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Rodan von Alexandrien

AM Sonntagmorgen, dem 18. September, kündigte Andreas an, dass für die kommende Woche keine Arbeit geplant sei. Alle Apostel mit Ausnahme von Nathanael und Thomas gingen nach Hause zu ihren Familien oder verbrachten den Urlaub mit Freunden. Während dieser Woche genoss Jesus beinahe völlige Ruhe, aber Nathanael und Thomas wurden stark beansprucht durch ihre Diskussionen mit einem gewissen griechischen Philosophen namens Rodan aus Alexandrien. Dieser Grieche war vor kurzem ein Jünger Jesu geworden dank der Lehrtätigkeit eines von Abners Mitarbeitern, der in Alexandrien eine Mission geleitet hatte. Rodan befasste sich jetzt ernsthaft mit der Aufgabe, seine Lebensphilosophie mit den neuen religiösen Lehren Jesu in Einklang zu bringen, und er war in der Hoffnung nach Magadan gekommen, der Meister würde diese Probleme mit ihm besprechen. Er wünschte auch, eine maßgebende Version des Evangeliums aus erster Hand zu erhalten, sei es durch Jesus oder einen seiner Apostel. Obwohl der Meister es ablehnte, auf eine solche Unterredung mit Rodan einzugehen, empfing er ihn wohlwollend und gab Nathanael und Thomas sogleich Weisung, sich alles anzuhören, was er zu sagen hatte, und ihn dafür mit dem Evangelium vertraut zu machen.

1. Rodans griechische Philosophie

160:1.1

Früh am Montagmorgen begann Rodan mit einer Reihe von zehn Vorträgen für Nathanael, Thomas und eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Gläubigen, die sich gerade in Magadan aufhielten. Diese Reden, zusammengefasst, zusammengestellt und in moderner Ausdrucksweise neu formuliert, bieten der Reflexion folgende Gedanken:

160:1.2

Das menschliche Leben besteht aus drei mächtigen Impulsen – den Trieben, den Wünschen und den Verführungen. Einen starken Charakter, eine Achtung gebietende Persönlichkeit erwirbt man nur, wenn man den natür­lichen Lebenstrieb in die soziale Lebenskunst überführt, indem man momentane Begehren in jene höheren Sehnsüchte umwandelt, die fähig sind, dauerhafte Resultate zu bringen, während man seine konventionellen und verwurzelten Ideen von dem, was gewöhnlich die Anziehungskraft des Daseins ausmacht, aufgibt zugunsten der Reiche unerforschter Ideen und unentdeckter Ideale.

160:1.3

Je komplexer die Zivilisation wird, umso schwieriger wird die Lebenskunst. Je rascher sich die gesellschaftlichen Sitten ändern, umso komplizierter wird die Aufgabe der Charakterentwicklung. Die Menschheit muss alle zehn Generationen eine neue Lebenskunst erlernen, wenn der Fortschritt weitergehen soll. Und wenn der Mensch so erfinderisch wird, dass er immer schneller zu der Komplexität der Gesellschaft beiträgt, wird die Lebenskunst in kürzeren Zeitabständen, vielleicht sogar von jeder einzelnen Generation, neu gemeistert werden müssen. Wenn die Entwicklung der Lebenskunst mit der Technik der Existenz nicht Schritt zu halten vermag, wird die Menschheit rasch auf den bloßen Lebenstrieb zurückfallen – auf die Befriedigung unmittelbarer Wünsche. Die Menschheit wird dann unreif bleiben; der Gesellschaft wird es nicht gelingen, zu voller Reife heranzuwachsen.

160:1.4

Die soziale Reife entspricht dem Maß, in dem die Menschen gewillt sind, die Befriedigung der rein vergänglichen Begehren des Augenblicks zugunsten höherer Sehnsüchte aufzugeben. Das Streben nach deren Erfüllung gewährt die viel reichere Befriedigung einer schrittweisen Annäherung an dauerhafte Ziele. Aber das sichere Zeichen für die soziale Reife eines Volkes ist seine Bereitschaft, auf das Recht, friedlich und zufrieden gemäß den bequemen Maßstäben des Köders festverankerter Überzeugungen und konventioneller Vorstellungen dahinzuleben, zu verzichten zu Gunsten der beunruhigenden und Energie erfordernden Lockungen der unerforschten Möglichkeiten von unentdeckten Zielen idealistischer geistiger Realitäten.

160:1.5

Die Tiere gehorchen dem Lebenstrieb auf edle Art; aber nur der Mensch kann die Lebenskunst erreichen, obwohl die Mehrheit der Menschheit lediglich die Erfahrung des tierischen Lebenstriebs macht. Die Tiere kennen nur den blinden und instinktiven Trieb; der Mensch ist fähig, diesen Drang zu natürlicher Funktion zu transzendieren. Der Mensch kann wählen, auf der hohen Ebene intelligenter Kunst zu leben, sogar auf der Ebene himmlischer Freude und geistiger Ekstase. Tiere fragen nicht nach dem Sinn des Lebens; deshalb sind sie nie besorgt und begehen nie Selbstmord. Bei den Menschen bezeugt der Selbstmord, dass sich solche Wesen über die rein tierische Existenzstufe erhoben haben, aber auch die weitere Tatsache, dass es dem forschenden Bemühen solcher Menschen nicht gelungen ist, die Ebene zu erreichen, wo die menschliche Erfahrung zu einer Kunst wird. Die Tiere kennen den Sinn des Lebens nicht; der Mensch besitzt nicht nur die Fähigkeit, Werte zu erkennen und Bedeutungen zu verstehen, sondern er ist sich auch der Bedeutung von Bedeutungen bewusst – er ist sich seiner Einsichten bewusst.

160:1.6

Wenn Menschen es wagen, ein Leben natürlicher Begierden für ein Leben künstlerischen Wagemuts und ungewisser Logik aufzugeben, müssen sie sich auf die Risiken daraus erwachsender emotionaler Schwierigkeiten wie Konflikte, Unglücklichsein und Ungewissheiten einstellen, mindestens bis zu der Zeit, da sie einen gewissen Grad intellektueller und emotionaler Reife erlangt haben. Entmutigung, Kummer und Gleichgültigkeit sind eindeutige Zeichen sittlicher Unreife. Die menschliche Gesellschaft sieht sich zwei Problemen gegenüber: der Erlangung von Reife durch den Einzelnen und der Erlangung von Reife durch die Rasse. Das reife menschliche Wesen beginnt bald, alle anderen Sterblichen mit zärtlichen und nachsichtigen Gefühlen anzuschauen. Reife Menschen begegnen unreifen Mitmenschen mit der Liebe und Aufmerksamkeit, die Eltern ihren Kindern entgegenbringen.

