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Schrift 147

Der Zwischenbesuch in Jerusalem

JESUS und die Apostel langten in Kapernaum am Mittwoch, dem 17. März, an und verbrachten zwei Wochen im Hauptquartier von Bethsaida, bevor sie nach Jerusalem abreisten. In diesen zwei Wochen lehrten die Apostel das Volk am Seeufer, während Jesus viel Zeit allein in den Bergen mit den Angelegenheiten seines Vaters zubrachte. In dieser Zeit machte er in Begleitung von Jakobus und Johannes Zebedäus zwei heimliche Besuche in Tiberias, wo sie mit Gläubigen zusammentrafen und sie im Evangelium des Königreichs unterrichteten.

147:0.2

Viele Angehörige der Hofhaltung des Herodes glaubten an Jesus und wohnten diesen Begegnungen bei. Der Einfluss dieser Gläubigen im offiziellen Gefolge des Herodes hatte dazu beigetragen, die Feindschaft des Herrschers gegenüber Jesus zu verringern. Diese Gläubigen von Tiberias hatten Herodes völlig klargemacht, dass das von Jesus verkündigte „Königreich“ geistiger Natur und kein politisches Abenteuer war. Diesen Angehörigen seines eigenen Hauses schenkte Herodes eher Glauben und ließ sich deshalb nicht übermäßig beunruhigen, als sich die Berichte über Jesu Lehr- und Heiltätigkeit verbreiteten. Er hatte gegen Jesu Wirken als Heiler und religiöser Lehrer nichts einzuwenden. Trotz der positiven Einstellung vieler Berater des Herodes und sogar seiner selbst gab es eine Gruppe von Untergebenen, die so sehr unter dem Einfluss der religiösen Führer in Jerusalem standen, dass sie bittere und bedrohliche Feinde Jesu und der Apostel blieben und später viel unternahmen, um deren öffentliche Tätigkeit zu behindern. Die größte Gefahr für Jesus ging von den religiösen Führern in Jerusalem aus, und nicht von Herodes. Und das war der Grund, weshalb Jesus und die Apostel so viel Zeit in Galiläa zubrachten und hier die meisten ihrer öffentlichen Predigten hielten anstatt in Jerusalem und Judäa.

1. Der Diener des Zenturios

147:1.1

Ein Tag bevor sie sich zur Abreise nach Jerusalem für das Passahfest bereitmachten, kam Mangus, ein Zenturio oder Hauptmann der in Kapernaum stationierten römischen Garde, zu den Synagogenvorstehern und sagte: „Meine treue Ordonnanz ist krank und dem Tod nahe. Würdet ihr daher in meinem Namen zu Jesus gehen und ihn inständig bitten, meinen Diener zu heilen?“ Der römische Hauptmann handelte so, weil er dachte, die jüdischen Oberen hätten bei Jesus größeren Einfluss. Also suchten die Ältesten Jesus auf, und ihr Sprecher sagte: „Lehrer, wir bitten dich dringend, nach Kapernaum hinüberzukommen und den Lieblingsdiener des römischen Zenturios zu retten, der deine Beachtung verdient, denn er liebt unsere Nation und hat sogar die Synagoge erbaut, in der du so oft gesprochen hast.“

147:1.2

Nachdem Jesus sie angehört hatte, sagte er: „Ich will mit euch gehen.“ Und er ging mit ihnen zum Haus des Zenturios. Aber noch ehe sie dessen Hof betreten hatten, schickte der römische Soldat Jesus seine Freunde zur Begrüßung entgegen und trug ihnen auf zu sagen: „Herr, mach dir nicht die Mühe, mein Haus zu betreten, denn ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach trittst. Auch hielt ich mich nicht für wert, zu dir zu kommen; deshalb habe ich die Ältesten deines eigenen Volkes zu dir gesandt. Aber ich weiß, dass du dort, wo du stehst, das Wort sprechen kannst, und mein Diener wird geheilt sein. Denn ich selber unterstehe dem Befehl anderer, und ich habe Soldaten unter mir, und ich sage zum einen ‚Geh‘, und er geht, und zum anderen ‚Komm‘, und er kommt, und zu meinen Dienern ‚Tut dies und das‘, und sie tun es.“

147:1.3

Als Jesus diese Worte hörte, drehte er sich um und sagte zu seinen Aposteln und denen, die bei ihnen waren: „Ich staune über den Glauben dieses Heiden. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so großen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ Dann wandte er sich vom Haus ab und sagte: „Lasst uns weggehen.“ Und die Freunde des Zenturios kehrten ins Haus zurück und berichteten Mangus, was Jesus gesagt hatte. Und von der Stunde an begann es dem Diener besser zu gehen, und er erlangte schließlich wieder seine normale Gesundheit und Arbeits­fähigkeit.

147:1.4

Wir haben aber nie erfahren, was sich bei dieser Gelegenheit zugetragen hat. Dies ist einfach der Bericht; und ob unsichtbare Wesen dem Diener des Zenturios Heilung gebracht haben oder nicht, wurde denen, die Jesus begleiteten, nicht enthüllt. Wir wissen nur von der Tatsache der vollständigen Genesung des Dieners.

