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Die Auferstehung des Lazarus

ES WAR kurz nach Mittag, als Martha hinaus- und Jesus entgegeneilte, als er gerade über die Kuppe der nahe Bethanien gelegenen Anhöhe kam. Ihr Bruder Lazarus war bereits seit vier Tagen tot. Man hatte ihn am späten Sonntagnachmittag in die private Grabstätte am Ende des Gartens gelegt. Der Stein am Grabeingang war an diesem Donnerstagmorgen an seinen Platz gerollt worden.

168:0.2

Als Martha und Maria Jesus von der Krankheit des Lazarus benachrichtigten, taten sie es im Vertrauen darauf, dass der Meister etwas unternehmen würde. Sie wussten, dass ihr Bruder schwerkrank war, und obwohl sie kaum zu hoffen wagten, dass Jesus seine Lehr- und Predigttätigkeit unterbrechen würde, um ihnen zu Hilfe zu kommen, hatten sie doch ein derartiges Vertrauen in seine Macht, Krankheit zu heilen, dass sie dachten, er würde nur die heilenden Worte sprechen, und Lazarus würde unverzüglich gesund. Und als Lazarus wenige Stunden, nachdem der Bote Bethanien mit Ziel Philadelphia verlassen hatte, starb, zogen sie daraus den Schluss, dass der Meister die Nachricht von der Krankheit ihres Bruders zu spät erfahren habe, als er schon seit mehreren Stunden tot war.

168:0.3

Aber die Botschaft, die der Läufer am Dienstagvormittag nach Bethanien zurückbrachte, stellte sie und alle ihre gläubigen Freunde vor ein großes Rätsel. Der Bote bestand darauf, er habe Jesus sagen hören: „… diese Krankheit führt nicht wirklich zum Tode.“ Ebenso wenig konnten sie verstehen, wieso er ihnen nichts ausrichten ließ oder ihnen auf andere Weise Hilfe anbot.

168:0.4

Viele Freunde kamen aus den nahen Dörfern, andere von Jerusalem herüber, um den schwergeprüften Schwestern in ihrem Leid beizustehen. Lazarus und seine Schwestern waren die Kinder eines wohlhabenden und angesehenen Juden, der im kleinen Bethanien der führende Dorfbewohner gewesen war. Und obwohl die drei seit langem glühende Anhänger Jesu waren, standen sie bei allen, die sie kannten, in hohem Ansehen. Sie hatten in der Nachbarschaft ausgedehnte Weinberge und Olivenhaine geerbt, und dass sie reich waren, bezeugte im Übrigen der Umstand, dass sie sich eine private Totengruft auf ihrem eigenen Grundstück leisten konnten. Ihre beiden Eltern waren bereits in diesem Grab zur Ruhe gelegt worden.

168:0.5

Maria hatte den Gedanken an Jesu Kommen aufgegeben und sich ihrem Kummer überlassen, aber Martha klammerte sich noch bis zu dem Morgen, an dem der Stein vor das Grab gerollt und der Eingang dazu versiegelt wurde, an die Hoffnung, Jesus werde kommen. Und auch dann noch trug sie einem Nachbarjungen auf, von der Bergkuppe östlich Bethaniens auf die Straße nach Jericho hinabzuspähen; und es war dieser Junge, der Martha die Nachricht vom Nahen Jesu und seiner Freunde brachte.

168:0.6

Als Martha Jesus erreicht hatte, fiel sie ihm mit dem Ausruf zu Füßen: „Meister, wenn du nur hier gewesen wärest, wäre mein Bruder nicht gestorben!“ Viele angstvolle Gedanken gingen Martha durch den Kopf, aber sie drückte keinen Zweifel aus, noch maßte sie sich an, des Meisters Verhalten im Zusammenhang mit Lazarus‘ Tod zu kritisieren oder in Frage zu stellen. Als sie gesprochen hatte, beugte sich Jesus zu ihr hinab, richtete sie auf und sagte: „Hab‘ nur Vertrauen, Martha, und dein Bruder wird wieder erwachen.“ Da antwortete Martha: „Ich weiß, dass er bei der Auferstehung am letzten Tag wieder erwachen wird; und auch jetzt glaube ich, worum du Gott auch bitten magst, das wird unser Vater dir geben.“

