:3.3

Das sterbliche Leben versetzte Jesus seine härtesten, grausamsten und bittersten Schläge; aber dieser Mann begegnete den hoffnungslosen Situationen mit Glauben, Mut und der unerschütterlichen Entschlossenheit, den Willen seines Vaters zu tun. Jesus trat dem Leben in seiner ganzen schrecklichen Realität gegenüber und meis­terte es – sogar im Tod. Er benutzte die Religion nicht als Befreiung vom Leben. Jesu Religion sucht nicht, diesem Leben zu entrinnen, um die in einer anderen Existenz wartende Glückseligkeit zu genießen. Jesu Religion verschafft die Freude und den Frieden einer andersartigen, geistigen Existenz, wodurch das Leben, das die Menschen jetzt auf Erden leben, aufgewertet und veredelt wird.

194:3.4

Wenn eine Religion Opium für das Volk ist, dann ist es nicht die Religion Jesu. Am Kreuz weigerte er sich, die betäubende Droge zu trinken, und sein über alle Menschen ausgegossener Geist ist eine gewaltige Macht in der Welt, welche die Menschen aufwärts führt und sie vorwärts treibt. Der geistige Drang nach vorn ist die mächtigste in dieser Welt vorhandene Antriebskraft; der Gläubige, der die Wahrheit kennen lernt, ist die progressive und dynamische Seele auf Erden.

194:3.5

Am Pfingsttag durchbrach die Religion von Jesus alle nationalen Schranken und rassischen Fesseln. Für immer ist wahr: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ An diesem Tag wurde der Geist der Wahrheit zum persönlichen Geschenk des Meisters an jeden Sterblichen. Dieser Geist wurde in der Absicht verliehen, die Gläubigen zu einem wirksameren Predigen des Evangeliums vom Königreich zu befähigen, aber sie hielten ihre Erfahrung, den ausgegossenen Geist empfangen zu haben, fälschlicherweise für einen Teil des neuen Evangeliums, das sie unbewusst formulierten.

194:3.6

Überseht nicht die Tatsache, dass der Geist der Wahrheit allen aufrichtigen Gläubigen geschenkt wurde; diese Gabe des Geistes kam nicht nur zu den Aposteln. Alle hundertzwanzig im oberen Raum versammelten Männer und Frauen empfingen den neuen Lehrer ebenso wie alle in ihren Herzen Auf­rich­tigen der ganzen Welt. Der neue Lehrer war ein Geschenk an die ganze Menschheit, und jede Seele empfing ihn nach Maßgabe ihrer Wahrheitsliebe und Fähigkeit, geistige Realitäten zu erfassen und zu verstehen. Endlich ist die wahre Religion aus der Gewalt der Priester und aller sakralen Gruppen befreit und findet ihren wirklichen Ausdruck in der individuellen Menschenseele.

194:3.7

Die Religion Jesu fördert den höchsten Typus menschlicher Zivilisation, indem sie den höchsten Typus einer geistigen Persönlichkeit schafft und den geheiligten Charakter dieser Person verkündet.

194:3.8

Das Kommen des Geistes der Wahrheit zu Pfingsten machte eine Religion möglich, die weder radikal noch konservativ ist; sie ist weder alt noch neu; sie soll weder von den Alten noch von den Jungen dominiert werden. Die Tatsache von Jesu Erdenleben liefert einen Fixpunkt für den Anker der Zeit, während die Verleihung des Geistes der Wahrheit für die immerdauernde Expansion und das endlose Wachstum der von Jesus gelebten Religion und des von ihm verkündeten Evangeliums sorgt. Der Geist führt in alle Wahrheit; er ist der Lehrer einer expandierenden und stetig wachsenden Religion endlosen Fortschritts und göttlicher Entfaltung. Dieser neue Lehrer wird dem Gläubigen, der nach der Wahrheit sucht, unaufhörlich das enthüllen, was in der Person und im Wesen des Menschensohnes so göttlich verborgen war.

