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Erste Predigtrundreise durch Galiläa

DIE erste öffentliche Predigtrundreise durch Galiläa begann am Sonntag, dem 18. Januar 28 n. Chr., dauerte etwa zwei Monate und endete mit der R­ückkehr nach Kapernaum am 17. März. Auf dieser Reise predig­ten Jesus und die zwölf Apostel, unterstützt von den früheren Aposteln des Johannes, das Evangelium und tauften Gläubige in Rimmon, Jotapata, Ramah, Zebulon, Iron, Gischala, Chorazin, Madon, Cana, Nain und Endor. In diesen Städten hielten sie sich länger auf und lehrten, während sie an vielen kleineren Orten das Evangelium des Königreichs nur auf der Durchreise verkündigten.

146:0.2

Das war das erste Mal, dass Jesus seinen Mitarbeitern ohne Einschränkung zu predigen erlaubte. Während dieser Reise warnte er sie nur bei drei Gelegen­heiten; er ermahnte sie, sich von Nazareth fern zu halten und unauffällig durch Kapernaum und Tiberias zu ziehen. Es war für die Apostel eine Quelle großer Befriedigung, endlich das Gefühl zu haben, ohne Beschränkung predigen und lehren zu dürfen, und mit großem Ernst und freudig stürzten sie sich in ihre Aufgabe, das Evangelium zu predigen, die Kranken zu stärken und Gläubige zu taufen.

1. Sie predigen in Rimmon

146:1.1

In der kleinen Stadt Rimmon hatte man einstmals Ramman, einen babylonischen Gott der Luft, verehrt. Manche der früheren babylonischen und späteren zoroastrischen Lehren waren immer noch Teil des Glaubens der Rimmoniten; deshalb widmeten Jesus und die Vierundzwanzig viel von ihrer Zeit der Aufgabe, den Unterschied zwischen diesen älteren Glaubensvorstellungen und dem neuen Evangelium des Königreichs klar zu machen. Petrus hielt hier eine der großen Predigten seiner frühen Laufbahn über „Aaron und das Goldene Kalb“.

146:1.2

Obwohl viele Bürger von Rimmon an Jesu Lehren zu glauben begannen, bereiteten sie ihren Brüdern in späteren Jahren große Unannehmlichkeiten. Es ist schwierig, Naturanbeter in der kurzen Spanne eines einzigen Lebens zu vollen Teilnehmern an der Verehrung eines geistigen Ideals zu bekehren.

146:1.3

Manche der besseren babylonischen und persischen Vorstellungen von Licht und Dunkel, Gut und Böse und Zeit und Ewigkeit wurden später den Lehren des sogenannten Christentums einverleibt, und ihre Einbeziehung machte die christlichen Lehren für die Völker des Nahen Ostens annehmbarer. In gleicher Weise machte der Einschluss vieler platonischer Theorien über den idealen Geist oder die unsichtbaren Urbilder aller sichtbaren und materiellen Dinge, wie Philo sie später der hebräischen Theologie anpasste, die christlichen Lehren des Paulus den westlichen Griechen zugänglicher.

146:1.4

Hier in Rimmon hörte Todan zum ersten Mal das Evangelium des Königreichs, und er trug diese Botschaft später nach Mesopotamien und noch weit darüber hinaus. Er war einer der ersten, die den Menschen jenseits des Euphrats die gute Nachricht predigten.

2. In Jotapata

146:2.1

Die einfachen Leute von Jotapata hörten Jesus und seinen Aposteln mit Freuden zu und viele nahmen das Evangelium des Königreichs an; aber Jesu Darlegungen vor den Vierundzwanzig am zweiten Abend ihres Aufenthalts in dieser kleinen Stadt zeichneten die Mission in Jotapata besonders aus. In Nathanaels Kopf herrschte Verwirrung über des Meisters Lehren bezüglich Gebet, Danksagen und Anbetung, und in Erwiderung auf seine Frage gab der Meister weitere, sehr ausführliche Erläuterungen zu seinen Lehren. Wir legen diese Ansprache in moderner Ausdrucksweise zusammengefasst und mit besonderer Betonung auf den folgenden Punkten vor:

146:2.2

1. Wenn der Mensch in seinem Herzen bewusst und dauernd frevelt, kommt es zu einer allmählichen Zerstörung der Gebetsverbindung der menschlichen Seele mit den Geistkreisläufen der Kommunikation zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Natürlich hört Gott die Bitte seines Kindes, aber wenn das menschliche Herz vorsätzlich und beharrlich frevlerische Vorstellungen unterhält, folgt daraus allmählich der Verlust der persönlichen Kommunikation zwischen dem Erdenkind und seinem himmlischen Vater.