168:0.7

Da blickte Jesus Martha gerade in die Augen und sprach: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, soll leben, obwohl er stirbt. Wahrlich, wer lebt und an mich glaubt, wird niemals wirklich sterben. Martha, glaubst du das?“ Und Martha gab dem Meister zur Antwort: „Ja, ich glaube seit langem, dass du der Erlöser bist, der Sohn des lebendigen Gottes, eben der, der in diese Welt kommen sollte.“

168:0.8

Jesus erkundigte sich nach Maria, und Martha ging sofort ins Haus und flüsterte ihrer Schwester zu: „Der Meister ist hier und hat nach dir verlangt.“ Als Maria das hörte, stand sie rasch auf und eilte hinaus, Jesus entgegen, der immer noch in einiger Entfernung vom Haus an derselben Stelle verweilte, wo Martha ihn zuerst getroffen hatte. Als die Freunde, die bei Maria waren und sie zu trösten versuchten, diese rasch aufstehen und hinauseilen sahen, folgten sie ihr in der Annahme, sie gehe zum Grab, um zu weinen.

168:0.9

Viele der Anwesenden waren erbitterte Feinde Jesu. Das war der Grund, weshalb Martha hinausgeeilt war, um ihn allein zu empfangen, und weshalb sie hineinging, um Maria insgeheim mitzuteilen, dass er nach ihr verlangt habe. Obgleich Martha sehnlichst wünschte, mit Jesus zu sprechen, wollte sie doch jeden möglichen unerfreulichen Zwischenfall vermeiden, den sein plötzliches Erscheinen inmitten einer großen Schar seiner Feinde von Jerusalem hätte verursachen können. Ihre Absicht war, mit ihren Freunden im Hause zu bleiben, während Maria Jesus begrüßen ging, aber das misslang ihr, denn alle folgten Maria und befanden sich unerwartet in des Meisters Gegenwart.

168:0.10

Martha führte Maria zu Jesus, und als diese ihn erblickte, fiel sie ihm zu Füßen und rief aus: „Wärest du nur hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“ Und als Jesus sah, wie schmerzerfüllt sie alle über den Tod des Lazarus waren, erfüllte Mitleid seine Seele.

168:0.11

Als die Trauergäste sahen, dass Maria gegangen war, um Jesus zu begrüßen, zogen sie sich auf kurze Entfernung zurück, während Martha und Maria mit dem Meister sprachen und von ihm weitere tröstende Worte und die Aufforderung erhielten, an ihrem großen Vertrauen in den Vater und an ihrer vollkommenen Ergebenheit in den göttlichen Willen festzuhalten.

168:0.12

Jesu menschliches Gemüt wurde mächtig aufgewühlt von dem Widerstreit zwischen seiner Liebe zu Lazarus und den hinterbliebenen Schwestern und seiner Verachtung und seinem Abscheu vor den vordergründigen Liebesbe­zeugungen einiger dieser ungläubigen und auf Mord sinnenden Juden. Jesus empfand Empörung über die Zurschaustellung forcierter, äußerlicher Trauer um Lazarus durch diese angeblichen Freunde, während dieser falsche Schmerz in ihren Herzen mit so erbitterter Feindschaft gegen ihn selber zusammenwohnte. Einige dieser Juden hingegen waren von echter Trauer erfüllt, denn sie waren wirkliche Freunde der Familie.

1. Am Grab des Lazarus

168:1.1

Nachdem Jesus Martha und Maria einige Augenblicke lang abseits von den Trauernden Trost gespendet hatte, fragte er sie: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Da sagte Martha: „Komm und schau.“ Und während der Meister schweigend hinter den zwei trauernden Schwestern herging, weinte er. Als die freundlichen Juden, die ihnen nachfolgten, seine Tränen bemerkten, sagte einer von ihnen: „Seht, wie sehr er ihn geliebt hat. Hätte er, der dem Blinden die Augen öffnete, diesen Mann nicht vor dem Tode bewahren können?“ Unterdessen waren sie vor dem Familiengrab angelangt, einer kleinen natürlichen Höhle, eher einem Überhang, in der etwa zehn Meter hohen Felswand, die am Ende des Gartengrundstücks aufragte.

