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Die Jünglingsjahre

BEI Antritt seines Jünglingsalters war Jesus Haupt und einzige Stütze einer großen Familie. Nur wenige Jahre nach seines Vaters Tod war ihr ganzer Besitz dahingeschmolzen. Mit den Jahren wurde er sich seiner früheren Existenz immer bewusster; zugleich begann er klarer zu erkennen, dass es der ausdrückliche Zweck seiner inkarnierten Anwesenheit auf Erden war, den Menschenkindern seinen Paradies-Vater zu offenbaren.

127:0.2

Kein heranwachsender Jugendlicher, der auf dieser oder einer anderen Welt gelebt hat oder jemals leben wird, musste – oder wird es jemals müssen – gewichtigere Probleme lösen oder verwickeltere Schwierigkeiten entwirren. Von keinem jungen Urantianer wird je verlangt werden, durch konfliktreichere Prüfungen oder schwierigere Situationen zu gehen als diejenigen, welche Jesus selber während jener harten Jahre zwischen fünfzehn und zwanzig durchmachte.

127:0.3

Durch diese konkrete Erfahrung, seine Jünglingsjahre auf einer vom Übel bedrängten und von der Sünde gequälten Welt zu verleben, gelangte der Men­schen­sohn auch zur vollen Kenntnis der Lebenserfahrungen der Jugend­lichen aller Reiche Nebadons und wurde dadurch derjenige, bei dem die geängstigten und ratlosen Heranwachsenden aller Zeiten und aller Welten des Lokal­uni­versums immer Zuflucht suchen und Verständnis finden können.

127:0.4

Langsam, aber sicher und durch wirkliche Erfahrung verdient dieser göttliche Sohn das Recht, Herr über sein Universum zu werden, als unbestrittener und höchster Herrscher über alle geschaffenen Intelligenzen auf allen Welten des Lokaluniversums und verständnisvoller Zufluchtsort für Wesen jeden Alters und jeder Stufe persönlicher Begabung und Erfahrung.

1. Das sechzehnte Jahr (10 n. Chr.)

127:1.1

Der inkarnierte Sohn durchlebte das Säuglingsalter und eine ereignisarme Kindheit. Darauf trat er aus jener prüfungsreichen und kritischen Über­gangs­zeit zwischen Kindheit und frühem Mannesalter heraus und wurde zum Jüngling Jesus.

127:1.2

In diesem Jahr erreichte er sein volles physisches Wachstum. Er war ein männlicher und attraktiver Jüngling. Er wurde immer sachlicher und ernster, war aber liebenswürdig und mitfühlend. Sein Blick war freundlich, aber forschend; sein Lächeln war immer gewinnend und beruhigend. Seine Stimme war musikalisch, aber voller Autorität; sein Gruß herzlich, aber ungekünstelt. Immer, und sogar in den gewöhnlichsten Kontakten, schien etwas von seiner Doppelnatur, der menschlichen und göttlichen, durchzuschimmern. Immer ließ er diese Kombination aus teilnehmendem Freund und Lehrer mit Autorität erkennen. Diese Züge seiner Persönlichkeit begannen sich schon in seinen frühen Jünglingsjahren zu zeigen.

127:1.3

Dieser physisch kräftige und robuste Junge erlangte auch die volle Entfal­tung seines menschlichen Intellekts, nicht die ganze Erfahrung menschlichen Denkens, wohl aber die Fülle der Befähigung für eine solche intellektuelle Ent­wicklung. Er besaß einen gesunden und wohlproportionierten Körper, einen scharfen und analytischen Verstand, eine freundliche und mitfühlende Art, ein drauf­gängerisches Temperament, das zeitweilig Schwankungen unterworfen war, und all das organisierte sich immer mehr zu einer starken, eindrucksvollen und anziehenden Persönlichkeit.

127:1.4

Im Laufe der Zeit wurde es für seine Mutter und seine Brüder und Schwestern schwieriger, ihn zu verstehen; sie stolperten über seine Worte und missdeuteten seine Taten. Sie waren alle außerstande, das Leben ihres ältesten Bruders zu begreifen, da ihre Mutter ihnen zu verstehen gegeben hatte, dass er dazu bestimmt sei, der Befreier des jüdischen Volkes zu werden. Stellt euch ihre Verwirrung vor, als Jesus, nachdem sie von Maria derartige Andeutungen als Familiengeheimnis erhalten hatten, all solche Ideen und Absichten rundweg verneinte.