2. Die Reise nach Jerusalem

147:2.1

Früh am Dienstagmorgen, dem 30. März, brachen Jesus und die apostolische Gruppe zu ihrer Reise zum Passahfest nach Jerusalem auf, wobei sie den Weg durch das Jordantal einschlugen. Sie langten am Freitagnachmittag, dem 2. April an und schlugen ihr Hauptquartier wie gewohnt in Bethanien auf. Als sie durch Jericho kamen, legten sie eine Ruhepause ein, während Judas einen Teil ihrer gemeinsamen Geldmittel in der Bank eines Freundes seiner Familie hinterlegte. Es war das erste Mal, dass Judas einen Geldüberschuss mit sich führte, und diese Einlage blieb unangetastet, bis sie auf ihrer letzen und ereignisreichen Reise nach Jerusalem unmittelbar vor Jesu Prozess und Tod wieder durch Jericho kamen.

147:2.2

Die Reise nach Jerusalem verlief für die Gruppe ohne Zwischenfälle; aber kaum hatten sie sich in Bethanien niedergelassen, als sich von nah und fern Menschen in solcher Zahl anzusammeln begannen, die Heilung für ihren Körper, Trost für ihr sorgenvolles Gemüt und Rettung für ihre Seele suchten, dass Jesus wenig Zeit zum Ausruhen fand. Deshalb schlugen sie in Gethsemane Zelte auf, und der Meister ging zwischen Bethanien und Gethsemane hin und her, um der Menge auszuweichen, die ihn unablässig belagerte. Die apostolische Gruppe verbrachte fast drei Wochen in Jerusalem, aber Jesus schärfte ihnen ein, nicht öffentlich zu predigen, sondern nur privat zu unterweisen und persönlich zu arbeiten.

147:2.3

Sie feierten Passah ruhig in Bethanien. Es war das erste Mal, dass Jesus und alle Zwölf an einem Passahfest ohne Blutvergießen teilnahmen. Die Apostel des Johannes aßen das Passahmahl nicht mit Jesus und seinen Aposteln; sie feierten das Fest mit Abner und vielen, die als Erste an Johannes Predigten glaubten. Es war das zweite Passahfest, das Jesus mit seinen Aposteln in Jerusalem feierte.

147:2.4

Als Jesus und die Zwölf nach Kapernaum aufbrachen, kehrten die Apostel des Johannes nicht mit ihnen zurück. Unter der Leitung Abners blieben sie in Jerusalem und Umgebung und arbeiteten ruhig an der Ausbreitung des Königreichs weiter, während Jesus und die Zwölf an ihre Aufgabe in Galiläa zurückkehrten. Die Vierundzwanzig waren bis kurz vor der Ernennung und Aussendung der siebzig Evangelisten nie mehr alle vereint. Aber beide Gruppen arbeiteten zusammen, und trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten herrschte meist bestes Einvernehmen zwischen ihnen.

3. Am Teich von Bethesda

147:3.1

Als sich der Meister und die Apostel am Nachmittag des zweiten Sabbats in Jerusalem eben anschickten, am Tempelgottesdienst teilzunehmen, sagte Johannes zu Jesus: „Komm mit mir, ich möchte dir etwas zeigen.“ Johannes führte Jesus durch eines der Tore Jerusalems hinaus zu einem Bethesda genannten Teich. Rund um diesen Teich herum stand ein Bau mit fünf überdachten Hallen, unter denen sich eine große Zahl Leidender aufhielt, die Heilung suchten. Hier entsprang eine heiße Quelle, deren rötlich gefärbtes Wasser infolge von Gasansammlungen in den unter dem Teich gelegenen Felshöhlen in unregelmäßigen Abständen aufbrodelte. Viele glaubten, dieses periodische Aufwallen warmen Wassers sei übernatürlichen Einflüssen zuzuschreiben, und der Volksglaube sagte, dass der erste, der nach einem solchen Ausstoß ins Wasser stieg, von welchen Gebrechen auch immer geheilt werde.

147:3.2

Infolge der Einschränkungen, die Jesus ihnen auferlegt hatte, waren die Apostel ziemlich unruhig, und Johannes, der Jüngste der Zwölf, war wegen dieser Einengung besonders rastlos. Er hatte Jesus zu dem Teich geführt, weil er dachte, der Anblick der versammelten Leidenden würde stark an das Mitleid des Meisters appellieren und ihn zu einer Wunderheilung bewegen, worüber ganz Jerusalem in Erstaunen geriete und sogleich für den Glauben an das Evangelium vom Königreich gewonnen würde. Johannes sprach zu Jesus: „Meister, schau dir all diese Leidenden an; können wir nichts für sie tun?“ Und Jesus erwiderte: „Johannes, warum willst du mich in Versuchung führen, vom Weg, den ich gewählt habe, abzuweichen? Warum wünschst du immer noch, die Verkündigung des Evangeliums der ewigen Wahrheit durch Vollbringen von Wundern und Krankenheilungen zu ersetzen? Mein Sohn, ich darf das, was du wünschst, nicht tun, aber rufe diese Kranken und Bekümmerten zusammen, damit ich Worte der Ermutigung und des ewigen Trostes zu ihnen spreche.“

