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Letzte Tage in Kapernaum

WÄHREND Jesus am Abend des 30. April, jenes ereignisreichen Samstags, Worte des Trostes und der Ermutigung zu seinen niedergeschlagenen und verstörten Jüngern sprach, fand in Tiberias zwischen Herodes Antipas und einer Gruppe von speziell beauftragten Repräsentanten des Sanhedrins von Jerusalem eine Beratung statt. Diese Schriftgelehrten und Pharisäer drängten Herodes, Jesus zu verhaften; sie taten ihr Möglichstes, um ihn davon zu überzeugen, dass Jesus das Volk zu Widerspruch, ja sogar Rebel­lion anstifte. Aber Herodes weigerte sich, gegen ihn als politischen Übeltäter vorzugehen. Die Berater des Herodes hatten ihm korrekt über das Ereignis am anderen Seeufer berichtet, als das Volk versucht hatte, Jesus zum König auszurufen, und wie dieser das Ansinnen zurückgewiesen habe.

154:0.2

Chuza, der dem Kabinett des Herodes angehörte und dessen Gattin ein Mitglied des dienenden Frauenkorps war, hatte ihn dahingehend informiert, dass Jesus nicht beabsichtige, sich in irdische Regierungsangelegenheiten einzumischen und sich einzig mit der Errichtung der geistigen Bruderschaft derer, die an ihn glaubten, befasse und dass er diese Bruderschaft das Königreich des Himmels nenne. Herodes vertraute Chuzas Berichten so sehr, dass er sich weigerte, Jesus in seiner Tätigkeit zu behindern. Herodes war zu dieser Zeit in seiner Haltung gegenüber Jesus auch durch seine abergläubische Furcht vor Johannes dem Täufer beeinflusst. Herodes war einer jener von ihrem Glauben abgefallenen Juden, die an nichts glaubten, aber sich vor allem fürch­teten. Er litt am schlechten Gewissen, Johannes hingerichtet zu haben, und er wollte nicht in diese Intrigen gegen Jesus verwickelt werden. Er wusste von vielen Krankheitsfällen, die Jesus, wie es schien, geheilt hatte und er hielt ihn entweder für einen Propheten oder für einen relativ harmlosen religiösen Fanatiker.

154:0.3

Als die Juden ihm androhten, Caesar davon zu unterrichten, dass er seine schützende Hand über einen verräterischen Untertan halte, wies Herodes sie aus seinem Beratungszimmer. Die Angelegenheit ruhte also eine Woche lang, und in dieser Zeit bereitete Jesus seine Anhänger auf die unmittelbar bevorstehende Versprengung vor.

1. Eine Woche der Beratungen

154:1.1

Vom 1. bis 7. Mai hielt Jesus im Hause des Zebedäus mit seinen Anhän­gern eingehenden Rat. Nur die erprobten und vertrauenswürdigen Jünger wurden zu diesen Besprechungen zugelassen. Zu dieser Zeit waren es nur etwa hundert Jünger, die den moralischen Mut aufbrachten, der Opposition der Pharisäer zu trotzen und sich offen zu Jesus zu bekennen. Mit dieser Schar hielt er morgens, nachmittags und abends Zusammenkünfte ab. Kleine Gruppen Interessierter versammelten sich jeden Nachmittag am Seeufer, wo einige der Evangelisten oder Apostel zu ihnen sprachen. Diese Gruppen zählten selten mehr als fünfzig Personen.

154:1.2

Am Freitag dieser Woche schlossen die Leiter der Synagoge von Kapernaum in einem offiziellen Schritt das Haus Gottes für Jesus und alle seine Anhänger. Diese Maßnahme geschah auf Veranlassung der Pharisäer von Jerusalem. Jairus trat als oberster Leiter zurück und schloss sich offen Jesus an.