146:2.3

2. Ein mit den bekannten und verankerten Gesetzen Gottes nicht zu vereinbarendes Gebet ist den Gottheiten des Paradieses ein Gräuel. Will der Mensch nicht auf die Götter hören, wenn sie durch die Gesetze des Geistes, des Verstandes und der Materie zu ihrer Schöpfung sprechen, hat ein solcher vorsätzlicher und bewusster Akt der Verachtung durch das Geschöpf zur Folge, dass die Geistpersönlichkeiten ihre Ohren vor den persönlichen Bitten solcher gesetzloser und ungehorsamer Sterblicher verschließen. Jesus zitierte für seine Apostel aus dem Propheten Zacharias: „Doch sie weigerten sich hinzuhören, wandten sich ab und verstopften ihre Ohren, um nicht hören zu müssen. Ja, sie machten ihr Herz hart wie Stein, um mein Gesetz und meine Worte nicht zu hören, die mein Geist ihnen durch die Propheten sandte; deshalb kam die Ernte ihrer schlechten Gedanken wie ein großer Zorn über ihre schuldigen Häupter. Und so geschah es, dass sie nach Barmherzigkeit schrien, aber da war kein offenes Ohr, sie zu hören.“ Und dann zitierte Jesus das Sprichwort des Weisen, der sagte: „Wer sein Ohr abwendet, um das göttliche Gesetz nicht zu hören, dessen Gebet sogar wird ein Gräuel sein.“

146:2.4

3. Durch Öffnen des menschlichen Endes des Kanals der Gott-Mensch-Verbindung machen die Sterblichen den für die Geschöpfe der Welt ununterbrochen fließenden Strom göttlicher Fürsorge für sich augenblicklich nutzbar. Wenn der Mensch in seinem Herzen Gottes Geist sprechen hört, dann ist in einer solchen Erfahrung die Tatsache enthalten, dass Gott gleichzeitig das Gebet dieses Menschen hört. Sogar die Vergebung der Sünden geschieht in derselben unfehlbaren Weise. Der Vater im Himmel hat euch schon vergeben, bevor ihr daran gedacht habt, ihn darum zu bitten, aber diese Vergebung wird euch in eurer persönlichen religiösen Erfahrung nicht eher zuteil, als bis ihr euren Mitmenschen verziehen habt. Gottes Vergebung als Tatsache hängt nicht davon ab, ob ihr euren Nächsten verzeiht, aber in der Erfahrung hängt sie genau davon ab. Und diese Tatsache der Gleichzeitigkeit von göttlicher und menschlicher Vergebung, ihre enge Beziehung, war als solche im Gebet anerkannt, das Jesus die Apostel lehrte.

146:2.5

4. Es gibt im Universum ein grundlegendes Gesetz der Gerechtigkeit, das zu umgehen Barmherzigkeit keine Macht hat. Ein durch und durch egoistisches Geschöpf der Zeit-Raum-Welten kann unmöglich die selbstlosen Herrlichkeiten des Paradieses empfangen. Selbst Gottes unendliche Liebe kann keinem sterblichen Geschöpf, das sich nicht für das Weiterleben entscheidet, das Heil des ewigen Lebens aufzwingen. Das Walten der Barmherzigkeit hat einen großen Spielraum, aber letzten Endes gibt es Gebote der Gerechtigkeit, die selbst Liebe im Verein mit Barmherzigkeit nicht wirksam außer Kraft zu setzen vermag. Und wiederum zitierte Jesus aus den hebräischen Schriften: „Ich habe gerufen, doch ihr habt euch geweigert zu hören; ich habe meine Hand ausgestreckt, aber niemand hat sie beachtet. Ihr habt all meinen Rat in den Wind geschlagen und all meine Rügen zurückgewiesen. Eure rebellische Haltung führt unvermeidlich dazu, dass ihr mich wohl anrufen, aber keine Antwort erhalten werdet. Da ihr den Weg des Lebens abgelehnt habt, mögt ihr mich in Zeiten der Not noch so eifrig suchen, aber ihr werdet mich nicht finden.“

146:2.6

5. Wer Barmherzigkeit empfangen möchte, muss Barmherzigkeit erweisen; richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Ihr werdet mit demselben Geist gerichtet werden, mit dem ihr andere richtet. Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit des Universums nicht ganz auf. Am Ende wird sich als wahr erweisen: „Wer sein Ohr vor dem Hilfeschrei des Armen verschließt, wird eines Tages auch um Hilfe schreien, und niemand wird ihn hören.“ In der Aufrichtigkeit eines Gebets liegt die Gewähr für seine Erhörung; geistige Weisheit und Übereinstimmung einer Bitte mit dem Universum sind bestimmend für Zeit, Art und Maß der Antwort. Ein weiser Vater antwortet nicht buchstäblich auf die törichten Bitten seiner unwissenden und unerfahrenen Kinder, obwohl die Kinder bei solchen absurden Bitten unter Umständen viel Freude und wahre innere Befriedigung empfinden mögen.

146:2.7

6. Wenn ihr euch ganz und gar der Erfüllung des Willens des himmlischen Vaters hingegeben habt, wird all euren Bitten eine Antwort zuteil, weil eure Gebete dann mit dem Willen des Vaters in völliger Übereinstimmung sind; und des Vaters Wille bekundet sich ständig überall in seinem gewaltigen Universum. Was der wahre Sohn wünscht und der unendliche Vater will, IST. Ein solches Gebet kann nicht unbeantwortet bleiben, und es ist unmöglich, dass einer anderen Art von Bitte voll stattgegeben werden kann.

146:2.8

7. Das Flehen des Rechtschaffenen ist der Glaubensakt eines Gottes­kindes, der die Tür zu des Vaters Vorratskammer von Güte, Wahrheit und Barm­herzigkeit öffnet. Diese guten Gaben haben seit langem darauf gewartet, dass der Sohn sich ihnen nähere und sie sich persönlich aneigne. Das Gebet ändert nicht die göttliche Einstellung zum Menschen, wohl aber des Menschen Einstellung zum unwandelbaren Vater. Der Beweggrund des Gebetes gibt ihm Wegerecht zum göttlichen Ohr, und nicht die gesellschaftliche, wirtschaftliche oder äußere religiöse Stellung des Betenden.