194:3.9

Die mit der Gabe des „neuen Lehrers“ einhergehenden Manifestationen und die Aufnahme der Predigt der Apostel durch die in Jerusalem zusammengekommenen Menschen verschiedener Rassen und Nationen sind ein Zeichen für die Universalität der Religion Jesu. Das Evangelium vom Königreich sollte mit keiner bestimmten Rasse, Kultur oder Sprache identifiziert werden. Der Pfingsttag sah die große Anstrengung des Geistes, um Jesu Religion von ihren ererbten jüdischen Fesseln zu befreien. Sogar noch nach dieser demonstrativen Ausschüttung des Geistes auf alle Menschen bemühten sich die Apostel am Anfang eifrig darum, ihren Neubekehrten die Forderungen des Judaismus aufzuerlegen. Auch Paulus bekam Schwierigkeiten mit seinen Brüdern in Jerusalem, weil er sich weigerte, die Nichtjuden diesen jüdischen Praktiken zu unterwerfen. Keine offenbarte Religion kann sich über die ganze Welt verbreiten, wenn sie den schweren Fehler macht, sich von nationaler Kultur durchdringen oder sich mit bestehenden rassischen, sozialen oder wirtschaftlichen Praktiken in Verbindung bringen zu lassen.

194:3.10

Die Austeilung des Geistes der Wahrheit geschah unabhängig von allen Formen, Zeremonien, heiligen Stätten oder von speziellen Verhaltensweisen derer, die die Fülle seiner Manifestation empfingen. Als der Geist über die im oberen Raum Versammelten kam, saßen sie ganz einfach da, nachdem sie eben still zu beten begonnen hatten. Der Geist wurde sowohl auf dem Land als auch in der Stadt ausgegossen. Es war nicht nötig, dass sich die Apostel für Jahre einsamer Meditation an einen abgelegenen Ort zurückzogen, um den Geist zu empfangen. Pfingsten trennt für alle Zeiten die Idee geistiger Erfahrung von der Vorstellung von einer dafür besonders günstigen Umgebung.

194:3.11

Pfingsten mit seiner geistigen Ausrüstung war bestimmt, die Religion des Meis­ters für immer von aller Verbindung mit physischer Kraft zu trennen; die Lehrer der neuen Religion sind jetzt mit geistigen Waffen ausgestattet. Sie sollen ausziehen und die Welt mit nie versagendem Verzeihen, beispiellos gutem Willen und überströmender Liebe erobern. Sie sind dafür ausgerüstet, Böses durch Gutes zu überwinden, Hass durch Liebe zu besiegen und Furcht durch einen mutigen und lebendigen Glauben an die Wahrheit zu zerstören. Jesus hatte seine Anhänger bereits gelehrt, dass seine Religion niemals passiv sei; seine Jünger sollten in ihrem Amt der Barmherzigkeit und in ihren Liebesäußerungen stets aktiv und positiv sein. Diese Gläubigen sahen Jahve nicht länger als den „Herrn der Heerscharen“. Die ewige Gottheit betrachteten sie jetzt als „Gott und Vater des Herrn Jesus Christus“. Sie machten wenigstens diesen Fortschritt, wenn sie auch in gewissem Maße dabei scheiterten, die Wahrheit voll zu erfassen, dass Gott auch der geistige Vater jedes Einzelnen ist.

194:3.12

Pfingsten hat dem sterblichen Menschen die Macht verliehen, persönliche Kränkungen zu vergeben, inmitten der schreiendsten Ungerechtigkeiten Sanftmut zu bewahren, angesichts einer schrecklichen Gefahr ruhig zu bleiben und die Übel des Hasses und des Zorns durch furchtlose Akte der Liebe und der Nachsicht herauszufordern. Urantia ist in seiner Geschichte durch die Verwüstungen großer und zerstörerischer Kriege gegangen. Alle an diesen fürchterlichen Kämpfen Beteiligten erlitten eine Niederlage. Es gab nur einen Sieger; es gab nur einen, der aus diesen erbitterten Auseinandersetzungen mit gestärktem Ansehen hervorging – Jesus von Nazareth mit seinem Evangelium der Überwindung des Bösen durch das Gute. Das Geheimnis einer besseren Zivilisation ist eng verknüpft mit des Meisters Lehren von der Bruderschaft der Menschen, vom guten Willen der Liebe und vom gegenseitigen Vertrauen.