127:1.5

In diesem Jahr begann Simon mit der Schule, und sie sahen sich gezwungen, ein weiteres Haus zu verkaufen. Jakobus übernahm nun den Unterricht seiner drei Schwestern, von denen zwei jetzt alt genug waren, um ernsthaft mit dem Lernen zu beginnen. Sobald Ruth größer geworden war, nahmen Miriam und Martha sie in ihre Obhut. Im allgemeinen erhielten die Mädchen in den jüdischen Familien nur wenig Erziehung, aber Jesus vertrat die Ansicht (und seine Mutter stimmte ihm darin zu), dass Mädchen genauso wie Knaben zur Schule gehen sollten; und da die Synagogenschule sie nicht aufnahm, blieb nichts anderes übrig, als eigens für sie eine Hausschule einzurichten.

127:1.6

Dieses ganze Jahr über war Jesus eng an seine Werkbank gebunden. Zum Glück hatte er reichlich Arbeit; die seine war von so hervorragender Qualität, dass er nie untätig blieb, wie wenig es auch in jener Gegend zu tun geben mochte. Manchmal hatte er so viel Arbeit, dass Jakobus ihm helfen musste.

127:1.7

Gegen Ende dieses Jahres war er sich mehr oder weniger schlüssig geworden, öffentlich als Lehrer der Wahrheit und Offenbarer des himmlischen Vaters für die Welt aufzutreten, sobald er seine Geschwister erzogen hätte und sie verheiratet sähe. Er wusste, dass er nicht dazu bestimmt war, der erwartete jüdische Messias zu werden, und kam zu dem Schluss, dass es so gut wie nutzlos war, über diese Dinge mit seiner Mutter zu sprechen; er entschied, ihr freizustellen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen; denn alles, was er in der Vergangen­heit gesagt hatte, hatte sie nur wenig oder überhaupt nicht beeindruckt, und er erinnerte sich, dass sein Vater nie in der Lage gewesen war, sie durch Worte umzustimmen. Von diesem Jahr an sprach er immer weniger mit seiner Mutter oder irgendjemand anderem über diese Probleme. Seine Sendung war von so besonderer Art, dass niemand auf Erden ihm Ratschläge für ihre Durch­führung geben konnte.

127:1.8

Er war seiner Familie ein wahrer, wenn auch jugendlicher Vater; er verbrachte jede seiner freien Stunden mit den Kleinen, und sie liebten ihn aufrichtig. Es schmerzte seine Mutter, ihn so hart arbeiten zu sehen; sie war betrübt, dass er sich Tag für Tag für den Unterhalt der Familie an der Hobelbank abmühte, anstatt in Jerusalem bei den Rabbinern zu studieren, wie sie es so sehnlichst gewünscht hatten. Obwohl es bei ihrem Sohn vieles gab, was Maria nicht verstehen konnte, so liebte sie ihn doch wirklich und hatte größte Achtung vor der Willigkeit, mit der er die Verantwortung für das Elternhaus trug.

2. Das siebzehnte Jahr (11 n. Chr.)

127:2.1

Um diese Zeit herrschte besonders in Jerusalem und Judäa eine beträchtliche Agitation zugunsten einer Volkserhebung gegen die Entrichtung von Steuern an Rom. Es entstand eine starke nationalistische Partei, die man bald die Zeloten nannte. Im Unterschied zu den Pharisäern waren die Zeloten nicht gewillt, das Kommen des Messias abzuwarten. Sie schlugen vor, die Dinge durch einen politischen Aufstand zu entscheiden.

127:2.2

Eine Gruppe von Organisatoren aus Jerusalem traf in Galiläa ein und hatte bereits gute Fortschritte erzielt, bevor sie nach Nazareth kam. Als diese Leute Jesus aufsuchten, hörte er ihnen aufmerksam zu und stellte viele Fragen, weigerte sich aber, der Partei beizutreten. Er lehnte es ab, alle Gründe für die Verweigerung seiner Mitarbeit anzugeben. Seine Absage hatte zur Folge, dass viele seiner jugendlichen Kameraden aus Nazareth von einem Beitritt abgehalten wurden.