146:2.9

8. Das Gebet soll nicht dazu benutzt werden, Zeitverzögerungen zu vermeiden oder über räumliche Hindernisse hinwegzugehen. Das Gebet ist nicht vorgesehen als Methode zur Selbstverherrlichung oder zur Erlangung unrechtmäßiger Vorteile über seine Mitmenschen. Eine durch und durch selbstsüchtige Seele kann nicht im wahren Sinne des Wortes beten. Jesus sagte: „Der Charakter Gottes sei eure höchste Wonne, und er wird euch bestimmt eure aufrichtigen Herzenswünsche erfüllen.“ „Vertraut euren Weg dem Herrn an; verlasst euch auf ihn, und er wird handeln.“ „Denn der Herr hört den Ruf des Bedürftigen, und er wird dem Gebet des Notleidenden Beachtung schenken.“

146:2.10

9. „Ich bin vom Vater gekommen; fragt deshalb in meinem Namen, wenn ihr je im Zweifel darüber seid, um was ihr den Vater bitten möchtet; und ich werde eure Bitte vorbringen in Übereinstimmung mit euren wirklichen Bedürfnissen und Wünschen und in Übereinstimmung mit meines Vaters Willen.“ Hütet euch vor der großen Gefahr, in euren Gebeten egozentrisch zu werden. Vermeidet es, viel für euch selber zu beten; betet mehr für den geistigen Fortschritt eurer Brüder. Vermeidet materialistische Gebete; betet im Geiste und für die Fülle der Gaben des Geistes.

146:2.11

10. Wenn ihr für die Kranken und Niedergeschlagenen betet, erwartet nicht, dass eure Bitten das liebende und verständige Sorgen für die Bedürfnisse dieser Leidenden ersetzen werden. Betet für das Wohlergehen eurer Familien, Freunde und Gefährten, aber insbesondere betet für jene, die euch verwünschen, und bittet in Liebe für die, die euch verfolgen. „Aber ich will nicht sagen, wann man beten soll. Einzig der euch innewohnende Geist soll euch zur Äußerung jener Bitten bewegen, die eure innere Beziehung zum Vater allen Geistes ausdrücken.“

146:2.12

11. Viele nehmen nur in der Not Zuflucht zum Gebet. Ein solches Verhalten ist gedankenlos und irreführend. Ihr tut allerdings gut daran zu beten, wenn ihr von Sorgen geplagt seid, aber ihr solltet auch dann daran denken, als Sohn zu eurem Vater zu sprechen, wenn es eurer Seele gut geht. Stellt eure wahren Bitten stets im Geheimen. Lasst die Menschen eure persönlichen Gebete nicht hören. Dankgebete sind für Gruppen von Andächtigen angemessen, aber das Gebet der Seele ist eine persönliche Angelegenheit. Es gibt nur eine einzige Gebetsform, die für alle Gotteskinder gleich passend ist, und das ist diese: „Und dennoch, dein Wille geschehe.“

146:2.13

12. Alle, die an dieses Evangelium glauben, sollten aufrichtig für die Aus­breitung des Königreichs beten. Von allen Gebeten der hebräischen Schriften kom­mentierte er diese Bitte des Psalmisten am zustimmendsten: „Schaffe in mir ein reines Herz, o Gott, und erneuere in mir den rechten Geist. Reinige mich von verborgenen Sünden, und halte deinen Diener von anmaßender Übertretung zurück.“ Jesus ließ sich lange über die Beziehung zwischen Gebet und unbedachtem und beleidigendem Reden aus und zitierte dazu: „Oh Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, und hüte das Tor meiner Lippen.“ „Die menschliche Zunge“, sagte Jesus, „ist ein Glied, das nur wenige Menschen zähmen können, aber der innere Geist kann dieses ungebärdige Glied in eine freundliche Stimme der Toleranz und in ein inspirierendes Werkzeug von Barmherzigkeit verwandeln“.

146:2.14

13. Jesus lehrte, dass das Gebet um göttliche Führung auf dem irdischen Lebenspfad an Wichtigkeit unmittelbar nach der Bitte um Kenntnis des Willens des Vaters komme. In Wahrheit bedeutet dies ein Gebet um göttliche Weisheit. Jesus lehrte nie, dass man menschliche Kenntnisse und besondere Geschicklichkeiten durch das Gebet erlangen könne. Hingegen lehrte er, dass das Gebet ein Faktor bei der Erweiterung unserer Fähigkeit ist, die Gegenwart des göttlichen Geistes zu empfangen. Als Jesus seine Mitarbeiter lehrte, im Geist und in der Wahrheit zu beten, erklärte er, dass er dabei an ehrliches und mit der eigenen Erleuchtung übereinstimmendes Beten denke, an intelligentes, ernsthaftes und ausdauerndes Beten von ganzem Herzen.