194:3.13

Bis Pfingsten hatte die Religion nur den nach Gott suchenden Menschen erkennen lassen; seit Pfingsten sucht der Mensch immer noch nach Gott, aber über der Welt leuchtet jetzt auch der Anblick eines Gottes, der den Menschen sucht und, wenn dieser ihn gefunden hat, seinen Geist sendet, damit er in ihm Wohnung nehme.

194:3.14

Vor Jesu Unterweisungen, die in Pfingsten ihren Höhepunkt hatten, besaß die Frau in den Lehren der älteren Religionen nur einen geringen oder gar keinen geis­tigen Rang. Nach Pfingsten war die Frau in der Bruderschaft des Königreichs dem Mann vor Gott gleichgestellt. Unter den Hundertundzwanzig, die dieses besondere Herabkommen des Geistes empfingen, befanden sich viele Jüngerinnen, und sie hatten gleichen Anteil an diesen Segnungen wie die männlichen Gläubigen. Der Mann kann sich nicht länger anmaßen, das Amt des Religionsdieners zu monopolisieren. Der Pharisäer mochte fortfahren, Gott dafür zu danken, dass er „nicht als Frau, Leprakranker oder Heide geboren war“, aber unter Jesu Anhängern ist die Frau für immer von aller geschlechtsbedingten religiösen Diskriminierung befreit. Pfingsten löschte jegliche religiöse Diskriminierung aus, die auf Rassenunterschieden, kultureller Verschiedenheit, sozialen Kasten oder geschlechtsbezogenen Vorurteilen beruht. Kein Wunder, dass die Gläubigen dieser neuen Religion ausriefen: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

194:3.15

Sowohl die Mutter als auch der Bruder Jesu befanden sich unter den hundertundzwanzig Gläubigen, und als Mitglieder dieses Jüngerkreises empfingen auch sie den ausgegossenen Geist. Sie empfingen nicht mehr von dieser guten Gabe als ihre Gefährten. Die Mitglieder von Jesu irdischer Familie erhielten kein besonderes Geschenk. Pfingsten markierte das Ende besonderer Priesterschaften und jeglichen Glaubens an heilige Familien.

194:3.16

Vor Pfingsten hatten die Apostel viel aufgegeben, um Jesus zu folgen. Sie hatten ihr Zuhause, ihre Familien, Freunde, weltlichen Güter und Stellungen geopfert. Zu Pfingsten gaben sie Gott sich selbst, und der Vater und der Sohn antworteten, indem sie den Menschen sich selbst gaben – indem sie ihre Geiste sandten, um in den Menschen zu wohnen. Diese Erfahrung, das Selbst zu verlieren und den Geist zu finden, war nicht emotional; es war ein Akt intelligenter Selbstaufgabe und rückhaltloser Weihung.

194:3.17

Pfingsten war der Aufruf zu geistiger Einheit unter den Evangeliums­gläu­bigen. Als der Geist in Jerusalem auf die Jünger herabkam, geschah dasselbe auch in Philadelphia, Alexandrien und an allen anderen Orten, wo wahre Gläu­bige wohnten. Es war buchstäblich wahr, dass „die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele war“. Die Religion Jesu ist der mächtigste einigende Einfluss, den die Welt je gekannt hat.

194:3.18

Pfingsten war dazu bestimmt, die Selbstanmaßung von Einzelnen, Gruppen, Nationen und Rassen zu vermindern. Es ist dieser Geist der Selbstanmaßung, dessen Spannung so zunimmt, dass er sich periodisch in zerstörerischen Kriegen entlädt. Die Menschheit kann nur auf dem geistigen Weg zur Einheit gelangen, und der Geist der Wahrheit ist ein weltweiter universeller Einfluss.

194:3.19

Das Kommen des Geistes der Wahrheit läutert das menschliche Herz und bringt den Empfänger dahin, seine Lebensaufgabe einzig in der Ausrichtung auf den Willen Gottes und das Wohlergehen der Menschen zu sehen. Der materielle Geist der Selbstsucht ist von diesem neuen geistigen Geschenk der Selbstlosigkeit verschlungen worden. Pfingsten bedeutet damals wie heute, dass der geschichtliche Jesus zum göttlichen Sohn einer lebendigen Erfahrung geworden ist. Wenn die Freude des ausgegossenen Geistes im menschlichen Leben bewusst erfahren wird, belebt sie die Gesundheit, regt das Denken an und ist eine nie versiegende Energie für die Seele.