127:2.3

Maria tat ihr Möglichstes, ihn zu einer Beteiligung zu bewegen, vermochte aber nicht, ihn von seinem Standpunkt abzubringen. Sie ging so weit, ihm zu verstehen zu geben, dass seine Weigerung, die Sache der Nationalisten auf ihr Geheiß hin zu unterstützen, eine Auflehnung darstelle und eine Verletzung seines auf dem Rückweg von Jerusalem abgegebenen Versprechens, seinen Eltern ergeben zu sein; aber als Antwort auf diese Anspielung legte er bloß freundlich seine Hand auf ihre Schulter, sah sie an und sagte: „Meine Mutter, wie kannst du nur?“ Und Maria nahm das Gesagte zurück.

127:2.4

Einer von Jesu Onkeln (Marias Bruder Simon) hatte sich der Gruppe schon angeschlossen und wurde in der Folgezeit ein Offizier in der galiläischen Abteilung. Und für mehrere Jahre kam es zu einer gewissen Entfremdung zwischen Jesus und seinem Onkel.

127:2.5

Aber Unheil braute sich über Nazareth zusammen. Die Haltung Jesu in dieser Angelegenheit hatte eine Spaltung unter den jungen Juden der Stadt zur Folge gehabt. Ungefähr die Hälfte war der nationalistischen Organisation beigetreten, und die andere Hälfte begann eine Gegengruppe von gemäßigteren Patrioten zu bilden und erwartete von Jesus, dass er deren Führung übernehme. Sie waren verblüfft, als er die ihm angebotene Ehre abwies, und als Entschuldigung seine schwere Verantwortung für die Familie vorschützte, was sie alle gelten ließen. Aber die Sache komplizierte sich noch, als bald darauf Isaak, ein reicher Jude und Geldverleiher an die Heiden, sich bereit erklärte, für die Familie von Jesus aufzukommen, wenn dieser nur seine Werkzeuge niederlegen und die Führung der nazarenischen Patrioten übernehmen wolle.

127:2.6

Jesus, damals kaum siebzehnjährig, sah sich mit einer der heikelsten und schwierigsten Situationen seines jungen Lebens konfrontiert. Für geistige Führer gestalten sich die Beziehungen zu patriotischen Bewegungen immer schwierig, insbesondere wenn sie durch steuereintreibende, ausländische Unterdrücker kompliziert werden, und das traf in diesem Fall doppelt zu, da die jüdische Religion in diese ganze Agitation gegen Rom verwickelt war.

127:2.7

Jesu Lage erschwerte sich durch den Umstand, dass seine Mutter, sein Onkel und sogar sein jüngerer Bruder Jakobus in ihn drangen, sich der nationalistischen Sache anzuschließen. Alle besseren Juden von Nazareth hatten sich anwerben lassen, und all die jungen Männer, die sich der Bewegung noch nicht angeschlossen hatten, würden den Schritt in dem Augenblick tun, da Jesus sich umbesänne. Er hatte in ganz Nazareth nur einen einzigen weisen Ratgeber, seinen alten Lehrer, den Chazan, der ihn bei seiner Erklärung gegenüber der Bürgerabordnung von Nazareth beriet, die gekommen war, um seine Antwort auf den eben ergangenen öffentlichen Aufruf entgegenzunehmen. In seinem ganzen jungen Leben war dies das erste Mal, dass Jesus bewusst von öffentlicher Taktik Gebrauch machte. Bis dahin hatte er sich zur Klärung einer Situation immer auf eine offene, wahrheitsgetreue Aussage verlassen, aber in diesem Fall konnte er nicht die ganze Wahrheit sagen. Er konnte nicht zu verstehen geben, dass er mehr als ein Mensch war. Ebenso wenig konnte er die Idee von seiner Sendung preisgeben, welche warten musste, bis er ein reiferes Mannesalter erreicht hätte. Trotz dieser Einschränkungen waren seine religiöse Treue und seine nationale Loyalität unmittelbar herausgefordert. Seine Familie war aufgewühlt, seine jugendlichen Freunde gespalten und die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt in Aufruhr. Und zu denken, dass er die Schuld an alledem trug! Wie fern hatte ihm alle Absicht gelegen, irgendwelche Unannehmlichkeiten zu verursachen, und wieviel weniger einen Tumult dieser Art!

