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Erscheinungen in Galiläa

BIS zu der Zeit, als sich die Apostel von Jerusalem nach Galiläa begaben, hatten sich die jüdischen Führer erheblich beruhigt. Da Jesus nur seiner Familie von Königreich-Gläubigen erschien und die Apostel sich versteckt hielten und nicht öffentlich predigten, sagten sich die Führer der Juden, die Evangeliumsbewegung sei letztlich wirkungsvoll vernichtet worden. Sie waren natürlich beunruhigt durch die zunehmende Verbreitung von Gerüchten, Jesus sei von den Toten auferstanden, aber sie verließen sich auf die bestochenen Wachsoldaten, allen derartigen Berichten wirkungsvoll mit der Wiederholung ihrer Darstellung entgegenzutreten, eine Schar seiner Anhänger habe den Leichnam weggeschafft.

192:0.2

Von dieser Zeit an und bis die Apostel durch die wachsende Verfolgungswelle zerstreut wurden, war Petrus das allgemein anerkannte Oberhaupt des apostolischen Korps. Jesus hatte ihm nie eine derartige Autorität verliehen, und seine Mitapostel wählten ihn nie förmlich in ein so verantwortungsvolles Amt; er übernahm es ganz natürlich und versah es unter allgemeiner Zustimmung und auch deshalb, weil er ihr Hauptprediger war. Von jetzt an wurde öffentliches Predigen zur Haupttätigkeit der Apostel. Nach ihrer Rückkehr aus Galiläa wurde Matthias, den sie anstelle von Judas wählten, ihr Kassenwart.

192:0.3

Während der Woche, da sie in Jerusalem verweilten, verbrachte Maria, Jesu Mutter, ihre meiste Zeit mit den gläubigen Frauen, die sich im Hause Josephs von Arimathäa aufhielten.

192:0.4

Als die Apostel an jenem Montagmorgen in der Frühe nach Galiläa aufbrachen, machte sich auch Johannes Markus auf den Weg. Er folgte ihnen, als sie die Stadt verließen, und als sie schon weit über Bethanien hinausgelangt waren, trat er kühn unter sie im Vertrauen, sie würden ihn nicht zurückschicken.

192:0.5

Die Apostel hielten auf ihrem Weg nach Galiläa mehrmals an, um die Geschichte von ihrem auferstandenen Meister zu erzählen, und trafen deshalb in Bethsaida erst sehr spät am Mittwochabend ein. Am Donnerstag wurde es Mittag, bis sie alle wach und zum Frühstück bereit waren.

1. Erscheinung am See

192:1.1

Am Freitagmorgen, dem 21. April gegen sechs Uhr, erschien der morontielle Meister den zehn Aposteln zum ersten Mal in Galiläa – es war seine dreizehnte Erscheinung –, als sich ihr Boot am üblichen Landeplatz in Bethsaida dem Ufer näherte.

192:1.2

Nachdem die Apostel den Nachmittag und frühen Abend des Donnerstags im Hause des Zebedäus mit Warten verbracht hatten, regte Simon Petrus an, sie sollten fischen gehen. Auf seinen Vorschlag hin beschlossen alle Apostel mitzugehen. Die ganze Nacht hindurch mühten sie sich mit ihren Netzen ab, fingen aber keine Fische. Der ausbleibende Fang störte sie indessen nicht sonderlich, hatten sie doch über so manches interessante Erlebnis zu sprechen, über die Dinge, die so kürzlich in Jerusalem geschehen waren. Aber als es tagte, beschlossen sie, nach Bethsaida zurückzukehren. Wie sie sich nun dem Ufer näherten, sahen sie am Strand nahe dem Anlegeplatz jemanden bei einem Feuer stehen. Zuerst dachten sie, es sei Johannes Markus, der herabgekommen sei, um sie bei ihrer Rückkehr mit ihrem Fang willkommen zu heißen, aber als sie dem Ufer näher kamen, sahen sie, dass sie sich geirrt hatten – der Mann war zu groß für Johannes. Keinem von ihnen kam der Gedanke, dass die Person am Ufer der Meister war. Sie begriffen nicht ganz, warum Jesus sie an den Schauplätzen ihres früheren Zusammenseins und im Freien in Berührung mit der Natur treffen wollte, weitab von der beengenden Atmosphäre Jerusalems mit seinen tragischen Gedankenverbindungen an Furcht, Verrat und Tod. Er hatte ihnen gesagt, dass, wenn sie nach Galiläa gingen, er sie dort treffen würde, und er war jetzt dabei, sein Versprechen einzulösen.