160:1.7

Erfolgreiches Leben ist nichts mehr und nichts weniger als die Kunst, zuverlässige Methoden zur Lösung gewöhnlicher Probleme zu beherrschen. Der erste Schritt zur Lösung irgendeines Problems besteht darin, die Schwierigkeit zu lokalisieren, das Problem zu isolieren und sich dessen Wesen und Schwere offen einzugestehen. Wenn Lebensprobleme unsere tiefen Ängste erregen, begehen wir den großen Fehler, sie nicht sehen zu wollen. Und wenn die Anerkennung unserer Schwierigkeiten die Verminderung unserer lang gehegten Eitelkeit, das Eingeständnis von Neid oder das Aufgeben tiefsitzender Vorurteile nach sich zieht, klammert sich der Durchschnittsmensch lieber an seine alten Illusionen von Geborgenheit und an seine liebgewonnenen falschen Sicherheitsgefühle. Nur ein tapferer Mensch ist bereit, ehrlich anzunehmen, was sein aufrichtiges und folgerichtiges Denken entdeckt, und sich dem furchtlos zu stellen.

160:1.8

Die weise und wirksame Lösung irgendeines Problems verlangt, dass der Geist frei sei von Befangenheit, Leidenschaft und allen anderen rein persönlichen Vorurteilen, die eine uneigennützige Betrachtung der wirklichen Faktoren des zu lösenden Problems stören könnten. Die Lösung von Lebensproblemen erfordert Mut und Aufrichtigkeit. Nur ehrliche und tapfere Personen sind fähig, unerschrocken durch das komplizierte und verwirrende Lebenslabyrinth zu gehen, wohin auch immer die Logik eines furchtlosen Verstandes sie führen mag. Und eine solche Emanzipation von Geist und Seele kann nie geschehen ohne die treibende Kraft eines intelligenten Enthusiasmus, der an religiösen Glaubenseifer grenzt. Es bedarf des Anreizes eines hohen Ideals, um den Menschen zur Verfolgung eines Zieles zu bewegen, bei dessen Verwirklichung sich schwierige materielle Probleme und mancherlei intellektuelle Risiken häufen.

160:1.9

Auch wenn ihr gut gewappnet seid, um schwierigen Lebenssituationen zu begegnen, könnt ihr schwerlich Erfolg erwarten, wenn ihr nicht mit jener Weisheit des Verstandes und jenem Charme der Persönlichkeit ausgestattet seid, welche euch in die Lage versetzen, die kräftige Unterstützung und Mitarbeit eurer Mitmenschen zu gewinnen. Weder bei weltlicher noch bei religiöser Tätigkeit könnt ihr auf großen Erfolg hoffen, wenn ihr nicht lernt, eure Mitmenschen zu überzeugen und euch bei ihnen durchzusetzen. Ihr müsst ganz einfach Takt und Toleranz besitzen.

160:1.10

Aber die mächtigste aller Methoden zur Lösung von Problemen habe ich von Jesus, eurem Meister gelernt. Ich meine das, was er so beständig praktiziert und was er euch so nachdrücklich gelehrt hat: Die versunkene Anbetung in der Einsamkeit. In dieser Gewohnheit Jesu, sich so oft zum Zwiegespräch mit seinem Vater im Himmel zurückzuziehen, kann man das Verfahren finden, nicht nur Kraft und Weisheit für die gewöhnlichen Lebenskonflikte zu sammeln, sondern sich auch die Energie zur Lösung der höheren Probleme sittlicher und geistiger Natur anzueignen. Indessen können auch richtige Methoden der Problemlösung inhärente Mängel der Persönlichkeit nicht aufwiegen oder die Abwesenheit von Hunger und Durst nach wahrer Rechtschaffenheit ersetzen.

160:1.11

Ich bin tief beeindruckt von dieser Gewohnheit Jesu, sich abzusondern, um die Lebensprobleme eine Weile in der Abgeschiedenheit zu überdenken; um nach neuen Vorräten an Weisheit und Energie zu suchen, um den man­nig­fachen Anforderungen sozialen Dienstes gewachsen zu sein; um den höchsten Lebenszweck neu zu beleben und zu vertiefen, indem er seine ganze Persönlich­keit dem Bewusstsein, mit der Göttlichkeit in Kontakt zu sein, unterwirft; um nach dem Besitz neuer und besserer Methoden eigener Anpassung an die ständig wechselnden Lebenssituationen zu streben; um jene lebenswichtigen Rekonstruk­tionen und Neuausrichtungen in der persönlichen Haltung vorzunehmen, die so wesentlich für einen tieferen Einblick in alles Lohnende und Wirkliche sind; und um all dies einzig mit dem Blick auf die Herrlichkeit Gottes zu tun – in Aufrichtigkeit eures Meisters Lieblingsgebet zu flüstern: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“

160:1.12

Diese Gebetspraxis eures Meisters bewirkt die Entspannung, die den Geist erneuert, die Erleuchtung, die die Seele inspiriert, den Mut, der einen befähigt, tapfer an seine Probleme heranzugehen, jenes Selbstverständnis, das schwächende Angst nimmt, und das Bewusstsein von Einheit mit dem Göttlichen, das dem Menschen die Sicherheit verleiht, es zu wagen, gottähnlich zu sein. Das Aufgehen in der Anbetung oder im geistigen Einssein, wie euer Meister es praktiziert, löst die Spannung, räumt Konflikte aus dem Wege und vermehrt die gesamten Ressourcen der Persönlichkeit erheblich. Diese ganze Philosophie, zuzüglich des Evangeliums vom Königreich, bildet die neue Religion, wie ich sie verstehe.