127:2.8

Etwas musste getan werden. Er musste seinen Standpunkt bekannt geben und tat dies mutig und diplomatisch zur Zufriedenheit vieler, aber nicht aller. Er blieb seiner ursprünglichen Begründung treu und hielt daran fest, dass seine erste Verpflichtung gegenüber seiner Familie bestehe, dass eine verwitwete Mutter und acht Geschwister mehr brauchten, als man einfach mit Geld kaufen könne – das materiell Lebensnotwendige –, dass sie vielmehr ein Anrecht auf die Obhut und Führung eines Vaters hätten und er sich nicht mit reinem Gewissen der Verpflichtung, die ein grausamer Unfall ihm aufgebürdet hatte, entziehen könne. Er lobte seine Mutter und seinen ältesten Bruder für ihre Bereitschaft, ihn davon zu entbinden, und wiederholte, dass die Treue zum verstorbenen Vater es ihm verbiete, die Familie zu verlassen, ganz unabhängig davon, wieviel Geld sich für ihren materiellen Unterhalt finde. Dabei sagte er das unvergessliche Wort: „Geld kann nicht lieben.“ Im Laufe seiner Erklärung machte Jesus einige versteckte Anspielungen auf seine „Lebenssendung“, erklärte aber, dass er diese, ungeachtet dessen, ob sie mit der militärischen Idee vereinbar sei oder nicht, zusammen mit allem anderen in seinem Leben zurückgestellt habe, um in der Lage zu sein, der Verpflichtung gegenüber seiner Familie treu nachzukommen. Jedermann in Nazareth wusste, dass er seiner Familie ein guter Vater war, und da dies jedem edlen Juden ein tiefes Anliegen war, fand Jesu Verteidigung in den Herzen vieler seiner Zuhörer eine günstige Aufnahme; und einige, die nicht so dachten, wurden durch eine Rede des Jakobus entwaffnet, die jetzt folgte, obwohl sie nicht vorgesehen war. An demselben Tage hatte der Chazan mit Jakobus diese Rede geprobt, aber das war ihr Geheimnis.

127:2.9

Jakobus erklärte, er sei sicher, dass Jesus bei der Befreiung seines Volkes helfen würde, wenn er (Jakobus) nur alt genug wäre, um die Verantwortung für die Familie auf sich zu nehmen, und wenn sie nur einwilligten, Jesus zu erlauben, „bei uns zu bleiben, unser Vater und Lehrer zu sein, dann werdet ihr aus dem Hause Josephs nicht nur einen Führer, sondern bald auch fünf ergebene Nationalisten haben; denn sind wir nicht fünf Jungen, die unter der Leitung unseres Bruder-Vaters heranwachsen und antreten werden, um unserer Nation zu dienen?“ Auf diese Weise brachte der Junge eine sehr gespannte und bedrohliche Situation zu einem recht glücklichen Ende.

127:2.10

Die Krise war für diesmal abgewendet, aber dieser Zwischenfall wurde in Nazareth nie vergessen. Die Agitation ging weiter; nie wieder stand Jesus in allgemeiner Gunst; die gefühlsmäßige Spaltung wurde nie ganz überwunden. Und dies, gesteigert durch andere Ereignisse der Folgezeit, war einer der Hauptgründe, weshalb er in späteren Jahren nach Kapernaum zog. Von diesem Tag an hegte man in Nazareth gegenüber dem Menschensohn gespaltene Gefühle.

127:2.11

Jakobus machte in diesem Jahr seinen Schulabschluss und begann, zu Hause ganztags in der Zimmermannswerkstatt zu arbeiten. Er hatte gelernt, mit den Werkzeugen geschickt umzugehen und übernahm nun die Herstellung von Jochen und Pflügen, während Jesus sich mehr auf Inneneinrichtung und fach­männische Möbeltischlerei verlegte.

127:2.12

In diesem Jahr machte Jesus große Fortschritte in der Ordnung seiner Gedanken. Nach und nach hatte er seine göttliche und menschliche Natur zusam­men­­gebracht, und er vollbrachte diese ganze Organisation des Intellekts kraft seiner eigenen Entscheidungen und einzig mit Hilfe des ihm innewohnenden Mentors, genau eines solchen Mentors, wie ihn alle Sterblichen auf allen Welten nach der Selbsthingabe eines Sohnes in ihrem Gemüt beherbergen. Bis dahin hatte sich im Leben dieses jungen Mannes nichts Übernatürliches ereignet, wenn man von dem Besuch eines ihm von seinem älteren Bruder Immanuel gesandten Boten absieht, der ihm einst zu nächtlicher Stunde in Jerusalem erschienen war.