192:1.3

Als sie den Anker auswarfen und sich anschickten, das kleine Boot zu besteigen, um an Land zu gehen, rief der Mann am Ufer ihnen zu: „Burschen, habt ihr etwas gefangen?“ Und als sie antworteten: „Nein“, sprach er wiederum: „Werft das Netz rechts vom Boot aus, dann werdet ihr Fische finden.“ Obwohl sie nicht wussten, dass es Jesus war, der ihnen den Wink gegeben hatte, warfen sie das Netz einmütig, wie angewiesen, aus, und augenblicklich war es gefüllt, so sehr, dass sie kaum imstande waren, es heraufzuziehen. Nun hatte Johannes Zebedäus eine schnelle Auffassungsgabe, und als er das schwer beladene Netz erblickte, ging ihm auf, dass es der Meister war, der hier zu ihnen gesprochen hatte. Als ihm dieser Gedanke kam, lehnte er sich hinüber zu Petrus und raunte ihm zu: „Es ist der Meister.“ Petrus war stets ein Mann unbesonnener Handlung und ungestümer Verehrung; kaum hatte Johannes ihm dies ins Ohr geflüstert, als er hochschnellte und sich ins Wasser warf, um desto geschwinder an des Meisters Seite zu sein. Nachdem seine Brüder, das Netz voller Fische hinter sich herschleppend, in dem kleinen Boot gelandet waren, folgten sie dicht hinter ihm.

192:1.4

Johannes Markus war mittlerweile aufgestanden, und als er die Apostel mit dem schwer beladenen Netz an Land kommen sah, rannte er zum Strand hinunter, um sie zu begrüßen. Als er aber elf statt zehn Männer erblickte, vermutete er, dass der Unbekannte der auferstandene Jesus sei, und während die erstaunten Zehn schweigend zusahen, stürzte der Jüngling auf den Meister zu, kniete zu seinen Füßen nieder und sagte: „Mein Herr und mein Meister.“ Und darauf sagte Jesus nicht wie in Jerusalem, als er sie mit „Friede sei mit euch“ begrüßt hatte, sondern in vertrautem Ton zu Johannes Markus: „Nun, Johannes, ich freue mich, dich im sorglosen Galiläa wieder zu sehen, wo wir gut miteinander plaudern können. Bleibe bei uns, Johannes, und frühstücke mit uns.“

192:1.5

Als Jesus mit dem jungen Mann sprach, waren die Zehn dermaßen erstaunt und überrascht, dass sie darob das Fischernetz an den Strand zu ziehen vergassen. Da sagte Jesus: „Bringt eure Fische an Land und bereitet einige davon zum Frühstück. Wir haben schon ein Feuer und viel Brot.“

192:1.6

Während Johannes Markus dem Meister Ehre erwies, erlitt Petrus beim Anblick der Kohlen, die dort am Strand im Feuer glühten, einen Schock; denn die Szene erinnerte ihn sehr lebhaft an das mitternächtliche Holzkohlenfeuer im Hofe des Hannas, wo er den Meister verleugnet hatte, aber er gab sich einen Ruck, kniete zu des Meisters Füßen nieder und rief aus: „Mein Herr und mein Meister!“

192:1.7

Darauf half Petrus seinen Kameraden, das Netz hereinzuziehen. Als sie ihren Fang an Land gebracht hatten, zählten sie die Fische, und es waren 153 große Exemplare. Und wieder wurde der Fehler begangen, dies einen weiteren wunderbaren Fischzug zu nennen. Mit dieser Episode war kein Wunder verbunden. Der Meister hatte nur sein Vorauswissen angewendet. Er wusste, dass die Fische sich an dieser Stelle befanden, und dementsprechend wies er die Apostel an, ihr Netz dort auszuwerfen.