160:1.13

Vorurteil macht die Seele blind für die Erkenntnis der Wahrheit und kann nur beseitigt werden, wenn die Seele in aufrichtiger Hingabe eine Sache anbetet, die allumfassend ist und all unsere Mitmenschen einschließt. Vorurteil ist untrennbar mit Selbstsucht verbunden. Vorurteil kann nur ausgemerzt werden, wenn man die Selbstsucht aufgibt und stattdessen im Dienst an einer Sache Befriedigung sucht, die nicht nur größer ist als das Selbst, sondern größer noch als die ganze Menschheit – die Suche nach Gott, das Erlangen der Göttlichkeit. Der Beweis für die Reife einer Persönlichkeit besteht in der Umwandlung der menschlichen Wünsche, die nun dauernd auf die Verwirklichung der höchsten und göttlich wirklichsten Werte gerichtet sind.

160:1.14

In einer sich ständig verändernden Welt und inmitten einer sich entfaltenden gesellschaftlichen Ordnung ist es unmöglich, an unverrückbaren, ein für allemal fixierten Zielen festzuhalten. Die Erfahrung einer stabilen Persön­lichkeit kann nur machen, wer den lebendigen Gott als ewiges Ziel unendlichen Vollbringens entdeckt und angenommen hat. Um sein Ziel derartig von der Zeit in die Ewigkeit zu verlegen, von der Erde zum Paradies und vom Menschlichen zum Göttlichen, bedarf es der Regeneration des Menschen, seiner Bekehrung, seiner Neugeburt, dass er zum neu erschaffenen Kind des göttlichen Geistes wird und den Eintritt in die Bruderschaft des Königreichs des Himmels verdient. Alle Philosophien und Religionen, welche diesen Idealen nicht genügen, sind unreif. Die Philosophie, die ich lehre, verbunden mit dem Evangelium, das ihr predigt, stellt die neue Religion der Reife, das Ideal aller künftigen Generationen dar. Und das ist wahr, weil unser Ideal endgültig, unfehlbar, ewig, universal, absolut und unendlich ist.

160:1.15

Meine Philosophie hat mir den Drang zur Suche nach den Realitäten wahrer Vollbringung, nach dem Ziel der Reife gegeben. Aber dieser Drang war unfruchtbar; meinem Streben fehlte die Antriebskraft; meine Suche litt unter der Abwesenheit einer sicheren Richtungsweisung. All diesen Mängeln hat das neue Evangelium Jesu mit seinen vertieften Einsichten, seinen hohen Idealen und unverrückbaren Zielen weit mehr als nur abgeholfen. Ohne Zweifel und Befürchtungen kann ich jetzt mit ganzem Herzen das ewige Wagnis beginnen.

2. Die Lebenskunst

160:2.1

Es gibt für die Sterblichen nur zwei mögliche Arten des Zusammenlebens: die materielle oder animalische Art und die geistige oder menschliche Art. Durch Verwendung von Zeichen und Lauten sind die Tiere fähig, in beschränkter Weise miteinander zu kommunizieren. Aber solche Kommunikationsformen vermitteln keine Bedeutungen, Werte oder Ideen. Der große Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, dass der Mensch mit seinesgleichen mit Hilfe von Symbolen kommunizieren kann, die höchst zuverlässig Bedeutungen, Werte, Ideen und sogar Ideale bezeichnen und identifizieren.

160:2.2

Da Tiere untereinander keine Ideen austauschen können, sind sie außerstande, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Der Mensch entwickelt eine Persön­lichkeit, weil er so mit seinen Mitmenschen Ideen sowie Ideale austauschen kann.

160:2.3

Es ist diese Fähigkeit, zu kommunizieren und Bedeutungen zu teilen, die die menschliche Kultur ausmacht und den Menschen in die Lage versetzt, durch sozialen Zusammenschluss Zivilisationen aufzubauen. Wissen und Weisheit sammeln sich an dank der Fähigkeit der Menschen, diese Besitztümer an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Und dabei entstehen die kulturellen Aktivitäten der Rasse: Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie.

160:2.4

Die zwischenmenschliche Kommunikation mittels Symbolen ruft die Entstehung sozialer Gruppen hervor. Die wirksamste aller sozialen Gruppen ist die Familie, insbesondere die beiden Eltern. Persönliche Zuneigung ist das geistige Band, welches diese materiellen Verbindungen zusammenhält. Solch eine wirksame Beziehung ist auch zwischen zwei Personen desselben Geschlechts möglich, wie es eine Fülle von Beispielen der Hingabe in echten Freundschaften veranschaulicht.

160:2.5

Diese auf Freundschaft und gegenseitiger Zuneigung beruhenden Zusammen­schlüsse wirken sozialisierend und veredelnd, weil sie die folgenden wesentlichen Faktoren der höheren Ebenen der Lebenskunst begünstigen und erleichtern:

160:2.6

1. Wechselseitiges Zum-Ausdruck-Bringen des eigenen Selbst und des Selbstverständnisses. Viele edle menschliche Impulse sterben, weil es niemanden gibt, der ihre Bekundung hört. Wahrhaftig, es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Ein gewisses Maß an Anerkennung und Wertschätzung ist wesentlich zur Entwicklung des menschlichen Charakters. Ohne die echte Liebe eines Zuhauses vermag kein Kind einen normalen Charakter voll zu entwickeln. Charakter ist mehr als nur Verstand und sittliches Verhalten. Von allen gesellschaftlichen Beziehungen, die die Entwicklung des Charakters zum Ziel haben, ist die wirksamste und idealste die liebende und verstehende Freundschaft zwischen Mann und Frau in der beiderseitigen Bejahung einer intelligenten Ehe. Die Ehe ist mit ihren mannigfachen Beziehungen am besten geeignet, jene kostbaren Impulse und höheren Beweggründe hervorzulocken, die für die Entwicklung eines starken Charakters unerlässlich sind. Ich zögere nicht, das Familienleben derart zu verherrlichen, denn weise hat euer Meister die Vater-Kind-Beziehung als wahren Eckstein dieses neuen Evangeliums vom Königreich gewählt. Und solch eine unvergleichliche Beziehungsgemeinschaft – Mann und Frau vereint in liebender Hingabe an die höchsten Ideale der Zeit – stellt eine so kostbare und befriedigende Erfahrung dar, dass sie jeden Preis und jedes für ihren Besitz erforderliche Opfer wert ist.