146:2.15

14. Jesus warnte seine Anhänger davor, zu meinen, ihre Gebete gewännen an Wirksamkeit durch blumige Wiederholungen, beredte Aus­drucksweise, Fasten, Buße oder Opfer. Aber er forderte die Gläubigen auf, das Gebet als Mittel zu gebrauchen, das über Dank zu wahrer Anbetung emporleitet. Jesus bedauerte, dass so wenig vom Geiste des Dankes in Gebet und Anbetung seiner Anhänger vorhanden war. Bei dieser Gelegenheit zitierte er aus den Schriften: „Es ist gut, dem Herrn zu danken und dem Namen des Allerhöchsten Preislieder zu singen, jeden Morgen seine liebevolle Güte dankend anzuerkennen und jeden Abend seine Treue, denn Gott hat mich durch sein Wirken froh gemacht. In allem will ich Dank sagen gemäß dem Willen Gottes.“

146:2.16

15. Und dann sagte Jesus: „Seid nicht ständig überängstlich wegen eurer alltäglichen Bedürfnisse. Macht euch keine Sorgen wegen der Probleme eurer irdischen Existenz, sondern breitet in alledem eure Anliegen in Gebet und demütiger Bitte im Geiste aufrichtigen Dankes vor eurem Vater im Himmel aus.“ Dann zitierte er aus den Schriften: „Ich will den Namen Gottes mit einem Lied preisen und ihn mit Dankgebeten verherrlichen. Und das wird dem Herrn besser gefallen als die Opferung eines Ochsen oder eines Stiers mit Hörnern und Hufen.“

146:2.17

16. Jesus lehrte seine Anhänger, dass sie am Ende ihrer an den Vater gerichteten Gebete eine Zeit lang in schweigender Empfänglichkeit verharren sollten, um dem innewohnenden Geist eine bessere Gelegenheit zu geben, zu der horchenden Seele zu sprechen. Des Vaters Geist spricht dann am besten zum Menschen, wenn der menschliche Sinn sich in einem Zustand echter Anbetung befindet. Wir beten Gott an mit Hilfe des innewohnenden Geistes des Vaters und dank der Erleuchtung des menschlichen Verstandes durch das Wirken der Wahrheit. Jesus lehrte, dass man durch Anbetung zunehmend dem angebeteten Wesen ähnlich wird. Anbetung ist eine verwandelnde Erfahrung, durch welche das Endliche sich allmählich der Gegenwart des Unendlichen nähert und sie letzten Endes erreicht.

146:2.18

Und Jesus sagte seinen Aposteln noch viele andere Wahrheiten über die Verbindung des Menschen mit Gott, aber nur wenige von ihnen konnten seine Lehren voll erfassen.

3. Der Halt in Ramah

146:3.1

In Ramah hatte Jesus die denkwürdige Diskussion mit dem betagten griechischen Philosophen, der lehrte, dass Wissenschaft und Philosophie ausreichten, um die Bedürfnisse der menschlichen Erfahrung zu befriedigen. Jesus hörte diesem griechischen Lehrer mit Geduld und Wohlwollen zu und gestand die Wahrheit vieles dessen zu, was er vortrug. Aber als er geendet hatte, machte Jesus ihn darauf aufmerksam, dass er in seiner Erörterung der menschlichen Existenz versäumt hatte, das „Woher, Warum und Wohin“ zu erklären und fügte hinzu: „Wo du aufhörst, beginnen wir. Religion ist eine Offenbarung an die Menschenseele und hat mit geistigen Realitäten zu tun, die der Verstand allein nie entdecken oder voll ergründen könnte. Intellektuelles Forschen mag die Tatsachen des Lebens offen legen, aber das Evangelium des Königreichs enthüllt die Wahrheiten des Seins. Du hast über die materiellen Schatten der Wahrheit gesprochen; willst du mir jetzt zuhören, wenn ich dir von den ewigen und geistigen Realitäten berichte, die diese vorübergehenden zeitlichen Schatten der materiellen Fakten sterblicher Existenz werfen?“ Mehr als eine Stunde lang lehrte Jesus diesen Griechen die rettenden Wahrheiten des Evangeliums vom Königreich. Der alte Philosoph zeigte sich für des Meisters Betrachtungsweise empfänglich, und da er aufrichtigen Herzens war, glaubte er rasch an dieses Evangelium des Heils.

146:3.2

Die offene Art, in der Jesus manchen Lehrsätzen des Griechen beipflichtete, verwirrte die Apostel ein wenig, aber Jesus sagte ihnen später, als sie unter sich waren: „Meine Kinder, wundert euch nicht über meine Toleranz gegenüber der Philosophie des Griechen. Wahre und echte innere Sicherheit fürchtet sich nicht im Geringsten vor äußerer Analyse, noch ist Wahrheit über eine ehrliche Kritik verärgert. Ihr solltet nie vergessen, dass Unduldsamkeit die Maske ist, hinter der wir geheime Zweifel an der Wahrheit dessen verstecken, woran wir glauben. Keiner, der vollkommenes Vertrauen in die Wahrheit dessen besitzt, woran er von ganzem Herzen glaubt, wird sich je von der Haltung seines Nachbarn anfechten lassen. Mut ist das grundehrliche Vertrauen in die Dinge, die man zu glauben beteuert. Ehrliche Menschen fürchten keine kritische Untersuchung ihrer echten Überzeugungen und edlen Ideale.“

146:3.3

Am zweiten Abend in Ramah richtete Thomas folgende Frage an Jesus: „Meister, wie kann einer, der gerade an deine Lehre zu glauben beginnt, wirklich wissen, ja, wirklich ganz sicher sein, dass das Evangelium des Königreichs wahr ist?“

146:3.4

Und Jesus gab Thomas zur Antwort: „Deine Gewissheit, dass du in des Vaters Familie des Königreichs eingetreten bist und dass du mit den Kindern des Königreichs das ewige Leben haben wirst, ist ganz und gar eine Sache der persönlichen Erfahrung – des Glaubens an das Wort der Wahrheit. Geistige Gewissheit kann gleichgesetzt werden mit deiner persönlichen religiösen Erfahrung mit den ewigen Realitäten göttlicher Wahrheit. Sie ist im Übrigen gleich deinem intelligenten Verständnis der Wahrheitsrealitäten zuzüglich deines geistigen Glaubens und abzüglich deiner ehrlichen Zweifel.