194:3.20

Es war nicht das Gebet, das den Geist am Pfingsttag brachte, aber es bestimmte beträchtlich die jeweilige Empfangsbereitschaft der einzelnen Gläu­bigen. Das Gebet bewegt das göttliche Herz nicht zu freigiebigem Schenken, aber oft gräbt es breitere und tiefere Kanäle, durch welche die göttlichen Gaben zu den Herzen und Seelen derer fließen können, die nicht müde werden, durch aufrichtiges Beten und wahre Anbetung eine ununterbrochene Verbindung mit ihrem Schöpfer aufrechtzuerhalten.

4. Anfänge der christlichen Kirche

194:4.1

Als Jesus so plötzlich von seinen Feinden gefasst und so schnell zwischen zwei Dieben gekreuzigt wurde, waren seine Apostel und Jünger völlig demoralisiert. Die Vorstellung von dem verhafteten, gebundenen, ausgepeitschten und gekreuzigten Meister war sogar für die Apostel zu viel. Sie vergaßen seine Lehren und Warnungen. Er mochte tatsächlich ein „an Taten und Worten mächtiger Prophet vor Gott und allem Volk“ gewesen sein, aber er konnte schwer­­lich der Messias sein, von dem sie gehofft hatten, er werde das König­reich Israel wiederherstellen.

194:4.2

Dann kommt die Auferstehung und mit ihr die Befreiung von der Verz­weiflung und die Rückkehr des Glaubens an des Meisters Göttlichkeit. Wieder und wieder sehen sie ihn und sprechen mit ihm, und er führt sie auf den Ölberg, wo er von ihnen Abschied nimmt und ihnen sagt, dass er zum Vater zurückkehrt. Er hat sie geheißen, in Jerusalem zu warten, bis ihnen Macht gegeben werde – bis der Geist der Wahrheit komme. Und am Pfingsttag kommt dieser neue Lehrer, und sie gehen sofort hinaus und predigen ihr Evangelium mit neuer Macht. Sie sind die unerschrockenen und mutigen Anhänger eines lebendigen Herrn, nicht eines toten und unterlegenen Führers. Der Meister lebt in den Herzen dieser Evangelisten; Gott ist in ihrer Vorstellung keine Doktrin; er ist in ihren Seelen lebendige Gegenwart geworden.

194:4.3

„Tag für Tag predigten sie unerschütterlich und einmütig im Tempel weiter und brachen zu Hause das Brot. Sie saßen fröhlichen und aufrichtigen Herzens miteinander bei Tische, priesen Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Sie waren alle vom Geist erfüllt und predigten das Wort Gottes mit Kühnheit. Und die Scharen derer, die glaubten, waren ein Herz und eine Seele; und kein einziger von ihnen sagte, dass irgendetwas von dem, was er besaß, ihm gehöre, und sie teilten alles miteinander.“

194:4.4

Was ist mit diesen Menschen geschehen, denen Jesus aufgetragen hatte, hinauszugehen und das Evangelium vom Königreich, die Vaterschaft Gottes und die Bruderschaft der Menschen, zu predigen? Sie haben ein neues Evangelium; eine neue Erfahrung hat sie entflammt; sie sind von einer neuen geistigen Energie durchdrungen. Ihre Botschaft hat sich plötzlich in die Verkündigung vom auferstandenen Christus verwandelt: „Jesus von Nazareth, den Gott mit mächtigen Werken und Wundern beglaubigt hat, ihn, der nach Gottes Ratschluss und Vorauswissen ausgeliefert wurde, habt ihr gekreuzigt und umgebracht. Er hat die Dinge erfüllt, die Gott durch den Mund aller Propheten vorausgesagt hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt. Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Zur Rechten Gottes ist er verherrlicht worden, und er hat vom Vater das Versprechen des Geistes erhalten und er hat ausgegossen, was ihr seht und hört. Geht in euch, auf dass eure Sünden getilgt werden; auf dass der Vater den Christus sende, der für euch berufen wurde, diesen Jesus, den der Himmel aufnehmen muss bis zur Zeit der Wiederherstellung aller Dinge.“