147:3.3

Zu den um ihn Versammelten sagte Jesus: „Viele von euch sind hier, krank und leidgeplagt, weil ihr jahrelang falsch gelebt habt. Einige leiden durch die Wechselfälle der Zeit, andere infolge der Fehler ihrer Vorfahren, und einige von euch mühen sich ab mit den Behinderungen der mangelhaften Umstände eurer irdischen Existenz. Aber mein Vater arbeitet daran – wie auch ich es tun möchte – eure irdische Lage zu verbessern, aber ganz besonders, eure Stellung in der Ewigkeit zu sichern. Niemand von uns kann viel tun, um etwas an den Schwierigkeiten des Lebens zu ändern, es sei denn, wir entdeckten, dass der Vater im Himmel es so will. Letzten Endes sind wir alle gehalten, den Willen des Ewigen zu tun. Wenn ihr alle von euren körperlichen Leiden geheilt werden könntet, würdet ihr allerdings staunen, aber etwas noch viel Größeres wäre es, ihr würdet von aller geistigen Krankheit gereinigt und fändet euch von allen sittlichen Gebrechen geheilt. Ihr seid alle Kinder Gottes; ihr seid die Söhne des himmlischen Vaters. Ihr scheint unter dem Zwang der Zeit heimgesucht zu werden, aber der Gott der Ewigkeit liebt euch. Und wenn schließlich die Zeit des Gerichts kommt, dann fürchtet euch nicht; denn ihr werdet alle nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch reichlich Barmherzigkeit finden. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer das Evangelium des Königreichs hört und an diese Lehre der Gottessohnschaft glaubt, hat das ewige Leben; solche Gläubigen gehen bereits von Gericht und Tod zu Licht und Leben über. Und die Stunde naht, da sogar die Toten in ihren Gräbern die Stimme der Auferstehung hören werden.“

147:3.4

Und viele unter den Zuhörern glaubten an das Evangelium vom Königreich. Einige der Leidenden waren derart inspiriert und geistig neu belebt, dass sie überall verkündeten, sie seien auch von ihren körperlichen Krankheiten geheilt worden.

147:3.5

Ein Mann, der jahrelang niedergeschlagen gewesen war und schwer unter seinen Gemütsstörungen gelitten hatte, freute sich über Jesu Worte, hob sein Bett auf und ging nach Hause, obwohl es Sabbat war. Dieser geplagte Mann hatte all die Jahre hindurch darauf gewartet, dass jemand ihm helfe; er war dermaßen Opfer des Gefühls seiner eigenen Hilflosigkeit, dass er nicht ein einziges Mal auf den Gedanken verfallen war, sich selber zu helfen, was sich als einziges Mittel zur Genesung erwies – sein Bett aufzuheben und zu gehen.

147:3.6

Dann sagte Jesus zu Johannes: „Gehen wir, bevor die Obersten Priester und Schriftgelehrten uns überraschen und daran Anstoß nehmen, dass wir zu diesen Leidenden Worte des Lebens gesprochen haben.“ Und sie kehrten zu ihren Gefährten in den Tempel zurück, worauf sie alle für die Nacht nach Bethanien aufbrachen. Aber Johannes sagte den anderen Aposteln nie etwas von seinem Besuch mit Jesus am Teich von Bethesda an jenem Sabbatnachmittag.

4. Die Lebensregel

147:4.1

Als an diesem Sabbatabend Jesus, die Zwölf und eine Gruppe von Gläubigen in Lazarus‘ Garten um das Feuer herum versammelt waren, richtete Nathanael folgende Frage an Jesus: „Meister, obwohl du uns die positive Version der alten Lebensregel gelehrt und uns geboten hast, für andere zu tun, was wir wünschten, sie täten es für uns, erkenne ich nicht ganz, wie wir uns stets an eine solche Weisung halten können. Gestatte mir, meinen Einwand am Beispiel eines lüsternen Mannes zu erläutern, der die Gefährtin seiner Sünde in verwerflicher Absicht anschaut. Wie können wir lehren, dass dieser auf Übles sinnende Mann für andere tun sollte, was er wünscht, sie täten es für ihn?“

147:4.2

Als Jesus Nathanaels Frage vernahm, sprang er augenblicklich auf, zeigte mit dem Finger auf den Apostel und sagte: „Nathanael, Nathanael! Was für Gedanken gehen dir durch den Sinn? Nimmst du denn meine Lehren nicht wie ein aus dem Geiste Geborener auf? Vernehmt ihr die Wahrheit nicht wie Männer von Weisheit und geistigem Verstehen? Als ich euch aufforderte, für andere zu tun, was ihr wünschtet, sie täten es für euch, sprach ich zu Männern mit hohen Idealen, nicht zu solchen, die versucht wären, meine Lehre in einen Freibrief zur Ermunterung üblen Tuns zu verdrehen.“

147:4.3

Nachdem der Meister gesprochen hatte, stand Nathanael auf und sagte: „Aber Meister, du darfst nicht denken, dass ich eine solche Interpretation deiner Lehre gutheiße. Ich stellte die Frage nur, weil ich mutmaßte, dass viele solche Menschen deine Aufforderung in diesem Sinn missverstehen könnten, und ich hoffte, du würdest uns in diesen Fragen weitere Unterweisung geben.“ Nachdem sich Nathanael wieder gesetzt hatte, sprach Jesus weiter: „Ich weiß wohl, Nathanael, dass du in Gedanken so schlechte Ideen nicht gutheißt, aber ich bin enttäuscht, dass ihr alle so oft versagt, meinen Lehren alltäglicher Art eine echte geistige Deutung zu geben, meinen Unterweisungen, die in menschlicher Sprache und so, wie die Menschen sprechen, erteilt werden müssen. Ich will euch jetzt die unterschiedlichen Bedeutungsebenen zeigen, die mit der Auslegung dieser Lebensregel verbunden sind, der Ermahnung, für andere zu tun, was wir wünschten, sie täten es für uns:

147:4.4

1. Die Ebene des Fleisches. Für eine solche selbstsüchtige und lüsterne Interpretation wäre der in deiner Frage erwähnte Fall ein gutes Beispiel.

147:4.5

2. Die Ebene der Gefühle. Diese Ebene steht eine Stufe höher als jene des Fleisches. Sie bedeutet, dass jetzt Mitgefühl und Mitleid unsere Interpretation dieser Lebensregel heben.