146:3.5

Der Sohn besitzt von Natur aus das Leben des Vaters. Ihr seid Söhne Gottes, da ihr mit der Gabe des lebendigen Geistes des Vaters ausgestattet wurdet. Ihr lebt nach eurem Leben in der materiellen Welt des Fleisches weiter, weil ihr mit des Vaters lebendigem Geist, mit der Gabe des ewigen Lebens identifiziert seid. Wahrlich, es gab viele, die dieses Leben schon hatten, bevor ich vom Vater hergekommen bin, und viele andere haben diesen Geist erhalten, weil sie an mein Wort geglaubt haben; aber ich erkläre, dass der Vater, wenn ich zu ihm zurückkehre, seinen Geist in die Herzen aller Menschen senden wird.

146:3.6

Ihr könnt den göttlichen Geist bei seiner Tätigkeit in eurem Verstand nicht beobachten; hingegen gibt es eine praktische Methode, um herauszufinden, bis zu welchem Grad ihr die Kontrolle eurer Seelenkräfte der Unterweisung und Führung dieses in euch wohnenden Geistes des himmlischen Vaters übergeben habt, und das ist der Grad eurer Liebe zu euren Mitmenschen. Der Geist des Vaters hat teil an der Liebe des Vaters, und wenn er in einem Menschen beherrschend ist, führt er ihn unfehlbar in die Richtung göttlicher Anbetung und liebender Achtung vor seinen Mitmenschen. Anfangs glaubt ihr, Söhne Gottes zu sein, weil meine Unterweisung euch die Führung durch unseres Vaters innere Gegenwart bewusster gemacht hat; aber bald wird der Geist der Wahrheit auf alles Fleisch ausgegossen werden, und er wird unter den Menschen leben und sie alle lehren, gerade so, wie ich jetzt unter euch lebe und zu euch die Worte der Wahrheit spreche. Dieser Geist, der zur Stimme der geistigen Gaben eurer Seele wird, wird euch helfen zu wissen, dass ihr die Söhne Gottes seid. Er wird mit des Vaters innerer Gegenwart, eurem Geist, unfehlbar Zeugnis ablegen; dann wird dieser Geist in allen Menschen wohnen, so wie er jetzt in einigen wohnt, und euch sagen, dass ihr tatsächlich die Söhne Gottes seid.

146:3.7

Jedes Erdenkind, das sich der Führung dieses Geistes anvertraut, wird schließlich Gottes Willen kennen, und wer sich dem Willen meines Vaters überantwortet, wird ewig leben. Der Weg vom irdischen Leben zum ewigen Seinszustand ist euch nicht klar beschrieben worden; aber es gibt einen Weg – es hat ihn immer gegeben – und ich bin gekommen, diesen Weg neu und lebendig zu machen. Wer in das Königreich eintritt, hat bereits das ewige Leben – er wird nie untergehen. Aber vieles davon werdet ihr besser verstehen, wenn ich zum Vater zurückgekehrt bin und ihr imstande seid, eure gegenwärtigen Erfahrungen im Rückblick zu sehen.“

146:3.8

Und alle, die diese gesegneten Worte hörten, schöpften daraus großen Mut. Die jüdischen Lehren vom Fortleben der Rechtschaffenen waren wirr und unbestimmt, und es war für Jesu Anhänger erfrischend und inspirierend, diese sehr klaren und positiven Worte zu hören, die allen wahren Gläubigen das ewige Leben zusicherten.

146:3.9

Die Apostel fuhren fort zu predigen, Gläubige zu taufen und von Haus zu Haus zu gehen, um die Niedergeschlagenen zu bestärken und den Kranken und Leidenden beizustehen. Die apostolische Organisation erfuhr eine Erweiterung, insofern als jeder Apostel Jesu einen Apostel von Johannes zum Mitarbeiter hatte; Abner war der Mitarbeiter von Andreas; und dieser Plan war maßgebend, bis sie zum nächsten Passahfest nach Jerusalem hinunterzogen.

146:3.10

Der besondere Unterricht, den Jesus während ihres Aufenthaltes in Sebulon erteilte, bestand hauptsächlich aus weiteren Erörterungen der gegenseitigen Verpflichtungen im Königreich und umfasste Unterweisungen, die den Unterschied zwischen persönlicher religiöser Erfahrung und den in Freund­schaft wahrgenommenen gesellschaftlichen religiösen Pflichten klarmachen sollten. Dies war eines der wenigen Male, bei denen der Meister die gesellschaftlichen Aspekte der Religion erörterte. Während seines ganzen Erden­lebens gab Jesus seinen Anhängern nur sehr wenig Unterweisung bezüglich der Sozialisierung der Religion.