194:4.5

Das Evangelium vom Königreich, die Botschaft Jesu hatte sich plötzlich in das Evangelium vom Herrn Jesus Christus verwandelt. Die Jünger verkündeten jetzt die Tatsachen seines Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung und predigten die Hoffnung auf seine rasche Wiederkehr in diese Welt, damit er das von ihm begonnene Werk abschließe. Die Botschaft der ersten Gläubigen beinhaltete somit das Predigen über die Tatsachen seines ersten Kommens und das Lehren der Hoffnung auf sein zweites Kommen, ein Ereignis, das in ihren Augen kurz bevorstand.

194:4.6

Christus war im Begriff, zum Kredo der sich rasch bildenden Kirche zu werden. Jesus lebt; er ist für die Menschen gestorben; er hat den Geist gegeben; er wird wiederkommen. Jesus erfüllte all ihre Gedanken und bestimmte ihre ganze neue Gottesvorstellung und alles andere. Ihr Enthusiasmus über die neue Dok­trin, dass „Gott der Vater des Herrn Jesus ist“, war zu groß, als dass sie der alten Botschaft gedacht hätten, dass „Gott der liebende Vater aller Menschen ist“ – und sogar jedes Einzelnen. Es ist wahr, dass in diesen frühen Gemeinschaften von Gläubigen eine wunderbare Bekundung brüderlicher Liebe und nie dagewesenen guten Willens aufblühte. Aber es war eine Bruderschaft von Jesusgläubigen und keine Gemeinschaft von Brüdern in der Familie des Königreichs des Vaters im Himmel. Ihr guter Wille erwuchs aus der Liebe, die die Vorstellung von Jesu Selbsthingabe in ihnen wachrief, und nicht aus der Erkenntnis, dass die sterblichen Menschen Brüder sind. Nichtsdestoweniger waren sie von Freude erfüllt, und sie lebten derartig neue und einzigartige Leben, dass sich alle Menschen von ihren Lehren über Jesus angezogen fühlten. Sie begingen den großen Fehler, den lebendigen und bilderreichen Kommentar zum Evangelium vom Königreich an dessen Stelle zu gebrauchen, aber selbst das stellte die größte Religion dar, die die Menschheit je gekannt hatte.

194:4.7

Unverkennbar war in der Welt eine neuartige Gemeinschaft im Entstehen. „Die Menge der Gläubigen übte sich unentwegt in der Lehre und Brüderlichkeit der Apostel, im Brechen des Brotes und in Gebeten.“ Sie nannten sich gegenseitig Bruder und Schwester; sie begrüßten einander mit einem heiligen Kuss; sie standen den Armen bei. Brüderlichkeit herrschte sowohl im Leben wie bei der Anbetung. Dieses Gemeinschaftsleben war nicht verordnet worden, sondern entsprang ihrem Wunsch, ihren Besitz mit ihren Glaubensbrüdern zu teilen. Sie warteten vertrauensvoll darauf, dass Jesus zurückkehren werde, um noch in ihrer Generation die Errichtung des Königreichs des Vaters zu vollenden. Dieses spontane Teilen irdischer Güter gehörte nicht unmittelbar zu Jesu Lehre; es entstand, weil diese Männer und Frauen so aufrichtig und zuversichtlich glaubten, er könne jeden Tag zurückkehren, um sein Werk abzuschließen und das Königreich zu vollenden. Aber die Endresultate dieses gut gemeinten Experiments in unbedachter brüderlicher Liebe waren verheerend und verursachten viel Leid. Tausende von aufrichtigen Gläubigen verkauften ihre Grundstücke und gaben ihr ganzes Vermögen und andere rentable Werte weg. Im Laufe der Zeit schwanden die Mittel des christlichen „gleichmäßigen Teilens“ und gingen zu Ende – aber nicht so die Welt. Schon sehr bald veranstalteten die Gläubigen von Antiochia eine Sammlung, um ihre Glaubensbrüder in Jerusalem vor dem Hunger zu bewahren.