3. Das achtzehnte Jahr (12 n. Chr.)

127:3.1

Im Laufe dieses Jahres wurde mit Ausnahme von Haus und Garten der gesamte Familienbesitz veräußert. Ihr letzes, schon unter Hypothek stehendes Grundstück in Kapernaum wurde verkauft (mit Ausnahme eines Anteils an einem anderen). Der Erlös wurde zur Bezahlung der Steuern, zum Kauf einiger neuer Werkzeuge für Jakobus und zu einer Anzahlung an den alten Ausrüstungs- und Reparaturladen der Familie nahe des Karawanenplatzes verwendet, den zurückzukaufen Jesus sich jetzt vornahm, da Jakobus alt genug war, um in der Heimwerkstatt zu arbeiten und Maria im Haus zur Hand zu gehen. Dadurch hatte der finanzielle Druck vorübergehend nachgelassen, und Jesus entschied, Jakobus zum Passahfest mitzunehmen. Sie brachen einen Tag zu früh nach Jerusalem auf, um allein zu sein, und gingen durch Samarien. Auf ihrer Wanderung erzählte Jesus Jakobus von den historischen Stätten, so wie sein Vater es ihn fünf Jahre zuvor auf einer ebensolchen Reise gelehrt hatte.

127:3.2

Auf ihrem Weg durch Samarien bot sich ihnen manch befremdlicher Anblick. Wäh­rend dieser Reise sprachen sie über viele ihrer Probleme persönlicher, familiärer und nationaler Art. Jakobus war ein sehr religiös veranlagter Junge, und obwohl er mit seiner Mutter in Bezug auf das Wenige, das er über die Pläne für Jesu Lebens­werk wusste, nicht ganz übereinstimmte, so freute er sich doch auf die Zeit, da er die Verantwortung für die Familie zu übernehmen imstande wäre und Jesus mit seiner Mission beginnen könnte. Er war sehr glücklich darüber, dass Jesus ihn zur Passahfeier mitnahm, und sie sprachen ausgiebiger über die Zukunft als je zuvor.

127:3.3

Jesus dachte viel nach, während sie durch Samarien zogen, insbesondere in Betel und als er aus dem Jakobsbrunnen trank. Er und sein Bruder besprachen die Überlieferungen von Abraham, Isaak und Jakob. Er bemühte sich sehr, Jakobus auf das, was er in Jerusalem bald erleben würde, vorzubereiten, um dadurch den Schock, wie er ihn selbst anlässlich seines ersten Tempelbesuchs erfahren hatte, zu mildern. Aber Jakobus reagierte nicht so sensibel beim Anblick einiger dieser Szenen. Er kommentierte die routinemäßige und herzlose Art, in der einige Priester ihres Amtes walteten, insgesamt aber empfand er sehr große Freude über seinen Aufenthalt in Jerusalem.

127:3.4

Jesus nahm Jakobus zum Passahabendessen nach Bethanien mit. Simon war neben seinen Vorfahren zur Ruhe gebettet worden, und Jesus, der das Passahlamm vom Tempel mitgebracht hatte, saß als Haupt der Passahfamilie bei Tische vor.

127:3.5

Nach dem Passahmahl schickte sich Maria an, mit Jakobus zu plaudern, während sich Martha, Lazarus und Jesus bis tief in die Nacht hinein unterhielten. Am näch­sten Tag wohnten sie den Gottesdiensten im Tempel bei, und Jakobus wurde in die Gemeinschaft Israels aufgenommen. Als sie an diesem Morgen auf dem Kamm des Ölbergs Halt machten, um auf den Tempel zu schauen, blickte Jesus schweigend auf Jerusalem hinab, während Jakobus sein Staunen laut hinausrief. Jakobus konnte das Verhalten seines Bruders nicht verstehen. An diesem Abend gingen sie wieder nach Bethanien zurück und wären am nächsten Tag nach Hause aufgebrochen, hätte Jakobus nicht darauf gedrungen, den Tempel auf dem Rückweg noch einmal zu besuchen, und erklärt, er wolle gerne die Lehrer hören. Obgleich das der Wahrheit entsprach, so war doch sein geheimer Herzenswunsch, nach allem, was seine Mutter ihm erzählt hatte, zu erleben, wie Jesus sich an den Diskussionen beteiligte. Also gingen sie zum Tempel und hörten sich die Diskussionen an, aber Jesus stellte keine Fragen. All dies schien seinem erwachenden menschlichen und göttlichen Bewusstsein so kindisch und unbedeutend – es erregte nur sein Mitleid. Jakobus war enttäuscht, dass Jesus nichts sagte. Auf seine forschenden Fragen gab Jesus nur zur Antwort: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