168:1.2

Es fällt schwer, menschlichem Verstand zu erklären, weshalb Jesus weinte. Obwohl wir Zugang zu der Registrierung der Kombination menschlicher Emotionen und göttlicher Gedanken haben, wie sie im Bewusstsein des Personi­fizierten Justierers Jesu aufgezeichnet sind, sind wir nicht ganz sicher bezüglich des wahren Grundes dieser emotionalen Äußerungen. Wir neigen zu der Annahme, dass Jesus wegen einer ganzen Anzahl von Gedanken und Gefühlen weinte, die ihm in diesen Augenblicken durch den Sinn gingen, nämlich:

168:1.3

1. Er empfand echtes und trauerndes Mitgefühl für Martha und Maria; er hatte wirkliche und tiefe menschliche Zuneigung zu diesen Schwestern, die ihren Bruder verloren hatten.

168:1.4

2. Sein Gemüt war aufgewühlt durch die Gegenwart der großen Menge von echten und unechten Trauernden. Er stieß sich immer an solch äußerlicher Zur­schaustellung von Trauer. Er wusste, dass die Schwestern ihren Bruder liebten und an das Fortleben der Gläubigen glaubten. Diese widerstreitenden Gefühle erklären vielleicht, weshalb er stöhnte, als sie sich dem Grab näherten.

168:1.5

3. Er zögerte tatsächlich, Lazarus ins sterbliche Leben zurückzubringen. Seine Schwestern brauchten ihn wirklich, aber Jesus bedauerte, seinen Freund zurückrufen zu müssen. Denn er wusste sehr wohl, dass Lazarus durch die Erfahrung einer harten Verfolgung zu gehen haben würde infolge der Tatsache, dass er bei der größten aller Demonstrationen göttlicher Macht des Menschensohns die Hauptperson sein würde.

168:1.6

Und an dieser Stelle wollen wir eine interessante und lehrreiche Tatsache mitteilen: Obwohl sich diese Erzählung wie ein scheinbar natürlicher und normaler Ablauf menschlicher Angelegenheiten anhört, hat sie auch einige sehr interessante Nebenaspekte. Einerseits ging am Sonntag ein Bote zu Jesus und teilte ihm die Erkrankung des Lazarus mit, worauf Jesus ausrichten ließ, dass diese „nicht zum Tode führen“ werde; andererseits ging er persönlich nach Bethanien hinauf und fragte die Schwestern sogar: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Wenn all dies auch darauf hinzuweisen scheint, dass der Meister nach Art irdischen Lebens und in Übereinstimmung mit der beschränkten Kenntnis des menschlichen Verstandes vorging, enthüllen dennoch die Aufzeichnungen des Universums, dass Jesu Personifizierter Justierer Befehl gab, den Gedan­kenjustierer des Lazarus nach dessen Tod auf unbestimmte Zeit auf dem Planeten zurückzubehalten, und dass dieser Befehl genau fünfzehn Minuten vor Lazarus‘ letztem Atemzug registriert wurde.

168:1.7

Wusste Jesu göttlicher Verstand schon, noch bevor Lazarus starb, dass er ihn von den Toten auferwecken würde? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur das, was wir hier zu Protokoll geben.

168:1.8

Viele von Jesu Feinden neigten dazu, diese Zeichen seiner Gemütsbewegung zu bespötteln und sagten unter sich: „Wenn er soviel von diesem Mann hielt, wieso zögerte er dann solange, bis er nach Bethanien kam? Wenn er wirklich das ist, was man behauptet, warum hat er dann seinen lieben Freund nicht gerettet? Was nützt es, Fremde in Galiläa zu heilen, wenn er außerstande ist, diejenigen zu retten, die er liebt?“ Und auf manch andere Weise verhöhnten und verharmlosten sie die Lehren und Werke Jesu.

168:1.9

Und so war an diesem Donnerstagnachmittag etwa um halb drei Uhr in dem Dörfchen Bethanien alles bereit für die Ausführung des größten aller mit dem irdischen Wirken Michaels von Nebadon verbundenen Werke, für die größte Manifestation göttlicher Macht während seiner Inkarnation, da seine eigene Auferstehung erst nach seiner Befreiung von der Bindung an die sterbliche Hülle erfolgte.