192:1.8

Jesus wandte sich an sie mit den Worten: „Kommt nun alle frühstücken. Sogar die Zwillinge sollten sich setzen, während ich mit euch plaudere; Johannes Markus wird die Fische zubereiten.“ Johannes Markus brachte sieben stattliche Fische, die der Meister auf das Feuer legte, und als sie gar waren, bediente der Jüngling die Zehn. Darauf brach Jesus das Brot und reichte es Johannes, der es seinerseits an die hungrigen Apostel weitergab. Als sie alle bedient waren, hieß Jesus Johannes Markus sich setzen, während er selber den Jüngling mit Fisch und Brot bediente. Und während sie aßen, plauderte Jesus mit ihnen und kam auf ihre vielen Erlebnisse in Galiläa und an diesem See zurück.

192:1.9

Das war das dritte Mal, dass Jesus den Aposteln als einer Gruppe erschien. Als Jesus sie zuerst anredete und fragte, ob sie Fische gefangen hätten, ahnten sie nicht, wer es war, weil die Fischer des Galiläischen Meeres es bei ihrer Rückkehr ans Ufer gewohnt waren, in dieser Weise von den Fischhändlern von Tarichäa angesprochen zu werden, die gewöhnlich zur Stelle waren, um die frischen Fänge für die Trocknungsanlagen zu kaufen.

192:1.10

Jesus unterhielt sich mit den zehn Aposteln und Johannes Markus über eine Stunde lang, und dann ging er mit jeweils zweien von ihnen im Gespräch am Ufer auf und ab – aber es waren nicht dieselben Paare, die er anfangs zu lehren ausgeschickt hatte. Alle elf Apostel waren zusammen von Jerusalem herabgekommen, aber Simon Zelotes wurde immer mutloser, als sie sich Galiläa näherten, und als sie Bethsaida erreichten, verließ er seine Brüder und kehrte nach Hause zurück.

192:1.11

Bevor sich Jesus an diesem Morgen von ihnen verabschiedete, gab er Weisung, zwei Apostel sollten sich bereit erklären, zu Simon Zelotes zu gehen und ihn noch am selben Tag zurückzubringen. Und das taten Petrus und Andreas.

2. Gespräche mit den Apostelpaaren

192:2.1

Als sie fertig gefrühstückt hatten, und während die anderen um das Feuer herum saßen, gab Jesus Petrus und Johannes ein Zeichen, mit ihm am Ufer spazieren zu kommen. Während sie dahin schritten, sagte Jesus zu Johannes: „Johannes, liebst du mich?“ Und als Johannes antwortete: „Ja, Meister, von ganzem Herzen,“ sagte der Meister: „Dann lege deine Intoleranz ab, Johannes, und lerne, die Menschen zu lieben, wie ich dich geliebt habe. Widme dein Leben dem Beweis, dass die Liebe das Größte auf der Welt ist. Die Liebe Gottes ist es, die den Menschen drängt, Rettung zu suchen. Der Liebe entstammt alle geistige Güte, sie ist die Essenz alles Wahren und Schönen.“

192:2.2

Dann wandte sich Jesus an Petrus und fragte ihn: „Petrus, liebst du mich?“ Petrus antwortete: „Herr, du weißt, dass ich dich von ganzer Seele liebe.“ Da sagte Jesus: „Wenn du mich liebst, Petrus, dann weide meine Schafe. Versäume nicht, dich der Schwachen, Armen und Jungen anzunehmen. Predige das Evangelium furchtlos und ohne Bevorzugung; denke immer daran, dass Gott kein Ansehen der Person kennt. Diene deinen Mitmenschen, so wie ich euch gedient habe; vergib deinen sterblichen Gefährten, so wie ich dir vergeben habe. Die Erfahrung möge dich den Wert des Nachdenkens und die Macht intelligenter Überlegung lehren.“

192:2.3

Nachdem sie etwas weitergegangen waren, wandte sich der Meister wieder an Petrus und fragte: „Petrus, liebst du mich wirklich?“ Und Simon sagte: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Und wieder sagte Jesus: „Dann sorge gut für meine Schafe. Sei der Herde ein guter und treuer Hirte. Verrate nicht ihr Vertrauen in dich. Lass dich nicht unvermutet vom Feind überrumpeln. Sei alle Zeit auf der Hut – wache und bete.“