127:3.6

Am nächsten Tag machten sie sich auf den Heimweg über Jericho und das Jordantal, und Jesus erzählte unterwegs vieles, unter anderem von seiner früheren Reise, als er mit dreizehn Jahren denselben Weg gegangen war.

127:3.7

Nach ihrer Rückkehr nach Nazareth begann Jesus in der alten Reparatur­werkstatt der Familie zu arbeiten und war hocherfreut darüber, jeden Tag so viele Leute aus allen Landesteilen und den umliegenden Gegenden zu treffen. Jesus liebte die Menschen wahrhaftig, und gerade die ganz einfachen Leute. Jeden Monat entrichtete er seine Zahlung für die Werkstatt und fuhr fort, mit Jakobus‘ Hilfe für die Familie zu sorgen.

127:3.8

Mehrere Male im Jahr las Jesus am Sabbat in der Synagoge aus den Schriften, wenn keine Besucher für dieses Amt da waren, und gab häufig Erläuterungen zu den gelesenen Stellen; aber meistens wählte er die Abschnitte so, dass sich ein Kommentar erübrigte. Er war geschickt darin, die Reihenfolge der verschiedenen vorgelesenen Stellen so auszuwählen, dass eine die andere erhellte. Sofern das Wetter es erlaubte, unterließ er es nie, am Sabbatnachmittag mit seinen Brüdern und Schwestern in der Natur herumzustreifen.

127:3.9

Um diese Zeit rief der Chazan einen philosophischen Debattierklub für junge Männer ins Leben, der sich jeweils bei einem der Mitglieder und oft in seinem eigenen Hause traf, und Jesus wurde ein führendes Mitglied dieser Gruppe. Dadurch gelang es ihm, etwas von seinem lokalen Ansehen zurückzugewinnen, das er während der unlängst erfolgten nationalistischen Auseinandersetzungen eingebüßt hatte.

127:3.10

Obwohl sein geselliges Leben eingeschränkt war, vernachlässigte er es nicht ganz. Er hatte viele Freunde, die ihm sehr zugetan waren, und viele treue Bewunderer sowohl unter den jungen Männern wie jungen Frauen Nazareths.

127:3.11

Im September kamen Elisabeth und Johannes die Familie in Nazareth besuchen. Johannes, der seinen Vater verloren hatte, beabsichtigte, in die Berge Judäas zurückzukehren und sich der Landwirtschaft und Schafzucht zu widmen, es sei denn, Jesus riete ihm, in Nazareth zu bleiben und mit dem Zimmermannshandwerk oder irgendeiner anderen Arbeit zu beginnen. Johannes und seine Mutter wussten nicht, dass die Familie von Nazareth so gut wie mittellos war. Je länger Maria und Elisabeth über ihre Söhne sprachen, umso stärker wurde ihre Überzeugung, dass es für die beiden jungen Männer gut wäre, gemeinsam zu arbeiten und sich häufiger zu sehen.

127:3.12

Jesus und Johannes führten viele Gespräche miteinander; sie redeten über einige sehr vertrauliche und persönliche Angelegenheiten. Am Ende dieses Besuches beschlossen sie, einander nicht eher wiederzusehen, als bis „der himmlische Vater sie riefe“, an ihre Arbeit zu gehen, und sie sich während ihres öffentlichen Wirkens wiederbegegneten. Johannes war von dem, was er in Nazareth sah, so tief beeindruckt, dass er beschloss, heimzukehren und für den Unterhalt seiner Mutter zu arbeiten. Er gelangte zur Überzeugung, dass er bestimmt sei, ein Teil von Jesu Lebenssendung zu werden, sah aber zugleich, dass Jesus noch auf Jahre hinaus mit dem Großziehen seiner Familie beschäftigt sein würde. Umso williger kehrte er deshalb nach Hause zurück, um sich um seinen kleinen Bauernhof zu kümmern und für den Unterhalt seiner Mutter zu sorgen. Und nie sahen Johannes und Jesus einander wieder bis zu jenem Tag, als Jesus am Jordan erschien, um sich taufen zu lassen.