146:3.11

Die Bevölkerung von Sebulon war gemischtrassig, kaum jüdisch oder heidnisch, und nur wenige glaubten wirklich an Jesus, obwohl sie von der Kran­kenheilung in Kapernaum gehört hatten.

4. Das Evangelium in Iron

146:4.1

In Iron sowie in vielen noch kleineren Orten von Galiläa und Judäa gab es eine Synagoge, und in der frühen Zeit seines Wirkens pflegte Jesus am Sabbattag in diesen Synagogen zu sprechen. Manchmal ergriff er im Morgen­gottesdienst das Wort, und Petrus oder einer der anderen Apostel predigte zur Nachmittagsstunde. Jesus und die Apostel unterrichteten und predigten oft auch wochentags an den Abendversammlungen in der Synagoge. Obwohl sich die religiösen Führer in Jerusalem immer offener gegen Jesus stellten, übten sie außerhalb der Stadt keine direkte Kontrolle über die Synagogen aus. Erst im späteren öffentlichen Jesu Wirken waren sie imstande, eine so weit verbreitete feindselige Stimmung gegen ihn zu erzeugen, dass sich fast alle Synagogen seiner Lehrtätigkeit verschlossen. Aber zu dieser Zeit standen ihm alle Synagogen Galiläas und Judäas offen.

146:4.2

In Iron gab es eine für die damalige Zeit beträchtliche Erzgrube, und da Jesus nie das Leben eines Grubenarbeiters geteilt hatte, verbrachte er während seines Aufenthaltes in Iron die meiste Zeit im Bergwerk. Während die Apostel die Häuser besuchten und auf den öffentlichen Plätzen predigten, arbeitete Jesus mit den Grubenarbeitern unter Tage. Jesu Ruf als Heiler war sogar bis in dieses abgelegene Dorf gedrungen, und viele Kranke und Leidende suchten Heilung durch seine Hände; viele empfingen große Wohltat aus seiner Heiltätigkeit. Aber in keinem dieser Fälle außer demjenigen des Aussätzigen vollbrachte der Meister eine sogenannte Wunderheilung.

146:4.3

Als Jesus spät am Nachmittag ihres dritten Tages in Iron aus dem Bergwerk zurückkehrte, kam er auf dem Weg zu seiner Unterkunft zufällig durch eine enge Seitengasse. Als er sich der schmutzigen Behausung eines gewissen Aussätzigen näherte, wagte der leidende Mann, der von Jesu Ruf als Heiler gehört hatte, ihn anzusprechen, als er an seiner Tür vorüberging. Er kniete vor ihm nieder und sagte: „Herr, wenn du nur wolltest, könntest du mich rein machen. Ich habe die Botschaft deiner Lehrer vernommen, und ich würde gern ins Königreich eintreten, wenn ich nur rein werden könnte.“ Der Aussätzige sprach so, weil es den Leprakranken bei den Juden sogar verboten war, die Synagoge zu betreten oder anderweitig an öffentlichen Gottesdiensten teilzunehmen. Dieser Mann glaubte wirklich, er könne nicht ins kommende Königreich aufgenommen werden, es sei denn, er werde von seinem Aussatz geheilt. Und als Jesus ihn in seinem Elend sah und ihn aus einem so starken Glauben heraus reden hörte, wurde sein menschliches Herz gerührt und sein göttlicher Sinn von Mitgefühl bewegt. Als Jesus auf ihn blickte, fiel der Mann in Anbetung vor ihm nieder, das Gesicht zur Erde. Da streckte der Meister seine Hand aus, berührte ihn und sagte: „Ich will es – sei rein.“ Und augenblicklich war er geheilt; die Lepra war von ihm gewichen.

146:4.4

Nachdem Jesus dem Mann auf die Beine geholfen hatte, schärfte er ihm ein: „Sieh zu, dass du niemandem etwas von deiner Heilung sagst, sondern geh ruhig deiner Beschäftigung nach. Zeige dich dem Priester und bringe zum Zeugnis deiner Heilung die von Moses verordneten Opfer dar.“ Aber der Mann tat nicht, wie Jesus ihn geheißen hatte. Stattdessen begann er, im ganzen Ort die Kunde zu verbreiten, dass Jesus ihn von seinem Aussatz geheilt habe, und da jeder im Dorf ihn kannte, war für alle Leute klar sichtbar, dass er von seiner Krankheit geheilt worden war. Er ging nicht zu den Priestern, wie Jesus ihn ermahnt hatte. Die Verbreitung der Nachricht von seiner Heilung durch Jesus hatte zur Folge, dass der Meister so sehr von Kranken bedrängt wurde, dass er sich gezwungen sah, am nächsten Tag früh aufzustehen und das Dorf zu verlassen. Jesus betrat den Ort nicht wieder, sondern blieb zwei Tage lang in der näheren Umgebung des Bergwerks, wo er damit fortfuhr, die gläubigen Bergarbeiter im Evangelium des Königreichs zu unterrichten.

146:4.5

Diese Reinigung vom Aussatz war das erste sogenannte Wunder, das Jesus bis dahin absichtlich und vorsätzlich vollbracht hatte. Es handelte sich dabei um einen Fall echter Lepra.