192:2.4

Als sie ein paar Schritte weitergegangen waren, wandte sich Jesus zum dritten Mal an Petrus und fragte: „Petrus, liebst du mich wirklich?“ Und Petrus, etwas betrübt über das anscheinende Misstrauen des Meisters ihm gegenüber, sagte mit großer Bewegung: „Herr, du weißt alle Dinge, und deshalb weißt du, dass ich dich wirklich und wahrhaftig liebe.“ Da sagte Jesus: „Weide meine Schafe. Verlasse die Herde nicht. Sei allen deinen Mithirten ein Beispiel und eine Inspiration. Liebe die Herde, so wie ich euch geliebt habe und widme dich ihrem Wohlergehen, so wie ich mein Leben eurem Wohlergehen gewidmet habe. Und folge mir nach bis ans Ende.“

192:2.5

Petrus nahm diese letzte Erklärung – er solle fortfahren, ihm zu folgen – wörtlich und, auf Johannes zeigend, fragte er Jesus: „Wenn ich dir nachfolge, was soll dann dieser Mann tun?“ Und Jesus, der sah, dass Petrus seine Worte missverstanden hatte, antwortete: „Petrus, kümmere dich nicht um das, was deine Brüder tun sollen. Wenn ich will, dass Johannes bleibt, nachdem du gegangen bist, sogar bis ich zurückgekommen bin, was soll dich das kümmern? Sieh nur zu, dass du mir folgst.“

192:2.6

Diese Bemerkung machte unter den Brüdern die Runde und Jesu Äußerung wurde dahingehend verstanden, dass Johannes nicht stürbe, bevor der Meister zurückkehren würde, um, wie so viele dachten und hofften, das Königreich in Macht und Herrlichkeit zu errichten. Es war diese Interpretation der Worte Jesu, die Simon Zelotes hauptsächlich bewog, seinen Dienst wieder aufzunehmen und weiterzuarbeiten.

192:2.7

Nachdem sie zu den anderen zurückgekehrt waren, ging Jesus mit Andreas und Jakobus spazieren, um sich mit ihnen zu unterhalten. Nach einer kurzen Wegstrecke sagte Jesus zu Andreas: „Andreas, vertraust du mir?“ Und als der ehemalige Vorgesetzte der Apostel Jesus eine solche Frage stellen hörte, blieb er stehen und antwortete: „Ja, Meister, ganz sicher vertraue ich dir, und du weißt, dass dem so ist.“ Da sagte Jesus: „Andreas, wenn du mir vertraust, dann habe größeres Vertrauen zu deinen Brüdern – sogar zu Petrus. Ich habe dir einst die Führung deiner Brüder anvertraut. Jetzt, da ich dich verlasse, um zum Vater zu gehen, ist es an dir, den anderen zu vertrauen. Wenn deine Brüder beginnen, sich vor den bitteren Verfolgungen überallhin zu verstreuen, dann sei meinem leiblichen Bruder Jakobus ein verständnisvoller und weiser Ratgeber, wenn man ihm schwere Bürden auflädt, die zu tragen es ihm an Erfahrung mangelt. Und dann habe weiterhin Vertrauen, denn ich werde dich nicht im Stich lassen. Und wenn du auf Erden fertig bist, sollst du zu mir kommen.“

192:2.8

Dann wandte sich Jesus an Jakobus mit der Frage: „Jakobus, vertraust du mir?“ Und natürlich erwiderte Jakobus: „Ja, Meister, ich vertraue dir von ganzem Herzen.“ Da sagte Jesus: „Jakobus, wenn du mir noch mehr vertraust, wirst du mit deinen Brüdern weniger ungeduldig sein. Wenn du mir vertraust, wird es dir helfen, mit der Bruderschaft der Gläubigen freundlich umzugehen. Lerne, die Konsequenzen deiner Worte und Taten abzuwägen. Bedenke, dass das Ernten entsprechend dem Säen geschieht. Bete für Ruhe des Geistes und übe dich in Geduld. Diese Gnaden werden dir zusammen mit dem lebendigen Glauben Halt geben, wenn die Stunde kommt, den Opferkelch zu trinken. Aber bleibe unbeirrt; wenn du auf Erden abgeschlossen hast, sollst auch du zu mir kommen.“