168:1.10

Die kleine Gruppe der vor dem Grab des Lazarus Versammelten hatte nicht die leiseste Ahnung von der nahen Gegenwart einer riesigen Versammlung aller Ordnungen von himmlischen Wesen unter der Leitung Gabriels, die jetzt auf Anordnung des Personifizierten Justierers Jesu bereitstanden, bebend vor Erwartung und sofort zur Hand, den Befehl ihres geliebten Herrschers auszuführen.

168:1.11

Als Jesus die befehlenden Worte sprach: „Nehmt den Stein weg“, machten sich die versammelten himmlischen Scharen bereit, das Drama der Auferweckung des Lazarus in sterblicher Gestalt zu spielen. Mit dieser Art von Auferstehung sind Ausführungsschwierigkeiten verbunden, die bei weitem die gewöhnliche Technik der Wiedererweckung menschlicher Geschöpfe in morontieller Gestalt übersteigen und weit mehr himmlische Persönlichkeiten und ein viel größeres Aufgebot von Hilfsmitteln des Universums erfordern.

168:1.12

Als Martha und Maria Jesu Befehl, den Stein vom Grabeingang wegzurollen, hörten, empfanden sie widerstreitende Gefühle. Maria hoffte, Lazarus werde von den Toten auferweckt werden, aber Martha, obwohl sie den Glauben ihrer Schwester bis zu einem gewissen Grade teilte, wurde mehr durch die Furcht beunruhigt, Lazarus sei in seinem jetzigen Zustand für Jesus, die Apostel und ihre Freunde nicht vorzeigbar. Martha sagte: „Müssen wir den Stein wegrollen? Mein Bruder ist jetzt seit vier Tagen tot, so dass zu diesem Zeitpunkt die Verwesung des Körpers begonnen hat.“ Martha sagte dies auch, weil sie nicht sicher war, weshalb der Meis­ter geboten hatte, den Stein wegzuschieben; sie dachte, Jesus wolle vielleicht nur einen letzten Blick auf Lazarus werfen. Sie war in ihrer Haltung schwankend und unbeständig. Als sie zögerten, den Stein wegzurollen, sagte Jesus: „Habe ich euch nicht von Anfang an gesagt, diese Krankheit führe nicht zum Tode? Bin ich nicht gekommen, um mein Versprechen einzulösen? Und nachdem ich zu euch gekommen bin, habe ich nicht gesagt, wenn ihr nur glauben wolltet, würdet ihr Gottes Herrlichkeit sehen? Warum zweifelt ihr? Wie lange wird es noch dauern, bis ihr glaubt und gehorcht?“

168:1.13

Als Jesus zu sprechen aufgehört hatte, ergriffen seine Apostel unter Mithilfe bereitwilliger Nachbarn den Stein und rollten ihn vom Grabeingang weg.

168:1.14

Die Juden glaubten allgemein, dass der Tropfen Galle an der Schwertspitze des Todesengels am Ende des dritten Tages zu wirken beginne und am vierten Tag seine volle Wirkung entfalte. Sie räumten ein, dass die Seele des Menschen sich noch bis ans Ende des dritten Tages im Bemühen um Wiederbelebung des toten Körpers beim Grab aufhalten könne; aber sie waren der festen Überzeugung, dass die Seele, noch ehe der vierte Tag heraufdämmerte, an den Aufenthaltsort der hingeschiedenen Geiste hinübergehe.

168:1.15

Diese Vorstellungen und Meinungen über die Toten und den Weggang der Seelen der Toten sorgten dafür, dass es für alle, die jetzt am Grab des Lazarus standen und für alle, die später von dem hörten, was sich gleich abspielen sollte, mit Sicherheit feststand, dass es sich dabei wirklich und wahrhaftig um die Auferweckung des Toten durch das persönliche Eingreifen eines handelte, der erklärte, er sei „die Auferstehung und das Leben“.

2. Die Auferstehung des Lazarus

168:2.1

Die Schar von ungefähr fünfundvierzig Sterblichen, die vor dem Grab standen, konnten undeutlich die Gestalt des Lazarus wahrnehmen, die, in leinene Binden gewickelt, in der unteren rechten Nische der Totengruft ruhte. Während diese irdischen Geschöpfe in nahezu atemloser Stille dastanden, hatten sich die in gewaltiger Zahl versammelten himmlischen Wesen an ihre Plätze begeben, um in Aktion zu treten, sobald Gabriel, ihr Befehlshaber, ihnen das Zeichen dazu geben würde.