154:1.3

Das letzte Treffen am Seeufer wurde am Sabbatnachmittag, dem 7. Mai, abgehalten. Jesus sprach zu weniger als hundertfünfzig Personen, die sich um diese Zeit versammelt hatten. An diesem Samstagabend hatten Jesus und seine Lehren in der wechselhaften Volksgunst ihren tiefsten Punkt erreicht. Von da an gab es ein stetiges langsames, aber gesünderes und verlässlicheres Wachstum an freundlicher Gesinnung. Eine neue Gefolgschaft wurde aufgebaut, die stärker auf geistigem Glauben und wahrer religiöser Erfahrung gründete. Das mehr oder weniger gemischte, auf Kompromissen beruhende Übergangsstadium von den materialistischen Auffassungen vom Königreich, denen des Meisters Jünger anhingen, zu den idealistischeren und vergeistigteren Vorstellungen, wie Jesus sie lehrte, war nun definitiv zu Ende. Das Evangelium vom Königreich wurde von da an offener, mit einem breiteren Horizont und mit all seinen unabsehbaren geistigen Implikationen verkündigt.

2. Eine Woche der Ruhe

154:2.1

Am Sonntag, dem 8. Mai 29, erließ der Sanhedrin in Jerusalem ein Dekret, das Jesus und seine Anhänger von sämtlichen Synagogen Palästinas ausschloss. Das war eine neue, nie dagewesene widerrechtliche Aneignung von Autorität durch den Sanhedrin von Jerusalem. Bis dahin hatte jede Synagoge als unabhängige Gemeinde von Gläubigen existiert und funktioniert und war der Aufsicht und Leitung ihrer eigenen Behörde unterstellt gewesen. Nur Jerusalems Synagogen unterstanden der Autorität des Sanhedrins. Auf diese summarische Maßnahme des Sanhedrins hin traten fünf von dessen Mitgliedern zurück. Einhundert Kuriere wurden sofort abgesandt, um das Dekret zu überbringen und durchzusetzen. In der kurzen Spanne von nur zwei Wochen beugten sich sämtliche Synagogen Palästinas mit Ausnahme derjenigen von Hebron der Verfügung des Sanhedrins. Die Leiter der Synagoge von Hebron weigerten sich, das Recht des Sanhedrins anzuerkennen, eine derartige Gerichtsbarkeit über ihre Versammlung auszuüben. Dieser Weigerung, dem Dekret aus Jerusalem zuzustimmen, lag mehr die Streitfrage wegen der Autonomie ihrer Gemeinde als Sympathie für die Sache Jesu zugrunde. Kurz danach wurde die Synagoge von Hebron durch Feuer zerstört.

154:2.2

Am selben Sonntagmorgen kündigte Jesus eine Ferienwoche an. Er forderte all seine Jünger auf, nach Hause oder zu ihren Freunden zu gehen, ihren erregten Gemütern Ruhe zu gönnen und zu ihren Lieben Worte der Ermutigung zu sprechen. Er sagte: „Geht nun ein jeder nach Hause zum Spielen oder Fischen, und betet für die Ausbreitung des Königreichs.“

154:2.3

Diese Woche der Ruhe verschaffte Jesus die Gelegenheit, viele Familien und Gruppen am Seeufer zu besuchen. Verschiedentlich ging er auch mit David Zebedäus fischen. Wenn er auch viele Zeit alleine umherging, hielten sich doch stets zwei oder drei von Davids vertrauenswürdigsten Boten versteckt in der Nähe auf, die von ihrem Vorgesetzten genaue Anweisungen für Jesu Sicherheit erhalten hatten. Es gab während dieser Ruhewoche keine öffentliche Unterweisung irgendwelcher Art.

154:2.4

In derselben Woche lagen Nathanael und Jakobus Zebedäus recht schwer erkrankt darnieder. Drei Tage und Nächte lang litten sie an einer akuten, schmerzhaften Verdauungsstörung. In der dritten Nacht schickte Jesus Salome, die Mutter von Jakobus, zur Ruhe und sorgte selber für seine leidenden Apostel. Jesus hätte diese beiden Männer selbstverständlich sofort heilen können, aber dies ist nicht des Sohnes oder des Vaters Methode im Umgang mit den gewöhnlichen Schwierigkeiten und Leiden der Menschenkinder auf den evolutionären Welten von Zeit und Raum. Während seines ganzen bewegten Erdenlebens kam Jesus nicht ein einziges Mal irgendeinem seiner irdischen Familienmitglieder oder einem seiner unmittelbaren Anhänger auf übernatürliche Weise zu Hilfe.