160:2.7

2. Vereinigung der Seelen – Aktivierung der Weisheit. Jedes menschliche Wesen gelangt früher oder später zu einer gewissen Vorstellung von dieser Welt und zu einer gewissen Vision von der nächsten. Durch den Zusammenschluss von Persönlichkeiten wird es nun möglich, diese Anschauungen über zeitliche Existenz und ewige Aussichten zu vereinigen. Dabei vermehrt der Verstand des einen seine geis­tigen Werte dadurch, dass er vieles von der Erkenntnis des anderen aufnimmt. Auf diese Weise bereichern die Menschen ihre Seele durch die Zusammenlegung ihrer jeweiligen geistigen Besitztümer. Ebenso wird der Mensch dadurch befähigt, die stets vorhandene Neigung zu vermeiden, Opfer verzerrter Vorstellungen, eines voreingenommenen Standpunktes oder engstirnigen Urteils zu werden. Furcht, Neid und Dünkel kann nur durch engen Kontakt mit anderen vorgebeugt werden. Ich möchte eure Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass der Meister euch nie allein aussendet, um an der Erweiterung des Königreichs zu arbeiten; er schickt euch immer zu zweit aus. Und da Weisheit höheres Wissen ist, folgt daraus, dass die gesellschaftliche Gruppe, ob klein oder groß, durch die Vereinigung von Weisheit untereinander alles Wissen teilt.

160:2.8

3. Leben mit Enthusiasmus. Isolierung neigt dazu, die Energieladung der Seele zu erschöpfen. Das Zusammensein mit unseren Mitmenschen ist wesentlich für die Erneuerung des Lebensschwungs und unerlässlich zur Aufrechterhaltung des Mutes für die Kämpfe, die sich beim Erklimmen höherer Lebensebenen einstellen. Freundschaft steigert die Freuden und verherrlicht die Lebenssiege. Liebevolle und innige menschliche Verbindungen tragen dazu bei, dem Leid den Stachel und der Not viel von ihrer Bitterkeit zu nehmen. Die Gegenwart eines Freundes macht alle Schönheit strahlender und verstärkt jede gute Tat. Durch intelligente Zeichen kann der Mensch bei seinen Freunden die Fähigkeit, etwas zu würdigen, beleben und steigern. Einer der Ruhmeskränze menschlicher Freundschaft ist diese Macht und Möglichkeit gegenseitiger Stimulierung der Vorstellungskraft. Es liegt eine große geistige Kraft im Bewusstsein rückhaltloser Hingabe an eine gemeinsame Sache, in der gemeinsamen Treue gegenüber einer kosmischen Gottheit.

160:2.9

4. Gesteigerte Abwehr gegen alles Üble. Der Zusammenschluss von Persön­lichkeiten und gegenseitige Zuneigung sind eine wirkungsvolle Absicherung gegenüber allem Üblen. Schwierigkeiten, Kummer, Enttäuschungen und Niederlagen sind schmerzlicher und entmutigender, wenn man sie allein ertragen muss. Gemeinschaft verwandelt Übles nicht in Rechtschaffenheit, aber hilft in der Tat sehr, seine Heftigkeit zu mindern. Euer Meister hat gesagt: „Selig sind die Leidtragenden“ – wenn ein Freund zur Stelle ist, um Trost zu spenden. Es liegt eine positive Kraft im Wissen, dass ihr für das Wohlergehen anderer lebt und dass diese anderen ebenso für euer Wohlergehen und Vorwärtskommen leben. Der Mensch ermattet in der Einsamkeit. Die menschlichen Wesen verlieren unfehlbar den Mut, wenn sie nur die vergänglichen Wechselfälle der Zeit sehen. Wenn man die Gegenwart von Vergangenheit und Zukunft trennt, wird sie zum Verzweifeln trivial. Nur ein Blick auf den Kreis der Ewigkeit kann den Menschen dazu inspirieren, sein Bestes zu geben und das Beste in ihm herausfordern, sein Äußerstes zu tun. Und wenn ein Mensch in solcher Hochform ist, lebt er völlig selbstlos für das Wohl anderer, für seine Gefährten in der Zeit und in der Ewigkeit.

160:2.10

Ich wiederhole, ein solch inspirierender und veredelnder Zusammenschluss findet seine idealen Möglichkeiten in der menschlichen Ehebeziehung. Zugegeben, vieles wird außerhalb der Ehe erreicht, und viele, sehr viele Ehen verfehlen völlig, diese sittlichen und geistigen Früchte hervorzubringen. All zu oft treten Menschen in den Ehestand auf der Suche nach Werten, die tiefer liegen als diese höher stehenden Begleiterscheinungen menschlicher Reife. Die ideale Ehe muss auf etwas Stabilerem gründen als dem Auf und Ab der Gefühle und der Unbeständigkeit bloßer geschlechtlicher Anziehung; ihre Grundlage muss echte und gegenseitige persönliche Hingabe sein. Wenn ihr also fähig seid, solch vertrauenswürdige und wirkungsvolle kleine Einheiten menschlicher Zusammenarbeit aufzubauen, und wenn diese sich zum Ganzen fügen, wird die Welt eine große und verherrlichte gesellschaftliche Struktur sehen, die Zivilisation der menschlichen Reife. Eine solche Rasse könnte damit beginnen, etwas von eures Meisters Ideal zu verwirklichen: „Friede auf Erden und guter Wille unter den Menschen“. Obwohl eine solche Gesellschaft weder vollkommen, noch ganz von Übel frei wäre, würde sie sich doch zumindest der Stabilisierung der Reife nähern.