194:4.8

In diesen Tagen feierten sie das Abendmahl des Herrn in seiner ursprünglichen Form; das heißt, sie versammelten sich zu einem geselligen und freundschaftlichen Essen und nahmen am Ende des Mahls am Sakrament teil.

194:4.9

Am Anfang tauften sie im Namen Jesu; fast zwanzig Jahre verstrichen, bevor sie „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen begannen. Die Taufe war alles, was verlangt wurde, um in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden. Sie besaßen noch keine Organisation; sie waren einfach die Jesus-Bruderschaft.

194:4.10

Diese Jesus-Sekte wuchs rasch, und wiederum wurden die Sadduzäer auf sie aufmerksam. Die Pharisäer beunruhigte die Situation kaum angesichts der Tatsache, dass keine der Lehren die Einhaltung der jüdischen Gesetze irgendwie hinderte. Aber die Sadduzäer begannen, die Führer der Jesus-Sekte ins Gefängnis zu werfen, bis sie sich dazu bewegen ließen, der Empfehlung Gamaliels, eines der führenden Rabbiner, zu folgen, der ihnen riet: „Rührt diese Männer nicht an und lasst sie in Ruhe, denn wenn dieser Plan, dieses Werk von Menschen stammt, wird es untergehen; wenn es aber von Gott stammt, werdet ihr nicht fähig sein, diese Leute zu vernichten und es könnte euch dann geschehen, dass ihr euch im Kampf mit Gott befindet.“ Sie beschlossen, dem Rat Gamaliels zu folgen, und darauf begann in Jerusalem eine Zeit des Friedens und der Ruhe, während welcher sich das neue Evangelium über Jesus rasch ausbreitete.

194:4.11

Und so ging alles gut in Jerusalem bis zu der Zeit, da Griechen in großer Zahl von Alexandrien herkamen. Zwei Schüler von Rodan trafen in Jerusalem ein und bekehrten viele aus den Reihen der Hellenisten. Unter ihren ersten Bekehrten befanden sich Stephanus und Barnabas. Diese fähigen Griechen vertraten nicht so sehr den jüdischen Gesichtspunkt und hielten sich nicht besonders eng an die jüdische Art der Anbetung und andere zeremonielle Praktiken. Es war das Verhalten dieser griechischen Gläubigen, das die friedlichen Beziehungen zwischen der Jesus-Bruderschaft und den Pharisäern und Sadduzäern beendete. Stephanus und seine griechischen Gefährten begannen, mehr nach Jesu Art zu lehren, und das brachte sie in unmittelbaren Konflikt mit den jüdischen Führern. Als Stephanus während einer seiner öffentlichen Predigten an einen Punkt kam, der Anstoß erregte, verzichteten sie auf alle Formalitäten eines Prozesses und steinigten ihn auf der Stelle zu Tode.

194:4.12

So wurde Stephanus, der Führer der griechischen Kolonie von Jesusgläubigen in Jerusalem, zum ersten Märtyrer des neuen Glaubens und zum konkreten Anlass für die formelle Organisation der frühen christlichen Kirche. Man gewann aus dieser neuen Krise die Einsicht, dass die Gläubigen nicht länger als Sekte innerhalb des jüdischen Glaubens weiter bestehen konnten. Sie stimmten alle darin überein, sich von den Nichtglaubenden trennen zu müssen; und innerhalb eines Monats nach Stephanus‘ Tod war die Kirche in Jerusalem unter Führung von Petrus organisiert und Jakobus, Jesu Bruder, als nominelles Oberhaupt eingesetzt worden.

194:4.13

Und dann begannen die neuen und schonungslosen Verfolgungen durch die Juden, so dass die aktiven Lehrer der neuen Religion über Jesus, die später in Antiochia Christentum genannt wurde, Jesus bis an die Enden des Kaiserreichs verkünden gingen. Die Führung bei der Verbreitung dieser Botschaft lag vor Paulus‘ Zeiten in griechischen Händen; und diese ersten Missionare folgten ebenso wie die späteren dem Weg des einstigen Alexanderzuges über Gaza und Tyrus nach Antiochia, dann über Kleinasien nach Mazedonien und weiter nach Rom und bis in die entferntesten Teile des Kaiserreichs.


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