154:2.5

Universums-Schwierigkeiten und planetarischen Hindernissen muss man als einem Teil der Erfahrungsschule begegnen, die für das Wachstum, die Entfaltung und progressive Vervollkommung der sich entwickelnden Seelen der sterblichen Geschöpfe vorgesehen ist. Die Vergeistigung der menschlichen Seele verlangt eine gründliche Erfahrung mit der erzieherisch wirkenden Lösung eines breiten Fächers wahrer universeller Probleme. Die tierische Natur und die niedrigeren Formen der Willensgeschöpfe entwickeln sich nicht günstig in einer bequemen Umwelt. Problematische Situationen gepaart mit Anreizen, sich anzustrengen, wirken dahin, jene Verstandes-, Seelen- und Geistestätigkeiten zu wecken, welche sehr stark zur Erreichung lohnender Ziele menschlichen Fortschritts und höherer Ebenen geistiger Bestimmung beitragen.

3. Die zweite Konferenz in Tiberias

154:3.1

Auf den 16. Mai wurde die zweite Konferenz zwischen den Behörden von Jerusalem und Herodes Antipas nach Tiberias einberufen. Neben den religiösen waren auch die politischen Führer Jerusalems anwesend. Die jüdischen Führer waren in der Lage, Herodes zu berichten, dass sowohl in Galiläa als auch in Judäa praktisch alle Synagogen für Jesu Lehren verschlossen waren. Sie bemühten sich erneut, Herodes dazu zu bewegen, Jesus in Haft zu nehmen, aber er weigerte sich, ihrer Forderung zu entsprechen. Am 18. Mai indessen willigte er in den Plan ein, der Behörde des Sanhedrins zu erlauben, Jesus zu ergreifen, ihn nach Jerusalem zu bringen und ihm dort aufgrund religiöser Anklagen den Prozess zu machen, vorausgesetzt, der römische Herrscher von Judäa gebe seine Zustimmung zu einer solchen Übereinkunft. Mittlerweile streuten Jesu Feinde in Galiläa eifrig das Gerücht aus, Herodes sei Jesus nunmehr feindlich gesinnt und beabsichtige, alle auszurotten, die an seine Lehren glaubten.

154:3.2

Am Samstagabend, dem 21. Mai, traf in Tiberias die Nachricht ein, dass die zivilen Behörden in Jerusalem keinen Einwand gegen die zwischen Herodes und den Pharisäern getroffene Abmachung erhöben, Jesus zu ergreifen, nach Jerusalem zu bringen und ihm vor dem Sanhedrin den Prozess aufgrund der Anklage zu machen, die heiligen Gesetze der jüdischen Nation zu verhöhnen. Demzufolge unterzeichnete Herodes kurz vor Mitternacht desselben Tages ein Dekret, das die Beamten des Sanhedrins ermächtigte, Jesus auf dem Gebiet des Herodes festzunehmen und ihn mit Gewalt zur Aburteilung nach Jerusalem zu führen. Von vielen Seiten wurde auf Herodes starker Druck ausgeübt, bevor er sich zu dieser Bewilligung bereit fand, wobei er genau wusste, dass Jesus von Seiten seiner erbitterten Feinde in Jerusalem keinen gerechten Prozess erwarten konnte.