168:2.2

Jesus erhob seine Augen und sagte: „Vater, ich danke dir, dass du meine Bitte gehört und gewährt hast. Ich weiß, dass du mich immer hörst, aber um derentwillen, die hier bei mir stehen, spreche ich so mit dir, damit sie glauben mögen, dass du mich in die Welt gesandt hast, und damit sie wissen, dass du bei dem, was wir jetzt gleich tun werden, mit mir zusammenarbeitest.“ Und nachdem er gebetet hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“

168:2.3

Die menschlichen Zuschauer verharrten regungslos, aber das riesige himmlische Heer, dem Wort des Schöpfers gehorchend, arbeitete fiebrig in vereinter Aktion. Nach nur zwölf Sekunden irdischer Zeit begann sich die bislang leblose Gestalt des Lazarus zu bewegen und setzte sich am Rand der Steinplatte, worauf sie geruht hatte, augenblicklich aufrecht. Sein Körper war mit Grabtüchern umwickelt und sein Gesicht mit einem Tuch bedeckt. Und als er vor ihnen aufstand – lebendig – sprach Jesus: „Macht ihn frei und lasst ihn gehen.“

168:2.4

Mit Ausnahme der Apostel, Marthas und Marias flohen alle zum Haus. Sie waren bleich vor Entsetzen und von Staunen überwältigt. Einige blieben noch, aber viele hasteten nach Hause.

168:2.5

Lazarus grüßte Jesus und die Apostel und erkundigte sich nach der Bedeutung der Grabtücher und wieso er im Garten erwacht sei. Jesus und die Apostel begaben sich etwas zur Seite, während Martha Lazarus von seinem Tod, Begräbnis und seiner Auferstehung berichtete. Sie musste ihm erklären, dass er am Sonntag gestorben und jetzt, am Donnerstag, ins Leben zurückgebracht worden sei, denn er hatte ja kein Zeitbewusstsein besessen, seit er in den Todesschlaf gefallen war.

168:2.6

Als Lazarus aus dem Grab herauskam, gab der Personifizierte Justierer Jesu, der jetzt in diesem Lokaluniversum das Haupt seiner Ordnung war, dem wartenden vormaligen Justierer des Lazarus den Befehl, wiederum dem Verstand und der Seele des auferstandenen Mannes einzuwohnen.

168:2.7

Da ging Lazarus zu Jesus hinüber und kniete mit seinen Schwestern zu des Meisters Füßen nieder, um zu danken und Gott zu lobpreisen. Jesus nahm Lazarus an der Hand, hob ihn auf und sagte: „Mein Sohn, was dir widerfahren ist, werden auch alle, die an das Evangelium glauben, erleben, außer dass sie in einer glorreicheren Gestalt auferstehen werden. Du sollst ein lebendiger Zeuge der Wahrheit sein, die ich gesprochen habe – ich bin die Auferstehung und das Leben. Aber lasst uns jetzt alle ins Haus gehen, um unsere physischen Körper beim gemeinsamen Mahl zu stärken.“

168:2.8

Während sie dem Hause zuschritten, entließ Gabriel die Sondergruppen der versammelten himmlischen Heerschar und ließ den auf Urantia ersten und letzten Fall registrieren, bei dem ein sterbliches Geschöpf aus seinem toten physischen Körper ins Leben zurückgerufen worden war.

168:2.9

Lazarus konnte kaum verstehen, was vorgefallen war. Er wusste, dass er sehr krank gewesen war, aber er vermochte sich nur daran zu erinnern, dass er eingeschlafen und aufgeweckt worden war. Er war nie fähig, irgendetwas über diese vier Tage im Grabe auszusagen, weil er vollkommen bewusstlos gewesen war. Für die, die den Todesschlaf schlafen, existiert keine Zeit.

168:2.10

Obwohl auf dieses machtvolle Werk hin viele an Jesus glaubten, verhärteten andere nur ihr Herz und lehnten ihn nur noch mehr ab. Bis zum Mittag des nächs­ten Tages hatte sich die Kunde davon in ganz Jerusalem verbreitet. Scharen von Männern und Frauen kamen nach Bethanien, um Lazarus zu sehen und mit ihm zu sprechen, und die alarmierten und beunruhigten Pharisäer beriefen in aller Hast eine Sitzung des Sanhedrins ein, um zu beschließen, was nach diesen jüngs­ten Entwicklungen zu tun sei.