3. Das Anziehende der Reife

160:3.1

Das Bemühen um Reife bedingt Arbeit, und Arbeit erfordert Energie. Woher kommt die Kraft, um all das zu vollbringen? Wir setzen die physischen Faktoren als gegeben voraus, aber der Meister hat richtig gesagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Unter der Voraussetzung des Besitzes eines normalen Körpers und einer einigermaßen guten Gesundheit müssen wir uns nach jenen Anreizen umsehen, die die schlummernden geistigen Kräfte des Menschen zu wecken und anzuregen vermögen. Jesus hat uns gelehrt, dass Gott im Menschen lebt; wie können wir also den Menschen dahin bringen, diese in der Seele gebundenen göttlichen und unendlichen Kräfte freizusetzen? Wie können wir die Menschen veranlassen, Gott loszulassen, auf dass er aus uns hervorsprudle, dabei unsere eigenen Seelen erfrische und dann der Erleuchtung, der Erhebung und dem Segen zahlloser anderer Seelen diene? Wie kann ich am besten ein für allemal diese verborgenen Kräfte wecken, die in meiner Seele schlummern? Einer Sache bin ich sicher: Emotionale Erregung ist kein ideales geistiges Stimulans. Aufregung vermehrt die Energie nicht, sondern erschöpft vielmehr die geistigen und körperlichen Kräfte. Woher kommt dann die Energie, so große Dinge zu tun? Schaut euch euren Meister an. Jetzt gerade weilt er draußen in den Bergen, um Kraft zu schöpfen, während wir hier Energie abgeben. Das Geheimnis dieses ganzen Problems liegt in der geistigen Zwiesprache, in der Anbetung. Vom menschlichen Standpunkt aus ist es eine Frage der Kombination von Meditation und Entspannung. Die Meditation stellt den Kontakt des Verstandes mit dem Geist her; die Entspannung ist entscheidend für die Fähigkeit, den Geist zu empfangen. Und dieser Eintausch von Kraft gegen Schwäche, von Mut gegen Furcht, des Willens Gottes gegen die eigene Sicht, macht die Anbetung aus. Wenigstens ist das die Betrachtungsweise des Philosophen.

160:3.2

Wenn diese Erfahrungen häufig wiederholt werden, verdichten sie sich zu Gewohnheiten, zu kraftspendenden und anbetenden Gewohnheiten, und solche Gepflogenheiten bilden schließlich einen geistigen Charakter heran, und ein solcher Charakter wird am Ende von den Mitmenschen als reife Persönlichkeit wahrgenommen. Diese Praktiken sind am Anfang schwierig und zeitraubend, aber wenn sie zur Gewohnheit werden, sind sie zugleich erholsam und zeitsparend. Je komplexer die Gesellschaft und je zahlreicher die Verlockungen der Zivilisation werden, umso nötiger wird es für Gott kennende Menschen, solche gewohnheitsmäßigen, schützenden Praktiken zu entwickeln, um ihre geistigen Energien zu bewahren und zu vermehren.

160:3.3

Ein weiteres Erfordernis zur Erlangung der Reife ist die kooperative Anpassung sozialer Gruppen an eine in ständigem Wandel begriffene Umwelt. Der unreife Mensch erregt den Widerstand seiner Mitmenschen; der reife Mensch gewinnt die herzliche Kooperation seiner Gefährten, und vermehrt dadurch die Früchte seiner Lebensanstrengungen um ein Vielfaches.

160:3.4

Meine Philosophie sagt mir, dass es Zeiten gibt, wo ich, wenn nötig, für die Verteidigung meiner Auffassung von Rechtschaffenheit kämpfen muss, aber ich zweifle nicht, dass der Meister mit seiner reiferen Persönlichkeit dank seiner überlegenen und gewinnenden Methode von Takt und Toleranz mit Leichtigkeit und Anmut einen ebensolchen Sieg davontragen würde. Wenn wir für das Recht kämpfen, erweist es sich nur allzu oft, dass beide, Sieger und Besiegter, eine Niederlage erlitten haben. Erst gestern habe ich den Meister sagen hören: „Wenn ein weiser Mann durch ein verschlossenes Tor eintreten will, zerstört er nicht das Tor, sondern sucht vielmehr nach dem Schlüssel, womit er es aufschließen kann.“ Allzu oft lassen wir uns in einen Kampf ein, nur um uns selber davon zu überzeugen, dass wir keine Angst haben.

160:3.5

Dieses neue Evangelium vom Königreich erweist der Lebenskunst einen großen Dienst, weil es einen neuen und reicheren Ansporn zu einem höheren Leben liefert. Es bietet ein neues und erhabenes Ziel der Bestimmung, einen allerhöchsten Lebenszweck. Und diese neuen Vorstellungen von dem ewigen und göttlichen Ziel der Existenz sind in sich selber transzendente Anreize, die der Reaktion des Allerbesten rufen, was in der höheren Natur des Menschen wohnt. Auf jedem Gipfel intellektuellen Denkens findet man Entspannung für den Verstand, Kraft für die Seele und Kommunizieren für den Geist. Von solchen Aussichtspunkten hohen Lebens aus ist der Mensch imstande, die materiellen Irritationen der niedrigeren Gedankenebenen zu überwinden – Sorgen, Eifersucht, Neid, Rachegefühle und Stolz der unreifen Persönlichkeit. Solche die Höhen erklimmenden Seelen entledigen sich selber einer Vielzahl zuwiderlaufender Bagatellkonflikte des Lebens und werden dadurch frei, ein Bewusstsein von höheren Strömen geistiger Vorstellungen und himmlischer Kommunikation zu erlangen. Aber das Lebensziel muss eifersüchtig vor der Versuchung bewahrt werden, nach einem bequemen, aber vorübergehenden Ergebnis zu streben; außerdem muss ihm in einer Weise Sorge getragen werden, dass es gegen die verhängnisvolle Bedrohung durch Fanatismus gefeit ist.

4. Die Ausgewogenheit der Reife

160:4.1

Obwohl euer ganzes Streben auf das Erreichen ewiger Realitäten ausgerichtet sein soll, müsst ihr doch Vorkehrungen für die Bedürfnisse des zeitlichen Lebens treffen. Der Geist ist zwar unser Ziel, aber das Fleisch ist eine Tatsache. Gelegentlich mag uns das Lebensnotwendige zufällig in die Hände fallen, aber im Allgemeinen müssen wir intelligent dafür arbeiten. Die zwei Hauptprobleme des Lebens sind: für seinen irdischen Unterhalt sorgen und das ewige Leben erreichen. Und selbst das Problem des Lebensunterhaltes bedarf zu seiner idealen Lösung der Religion. Beide Probleme sind im höchsten Maße persönlich. Wahre Religion kann tatsächlich nicht vom Einzelwesen getrennt funktionieren.