4. Am Samstagabend in Kapernaum

154:4.1

Am selben Samstagabend kam in Kapernaum eine Gruppe von fünfzig führenden Bürgern in der Synagoge zusammen, um die folgenschwere Frage zu besprechen: „Was sollen wir mit Jesus tun?“ Sie sprachen und debattierten bis nach Mitternacht, konnten aber keinen gemeinsamen Nenner für eine Übereinkunft finden. Mit Ausnahme einiger weniger, die dazu neigten, Jesus für den Messias oder wenigstens einen heiligen Mann oder vielleicht einen Propheten zu halten, war die Versammlung in vier ungefähr gleich starke Gruppen gespalten, die folgende Ansichten über Jesus vertraten:

154:4.2

1. Er sei ein harmloser religiöser Fanatiker, der sich selber etwas vormache.

154:4.3

2. Er sei ein gefährlicher und intriganter Agitator, der einen Volksaufstand anzetteln könnte.

154:4.4

3. Er sei mit Teufeln im Bunde oder gar selber ein Teufelsfürst.

154:4.5

4. Er sei nicht bei Sinnen, verrückt, geistig nicht im Gleichgewicht.

154:4.6

Es wurde auch viel über die in Jesu Predigten enthaltenen Lehren gesprochen, die für das einfache Volk verwirrend seien; seine Feinde behaupteten, dass seine Lehren theoretisch seien und alles auseinander bräche, wenn jeder ernstlich versuchen wollte, seinen Ideen gemäß zu leben. Und die Menschen mancher späterer Generationen haben dasselbe gesagt. Selbst im aufgeklärteren Zeitalter dieser Offenbarungen behaupten viele intelligente und wohlmeinende Menschen, die moderne Zivilisation hätte nicht auf den Lehren Jesu aufgebaut werden können – und sie haben teilweise recht. Aber all diese Zweifler vergessen, dass auf seinen Lehren eine viel bessere Zivilisation hätte aufgebaut werden können – und eines Tages aufgebaut werden wird. Diese Welt hat nie ernsthaft versucht, die Lehren Jesu im großen Maßstab anzuwenden, obwohl oft halbherzige Versuche unternommen worden sind, die Lehren des so genannten Christentums zu befolgen.

5. Der ereignisreiche Sonntagmorgen

154:5.1

Der 22. Mai war ein bewegter Tag im Leben Jesu. An diesem Sonntagmorgen noch vor Tagesanbruch traf in großer Eile einer von Davids Boten aus Tiberias mit der Nachricht ein, dass Herodes die Verhaftung Jesu durch die Beamten des Sanhedrins angeordnet habe oder dabei sei, sie zu verfügen. Als David Zebedäus die Nachricht von der unmittelbar drohenden Gefahr empfangen hatte, ließ er seine Boten wecken und schickte sie zu allen Jüngergruppen des Ortes, um diese noch am selben Morgen auf sieben Uhr zu einer Dringlichkeitsberatung zusammenzurufen. Als die Schwägerin von Jude (des Bruders Jesu) diese alarmierende Botschaft erhielt, benachrichtigte sie eilends alle Mitglieder der Familie Jesu, die in der Nähe wohnten, und forderte sie auf, sich unverzüglich im Hause des Zebedäus zu versammeln. Auf diesen dringenden Ruf hin fanden sich dort sehr bald Maria, Jakobus, Joseph, Jude und Ruth ein.

154:5.2

An dieser frühmorgendlichen Zusammenkunft gab Jesus den versammelten Jüngern seine Abschiedsinstruktionen, d. h. er nahm vorläufig von ihnen Abschied, wohl wissend, dass sie bald von Kapernaum weg zerstreut würden. Er wies sie alle an, Gott um Führung zu bitten und die Arbeit für das Königreich ohne Rücksicht auf die Konsequenzen weiterzuführen. Die Evangelisten sollten nach ihrem Gutdünken so lange weiterarbeiten, bis sie gerufen würden. Er wählte zwölf Evangelisten aus, um ihn zu begleiten; den zwölf Aposteln gebot er, bei ihm zu bleiben, was auch immer geschehen mochte. Die zwölf Frauen wies er an, in den Häusern von Zebedäus und Petrus zu bleiben, bis er nach ihnen schicken würde.

