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Der Prozess vor Pilatus

3. Die private Vernehmung durch Pilatus

185:3.1

Pilatus nahm Jesus und Johannes Zebedäus in einen Privatraum mit, während er die Wachen draußen in der Halle stehen ließ, und bat den Gefangenen, sich zu setzen, worauf er an seiner Seite Platz nahm und mehrere Fragen an ihn richtete. Pilatus begann sein Gespräch mit Jesus, indem er ihm versicherte, dass er dem er­sten Punkt der Anklage, er sei ein Verführer des Volks und stifte es zur Auflehnung an, keinen Glauben schenke. Dann fragte er: „Hast du je gelehrt, Cäsar den Tribut zu verweigern?“ Jesus wies auf Johannes und sagte: „Frage ihn oder sonst irgendwen, der mich lehren gehört hat.“ Da wandte sich Pilatus wegen dieser Tributfrage an Johannes, und dieser legte Zeugnis ab von seines Meisters Lehre und erklärte, dass Jesus und seine Apostel sowohl Cäsar als auch dem Tempel Steuern zahlten. Nachdem er Johannes befragt hatte, sagte Pilatus zu ihm: „Hüte dich davor, jemandem zu sagen, dass ich mit dir gesprochen habe.“ Und Johannes behielt diese Angelegenheit stets für sich.

185:3.2

Jetzt wandte sich Pilatus wieder Jesus zu, um ihm weitere Fragen zu stellen, und sagte: „Und nun zu der dritten Anklage gegen dich, bist du der König der Juden?“ Da so etwas wie ehrliches Forschen in Pilatus‘ Stimme mitklang, lächelte Jesus dem Statthalter zu und sagte: „Pilatus, fragst du das von dir aus, oder übernimmst du diese Frage von den anderen, von meinen Anklägern?“ Worauf der Statthalter im Tone einer gewissen Entrüstung erwiderte: „Bin ich ein Jude? Dein eigenes Volk und die höchsten Priester haben dich ausgeliefert und von mir verlangt, dich zum Tode zu verurteilen. Ich ziehe die Gültigkeit ihrer Anschuldigungen in Zweifel, und ich versuche nur, für mich selber herauszufinden, was du getan hast. Sag mir, hast du gesagt, du seiest der König der Juden, und hast du versucht, ein neues Königreich zu gründen?“

185:3.3

Da sagte Jesus zu Pilatus: „Erkennst du nicht, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist? Wäre mein Königreich von dieser Welt, dann würden meine Jünger bestimmt kämpfen, damit ich den Juden nicht in die Hände falle. Meine Gegenwart hier vor dir in diesen Fesseln genügt, um allen Men­schen zu zeigen, dass mein Königreich eine geistige Herrschaft ist, eben die Bruder­schaft der Menschen, die durch den Glauben und die Liebe Söhne Gottes geworden sind. Und dieses rettende Heil ist ebenso sehr für die Heiden wie für die Juden.“

185:3.4

„So bist du also doch ein König?“ sagte Pilatus. Und Jesus antwortete: „Ja, ich bin ein solcher König, und mein Königreich ist die Familie der Glaubens­söhne meines Vaters, der im Himmel wohnt. Gerade dazu bin ich in diese Welt hineingeboren worden, dass ich allen Menschen meinen Vater zeige und von der Wahrheit Gottes Zeugnis ablege. Und gerade jetzt erkläre ich dir, dass jeder, der die Wahrheit liebt, meine Stimme hört.“

185:3.5

Da sagte Pilatus halb im Spott und halb im Ernst: „Wahrheit, was ist Wahrheit – wer kennt sie schon?“

185:3.6

Pilatus war nicht fähig, Jesu Worte zu ergründen, noch war er fähig, das Wesen seines geistigen Königreichs zu verstehen, aber er war jetzt sicher, dass der Gefangene nichts Todeswürdiges begangen hatte. Ein einziger Blick auf Jesus, von Angesicht zu Angesicht, genügte, um sogar Pilatus davon zu überzeugen, dass dieser liebenswürdige und müde, aber majestätische und aufrechte Mann kein unbändiger und gefährlicher Revolutionär war, der danach trachtete, sich auf den weltlichen Thron Israels zu setzen. Pilatus dachte, etwas von dem zu verstehen, was Jesus meinte, als er sich einen König nannte, denn er war vertraut mit den Lehren der Stoiker, die verkündeten, dass „der weise Mann ein König ist“. Pilatus war vollkommen überzeugt, dass Jesus, statt ein gefährlicher Volksverhetzer zu sein, nichts mehr und nichts weniger war als ein harmloser Visionär, ein unschuldiger Fanatiker.

185:3.7

Nach der Vernehmung des Meisters ging Pilatus zu den führenden Priestern und Anklägern Jesu zurück und sagte: „Ich habe diesen Mann vernommen, und ich finde keine Schuld an ihm. Ich denke nicht, dass er der Vergehen schuldig ist, derer ihr ihn bezichtigt; ich denke, er sollte freigelassen werden.“ Als die Juden das hörten, wurden sie von großer Wut gepackt und schrieen wie wild, Jesus müsse sterben; und einer der Sanhedristen trat kühn an die Seite von Pilatus und sagte: „Dieser Mann wiegelt das Volk auf, zuerst in Galiläa und dann in ganz Judäa. Er ist ein Unruhestifter und Übeltäter. Du wirst es lange bereuen, wenn du diesen gottlosen Mann freilässt.“

185:3.8

Pilatus fühlte sich arg bedrängt. Was sollte er bloß mit Jesus tun? Als er sie nun sagen hörte, jener habe sein Werk in Galiläa begonnen, dachte er, er könnte der Verantwortung, den Fall zu entscheiden, aus dem Wege gehen oder zumindest Zeit zum Nachdenken gewinnen, wenn er Jesus vor Herodes schickte, der sich gerade in der Stadt aufhielt, um am Passahfest teilzunehmen. Pilatus dachte auch, diese Geste würde helfen, den unfreundlichen Gefühlen etwas entgegenzuwirken, die seit einiger Zeit zwischen ihm und Herodes wegen zahlreicher Meinungsverschiedenheiten in Rechtsangelegenheiten bestanden.

185:3.9

Pilatus rief die Wachen herbei und sagte: „Dieser Mann ist ein Galiläer. Führt ihn unverzüglich vor Herodes, und wenn dieser ihn vernommen hat, berichtet mir, zu welchen Schlüssen er gekommen ist.“ Und sie führten Jesus vor Herodes.


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