160:4.2

Die wesentlichen Dinge des zeitlichen Lebens sind meiner Ansicht nach:

160:4.3

1. Gute physische Gesundheit.

160:4.4

2. Klares und sauberes Denken.

160:4.5

3. Begabung und Geschicklichkeit.

160:4.6

4. Reichtum – die Lebensgüter.

160:4.7

5. Fähigkeit zum Widerstand in der Niederlage.

160:4.8

6. Kultur – Bildung und Weisheit.

160:4.9

Selbst die physischen Probleme körperlicher Gesundheit und Leistungsfähig­keit werden am besten gelöst, wenn man sie vom religiösen Gesichtspunkt der Lehre unseres Meisters aus betrachtet: dass Körper und Verstand des Menschen die Wohnung des Geschenks der Götter sind, des Geistes Gottes, der zum Geist des Menschen wird. Dabei wird der Verstand des Menschen zum Vermittler zwischen materiellen Dingen und geistigen Realitäten.

160:4.10

Es bedarf der Intelligenz, um sich seinen Anteil an den wünschenswerten Dingen des Lebens zu sichern. Vollkommen irrig ist die Annahme, dass gewissenhaft ausgeführte tägliche Arbeit mit Sicherheit durch Reichtum belohnt werde. Abgesehen von gelegentlich und zufällig erworbenem Reichtum stellt man fest, dass die materiellen Belohnungen des irdischen Lebens in bestimmten gut organisierten Kanälen fließen; und nur diejenigen, die zu diesen Kanälen Zugang haben, können erwarten, für ihre irdischen Anstrengungen gut belohnt zu werden. Armut muss immer das Los aller Menschen bleiben, die in isolierten und individuellen Kanälen nach Reichtum suchen. Deshalb ist weise Planung die wesentliche Voraussetzung für weltlichen Wohlstand. Erfolg setzt nicht nur Hingabe an seine Arbeit voraus, sondern auch, dass man als Teil irgendeines Kanals materiellen Reichtums wirke. Wenn ihr unklug seid, könnt ihr ein ganzes Leben der Hingabe ohne materielle Belohnung an eure Generation verschenken; wenn ihr durch Zufall Nutznießer eines Überflusses an Reichtum werdet, könnt ihr im Luxus schwimmen, auch wenn ihr für eure Mitmenschen nichts Nützliches getan habt.

160:4.11

Begabung ist, was ihr erbt, Geschicklichkeit, was ihr erwerbt. Das Leben ist unwirklich für jemanden, der es nicht versteht, irgendetwas gut und fachmännisch auszuführen. Geschicklichkeit ist eine der wahren Quellen der Befriedigung im Leben. Begabung schließt auch die Gabe des Vorausschauens, der weit blickenden Vision ein. Lasst euch nicht täuschen durch die verlockenden Belohnungen für unredliche Unternehmungen; seid willens, hart zu arbeiten für die späteren Entgelte, die ehrlicher Anstrengung innewohnen. Ein weiser Mensch weiß zwischen Mitteln und Zwecken zu unterscheiden; sonst verfehlt übermäßiges Planen für die Zukunft manchmal das eigene hochgesteckte Ziel. Auf der Suche nach Freuden solltet ihr immer bestrebt sein, solche sowohl zu produzieren als auch zu konsumieren.

160:4.12

Übt euer Gedächtnis darin, die kraftspendenden und wertvollen Episoden eures Lebens in heiligem Gewahrsam zu halten, damit ihr sie euch nach Belieben zu eurer Freude und Erbauung in Erinnerung rufen könnt. Errichtet so in euch und für euch auf Vorrat solche Galerien der Schönheit, Güte und künstlerischen Größe. Aber die edelsten aller Erinnerungen sind die im Gedächtnis wohlbewahrten großen Augenblicke einer wundervollen Freundschaft. Und all diese Erinnerungsschätze verströmen ihre kostbarsten und erhebendsten Einflüsse im befreienden Kontakt mit der geistigen Anbetung.

160:4.13

Aber das Leben wird zur Bürde, wenn ihr nicht lernt, Misserfolge würdevoll hinzunehmen. Es gibt eine Kunst der Niederlage, die edle Seelen immer erwerben; ihr müsst lernen, fröhlich zu verlieren; ihr müsst ohne Furcht vor Enttäuschungen sein. Zögert nie, einen Misserfolg einzugestehen. Versucht nicht, ihn hinter trügerischem Lächeln und strahlendem Optimismus zu verbergen. Es klingt gut, stets zu behaupten, man sei erfolgreich, aber das Endresultat ist verheerend. Eine solche Taktik führt geradewegs zur Erschaffung einer unwirklichen Welt und zum unvermeidlichen Zusammenbruch in endgültiger Ernüchterung.

160:4.14

Erfolg kann Mut erzeugen und das Vertrauen stärken, aber Weisheit gewinnt man nur durch die Erfahrungen bei der Anpassung an die Resultate seiner Misserfolge. Menschen, die der Realität optimistische Illusionen vorziehen, können nie weise werden. Nur jene, die den Tatsachen ins Auge sehen und sie mit ihren Idealen abstimmen, können Weisheit erlangen. Die Weisheit umfasst sowohl die Tatsache als auch das Ideal und rettet daher ihre Anhänger vor den beiden unfruchtbaren Extremen der Philosophie – dem Menschen, dessen Idealismus die Tatsachen ausschließt, und dem Materialisten, dem jede geistige Sicht abgeht. Jene schüchternen Seelen, die den Lebenskampf nur dank ständiger falscher Erfolgsillusionen bestehen können, sind dazu verurteilt, Misserfolge zu erleiden und Niederlagen einzustecken, wenn sie endlich aus der Traumwelt ihrer eigenen Imagination aufwachen.

160:4.15

Und gerade wenn es darum geht, sich mit einem Misserfolg abzufinden und einer Niederlage anzupassen, übt die weitreichende Vision einer Religion ihren höchsten Einfluss aus. Misserfolg ist nur eine erzieherische Episode – ein kulturelles Experiment zur Erlangung von Weisheit – in der Erfahrung des nach Gott suchenden Menschen, der sich auf das ewige Abenteuer der Erforschung eines Universums eingelassen hat. Für solche Menschen ist eine Niederlage lediglich ein neues Werkzeug, um höhere Ebenen der Universums-Realität zu erreichen.