154:5.3

Jesus war damit einverstanden, dass David Zebedäus seinen landesweiten Botendienst aufrechterhalte. Als David bald darauf vom Meister Abschied nahm, sagte er: „Geh an dein Werk, Meister. Lass die Frömmler dich nicht fangen, und zweifle nie daran, dass die Boten dir überallhin folgen werden. Meine Leute werden nie den Kontakt mit dir verlieren, und durch sie wirst du über das Königreich in anderen Teilen des Landes Bescheid wissen, und durch sie werden wir alles über dich erfahren. Nichts, was mir zustoßen sollte, wird diesen Dienst beeinträchtigen können, denn ich habe einen ersten und einen zweiten, ja sogar einen dritten Leiter bestimmt. Ich bin weder ein Lehrer noch ein Prediger, aber es liegt mir am Herzen, dies zu tun, und niemand kann mich daran hindern.“

154:5.4

Gegen sieben Uhr dreißig begann Jesus an diesem Morgen seine Abschieds­worte an fast hundert Gläubige zu richten, die sich im Hause drängten, um ihn zu hören. Alle Anwesenden empfanden den feierlichen Ernst des Anlasses, aber Jesus schien ungewöhnlich fröhlich; er war wieder ganz er selber. Der seit Wochen währende Ernst war von ihm gewichen, und er inspirierte sie alle durch seine Worte des Glaubens, der Hoffnung und des Mutes.

6. Jesu Familie trifft ein

154:6.1

Es war etwa acht Uhr an diesem Sonntagmorgen, als auf die dringende Aufforderung von Judes Schwägerin hin fünf Mitglieder der irdischen Familie Jesu am Ort des Geschehens eintrafen. Von seiner ganzen irdischen Familie glaubte einzig Ruth von ganzer Seele und beständig an die Göttlichkeit seiner Sendung auf Erden. Jude und Jakobus, und sogar Joseph bewahrten noch viel von ihrem Glauben an Jesus, aber sie hatten ihrem Stolz erlaubt, ihre bessere Einsicht und ihre wahren geistigen Neigungen zu verdunkeln. Ebenso wurde Maria hin- und hergerissen zwischen Liebe und Furcht, zwischen Mutterliebe und Familienstolz. Obwohl Zweifel ihr zusetzten, konnte sie den Besuch Gabriels vor Jesu Geburt nie ganz vergessen. Die Pharisäer hatten Maria bearbeitet, um sie davon zu überzeugen, dass Jesus nicht bei Sinnen, ja verrückt sei. Sie drangen in sie, mit ihren Söhnen zu ihm zu gehen, um ihn von weiteren Bemühungen, in der Öffentlichkeit zu predigen, abzubringen. Sie versicherten Maria, dass Jesus bald einen gesundheitlichen Zusammenbruch erleiden werde, und dass nur Schande und Entehrung über die ganze Familie kommen könne, wenn sie ihm erlaubten, so fortzufahren. Und so machten sich alle fünf, als sie von Judes Schwägerin die Nachricht erhielten, sofort auf den Weg zum Hause des Zebedäus, denn sie befanden sich noch alle in Marias Haus, wo sie sich am Abend zuvor mit den Pharisäern getroffen hatten. Sie hatten mit den Führern aus Jerusalem bis spät in die Nacht hinein gesprochen, und alle waren mehr oder weniger davon überzeugt, dass Jesus befremdlich handle, nun schon seit einiger Zeit in seltsamer Weise. Obwohl sich Ruth nicht sein ganzes Verhalten erklären konnte, betonte sie nachdrücklich, dass er seine Familie immer fair behandelt habe, und widersetzte sich dem Vorhaben, einen Versuch zu unternehmen, ihn von weiterer Tätigkeit abzubringen.