146:4.6

Von Iron zogen sie nach Gischala weiter, verkündigten dort zwei Tage lang das Evangelium und reisten dann nach Chorazin, wo sie fast eine Woche lang die gute Nachricht predigten; aber es gelang ihnen in Chorazin nicht, viele Gläubige für das Königreich zu gewinnen. Nirgends, wo Jesus gelehrt hatte, war er auf eine solch einhellige Ablehnung seiner Botschaft gestoßen. Der Aufenthalt in Chorazin war für die meisten Apostel sehr bedrückend, und Andreas und Abner hatten große Mühe, den Mut ihrer Gefährten aufrechtzuerhalten. Und so durchquerten sie unauffällig Kapernaum und gingen weiter zum Dorf Madon, wo es ihnen kaum besser erging. In den Köpfen der meisten Apostel herrschte die Idee vor, dass ihr Misserfolg in den eben besuchten Ortschaften damit zu tun hatte, dass Jesus darauf beharrte, sie sollten sich bei ihrer Unterweisung und Predigt nicht auf ihn als einen Heiler beziehen. Wie sehr wünschten sie, er würde noch einen Aussätzigen heilen oder seine Macht auf andere Weise unter Beweis stellen, damit die Leute aufmerksam würden! Aber ihr ernsthaftes Drängen ließ den Meister ungerührt.

5. Zurück in Kana

146:5.1

Die apostolische Gruppe fühlte sich sehr ermutigt, als Jesus ankündigte: „Morgen gehen wir nach Kana.“ Sie wussten, dass sie in Kana eine wohlwollende Zuhörerschaft haben würden, da man Jesus dort gut kannte. Ihre Arbeit, Leute in das Königreich zu führen, kam gut voran, als am dritten Tag Titus in Kana eintraf, ein angesehener Bürger von Kapernaum, der halb glaubte, und dessen Sohn ernsthaft krank war. Er hatte gehört, dass Jesus in Kana war, und so war er herübergeeilt, um ihn zu treffen. Die Gläubigen von Kapernaum dachten, Jesus könne jede Krankheit heilen.

146:5.2

Als dieser vornehme Mann Jesus in Kana ausfindig gemacht hatte, flehte er ihn an, eilends nach Kapernaum zu kommen und seinen heimgesuchten Sohn zu heilen. Die Apostel standen in atemloser Erwartung da, als Jesus den Vater des kranken Knaben ansah und sprach: „Wie lange soll ich mit euch noch Geduld haben? Gottes Macht ist in eurer Mitte, aber wenn ihr nicht Zeichen sehen und Wunder bestaunen könnt, weigert ihr euch zu glauben.“ Aber der Vornehme drang bittend in Jesus: „Mein Herr, ich glaube wirklich, aber komm, bevor mein Sohn stirbt, denn als ich ihn verlassen habe, war er dem Tode nahe.“ Jesus beugte sein Haupt einen Augenblick lang in schweigender Sammlung und sagte dann plötzlich: „Kehre nach Hause zurück; dein Sohn wird leben.“ Titus glaubte dem Wort Jesu und eilte nach Kapernaum zurück. Bei seiner Rückkehr liefen ihm seine Bediensteten entgegen und sagten: „Freue dich, denn deinem Sohn geht es besser – er lebt.“ Da erkundigte sich Titus bei ihnen, zu welcher Stunde die Besserung des Knaben begonnen hatte, und auf die Antwort der Diener: „Gestern um die siebente Stunde hat ihn das Fieber verlassen“, erinnerte sich der Vater, dass es etwa zu dieser Stunde war, als Jesus sagte: „Dein Sohn wird leben.“ Titus glaubte von da an von ganzem Herzen, und auch seine ganze Familie glaubte. Dieser Sohn wurde ein mächtiger Anwalt des Königreichs und gab später sein Leben mit jenen hin, die in Rom litten. Obwohl alle im Hause des Titus, ihre Freunde und sogar die Apostel dieses Geschehnis als ein Wunder betrachteten, war es doch keines. Wenigstens war es keine Wunderheilung einer physischen Krankheit. Es war nur ein Fall von Vorauswissen des Laufs der Naturgesetze, eben jene Art von Wissen, von der Jesus nach seiner Taufe häufig Gebrauch machte.

146:5.3

Wegen des übermäßigen Aufsehens, das die zweite mit seinem Wirken in diesem Dorf verbundene Episode dieser Art erregt hatte, war Jesus wiederum gezwungen, Kana fluchtartig zu verlassen. Die Dorfbewohner erinnerten sich an das Wasser und den Wein, und jetzt, da er angeblich den Sohn des Vornehmen aus so großer Entfernung geheilt hatte, kamen sie nicht nur mit Kranken und Leidenden zu ihm, sondern sandten auch Boten mit der Bitte, Kranke aus der Ferne zu heilen. Und als Jesus sah, dass die ganze Gegend in Aufruhr war, sagte er: „Gehen wir nach Nain.“

6. Nain und der Sohn der Witwe

146:6.1

Diese Leute glaubten an Zeichen; sie gehörten einer Generation an, die Wunder suchte. Zu jener Zeit erwarteten die Bewohner des zentralen und süd­lichen Galiläa von Jesus und seinem persönlichen Wirken vor allem Wunder. Dutzende, ja Hunderte von ehrlichen Leuten, die unter rein nervösen Beschwerden litten und von Gefühlsstörungen geplagt wurden, begaben sich in Jesu Gegenwart und kehrten dann zu ihren Freunden zurück und verkündeten, Jesus habe sie geheilt. Und diese unwissenden und einfachen Leute betrach­teten solche Fälle von mentaler Heilung als physische, übernatürliche Heilungen.