160:4.16

Der Werdegang eines Gott suchenden Menschen kann sich im Lichte der Ewigkeit als großer Erfolg herausstellen – sollte auch das ganze Unternehmen seines irdischen Lebens als überwältigender Fehlschlag erscheinen – vorausgesetzt, dass jeder Misserfolg seines Lebens die Förderung von Weisheit und geistigem Vollbringen bewirkte. Macht nicht den Fehler, Wissen, Kultur und Weisheit miteinander zu verwechseln. Sie sind zwar im Leben miteinander verknüpft, aber sie repräsentieren voneinander weit abweichende geistige Werte; Weisheit überragt stets das Wissen und gereicht der Kultur immer zum Ruhm.

5. Die Religion des Ideals

160:5.1

Ihr habt mir gesagt, dass euer Meister authentische menschliche Religion als die Erfahrung des Einzelnen mit den geistigen Realitäten ansieht. Ich selber habe die Religion als die Erfahrung des Menschen betrachtet, auf etwas zu reagieren, das er der Hochachtung und Verehrung durch die ganze Menschheit würdig erachtet. In diesem Sinne symbolisiert die Religion unsere größte Hingabe an das, was unsere höchste Vorstellung von den Idealen der Realität darstellt, sowie den äußersten Vorstoß unseres Verstandes in Richtung auf die ewigen Möglichkeiten geistiger Vollbringung.

160:5.2

Wenn sich die Menschen gegenüber der Religion im stammesbedingten, nationalen oder rassischen Sinne verhalten, rührt das daher, dass sie auf alle, die nicht ihrer Gruppe angehören, als auf nicht wirklich menschliche Wesen herabschauen. Wir betrachten das Objekt unserer religiösen Ergebenheit stets als der Ehrerbietung sämtlicher Menschen würdig. Religion kann nie lediglich Sache intellektueller Überzeugung oder philosophischen Argumentierens sein; Religion ist stets und für immer eine Reaktionsweise auf Lebenssituationen; sie ist eine besondere Art des Verhaltens. Religion umfasst Denken, Fühlen und ehrerbietiges Handeln gegenüber einer Realität, die wir universeller Anbetung für wert halten.

160:5.3

Wenn etwas in eurer Erfahrung zur Religion geworden ist, versteht es sich von selbst, dass ihr bereits ein aktiver Verkünder dieser Religion geworden seid, da ihr die höchste Vorstellung von eurer Religion als der Anbetung durch die ganze Menschheit, ja durch alle Intelligenzen des Universums für würdig erachtet. Wenn ihr nicht ein überzeugter und missionierender Verkünder eurer Religion seid, täuscht ihr euch selber insofern, als das, was ihr Religion nennt, nur ein traditioneller Glaube oder nur ein System intellektueller Philosophie ist. Wenn eure Religion eine geistige Erfahrung ist, muss die universale Geistrealität und das Ideal all eurer vergeistigten Vorstellungen Objekt eurer Anbetung sein. Ich nenne alle Religionen, die auf Furcht, Emotion, Tradition und Philosophie beruhen, die intellektuellen Religionen, während ich jene, die auf echter geistiger Erfahrung basieren, die wahren Religionen nennen möchte. Das Objekt religiöser Anbetung kann materiell oder geistig sein, wahr oder falsch, wirklich oder unwirklich, menschlich oder göttlich. Daraus folgt, dass Religionen entweder gut oder schlecht sein können.

160:5.4

Sittlichkeit und Religion sind nicht notwendigerweise dasselbe. Ein Moral­system, das sich ein Objekt zur Anbetung nimmt, kann zu einer Religion werden. Wiederum kann sich eine Religion, die ihren universalen Appell an Treue und größte Hingabe einbüßt, zu einem philosophischen System oder zu einem Moralkodex entwickeln. Das Ding, das Wesen, der Zustand, die Existenzordnung oder die Möglichkeit der Vollbringung – was auch immer das höchste Ideal religiöser Loyalität darstellt und die religiöse Hingabe der Anbetenden empfängt – ist Gott. Ganz gleich, welchen Namen man für dieses Ideal der geistigen Realität verwendet, es ist Gott.

160:5.5

Das soziale Charakteristikum einer wahren Religion besteht in der Tatsache, dass sie immer versucht, die Einzelperson zu bekehren und die Welt zu verwandeln. Religion schließt die Existenz unentdeckter Ideale in sich, die die bekannten ethischen und sittlichen Maßstäbe, wie sie selbst in den höchststehenden sozialen Gepflogenheiten der reifsten Institutionen der Zivilisation verkörpert sind, weit hinter sich lassen. Die Religion greift aus nach unentdeckten Idealen, unerforschten Realitäten, übermenschlichen Werten, göttlicher Weisheit und wahrer geistiger Vollbringung. Die wahre Religion tut all das; alle anderen Glaubensformen sind dieses Namens unwürdig. Keine echte geistige Religion ist denkbar ohne das höchste und himmlische Ideal eines ewigen Gottes. Eine Religion ohne diesen Gott ist eine Erfindung des Menschen, eine menschliche Institution lebloser intellektueller Glaubensinhalte und bedeutungsloser emotionaler Zeremonien. Eine Religion könnte sich als Objekt ihrer Verehrung auf ein großes Ideal berufen. Aber solche Ideale der Unwirklichkeit sind unerreichbar; solch eine Vorstellung ist illusorisch. Die einzigen Ideale, die menschliches Streben erreichen kann, sind die göttlichen Realitäten der unendlichen Werte, die in der geistigen Tatsache des ewigen Gottes beschlossen sind.

160:5.6

Das Wort Gott, die Idee Gottes im Gegensatz zum Ideal Gottes, kann Teil jeder Religion werden, wie kindisch oder falsch diese auch immer sein mag. Und diese Idee Gottes kann zu allem werden, was ihre Verfechter aus ihr machen wollen. Die niedrigeren Religionen geben ihrer Gottesidee eine Form, die der natürlichen Verfassung des menschlichen Herzens entgegenkommt; die höheren Religionen verlangen, dass das menschliche Herz sich ändere, um den Ansprüchen der Ideale wahrer Religion gerecht zu werden.