3. Sitzung des Sanhedrins

168:3.1

Auch wenn das Zeugnis des von den Toten auferweckten Mannes viel zur Festigung des Glaubens der Masse der Gläubigen an das Evangelium vom Königreich beitrug, übte es nur einen geringen oder gar keinen Einfluss auf die Haltung der religiösen Führer und Herrscher Jerusalems aus, außer dass es sie in ihrer Entschlossenheit, Jesus umzubringen und sein Werk aufzuhalten, nur noch bestärkte.

168:3.2

Anderntags, am Freitag um ein Uhr, trat der Sanhedrin zusammen, um weiter über die Frage zu beraten: „Was sollen wir mit Jesus von Nazareth tun?“ Nach mehr als zwei Stunden Diskussion und erbitterter Debatte legte ein Pharisäer eine Resolution vor, die Jesu unverzüglichen Tod verlangte und erklärte, er sei eine Bedrohung für ganz Israel, und die den Sanhedrin offiziell auf das Todesurteil festlegte, ohne Prozess und in Missachtung aller bestehenden Regeln.

168:3.3

Immer wieder hatte dieses erlauchte Gremium jüdischer Führer verfügt, Jesus müsse verhaftet und wegen Gotteslästerung und zahlreicher anderer, auf Verhöhnung des heiligen jüdischen Gesetzes lautender Anklagen vor Gericht gestellt werden. Sie waren zuvor einmal sogar so weit gegangen zu erklären, er müsse sterben, aber dies war das erste Mal, dass sich der Sanhedrin dahin äußerte, sein Todesurteil noch vor einem Prozess auszusprechen. Aber es kam zu keiner Abstimmung über diese Resolution, da vierzehn Mitglieder des Sanhedrins geschlossen ihren Rücktritt erklärten, als ein derart unerhörtes Vorgehen vorgeschlagen wurde. Obwohl diese Amtsniederlegungen erst nach fast zwei Wochen rechtskräftig wurden, zog sich die vierzehnköpfige Gruppe an diesem Tag aus dem Sanhedrin zurück, um nie wieder an dessen Beratungen teilzunehmen. Als man diese Rücktritte später bearbeitete, wurden fünf weitere Mitglieder hinausgeworfen, weil ihre Kollegen annahmen, sie hegten Jesus gegenüber freundliche Gefühle. Nach dem Hinauswurf dieser neunzehn Männer war der Sanhedrin in der Lage, Jesus mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Geschlossenheit vor Gericht zu stellen und zu verurteilen.

168:3.4

In der Woche darauf wurden Lazarus und seine Schwestern aufgefordert, vor dem Sanhedrin zu erscheinen. Nach Anhörung ihres Zeugnisses konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass Lazarus von den Toten auferweckt worden war. Obwohl der Sitzungsbericht des Sanhedrins die Auferstehung des Lazarus faktisch anerkannte, enthielt das Protokoll auch eine Resolution, die dieses und alle anderen durch Jesus gewirkten Wunder der Macht des Teufelsfürsten zuschrieb, mit dem im Bunde zu stehen Jesus bezichtigt wurde.

168:3.5

Was auch immer die Quelle seiner Wunder wirkenden Macht sein mochte, diese jüdischen Führer waren überzeugt, dass, geböten sie ihm nicht augenblicklich Einhalt, das einfache Volk sehr bald an ihn glauben würde, und sich überdies ernsthafte Schwierigkeiten mit den römischen Behörden ergäben, da so viele, die an ihn glaubten, ihn als den Messias und Befreier Israels betrachteten.

168:3.6

Bei derselben Sitzung des Sanhedrins äußerte der Hohepriester Kajaphas zum ersten Mal das alte jüdische Sprichwort, das er dann so oft wiederholte: „Es ist besser, dass ein Mensch stirbt, als dass die Gemeinschaft zugrunde geht.“

168:3.7

Obwohl Jesus über das Vorgehen des Sanhedrins an diesem düsteren Freitagnachmittag Bescheid erhalten hatte, war er nicht im Geringsten beunruhigt und ruhte sich auch noch den Sabbat über bei Freunden in Bethphage, einem Bethanien benachbarten Weiler, aus. Wie verabredet, kamen Jesus und die Apostel am frühen Sonntagmorgen im Hause des Lazarus zusammen, und nachdem sie von der Familie in Bethanien Abschied genommen hatten, machten sie sich auf den Rückweg zum Lager von Pella.