146:6.2

Als Jesus Kana zu verlassen suchte, um sich nach Nain zu begeben, folgten ihm eine große Menge Gläubiger und viele Neugierige nach. Sie waren darauf versessen, Wunder und Übernatürliches zu sehen, und sie sollten nicht enttäuscht werden. Als Jesus und seine Apostel sich dem Stadttor näherten, begegneten sie einem Leichenzug, der auf dem Wege zum nahen Friedhof war und den einzigen Sohn einer Witwe von Nain mit sich führte. Diese Frau war sehr geachtet, und das halbe Dorf folgte den Trägern der Bahre des angeblich toten Knaben. Als der Trauerzug Jesus und sein Gefolge erreicht hatte, erkannten die Witwe und ihre Freunde den Meister und flehten ihn an, den Sohn wieder ins Leben zurückzurufen. Ihre Wundererwartung hatte einen so hohen Grad erreicht, dass sie dachten, Jesus könne jede menschliche Krankheit heilen, und wieso sollte solch ein Heiler nicht sogar Tote auferwecken können? Während man Jesus so bedrängte, trat er vor, hob die Decke von der Bahre hoch und untersuchte den Knaben. Als er entdeckte, dass der junge Mann nur scheintot war, erkannte er die Tragödie, die seine Anwesenheit abwenden konnte; und so wandte er sich der Mutter zu und sprach: „Weine nicht. Dein Sohn ist nicht tot; er schläft. Er wird dir wiedergegeben werden.“ Und dann ergriff er den jungen Mann bei der Hand und sagte: „Wach auf und erhebe dich.“ Und der angeblich tote Junge saß sofort auf und begann zu sprechen, und Jesus sandte sie alle nach Hause.

146:6.3

Jesus bemühte sich, die Menge zu beschwichtigen und versuchte vergeblich zu erklären, dass der Knabe nicht wirklich tot gewesen war, dass er ihn nicht dem Grab entrissen habe, aber es war zwecklos. Die Menge, die ihm nachfolgte, und das ganze Dorf Nain befanden sich in höchster emotionaler Erregung. Viele wurden von Furcht, andere von Panik ergriffen, während wiederum andere zu beten begannen und über ihre Sünden wehklagten. Erst spät nach Einbruch der Dunkelheit gelang es, die schreiende Menge zu zerstreuen. Und trotz Jesu Erklärung, dass der Knabe nicht tot gewesen war, bestanden natürlich alle darauf, dass ein Wunder vollbracht, ja sogar ein Toter auferweckt worden sei. Obwohl Jesus ihnen sagte, der Junge habe sich nur in einem tiefen Schlaf befunden, erklärten sie, das sei seine Art zu sprechen und erinnerten an die Tatsache, dass er aus großer Bescheidenheit seine Wundertaten stets zu verbergen suche.

146:6.4

So breitete sich in Galiläa und Judäa die Kunde aus, dass Jesus den Sohn der Witwe von den Toten auferweckt habe, und viele, denen dieser Bericht zu Ohren kam, glaubten daran. Nicht einmal allen seinen Aposteln vermochte Jesus je klarzumachen, dass der Sohn der Witwe nicht wirklich tot war, als er ihm befahl aufzuwachen und sich zu erheben. Immerhin überzeugte er sie hinlänglich, so dass die Episode in allen späteren Aufzeichnungen mit Ausnahme derjenigen des Lukas ausgelassen wurde, der sie so aufschrieb, wie sie ihm erzählt worden war. Und wiederum wurde Jesus als Arzt dermaßen belagert, dass er sich am nächsten Morgen in der Frühe nach Endor aufmachte.

7. In Endor

146:7.1

In Endor entging Jesus ein paar Tage lang der lärmenden, nach physischer Heilung verlangenden Menge. Während ihres dortigen Aufenthaltes erzählte der Meister den Aposteln zu ihrer Unterweisung die Geschichte von König Saul und der Hexe von Endor. Jesus setzte seinen Aposteln klar auseinander, dass die herumstreunenden und rebellischen Mittler, die sich oftmals als die angeblichen Geister von Abgeschiedenen ausgegeben hatten, bald unter Kontrolle gebracht würden und nicht länger solch seltsame Dinge tun könnten. Er sagte seinen Anhängern, dass schwachsinnige und bösartige Menschen nie mehr von solchen halbgeistigen Wesen – sogenannten unreinen Geistern – besessen werden könnten, nachdem er zum Vater zurückgekehrt sein würde und sie ihren Geist über alles Fleisch ausgegossen hätten.

146:7.2

Jesus erklärte seinen Aposteln ferner, dass die Geiste von verstorbenen menschlichen Wesen nicht zur Welt ihres Ursprungs zurückkehren, um mit ihren lebenden Gefährten in Verbindung zu treten. Erst nach Ablauf eines Dispensationszeitalters sei es dem vorrückenden Geist eines Sterblichen möglich, zur Erde zurückzukehren, und auch dann nur in Ausnahmefällen und im Rahmen der geistigen Verwaltung eines Planeten.

146:7.3

Nachdem sie sich zwei Tage lang ausgeruht hatten, sagte Jesus zu seinen Aposteln: „Lasst uns morgen nach Kapernaum zurückkehren, um dort zu verweilen und zu lehren, bis sich das Land beruhigt hat. Zu Hause haben sie sich wohl inzwischen schon teilweise von dieser Art Aufregung erholt.“


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