147:4.6

3. Die gedankliche Ebene. Nun kommen die verstandesmäßige Vernunft und die aus Erfahrung schöpfende Einsicht ins Spiel. Gutes Urteilsvermögen gebietet, dass eine solche Lebensregel in Übereinstimmung mit dem höchsten Idealismus interpretiert wird, der sich in der Würde großer Selbstachtung kundgibt.

147:4.7

4. Die Ebene brüderlicher Liebe. Noch höher entdeckt man die Ebene selbstloser Hingabe an das Wohlergehen unserer Nächsten. Auf dieser höheren Stufe aufrichtigen sozialen Dienstes, der aus dem Bewusstsein der Vaterschaft Gottes und der daraus folgenden Erkenntnis der Bruderschaft der Menschen wächst, entdeckt man eine neue und noch viel schönere Auslegung dieser grundlegenden Lebensregel.

147:4.8

5. Die sittliche Ebene. Und dann, wenn ihr die wahren philosophischen Interpretationsebenen erreicht, wenn ihr einen wahren Einblick in die Richtigkeit und Falschheit von Dingen gewonnen und erkannt habt, dass menschliche Beziehungen ewig dauern, werdet ihr beginnen, ein solches Interpre­tations­problem so zu sehen, wie in eurer Vorstellung eine idealistische, weise und unvoreingenommene dritte Person von hoher Gesinnung eine solche Regel betrachten und auslegen würde, wenn sie auf eure persönlichen Probleme der Anpassung an eure Lebenlage anzuwenden wäre.

147:4.9

6. Die geistige Ebene. Und endlich erreichen wir die höchste von allen, die Ebene der Erkenntnis im Geist und der geistigen Interpretation, welche uns dazu bringt, in dieser Lebensregel das göttliche Geheiß zu erkennen, alle Menschen so zu behandeln, wie wir uns vorstellen, dass Gott sie behandeln würde. Das ist das im Universum geltende Ideal menschlicher Beziehungen. Und gerade das ist eure Haltung gegenüber allen derartigen Problemen, wenn es euer höchster Wunsch ist, stets den Willen des Vaters zu tun. Deshalb möchte ich, dass ihr für alle Menschen das tut, wovon ihr wisst, ich täte es unter den gleichen Umständen auch für sie.“

147:4.10

Nichts, was Jesus seinen Aposteln bis dahin gesagt hatte, hatte sie in größeres Erstaunen versetzt. Lange nachdem der Meister sich zurückgezogen hatte, fuhren sie immer noch fort, seine Worte zu diskutieren. Obwohl Nathanael sich nur langsam von seiner Befürchtung erholte, Jesus habe den Sinn seiner Frage missverstanden, waren die übrigen ihrem philosophischen Apostelgefährten mehr als dankbar, dass er den Mut gehabt hatte, eine das Nachdenken so sehr herausfordernde Frage zu stellen.

5. Auf Besuch bei Simon dem Pharisäer

147:5.1

Obwohl Simon nicht dem jüdischen Sanhedrin angehörte, war er ein einflussreicher Pharisäer von Jerusalem. Er glaubte halbherzig, und obwohl er sich dadurch womöglich ernster Kritik aussetzte, wagte er es, Jesus und seine persönlichen Begleiter Petrus, Jakobus und Johannes in sein Heim zu einem geselligen Mahl einzuladen. Simon hatte den Meister seit langem beobachtet und war von seinen Lehren, aber noch viel mehr von seiner Persönlichkeit sehr beeindruckt.

147:5.2

Die reichen Pharisäer waren eifrig im Almosengeben, und sie scheuten sich nicht, die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihre Menschenliebe zu lenken. Manchmal ließen sie es sogar durch Trompetenstöße verkünden, wenn sie vorhatten, irgendeinem Bettler eine Wohltat zu erweisen. Wenn diese Pharisäer für vornehme Gäste ein Bankett gaben, war es Sitte, die Türen des Hauses offen zu lassen, so dass sogar die Straßenbettler hereinkommen und hinter den Lagern der Tafelnden an den Wänden des Raumes entlang herumstehen konnten, um Essensreste aufzufangen, die ihnen etwa von Bankettteilnehmern zugeworfen wurden.

147:5.3

Bei diesem besonderen Anlass in Simons Haus befand sich unter denen, die von der Straße hereingekommen waren, eine Frau von zweifelhaftem Ruf, die seit kurzem an die gute Botschaft des Evangeliums des Königreichs glaubte. In ganz Jerusalem war diese Frau bekannt als vormalige Inhaberin eines sogenannten Edelbordells, das ganz in der Nähe des Tempelhofs der Heiden lag. Als sie sich zu Jesu Lehre bekannte, schloss sie den Ort ihres schändlichen Gewerbes und bewog die Mehrzahl der mit ihr verbundenen Frauen, die Frohe Botschaft anzunehmen und ihre Lebensweise zu ändern; trotzdem brachten die Pharisäer ihr weiterhin große Verachtung entgegen und zwangen sie, ihr Haar offen zu tragen – das Kennzeichen der Hure. Diese nicht mit Namen genannte Frau hatte eine große Flasche eines wohlriechenden Salböls mitgebracht. Und während sie hinter Jesus stand, der zum Mahl hingelagert war, begann sie, seine Füße einzuölen. Dabei vergoss sie Tränen der Dankbarkeit, die seine Füße benetzten, und sie wischte sie mit ihren Haaren ab. Als sie mit der Salbung zu Ende war, fuhr sie fort, zu weinen und seine Füße zu küssen.