127:3.13

Am 3. Dezember dieses Jahres, einem Samstagnachmittag, suchte der Tod die Familie von Nazareth zum zweiten Mal heim. Ihr kleiner Bruder Amos starb, nachdem er eine Woche lang mit hohem Fieber gelegen hatte. Nachdem Maria diese schmerzvolle Zeit mit ihrem erstgeborenen Sohn als einziger Stütze durchgemacht hatte, erkannte sie Jesus endlich voll und ganz als wirkliches Familienoberhaupt an; und er war in der Tat ein würdiges Haupt.

127:3.14

Während vier Jahren war ihr Lebensstandard dauernd gesunken. Jahr für Jahr fühlten sie, wie ihre Armut immer drückender wurde. Am Ende dieses Jahres erlebten sie einen der schwierigsten Augenblicke ihres ganzen mühseligen Ringens. Jakobus verdiente noch nicht viel, und ob der Ausgaben für ein Begräbnis, die zu allem anderen noch hinzukamen, wurde ihnen schwindlig. Aber Jesus sagte zu seiner besorgten und schmerzerfüllten Mutter nur: „Mutter Maria, Kummer wird uns nicht helfen; wir tun alle unser Bestes, und vielleicht würde das Lächeln unserer Mutter uns sogar noch zu Besserem anspornen. Tag für Tag werden wir für unsere Aufgaben durch die Hoffnung auf kommende bessere Zeiten gestärkt.“ Sein unerschütterlicher und praktischer Optimismus wirkte wahrhaftig ansteckend; alle Kinder lebten in einer Atmosphäre der Erwartung besserer Zeiten und Dinge. Und dieser hoffnungsvolle Mut trug trotz ihrer bedrückenden Armut kräftig zur Entwicklung starker und edler Charaktere bei.

127:3.15

Jesus besaß die Fähigkeit, all seine Verstandes-, Seelen- und Körperkräfte für die unmittelbar zu bewältigende Aufgabe einzusetzen. Er konnte seinen tief denkenden Verstand auf das eine Problem konzentrieren, das er lösen wollte; und dies, zusammen mit seiner unermüdlichen Geduld, befähigte ihn, die Prüfungen einer schwierigen sterblichen Existenz heiteren Sinnes zu ertragen – zu leben, als „sähe er Ihn, der unsichtbar ist“.

4. Das neunzehnte Jahr (13 n. Chr.)

127:4.1

Um diese Zeit kamen Jesus und Maria viel besser miteinander zurecht. Sie betrachtete ihn weniger als einen Sohn; er war für sie mehr ein Vater ihrer Kinder geworden. Jeden Tag tauchten ungezählte praktische, unmittelbare Schwierigkeiten auf. Sie sprachen seltener von seinem Lebenswerk, da sie sich im Laufe der Zeit mit ihrem ganzen Denken gemeinsam dem Unterhalt und der Erziehung ihrer Familie von vier Knaben und drei Mädchen widmeten.

127:4.2

Mit Beginn dieses Jahres hatte Jesus seine Mutter ganz für seine Methode der Kindererziehung gewonnen – der positiven Aufforderung, Gutes zu tun, anstelle der älteren jüdischen Methode, die verbot, Böses zu tun. Zu Hause und während seiner öffentlichen Lehrtätigkeit gebrauchte Jesus stets die positive Form der Aufforderung. Immer und überall sagte er: „Ihr sollt dies tun – ihr solltet das tun.“ Nie benutzte er die negative Lehrweise, die sich von den alten Tabus herleitete. Er hütete sich davor, das Üble durch Verbieten zu betonen, und er stellte vielmehr das Gute höher, indem er seine Ausübung verlangte. Die Gebetszeit war in diesem Hause die Gelegenheit, über alles und jedes zu diskutieren, was das Wohl der Familie betraf.