192:2.9

Darauf unterhielt sich Jesus mit Thomas und Nathanael. Zu Thomas sagte er: „Thomas, dienst du mir?“ Thomas erwiderte: „Ja, Herr, ich diene dir jetzt und immerfort.“ Da sagte Jesus: „Wenn du mir dienen möchtest, dann diene meinen Menschenbrüdern, so wie ich euch gedient habe. Und werde nicht müde, Gutes zu tun, sondern fahre damit fort wie einer, der von Gott zu diesem Dienst der Liebe geweiht worden ist. Wenn du mit mir auf Erden fertig gedient hast, wirst du mit mir in der Herrlichkeit dienen. Thomas, du musst aufhören zu zweifeln; du musst im Glauben und in der Wahrheitserkenntnis wachsen. Glaube an Gott wie ein Kind, aber höre auf, so kindisch zu handeln. Sei mutig; sei fest im Glauben und mächtig im Königreich Gottes.“

192:2.10

Dann sagte der Meister zu Nathanael: „Nathanael, dienst du mir?“ Und der Apostel antwortete: „Ja, Meister, und mit ungeteilter Liebe.“ Da sagte Jesus: „Wenn du mir also von ganzem Herzen dienst, dann sieh zu, dass du dich mit nimmermüder Liebe dem Wohlergehen meiner Brüder auf Erden verschreibst. Mische deinem Ratschlag Freundschaft bei und füge deiner Philosophie Liebe hinzu. Diene deinen Mitmenschen, so wie ich euch gedient habe. Sei den Menschen treu, so wie ich über euch gewacht habe. Sei weniger kritisch; erwarte von einigen Menschen weniger und verringere so das Ausmaß deiner Enttäuschung. Und wenn dein Werk hier auf Erden beendet ist, sollst du mit mir im Himmel dienen.“

192:2.11

Danach redete der Meister mit Matthäus und Philipp. Zu Philipp sagte er: „Philipp, gehorchst du mir?“ Philipp antwortete: „Ja, Herr, ich will dir gehorchen, selbst unter Einsatz meines Lebens.“ Da sagte Jesus: „Wenn du mir gehorchen willst, dann gehe in die Länder der Heiden und verkündige dieses Evangelium. Die Propheten haben dir gesagt, dass es besser ist, zu gehorchen als zu opfern. Durch den Glauben bist du ein Sohn des Königreichs geworden, der Gott kennt. Nur einem Gesetz gilt es zu gehorchen – dem Gebot, das Evangelium vom Königreich verkündigen zu gehen. Höre auf, die Menschen zu fürchten; sei unerschrocken, wenn du deinen Mitmenschen, die in der Finsternis schmachten und nach dem Licht der Wahrheit hungern, die gute Nachricht vom ewigen Leben predigst. Du sollst dich nicht länger mit Geld und Gütern beschäftigen, Philipp. Du bist jetzt frei, die Frohbotschaft zu predigen, gerade so wie deine Brüder. Und ich werde dir vorangehen und bei dir sein bis ans Ende.“

192:2.12

Und dann wandte sich der Meister an Matthäus und fragte ihn: „Matthäus, ist es dir eine Herzensangelegenheit, mir zu gehorchen?“ Matthäus antwortete: „Ja, Herr, mit voller Hingabe will ich deinen Willen tun.“ Da sagte der Meister: „Matthäus, willst du mir gehorchen, so ziehe aus, um alle Völker das Evangelium vom Königreich zu lehren. Du wirst deine Brüder nicht länger mit den materiellen Dingen des Lebens versorgen; fortan wirst auch du die gute Nachricht der geistigen Errettung verkünden. Richte von jetzt an dein ganzes Augenmerk einzig darauf, deinem Auftrag zu gehorchen, das Evangelium von des Vaters Königreich zu predigen. So wie ich auf Erden den Willen des Vaters getan habe, so sollst du den göttlichen Auftrag erfüllen. Denke daran, sowohl Juden als auch Heiden sind deine Brüder. Fürchte dich vor niemandem, wenn du die rettenden Wahrheiten des Evangeliums vom Königreich des Himmels verkündigst. Und dahin, wo ich jetzt gehe, wirst auch du bald kommen.“