147:5.4

Als Simon all das sah, dachte er bei sich: „Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, hätte er erkannt, wer und was für eine Art Frau sie ist, die ihn so berührt, und dass sie eine offenkundige Sünderin ist.“ Und Jesus, der wusste, was in Simon vorging, sagte mit erhobener Stimme: „Simon, ich möchte dir etwas sagen.“ Simon antwortete: „Lehrer, sprich.“ Da sagte Jesus: „Ein reicher Geldverleiher hatte zwei Schuldner. Der eine schuldete ihm fünfhundert Denare und der andere fünfzig. Als sie nun beide zahlungsunfähig waren, erließ er beiden die Schuld. Welcher von ihnen, denkst du, Simon, liebte ihn wohl mehr?“ Simon antwortete: „Ich denke, derjenige, dem er am meisten erließ.“ Und Jesus sagte: „Du hast richtig geurteilt“, und auf die Frau weisend, fuhr er fort: „Simon, schau dir diese Frau gut an. Ich habe dein Haus als geladener Gast betreten, aber du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben. Diese dankbare Frau hat meine Füße mit Tränen gewaschen und sie mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss zur freundlichen Begrüßung gegeben, aber diese Frau hat, seit sie hereingekommen ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt, aber sie hat meine Füße mit kostbaren Essenzen eingerieben. Und was für eine Bedeutung hat das alles? Ganz einfach, dass ihre vielen Sünden vergeben worden sind, und das hat sie dazu geführt, so sehr zu lieben. Aber jene, die nur wenig Vergebung empfangen haben, lieben manchmal nur wenig.“ Und indem er sich der Frau zuwandte, nahm er sie bei der Hand, hob sie auf und sprach: „Du hast deine Sünden tatsächlich bereut, und sie sind dir vergeben. Lass dich durch die gedankenlose und unfreundliche Haltung deiner Mitmenschen nicht entmutigen; geh deines Weges in der Freude und Freiheit des Königreichs.“

147:5.5

Als Simon und seine Freunde, die mit ihm beim Mahl saßen, diese Worte hörten, wuchs ihr Erstaunen, und sie begannen untereinander zu flüstern: „Wer ist dieser Mann, dass er es sogar wagt, Sünden zu vergeben?“ Als Jesus ihr Gemurmel hörte, wandte er sich um, die Frau zu verabschieden, und sagte: „Frau, gehe in Frieden; dein Glaube hat dich gerettet.“

147:5.6

Als sich Jesus mit seinen Freunden zum Weggehen erhob, wandte er sich zu Simon und sprach: „Ich kenne dein Herz, Simon, und wie du zwischen Glauben und Zweifeln hin- und hergerissen wirst, wie sehr Furcht dich beunruhigt und Stolz dir zu schaffen macht; aber ich bete für dich, dass du dich dem Lichte öffnen und bei deiner hohen gesellschaftlichen Stellung derart mächtige Wandlungen an Sinn und Geist erleben mögest, dass sie sich den gewaltigen Veränderungen vergleichen lassen, die das Evangelium des Königreichs im Herzen deines ungebetenen und unerwünschten Gastes bereits bewirkt hat. Und ich erkläre euch allen, dass der Vater die Tore des himmlischen Königreichs allen geöffnet hat, die den Glauben haben einzutreten, und kein Mensch und keine Menschengemeinschaft können diese Tore verschließen, auch nicht vor der demütigsten Seele oder dem angeblich krassesten Sünder auf Erden, wenn diese den aufrichtigen Wunsch haben einzutreten.“ Und Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes verabschiedeten sich von ihrem Gastgeber und begaben sich zu den übrigen Aposteln ins Lager von Gethsemane.

147:5.7

Am selben Abend richtete Jesus an die Apostel die lange unvergessenen Worte über den relativen Wert der Stellung vor Gott und den Fortschritt im ewigen Aufstieg zum Paradies. Jesus sagte: „Meine Kinder, wenn zwischen Kind und Vater eine wahre und lebendige Beziehung besteht, dann ist das Kind sicher, ständige Fortschritte in Richtung der Ideale des Vaters zu machen. Zugegeben, das Kind macht vielleicht am Anfang nur langsame Fortschritte, aber der Fortschritt ist nichtsdestoweniger sicher. Das Entscheidende ist nicht die Geschwindigkeit eures Fortschritts, sondern seine Gewissheit. Was ihr gegenwärtig vollbringt, ist weniger wichtig, als die Tatsache, dass die Richtung eures Fortschritts gottwärts weist. Was ihr Tag für Tag werdet, ist von unendlich größerer Wichtigkeit, als was ihr heute seid.

147:5.8

Die verwandelte Frau, die einige von euch heute bei Simon gesehen haben, lebt gegenwärtig auf einer viel tieferen Ebene als Simon und seine wohlmeinenden Freunde. Aber während diese Pharisäer den falschen illusionären Fortschritt verfolgen, indem sie die trügerischen Kreise bedeutungsloser zeremonieller Handlungen durchschreiten, hat sich diese Frau allen Ernstes auf die lange und bewegte Suche nach Gott gemacht; und ihr Pfad himmelwärts ist nicht durch geistigen Hochmut und moralische Selbstzufriedenheit versperrt. Die Frau ist, menschlich gesprochen, viel weiter weg von Gott als Simon, aber ihre Seele ist in fortschreitender Bewegung; sie ist unterwegs zu einem ewigen Ziel. In dieser Frau stecken gewaltige geistige Möglichkeiten für die Zukunft. Es mag sein, dass sich einige von euch gegenwärtig nicht auf einer hohen seelischen und geistigen Ebene befinden, aber ihr macht täglich Fortschritte auf dem lebendigen Weg, der sich dank eures Glaubens zu Gott hin geöffnet hat. Gewaltige Möglichkeiten für die Zukunft liegen in jedem von euch. Es ist bei weitem besser, einen kleinen, aber lebendigen und wachsenden Glauben zu besitzen, als einen großen Intellekt mit seiner toten Ansammlung von weltlicher Weisheit und geistigem Unglauben.“