154:6.2

Unterwegs zum Haus des Zebedäus besprachen sie diese Dinge und kamen untereinander überein zu versuchen, Jesus zu überreden, mit ihnen nach Hause zu kommen, denn, so sagte Maria: „Ich weiß, ich könnte meinen Sohn beeinflussen, wenn er nur heimkommen und auf mich hören wollte.“ Jakobus und Judas waren Gerüchte über die Pläne zu Ohren gekommen, Jesus zu verhaften und ihn in Jerusalem vor Gericht zu bringen. Sie fürchteten auch für ihre eigene Sicherheit. Solange Jesus in den Augen der Öffentlichkeit eine populäre Erscheinung war, ließ seine Familie den Dingen ihren Lauf, aber jetzt, da die Bevölkerung von Kapernaum und die Führer in Jerusalem sich plötzlich gegen ihn gewandt hatten, begannen sie, die angebliche Schande ihrer peinlichen Stellung stark zu empfinden.

154:6.3

Sie hatten gehofft, Jesus zu treffen, ihn beiseite zu nehmen und ihn zu drängen, mit ihnen nach Hause zu kommen. Sie hatten vorgehabt, ihm zu versichern, sie würden vergessen, dass er sie vernachlässigt hatte – sie würden vergeben und vergessen –, wenn er nur die Torheit aufgeben wollte, eine neue Religion zu predigen, die ihm selber nur Schwierigkeiten und seiner Familie nur Unehre einbringen konnte. Zu alledem sagte Ruth nur soviel: „Ich will meinem Bruder sagen, dass ich ihn für einen Mann Gottes halte, und dass ich hoffe, er werde eher bereit sein zu sterben, als diesen verruchten Pharisäern zu erlauben, seinem Predigen ein Ende zu bereiten.“ Joseph versprach, dafür zu sorgen, dass Ruth schweige, während die anderen Jesus bearbeiteten.

154:6.4

Als sie beim Hause des Zebedäus ankamen, befand sich Jesus mitten in seiner Abschiedsansprache an seine Jünger. Sie versuchten, sich Eintritt ins Haus zu verschaffen, aber es war schon überfüllt. Schließlich stellten sie sich an den hinteren Eingang und ließen die Kunde von ihrer Ankunft von einem zum anderen bis zu Simon Petrus weitersagen, welcher Jesus, dessen Ansprache unterbrechend, zuflüsterte: „Schau, deine Mutter und deine Brüder warten draußen, und sie möchten dich unbedingt sprechen.“ Nun kam es seiner Mutter nicht in den Sinn, wie wichtig diese Abschiedsbotschaft für seine Anhänger war, auch ahnte sie nicht, dass seiner Rede durch die Ankunft der Häscher jeden Augenblick ein Ende gesetzt werden konnte. Nach einer so langen offensichtlichen Entfremdung und angesichts der Tatsache, dass sie und seine Brüder ihm die Gunst erwiesen, zu ihm zu kommen, dachte sie wirklich, Jesus werde zu sprechen aufhören und ihnen entgegeneilen, sowie er hörte, dass sie auf ihn warteten.

154:6.5

Dies war lediglich ein weiteres Beispiel von vielen, bei denen seine irdische Familie nicht verstehen konnte, dass er sich um seines Vaters Angelegenheiten kümmern musste. Und so waren Maria und seine Brüder tief verletzt, als er zwar innehielt, um die Botschaft entgegenzunehmen, aber nicht gleich zu ihnen hinausstürzte, um sie zu begrüßen. Stattdessen hörten sie seine wohlklingende Stimme etwas lauter sagen: „Sagt meiner Mutter und meinen Brüdern, sie sollen sich nicht um mich ängstigen. Der Vater, der mich in die Welt gesandt hat, wird mich nicht verlassen, noch wird meiner Familie irgendein Leid zustoßen. Sagt ihnen, sie sollen guten Mutes sein und ihr Vertrauen in den Vater des Königreichs setzen. Aber wer ist letzten Endes meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Und indem er seine Hände allen im Raum versammelten Jüngern entgegenstreckte, sprach er: „Ich habe keine Mutter; ich habe keine Brüder. Seht hier meine Mutter und seht hier meine Brüder! Denn wer immer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester.“

154:6.6

Als Maria diese Worte hörte, brach sie in den Armen Judes zusammen. Man trug sie in den Garten hinaus, um sie wieder zu beleben, während Jesus die Schlussworte seiner Abschiedsbotschaft sprach. Er wäre gleich darauf hinausgegangen, um mit seiner Mutter und seinen Brüdern zu sprechen; aber da traf in großer Hast ein Bote aus Tiberias mit der Nachricht ein, dass die Beamten des Sanhedrins unterwegs und befugt seien, Jesus zu verhaften und ihn nach Jerusalem zu bringen. Andreas empfing diese Botschaft, unterbrach Jesus und teilte sie ihm mit.