160:5.7

Jesu Religion geht weit über alle unsere früheren Vorstellungen von der Idee der Anbetung hinaus, indem er seinen Vater nicht nur als das Ideal der unendlichen Realität darstellt, sondern mit Bestimmtheit erklärt, dass diese göttliche Quelle aller Werte und ewiger Mittelpunkt des Universums wahrhaftig von jedem sterblichen Geschöpf persönlich erreicht werden kann, das sich auf Erden zum Eintritt ins Königreich des Himmels entscheidet und sich damit zur Annahme der Gottessohnschaft und der Brüderlichkeit unter den Menschen bekennt. Das, behaupte ich, ist die höchste Vorstellung von Religion, die die Welt je gekannt hat, und ich erkläre, dass es nie eine höhere geben kann, da dieses Evangelium die Unendlichkeit der Realitäten, die Göttlichkeit der Werte und die Ewigkeit universalen Vollbringens umfasst. Eine solche Vorstellung bedeutet, die Erfahrung des Idealismus des Supremen und Ultimen zu machen.

160:5.8

Nicht nur faszinieren mich die vollkommenen Ideale der Religion eures Meisters, sondern es drängt mich auch sehr stark, meinen Glauben an seine Erklärung zu bekennen, dass diese Ideale geistiger Realitäten erreichbar sind ; dass ihr und ich uns auf dieses lange und ewige Abenteuer zufolge seiner Versicherung einlassen können, mit Bestimmtheit letztendlich vor den Pforten des Paradieses anzulangen. Meine Brüder, ich bin ein Glaubender, ich habe mich auf den Weg gemacht; ich bin mit euch in diesem ewigen Abenteuer unterwegs. Der Meister sagt, er sei vom Vater gekommen, und er wolle uns den Weg zeigen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass er die Wahrheit sagt. Ich bin der endgültigen Überzeugung, dass es keine erreichbaren Ideale der Realität oder Werte der Vollkommenheit gibt außer dem ewigen und Universalen Vater.

160:5.9

Ich komme, nicht nur den Gott der Existenzen anzubeten, sondern auch den Gott aller möglichen zukünftigen Existenzen. Deshalb muss eure Hingabe an ein höch­stes Ideal, wenn dieses wirklich sein soll, eine Hingabe an diesen Gott vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Universen von Dingen und Wesen sein. Und es gibt keinen anderen Gott, weil es die Möglichkeit eines anderen Gottes nicht gibt. Alle anderen Götter sind Phantasieprodukte, Trugbilder des sterblichen Verstandes, Verzerrungen einer falschen Logik und Idole, die diejenigen täuschen, die sie erschaffen haben. Zugegeben, ihr könnt eine Religion ohne diesen Gott haben, aber sie bedeutet rein gar nichts. Und wenn ihr versucht, das Wort Gott an die Stelle der Realität dieses Ideals des lebendigen Gottes zu setzen, begeht ihr nur Selbstbetrug, indem ihr ein Ideal, eine göttliche Realität, durch eine Idee ersetzt. Solche Arten von Glauben sind nur Religionen phantasievollen Wunschdenkens.

160:5.10

Ich sehe in Jesu Lehren die Religion auf ihrem höchsten Stand. Dieses Evangelium befähigt uns, den wahren Gott zu suchen und ihn zu finden. Aber sind wir bereit, den Eintrittspreis für das Königreich zu bezahlen? Sind wir bereit, von neuem geboren zu werden? neu geschaffen zu werden? Sind wir bereit, uns diesem schrecklichen und prüfungsreichen Prozess der Selbstzerstörung und der Seelenrekonstruktion zu unterwerfen? Hat nicht der Meister gesagt: ‚Wer sein Leben retten möchte, muss es verlieren. Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden zu bringen, sondern vielmehr seelischen Kampf“? Es ist wahr, dass wir, wenn wir einmal den Preis der Hingabe an des Vaters Willen entrichtet haben, in der Tat großen inneren Frieden erleben, vorausgesetzt, wir schreiten auf diesen geistigen Pfaden hingebungsvollen Lebens weiter.

160:5.11

Wir entsagen jetzt wirklich den Verlockungen der bekannten Existenz­ordnung und begeben uns rückhaltlos auf die Suche nach der lockenden, unbekannten und unerforschten Existenzordnung eines zukünftigen, abenteuerlichen Daseins in den Geistwelten des höheren Idealismus göttlicher Realität. Und wir suchen nach jenen Bedeutungssymbolen, die dazu angetan sind, unseren Mitmenschen diese Vorstellungen von der Realität des Idealismus der Religion Jesu zu vermitteln. Wir wollen unablässig für jenen Tag beten, an dem die ganze Menschheit von der gemeinsamen Vision dieser höchsten Wahrheit begeistert sein wird. Gerade jetzt ist unsere konzentrierte Vorstellung vom Vater, wie wir sie in unserem Herzen tragen, die, dass Gott Geist ist; und dass Gott Liebe ist, wenn wir ihn an unsere Mitmenschen weitergeben.

160:5.12

Jesu Religion will lebendig und geistig erfahren werden. Andere Religionen mögen aus traditionellem Glauben, emotionalen Gefühlen, philosophischem Bewusstsein und dergleichen mehr bestehen, aber die Lehre des Meisters erfordert das Erreichen von Ebenen wirklichen geistigen Fortschritts.

160:5.13

Sich des inneren Antriebs, Gott zu gleichen, bewusst zu sein, ist nicht wahre Religion. Die Gefühle einer emotionalen Anbetung Gottes sind nicht wahre Religion. Die bewusste Überzeugung, dem Selbst zu entsagen und Gott zu dienen, ist nicht wahre Religion. Die Weisheit der Begründung, dass diese Religion die beste von allen ist, ist nicht Religion als persönliche und geistige Erfahrung. Wahre Religion bezieht sich ebenso sehr auf die ewige Bestimmung und die Realität der Vollbringung wie auf die Realität und den Idealismus dessen, was mit dem Glauben von ganzem Herzen akzeptiert worden ist. Und all das muss uns persönlich vertraut werden durch die Offenbarung des Geistes der Wahrheit.

160:5.14

So endeten die Ausführungen des griechischen Philosophen, eines der größten seiner Rasse, der zum Glauben an das Evangelium Jesu gekommen war.


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