4. Die Antwort auf Gebete

168:4.1

Auf dem Weg von Bethanien nach Pella stellten die Apostel Jesus viele Fragen, die der Meister alle frei heraus beantwortete mit Ausnahme derer, die sich auf die Einzelheiten der Auferstehung von den Toten bezogen. Diese Probleme lagen jenseits des Fassungsvermögens seiner Apostel; deshalb lehnte der Meister es ab, diese Fragen mit ihnen zu diskutieren. Da sie Bethanien heimlich verlassen hatten, waren sie allein. Jesus nahm die Gelegenheit wahr, um den Zehn vieles zu sagen, was sie seiner Meinung nach auf die unmittelbar bevorstehenden Tage der Prüfung vorbereiten würde.

168:4.2

Die Gedanken der Apostel waren sehr aufgewühlt und sie verbrachten beträchtliche Zeit mit der Diskussion ihrer kürzlich gemachten Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Gebet und seiner Beantwortung. Sie erinnerten sich alle an Jesu Erklärung in Philadelphia gegenüber dem Boten, als er eindeutig sagte: „Diese Krankheit führt nicht wirklich zum Tode.“ Und trotz dieses Versprechens starb Lazarus tatsächlich. Den ganzen Tag über kamen sie immer wieder auf diese Frage der Beantwortung des Gebets zu sprechen.

168:4.3

Jesu Antworten auf ihre vielen Fragen können wie folgt zusammengefasst werden:

168:4.4

1. Das Gebet ist Ausdruck des endlichen Verstandes in seinem Bemühen, sich dem Unendlichen zu nähern. Die Formulierung eines Gebets muss deshalb durch das Wissen, die Weisheit und die Attribute des Endlichen beschränkt sein; ebenso muss die Antwort durch die Sichtweise, die Ziele, Ideale und Prärogativen des Unendlichen bedingt sein. Nie kann eine ununterbrochene Kontinuität materieller Phänomene zwischen einer Gebetsformulierung und dem Empfang der ganzen darauf erteilten geistigen Antwort beobachtet werden.

168:4.5

2. Wenn ein Gebet scheinbar unbeantwortet bleibt, bedeutet der Aufschub oft eine bessere Antwort, wenn auch eine, die aus irgendeinem guten Grunde stark hinausgeschoben wird. Als Jesus sagte, die Krankheit von Lazarus führe nicht wirklich zum Tode, war er schon seit elf Stunden tot. Keinem aufrichtigen Gebet wird eine Antwort verwehrt, außer der höhere Gesichtspunkt der geistigen Welt hat eine bessere Antwort ersonnen, eine Antwort, die die Bitte des Geistes des Menschen erhört im Unterschied zum Gebet des bloßen Verstandes des Menschen.

168:4.6

3. Wenn die zeitlichen Gebete vom Geist verfasst und im Glauben gesprochen werden, sind sie oft so weit und allumfassend, dass ihnen erst in der Ewigkeit eine Antwort zuteil werden kann; die endliche Bitte ist manchmal mit einer derartigen Sehnsucht nach dem Unendlichen befrachtet, dass die Antwort lange hinausgeschoben werden muss, um abzuwarten, bis eine angemessene Fähigkeit, sie zu empfangen, geschaffen ist; möglicherweise ist ein Gebet des Glaubens so allumfassend, dass die Antwort darauf erst im Paradies empfangen werden kann.

168:4.7

4. Die Antworten auf die Gebete des sterblichen Verstandes sind oft von solcher Art, dass sie erst empfangen und erkannt werden können, wenn der betreffende betende Verstand den unsterblichen Status erreicht hat. Den Gebeten eines materiellen Wesens kann oft erst entsprochen werden, wenn es zur Geistebene fortgeschritten ist.

168:4.8

5. Das Gebet eines Menschen, der Gott kennt, kann durch Unwissenheit so verzerrt und durch Aberglauben so entstellt werden, dass seine Beantwortung höchst unerwünscht wäre. In diesem Fall müssen die vermittelnden Geistwesen ein solches Gebet anders ausdrücken, so dass, wenn die Antwort darauf kommt, der Bittsteller außerstande ist, sie als Antwort auf sein Gebet zu erkennen.