192:2.13

Darauf unterhielt er sich im Gehen mit den Alphäus-Zwillingen, Jakobus und Judas, und, sich an alle beide wendend, fragte er: „Jakobus und Judas, glaubt ihr an mich?“ Und als beide antworteten: „Ja, Meister, wir glauben,“ sagte er : „Ich werde bald von euch gehen. Ihr seht, dass ich euch als Mensch bereits verlassen habe. Ich verweile nur noch kurze Zeit in dieser Gestalt, bevor ich zu meinem Vater gehe. Ihr glaubt an mich – ihr seid meine Apostel, und ihr werdet es immer bleiben. Glaubt weiterhin und erinnert euch an unsere Gemeinschaft, wenn ich nicht mehr da bin und ihr vielleicht wieder an die Arbeit zurückgekehrt seid, die ihr ausübtet, bevor ihr kamt, um mit mir zu leben. Erlaubt keiner Änderung in eurer äußeren Beschäftigung, eure Treue zu beeinflussen. Vertraut auf Gott bis ans Ende eurer Erdentage. Vergesst nie, dass, solange ihr Söhne Gottes durch den Glauben seid, alles redliche Werk der Welt geheiligt ist. Nichts, was ein Gottessohn tut, kann gewöhnlich sein. Verrichtet deshalb eure Arbeit von jetzt an wie für Gott. Und wenn ihr auf dieser Welt am Ende angelangt seid, habe ich andere und bessere Welten, wo ihr ebenso für mich arbeiten werdet. Und bei all dieser Arbeit auf dieser und anderen Welten werde ich mit euch arbeiten, und mein Geist soll in euch wohnen.“

192:2.14

Es war fast zehn Uhr, als Jesus von seinem Gespräch mit den Alphäus-Zwillingen zurückkehrte, und als er von den Aposteln schied, sagte er: „Lebt wohl, bis ich euch alle morgen um die Mittagszeit auf dem Berg eurer Weihe wieder sehe.“ Nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken.

3. Auf dem Berg der Weihe

192:3.1

Samstagmittag, den 22. April, versammelten sich die elf Apostel wie verabredet auf dem Berg in der Nähe von Kapernaum, und Jesus erschien in ihrer Mitte. Dieses Treffen fand auf dem Berg statt, wo der Meister ihnen als seinen Aposteln und Botschaftern des Königreichs des Vaters auf Erden einen Sonderstatus verliehen hatte. Es war die vierzehnte morontielle Erscheinung des Meisters.

192:3.2

Diesmal knieten die elf Apostel in einem Kreis um den Meister und hörten, wie er ihren Auftrag wiederholte, und schauten zu, wie er wiederum den Akt der Weihe vollzog, genau wie damals, als er sie erstmalig in ihre besondere Arbeit für das Königreich einsetzte. Und das alles, des Meisters Gebet ausgenommen, rief ihnen ihre einstige feierliche Verpflichtung auf den Dienst für den Vater in Erinnerung. Als der Meister – der morontielle Jesus – jetzt betete, geschah es in einem Ton von solcher Majestät und mit Worten von solcher Macht, wie die Apostel sie nie zuvor vernommen hatten. Ihr Meister sprach jetzt mit den Lenkern der Universen als einer, der in seinem eigenen Universum alle ihm anvertraute Macht und Autorität übernommen hatte. Und die elf Männer vergaßen dieses Erlebnis der morontiellen Erneuerung ihres früheren Gelöbnisses als Botschafter nie wieder. Der Meister verbrachte genau eine Stunde mit seinen Botschaftern auf dem Berg, und nachdem er liebevoll von ihnen Abschied genommen hatte, entschwand er ihren Blicken.

192:3.3

Und niemand sah Jesus eine ganze Woche lang. Die Apostel wussten wirklich nicht, was sie tun sollten, da ihnen nicht klar war, ob der Meister zum Vater gegangen war. In diesem Zustand der Ungewissheit warteten sie in Bethsaida. Sie wagten nicht, fischen zu gehen aus Angst, er würde sie besuchen kommen und sie könnten ihn verpassen. Die ganze Woche über war Jesus auf der Erde mit den morontiellen Geschöpfen und mit den Dingen des morontiellen Übergangs beschäftigt, deren Erfahrung er auf dieser Welt machte.

4. Die Versammlung am See

192:4.1

Die Nachricht von Jesu Erscheinungen verbreitete sich in ganz Galiläa, und jeden Tag kamen Gläubige in größerer Zahl zum Hause des Zebedäus, um etwas über des Meisters Auferstehung zu erfahren und die Wahrheit über diese angeblichen Erscheinungen herauszufinden. Zu Beginn der Woche gab Petrus bekannt, dass am nächsten Sabbat um drei Uhr nachmittags am Seeufer eine öffentliche Versammlung stattfinden werde.