147:5.9

Aber Jesus warnte seine Apostel ernsthaft vor der Torheit eines Gottes­kindes, das des Vaters Liebe ausnützt. Er erklärte, dass der himmlische Vater kein laxer, lockerer und törichterweise nachsichtiger Vater ist, stets bereit, Sünden zu verzeihen und Leichtsinn zu vergeben. Er riet seinen Zuhörern, sich davor zu hüten, seine Beispiele von Vater und Sohn fälschlicherweise so zu deuten, dass der Anschein erweckt würde, als gleiche Gott allzu nachsichtigen und unweisen Eltern, die sich mit der Torheit der Erde verschworen haben, um den sittlichen Ruin ihrer gedankenlosen Kinder herbeizuführen, und die auf diese Weise mit Sicherheit und direkt zur Straffälligkeit und frühen Demoralisierung ihres eigenen Nachwuchses beitragen. Jesus sagte: „Mein Vater vergibt seinen Kindern nicht nachsichtig Handlungen und Gewohnheiten, die selbstzerstörerisch sind und jedes sittliche Wachstum und jeden geistigen Fortschritt töten. Sündige Handlungen solcher Art sind in Gottes Augen ein Greuel.“

147:5.10

Bevor Jesus mit seinen Aposteln schließlich nach Kapernaum aufbrach, nahm er an vielen anderen halbprivaten Zusammenkünften und Banketten mit Hohen und Niedrigen, Reichen und Armen von Jerusalem teil. Und viele von ihnen begannen in der Tat, an das Evangelium vom Königreich zu glauben, und wurden in der Folge von Abner und seinen Gefährten getauft, die zurückblieben, um die Interessen des Königreichs in Jerusalem und Umgebung zu fördern.

6. Auf dem Rückweg nach Kapernaum

147:6.1

In der letzten Aprilwoche verließen Jesus und die Zwölf ihr Hauptquartier in Bethanien bei Jerusalem und begannen ihre Rückreise nach Kapernaum über Jericho und den Jordan.

147:6.2

Die obersten Priester und religiösen Führer der Juden hielten viele geheime Zusammenkünfte ab, um zu entscheiden, was mit Jesus zu geschehen habe. Sie stimmten alle darin überein, dass etwas unternommen werden müsse, um seiner Lehrtätigkeit ein Ende zu setzen, aber sie konnten sich nicht auf die Vorgehensweise einigen. Sie hatten gehofft, dass die zivilen Behörden sich seiner so entledigen würden, wie Herodes dem Johannes ein Ende bereitet hatte, aber sie entdeckten, dass Jesus sich bei seiner Arbeit so verhielt, dass die römischen Beamten durch sein Predigen nicht sonderlich beunruhigt wurden. Deshalb wurde am Tag vor Jesu Abreise nach Kapernaum bei einem Treffen beschlossen, ihn auf Grund einer religiösen Anklage zu verhaften und ihm vor dem Sanhedrin den Prozess zu machen. Also ernannten sie eine Kommission von sechs geheimen Spionen, die Jesus folgen, seine Worte und Taten beobachten und mit ihrem Bericht nach Jerusalem zurückkehren sollten, wenn sie genügend Beweise für Gesetzesbruch und Gotteslästerung zusammengetragen hätten. Diese sechs Juden holten die etwa dreißig Mitglieder zählende apostolische Gruppe bei Jericho ein und schlossen sich unter dem Vorwand, sie wünschten Jünger zu werden, Jesu Familie von Anhängern an. Sie blieben bis zum Beginn der zweiten Predigtrundreise in Galiläa bei der Gruppe, worauf drei von ihnen nach Jerusalem zurückkehrten, um ihren Bericht den obersten Priestern und dem Sanhedrin zu unterbreiten.

147:6.3

Petrus predigte an der Jordanfurt zu der versammelten Menge, und am nächsten Morgen zogen sie flussaufwärts in Richtung Amathus. Sie hatten vor, geradewegs nach Kapernaum weiterzugehen, aber es strömte hier eine derartige Menge zusammen, dass sie drei Tage blieben und predigten, lehrten und tauften. Erst am frühen Sabbatmorgen, dem ersten Maitag, brachen sie nach Hause auf. Die Spione aus Jerusalem waren sicher, nun in den Besitz ihres ersten Anklagepunktes gegen Jesus – nämlich des Sabbatbruchs – zu kommen, da er sich angemaßt hatte, seine Reise an einem Sabbattag zu beginnen. Aber sie sollten enttäuscht werden, denn kurz vor ihrer Abreise rief Jesus Andreas zu sich und gab ihm in Gegenwart aller die Anweisung, nur neunhundert Meter weit zu gehen, die jüdische gesetzliche Reisestrecke am Sabbattag.