168:4.9

6. Alle wahren Gebete richten sich an geistige Wesen, und allen solchen Bitten muss in geistigem Sinne entsprochen werden, und alle diese Antworten müssen aus geistigen Realitäten bestehen. Geistwesen können auf die geistigen Bitten von Wesen, auch wenn diese materiell sind, keine materiellen Antworten geben. Materielle Wesen können nur wirkungsvoll beten, wenn sie „im Geiste beten“.

168:4.10

7. Kein Gebet kann auf eine Antwort hoffen, es sei denn aus dem Geiste geboren und vom Glauben genährt. Euer aufrichtiger Glaube schließt ein, dass ihr den Empfängern eurer Gebete faktisch schon im Voraus das volle Recht zugestanden habt, auf eure Bitten mit jener höchsten Weisheit und göttlichen Liebe zu antworten, die die Wesen, zu denen ihr betet, eurem Glauben nach stets zum Handeln bewegen.

168:4.11

8. Das Kind ist immer in seinem Recht, wenn es sich erlaubt, eine Bitte an seine Eltern zu richten; und die Eltern bleiben immer im Rahmen ihrer elterlichen Verpflichtungen gegenüber dem unreifen Kind, wenn ihre höhere Weisheit ihnen gebietet, die Antwort auf das kindliche Gebet zu verschieben, abzuändern, aufzuteilen, einzuschränken, zu überschreiten oder auf ein späteres Stadium des geistigen Aufstiegs zu verlegen.

168:4.12

9. Zögert nicht, Gebete geistiger Sehnsucht zu sprechen; zweifelt nicht daran, dass ihr auf eure Bitten Antwort erhalten werdet. Diese Antworten werden aufbewahrt und warten darauf, dass ihr auf dieser oder anderen Welten jene zukünftigen geistigen Ebenen wirklich kosmischer Vollbringung erreicht, auf denen es euch möglich sein wird, die seit langem wartenden Antworten auf eure einstigen, aber verfrühten Bitten zu erkennen und sie euch zu eigen zu machen.

168:4.13

10. Alle echten, aus dem Geiste geborenen Bitten können einer Antwort sicher sein. Bittet, und ihr werdet empfangen. Aber ihr solltet daran denken, dass ihr in Zeit und Raum fortschreitende Geschöpfe seid; deshalb müsst ihr hinsichtlich eures persönlichen Empfangs der vollen Antworten auf eure vielfältigen Gebete und Bitten stets mit dem Zeit-Raumfaktor rechnen.

5. Was aus Lazarus wurde

168:5.1

Lazarus blieb in seinem Haus in Bethanien und stand im Mittelpunkt des Interesses vieler aufrichtig Glaubender und zahlreicher Neugieriger, bis er in der Woche der Kreuzigung Jesu die Warnung erhielt, der Sanhedrin habe seinen Tod verfügt. Die Führer der Juden waren entschlossen, der weiteren Ausbreitung von Jesu Lehren Einhalt zu gebieten, und sie überlegten sehr richtig, dass es zwecklos wäre, Jesus zu töten, wenn sie Lazarus, der den Höhepunkt der Wundertaten Jesu verkörperte, leben und die Tatsache bezeugen ließen, dass Jesus ihn von den Toten auferweckt hatte. Bereits hatte Lazarus unter ihrer erbitterten Verfolgung zu leiden gehabt.

168:5.2

Und so nahm Lazarus in Bethanien eilends von seinen Schwestern Abschied, floh durch Jericho und über den Jordan und gönnte sich kaum Ruhepausen, bevor er Philadelphia erreicht hatte. Lazarus kannte Abner gut, und hier fühlte er sich vor den mörderischen Intrigen des verruchten Sanhedrins sicher.

168:5.3

Bald danach verkauften Martha und Maria ihren Grundbesitz in Bethanien und gingen zu ihrem Bruder in Peräa. Dieser war mittlerweile Schatzmeister der Kirche von Philadelphia geworden. Er wurde zu einer starken Stütze Abners in dessen Auseinandersetzung mit Paulus und der Kirche von Jerusalem und starb schließlich mit siebenundsechzig Jahren an derselben Krankheit, die ihn als jüngeren Mann in Bethanien dahingerafft hatte.


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