154:6.7

Andreas erinnerte sich nicht daran, dass David rund um das Haus des Zebedäus an die fünfundzwanzig Wachen aufgestellt hatte und niemand sie überraschen konnte, und so fragte er Jesus, was zu tun sei. Der Meister stand schweigend da, während sich seine Mutter im Garten vom Schock der Worte „Ich habe keine Mutter“ erholte. Genau in diesem Augenblick erhob sich eine Frau im Raum und rief aus: „Gesegnet sei der Schoß, der dich trug und gesegnet seien die Brüste, die dich genährt haben.“ Für einen Augenblick wandte sich Jesus von seiner Besprechung mit Andreas ab, um der Frau zu antworten: „Nein, gesegnet ist vielmehr derjenige, der auf Gottes Wort hört und es wagt, ihm zu gehorchen.“

154:6.8

Maria und Jesu Brüder dachten, Jesus verstehe sie nicht, er interessiere sich nicht mehr für sie, und hatten keine Ahnung, dass sie es waren, die Jesus nicht verstanden. Jesus verstand völlig, wie schwierig es für Menschen ist, mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Er wusste, wie menschliche Wesen durch eines Predigers Beredsamkeit mitgerissen werden, wie das Bewusstsein auf einen Gefühlsappell und der Verstand auf Logik und Vernunft reagieren, aber er wusste auch, wie unendlich viel schwieriger es ist, die Menschen davon zu überzeugen, die Vergangenheit loszulassen.

154:6.9

Es ist ewig wahr, dass, wer immer sich missverstanden oder nicht anerkannt glaubt, in Jesus einen mitfühlenden Freund und verständnisvollen Ratgeber besitzt. Er hatte seine Apostel davor gewarnt, dass jemand seine eigenen Hausgenossen zu Feinden haben könnte, aber er hatte sich dabei wohl kaum vorgestellt, wie nahe diese Vorhersage seiner eigenen Erfahrung kommen würde. Jesus hatte seine irdische Familie nicht verlassen, um seines Vaters Werk zu tun – sie verließ ihn. Als Jakobus später, nach des Meisters Tod und Auferstehung, mit der jungen christlichen Bewegung in Verbindung kam, litt er unsäglich darunter, dass er es versäumt hatte, sich dieses frühen Kontaktes mit Jesus und seinen Jüngern zu erfreuen.

154:6.10

Jesus hatte beschlossen, sich einzig von dem beschränkten Wissen seines menschlichen Verstandes durch diese Ereignisse führen zu lassen. Er wünschte, diese Erfahrung mit seinen Mitarbeitern als ein bloßer Mensch zu machen. Und Jesus hatte sich in seinem menschlichen Verstand vorgenommen, seine Familie vor seinem Weggang zu sehen. Er wollte seine Rede nicht in der Mitte abbrechen und somit ihre erste Begegnung nach einer so langen Trennung zu einer öffentlichen Angelegenheit machen. Er hatte beabsichtigt, seine Ansprache zu beenden und alsdann vor seinem Weggehen noch mit ihnen zu sprechen, aber dieser Plan wurde durch das Dazwischentreten der unmittelbar folgenden Ereignisse durchkreuzt.