147:6.4

Aber die Spione brauchten nicht lange auf eine Gelegenheit zu warten, Jesus und seine Gefährten des Sabbatbruchs zu bezichtigen. Während die Gruppe der schmalen Straße folgte, stand der wogende Weizen, der gerade heranreifte, auf beiden Seiten dicht am Weg, und da einige Apostel Hunger verspürten, pflückten sie vom reifen Korn und aßen es. Es war üblich, dass Reisende von dem Korn pflückten, das am Wegrand wuchs, und deshalb war mit einem solchen Verhalten kein Gedanke an ein Vergehen verbunden. Aber die Spione ergriffen die Gelegenheit als Vorwand, um Jesus anzugreifen. Als sie sahen, wie Andreas das Korn in seiner Hand zerrieb, gingen sie zu ihm und sagten: „Weißt du nicht, dass es ungesetzlich ist, an einem Sabbattag Korn zu pflücken und zu zerreiben?“ Andreas gab zur Antwort: „Aber wir sind hungrig und zerreiben gerade soviel, wie wir brauchen; und seit wann ist es eine Sünde, am Sabbattag Korn zu essen?“ Aber die Pharisäer antworteten: „Du begehst nichts Schlechtes, wenn du isst, aber du brichst in der Tat das Gesetz, wenn du das Korn pflückst und in deinen Händen zerreibst; bestimmt würde dein Meister solches Tun missbilligen.“ Da sagte Andreas: „Aber wenn nichts falsch daran ist, das Korn zu essen, dann ist das Zerreiben in unseren Händen kaum mehr Arbeit als das Kauen des Korns, das ihr erlaubt; wozu diese Haarspaltereien um Nichtigkeiten?“ Aber als Andreas sie der Haarspalterei zieh, waren sie empört und stürzten zu Jesus, der weiter hinten ging und mit Matthäus sprach. Sie protestierten mit den Worten: „Sieh, Lehrer, deine Apostel tun, was an einem Sabbattag gesetzwidrig ist; sie pflücken, zerreiben und essen Korn. Wir sind sicher, dass du ihnen befehlen wirst, damit aufzuhören.“ Da sagte Jesus zu den Anklägern: „Ihr seid in der Tat eifrig auf das Gesetz bedacht, und ihr tut gut, euch des Sabbattags zu erinnern, um ihn heilig zu halten; aber habt ihr nie in den Schriften gelesen, dass David eines Tages, als er hungrig war, mit seinen Gefährten in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, was das Gesetz niemandem außer den Priestern gestattete? Und David gab das Brot auch denen zu essen, die bei ihm waren. Und habt ihr in unserem Gesetz nicht gelesen, dass es erlaubt ist, am Sabbattag viele nützliche Dinge zu tun? Und werde ich euch nicht noch vor Ablauf des Tages das verzehren sehen, was ihr als Tagesbedarf mitgebracht habt? Meine guten Männer, ihr tut gut daran, euch eifrig für den Sabbat einzusetzen, aber ihr tätet noch besser daran, über Gesundheit und Wohlbefinden eurer Mitmenschen zu wachen. Ich erkläre, dass der Sabbat für den Menschen geschaffen wurde, und nicht der Mensch für den Sabbat. Und wenn ihr hier unter uns seid, um auf meine Worte aufzupassen, dann erkläre ich offen, dass der Menschensohn auch Herr über den Sabbat ist.“

147:6.5

Die Pharisäer waren erstaunt und beschämt ob seiner Worte des Scharf­blicks und der Weisheit. Den Rest des Tages über blieben sie unter sich und wagten nicht, weitere Fragen zu stellen.

147:6.6

Jesu Widerstand gegen die jüdischen Traditionen und sklavischen Zeremo­nien war immer positiv. Er bestand in dem, was er tat und bejahte. Der Meister verlor nur wenig Zeit mit negativem Verurteilen. Er lehrte, dass die, die Gott kennen, sich der Freiheit des Lebens erfreuen können, ohne sich selber zu betrügen mit sündiger Zügellosigkeit. Jesus sagte zu den Aposteln: „Freunde, wenn ihr von der Wahrheit erleuchtet seid und wirklich wisst, was ihr tut, seid ihr gesegnet; aber wenn ihr den göttlichen Weg nicht kennt, seid ihr bedauernswert und bereits Gesetzesbrecher.“

7. Zurück in Kapernaum

147:7.1

Am Montag, dem 3. Mai gegen Mittag, langten Jesus und die Zwölf von Tarichäa kommend mit dem Boot in Bethsaida an. Sie hatten das Boot genommen, um ihren Mitreisenden zu entrinnen. Aber am nächsten Tag hatten diese einschließlich der offiziellen Spione aus Jerusalem Jesus wieder ausfindig gemacht.