192:4.2

Also fanden sich am Samstag, dem 29. April um drei Uhr, über fünfhundert Gläubige aus der Umgebung von Kapernaum in Bethsaida ein, um Petrus bei seiner ersten öffentlichen Predigt seit der Auferstehung zu hören. Der Apostel war in Hochform, und nachdem er seine mitreißende Ansprache beendet hatte, zweifelten nur noch wenige seiner Zuhörer daran, dass der Meister von den Toten auferstanden war.

192:4.3

Petrus beschloss seine Predigt mit den Worten: „Wir bekräftigen, dass Jesus von Nazareth nicht tot ist; wir erklären, dass er vom Grab auferstanden ist; wir verkünden, dass wir ihn gesehen und mit ihm gesprochen haben.“ Gerade als er dieses Glaubensbekenntnis beendet hatte, erschien der Meister in morontieller Gestalt für alle Leute deutlich sichtbar neben ihm, und in vertrautem Ton sagte er zu ihnen: „Friede sei mit euch, und meinen Frieden lasse ich euch.“ Nachdem er so erschienen war und gesprochen hatte, entschwand er ihren Blicken. Das war die fünfzehnte morontielle Manifestation des auferstandenen Jesus.

192:4.4

Aus gewissen Äußerungen, die der Meister während ihres Zusammenseins auf dem Berg der Weihe den Elf gegenüber gemacht hatte, hatten die Apostel den Eindruck gewonnen, dass der Meister in Kürze einer Gruppe von galiläischen Gläubigen öffentlich erscheinen werde, und dass sie hierauf nach Jerusalem zurückkehren sollten. Deshalb brachen die Elf früh am nächsten Tag, am Sonntag, dem 30. April, von Bethsaida nach Jerusalem auf. Auf ihrem Weg den Jordan hinunter lehrten und predigten sie viel, so dass sie erst spät am Mittwoch, dem 3. Mai, beim Hause des Markus in Jerusalem anlangten.

192:4.5

Das war für Johannes Markus eine traurige Rückkehr nach Hause. Nur wenige Stunden vor seiner Heimkehr war sein Vater Elija Markus plötzlich an einer Hirnblutung gestorben. Obwohl der Gedanke an die Gewissheit der Auferstehung der Toten viel dazu beitrug, die Apostel in ihrem Schmerz zu trösten, betrauerten sie doch zugleich aufrichtig den Verlust ihres guten Freundes, der sie auch in Zeiten großer Schwierigkeiten und Enttäuschungen zuverlässig unterstützt hatte. Johannes Markus tat alles, was er konnte, um seine Mutter zu trösten, und in ihrem Namen lud er die Apostel ein, ihr Haus weiterhin als ihr Heim zu betrachten. Und die Elf machten aus dem oberen Raum bis nach dem Pfingsttag ihr Hauptquartier.

192:4.6

Absichtlich hatten die Apostel Jerusalem erst nach Einbruch der Dunkelheit betreten, um von den jüdischen Behörden nicht gesehen zu werden. Ebenso wenig zeigten sie sich in der Öffentlichkeit anlässlich des Begräbnisses von Elija Markus. Den ganzen nächsten Tag über blieben sie in stiller Abgeschiedenheit in dem so erinnerungsreichen oberen Raum.

192:4.7

Am Donnerstagabend hielten die Apostel in diesem oberen Raum eine wunderbare Versammlung ab, und alle bis auf Thomas, Simon Zelotes und die Alphäus-Zwillinge gelobten, sich zum öffentlichen Predigen des neuen Evan­geliums vom auferstandenen Herrn aufzumachen. Und schon hatten die ersten Schritte zur Umwandlung des Evangeliums vom Königreich – von der Gottes­sohnschaft und Bruderschaft mit den Menschen – in die Verkündigung der Aufer­stehung Jesu begonnen. Nathanael stemmte sich gegen diese Verlagerung des Kerngedankens ihrer öffentlichen Botschaft, aber er vermochte sich weder der Beredsamkeit des Petrus zu widersetzen, noch kam er gegen die Begeis­terung der Jünger, insbesondere der gläubigen Frauen, auf.

192:4.8

Und so, noch ehe der Meister zum Vater aufgestiegen war, begannen seine wohlmeinenden Stellvertreter unter der energischen Führung von Petrus mit dem subtilen Prozess der allmählichen und sicheren Verwandlung der Religion von Jesus in eine neue und abgeänderte Form einer Religion über Jesus.


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