154:6.11

Die Überstürztheit ihrer Flucht wurde durch die Ankunft eines Teils von Davids Boten am hinteren Eingang von Zebedäus’ Haus noch größer. Die Bewegung, die diese Männer auslösten, weckte in den Aposteln die Furcht, die Neuankömmlinge seien ihre Häscher, und aus Angst vor einer sofortigen Verhaftung eilten sie durch den vorderen Eingang zum wartenden Boot hinaus. Und all das erklärt, wieso Jesus seine Familie, die am hinteren Eingang wartete, nicht mehr sah.

154:6.12

Aber während er in eiliger Flucht das Boot bestieg, sagte er zu David Zebedäus: „Sag meiner Mutter und meinen Brüdern, dass ich dankbar bin über ihr Kommen und dass es meine Absicht war, sie zu sehen. Ermahne sie, an mir keinen Anstoß zu nehmen, sondern vielmehr nach der Erkenntnis von Gottes Willen zu streben und nach Gnade und Mut, diesen Willen zu tun.“

7. Die überstürzte Flucht

154:7.1

Und so begann Jesus am Sonntagmorgen, dem 22. Mai des Jahres 29, mit seinen zwölf Aposteln und den zwölf Evangelisten die überstürzte Flucht vor den Beamten des Sanhedrins, die sich auf dem Wege nach Bethsaida befanden, um ihn mit Ermächtigung des Herodes Antipas zu verhaften und ihn wegen Gotteslästerung und anderer Verletzungen der heiligen Gesetze der Juden zur Aburteilung nach Jerusalem zu bringen. Es war gegen halb neun an diesem schönen Morgen, als die fünfundzwanzigköpfige Mannschaft sich an die Ruder setzte und dem Ostufer des Galiläischen Meeres zustrebte.

154:7.2

Dem Boot des Meisters folgte ein zweites, kleineres Boot mit sechs von Davids Läufern an Bord, die Anweisung hatten, den Kontakt mit Jesus und seinen Mitarbeitern aufrechtzuerhalten und regelmäßig für die Übermittlung von Nachrichten über ihren Verbleib und ihre Sicherheit nach Bethsaida ins Haus des Zebedäus zu sorgen, das seit geraumer Zeit als Hauptquartier für die Arbeit des Königreichs diente. Aber nie wieder sollte Jesus bei Zebedäus ein Zuhause finden. Von jetzt an, während des ganzen Rests seines Erdenlebens, hatte der Meister wahrhaftig „keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte“. Nie mehr besaß er etwas, das auch nur entfernt einem festen Wohnsitz ähnlich war.

154:7.3

Sie ruderten hinüber bis in die Nähe des Dorfes Kheresa, gaben ihr Schiff in die Obhut von Freunden und begannen mit den Wanderungen dieses letzten ereignis­­reichen Jahres von Jesu Erdenleben. Sie hielten sich eine Zeit lang im Hoheits­­bereich des Philippus auf, indem sie sich von Kheresa aus nach Cäsarea-Philippi begaben und sich von dort der phönizischen Küste zuwandten.

154:7.4

Die Menge stand noch um das Haus des Zebedäus herum und schaute zu, wie die beiden Boote über den See auf das östliche Ufer zusteuerten, und diese hatten bereits einen schönen Vorsprung, als die Beamten aus Jerusalem herangeeilt kamen und die Suche nach Jesus aufnahmen. Sie wollten es nicht wahrhaben, dass er ihnen entwischt war. Und während Jesus mit seinen Leuten durch Batanea nordwärts wanderte, verbrachten die Pharisäer und ihre Helfer fast eine ganze Woche mit der vergeblichen Suche nach ihm in der Umgebung von Kapernaum.

154:7.5

Jesu Familie kehrte in ihr Heim nach Kapernaum zurück und brachte hier fast eine Woche mit Reden, Diskutieren und Beten zu. Ihre Verwirrung und Bestürzung war groß. Ihre Gemüter kamen nicht vor Donnerstagnachmittag zur Ruhe, als Ruth von einem Besuch im Hause des Zebedäus zurückkehrte, wo sie von David erfahren hatte, dass ihr Vater-Bruder in Sicherheit und bei guter Gesundheit auf dem Wege zur phönizischen Küste sei.


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