147:7.2

Am Donnerstagabend hielt Jesus eine seiner üblichen Frage- und Ant­wortstunden ab, als der Führer der sechs Spione zu ihm sagte: „Ich habe heute mit einem Jünger des Johannes gesprochen, der hier bei deinem Unterricht zugegen ist, und wir konnten einfach nicht verstehen, wieso du deinen Jüngern nie zu fasten und zu beten gebietest, so wie wir Pharisäer fasten und wie Johannes seinen Anhängern zu tun gebot.“ Und Jesus, auf eine Erklärung des Johannes anspielend, antwortete dem Fragesteller: „Fasten denn die Brautführer, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam unter ihnen weilt, können sie schwerlich fasten. Aber die Zeit kommt, da der Bräutigam weggenommen werden wird, und dann werden die Brautführer ohne Zweifel fasten und beten. Das Beten ist den Kindern des Lichts selbstverständlich, aber das Fasten ist kein Teil des Evangeliums vom Königreich des Himmels. Ich erinnere euch daran, dass kein vernünftiger Schneider einen neuen, noch nicht eingelaufenen Stoff auf ein altes Kleid aufnäht aus Furcht, dieser könnte sich, einmal nass geworden, zusammenziehen und einen noch schlimmeren Riss verursachen. Ebenso wenig füllt man neuen Wein in alte Schläuche, damit der neue Wein nicht die Schläuche zum Platzen bringt und Wein und Schläuche verloren gehen. Ein kluger Mann füllt den jungen Wein in neue Weinschläuche. Deshalb handeln meine Jünger weise, wenn sie nicht zu vieles aus der alten Ordnung in die neue Lehre des Evangeliums vom Königreich einbringen. Ihr, die ihr euren Lehrer verloren habt, mögt mit Recht eine Zeit lang fasten. Das Fasten mag ein nützlicher Teil des mosaischen Gesetzes sein, aber im kommenden Königreich werden die Söhne Gottes das Befreitsein von Furcht und die Freude im göttlichen Geist erfahren.“ Und als sie diese Worte hörten, fühlten sich die Jünger des Johannes beruhigt, während die Pharisäer nur umso betretener waren.

147:7.3

Dann ging der Meister dazu über, seine Hörer vor der Vorstellung zu warnen, dass sämtliche alten Lehren vollständig durch neue ersetzt werden müssten. Er sagte: „Was alt und auch wahr ist, soll bestehen bleiben. Ebenso muss Neues aber Falsches abgelehnt werden. Habt hingegen den Glauben und den Mut, das anzunehmen, was neu und auch wahr ist. Denkt daran, dass geschrieben steht: ,Lasse einen alten Freund nicht im Stich, denn der neue lässt sich ihm nicht vergleichen. Ein neuer Freund ist wie junger Wein, wenn er alt wird, wirst du ihn mit Freuden trinken.‘“

8. Das Festmahl der geistigen Güte

147:8.1

Lange, nachdem sich die üblichen Zuhörer zurückgezogen hatten, fuhr Jesus an jenem Abend fort, seine Apostel zu unterrichten. Er begann diese besondere Unterweisung mit einem Zitat aus dem Propheten Jesaja:

147:8.2

„‚Warum habt ihr gefastet? Wieso quält ihr eure Seelen, während ihr fortfahrt, euch an Unterdrückung zu freuen und an Ungerechtigkeit zu ergötzen? Seht, ihr fastet, um zu streiten und zu hadern und schlagt mit gottloser Faust zu. Aber ihr dürft nicht auf diese Weise fasten, wenn ihr wollt, dass eure Stimmen im Himmel gehört werden.‘

147:8.3

‚Habe ich solch ein Fasten gewollt – einen Tag, an dem der Mensch seine Seele betrübe? Muss er sein Haupt wie eine Binse beugen und in Sack und Asche herumkriechen? Wagt ihr, so etwas Fasten und einen dem Herrn angenehmen Tag zu nennen? Sollte ich nicht eher diese Art des Fastens vorziehen: die Ketten der Bosheit zu sprengen, die Knoten schwerer Bürden zu lösen, die Unter­drückten frei zu lassen und jedes Joch zu zerbrechen? Soll ich nicht eher mein Brot mit den Hungrigen teilen und die Obdachlosen und Armen in mein Haus bringen? Und wenn ich Nackte sehe, will ich sie bekleiden.‘

147:8.4

‚Dann wird euer Licht hervorbrechen wie der Morgen und ihr werdet schnell vor Gesundheit sprühen. Eure Rechtschaffenheit wird euch vorausgehen und die Herrlichkeit des Herrn eure Nachhut sein. Dann werdet ihr den Herrn anrufen, und er wird antworten; ihr werdet nach ihm schreien, und er wird sagen: Hier bin ich. Und all das wird er tun, wenn ihr von Unterdrückung, Verurteilung und Eitelkeit ablasst. Der Vater wünscht vielmehr, dass ihr euer Herz den Hungrigen öffnet und die niedergeschlagenen Seelen aufrichtet; dann wird euer Licht in der Finsternis leuchten, und sogar eure Dunkelheit wird wie der helle Mittag sein. Dann wird der Herr euch unablässig führen, eure Seele erquicken und eure Kraft erneuern. Ihr werdet wie ein bewässerter Garten werden, wie eine Quelle, deren Wasser nie versiegt. Und diejenigen, die so handeln, werden die vergangene Herrlichkeit wiederherstellen; sie werden die Fundamente für viele Generationen legen, und man wird sie Wiederaufrichter zerfallener Mauern nennen und Wiederhersteller sicherer Pfade, an denen man sich niederlassen kann.‘“

147:8.5

Und danach legte Jesus seinen Aposteln bis tief in die Nacht hinein die Wahrheit dar, dass es ihr Glaube ist, der ihnen Sicherheit im gegenwärtigen und zukünftigen Königreich gibt, und nicht die Zerknirschung ihrer Seele oder das Fasten ihres Körpers. Er forderte die Apostel auf, wenigstens gemäß den Ideen des Propheten von einst zu leben, und drückte die Hoffnung aus, sie möchten sich weit über die Ideale Jesajas und der älteren Propheten hinaus entwickeln. Seine letzten Worte an diesem Abend waren: „Wachset in der Gnade durch einen lebendigen Glauben, der die Tatsache erfasst, dass ihr die Söhne Gottes seid, und der zugleich in jedem Menschen seinen Bruder erkennt.“

147:8.6

Als Jesus zu sprechen aufhörte, war es nach zwei Uhr morgens, und jeder begab sich zu seinem Lager.


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