127:4.3

Jesus begann, seine Brüder und Schwestern in einem so frühen Alter weise zur Disziplin anzuhalten, dass es nur geringer oder gar keiner Bestrafung bedurfte, um ihren unverzüglichen und unbedingten Gehorsam zu erreichen. Die einzige Ausnahme bildete Jude, den Jesus verschiedentlich wegen seiner Verstöße gegen die Hausregeln zu strafen für nötig befand. Bei drei Gelegen­heiten, als eine Bestrafung von Jude weise erschien, weil er zugab, Familien­verhaltensregeln vorsätzlich verletzt zu haben, setzten die älteren Kinder mit einstimmigem Beschluss die Strafe fest, und Jude stimmte ihr zu, bevor sie vollzogen wurde.

127:4.4

Obgleich Jesus in allem, was er tat, sehr methodisch und systematisch vorging, gab es doch bei seiner Lenkung der häuslichen Angelegenheiten eine erfrischende Flexibilität der Interpretation und eine individuelle Anpassung, die alle Kinder durch den Geist der Gerechtigkeit beeindruckte, der ihren Vater-Bruder bewegte. Er bestrafte seine Geschwister nie willkürlich, und eine solche gleichbleibende Fairness und das Eingehen auf die einzelne Persönlichkeit machten Jesus seiner ganzen Familie sehr lieb.

127:4.5

Die heranwachsenden Brüder Jakobus und Simon versuchten, der Methode Jesu zu folgen, ihre kampfeslustigen und manchmal wütenden Spielkameraden durch Überzeugung und Widerstandslosigkeit zu besänftigen. Das gelang ihnen recht gut; aber Joseph und Jude, die solchen Lehren zu Hause zwar zustimmten, verteidigten sich augenblicklich, sobald sie von ihren Kameraden angegriffen wurden; insbesondere machte sich Jude der Verletzung des Geistes dieser Lehren schuldig. Aber die Widerstandslosigkeit war keine Familienregel. Die Zuwider­handlung gegen persönliche Unterweisung zog keine Bestrafung nach sich.

127:4.6

Im Allgemeinen holten sich alle Kinder, und besonders die Mädchen, in ihren kindlichen Nöten bei Jesus Rat und setzten ihr Vertrauen in ihn wie in einen liebenden Vater.

127:4.7

Jakobus entwickelte sich zu einem ausgeglichenen jungen Mann von ruhiger Gemütsart, aber er fühlte sich weniger zu Geistigem hingezogen als Jesus. Er war ein viel besserer Schüler als Joseph, der, obschon ein zuverlässiger Arbeiter, Geistigem gegenüber noch weniger aufgeschlossen war. Joseph war ein Arbeitstier und erreichte das intellektuelle Niveau der übrigen Kinder nicht. Simon war ein gutartiger Knabe, aber allzu sehr Träumer. Er brauchte lange, um im Leben zurechtzukommen und bereitete Jesus und Maria beträchtliche Sorgen. Aber er war immer ein guter Junge voll guten Willens. Jude war ein Unruhestifter. Er hatte die höchsten Ideale, aber ein wechselhaftes Temperament. Er besaß die Entschiedenheit und Dynamik seiner Mutter sogar noch in erhöhtem Maße, hingegen mangelte es ihm sehr an ihrem Sinn für Maß und Zurückhaltung.

127:4.8

Miriam war eine ausgeglichene, klar denkende Tochter mit einem ausgesprochenen Gespür für erhebende und geistige Dinge. Martha war langsam in ihrem Denken und Handeln, aber ein sehr zuverlässiges und tüchtiges Kind. Die kleine Ruth war der Sonnenschein des Hauses. Obwohl sie gedankenlos daherredete, war sie von ganzem Herzen aufrichtig. Sie vergötterte ihren großen Bruder und Vater nahezu. Aber man verwöhnte sie nicht. Sie war ein schönes Kind, aber doch nicht ganz so attraktiv wie Miriam, die die Schönheit der Familie, wenn nicht der Stadt, war.

127:4.9

Im Lauf der Jahre tat Jesus viel, um die in der Familie gültigen, die Einhal­tung des Sabbats betreffenden Lehren und Gebräuche und viele andere Vorschriften der Religion zu lockern und abzuändern; und zu all diesen Neue­rungen gab Maria ihre volle Zustimmung. Um diese Zeit war Jesus unbestrittenes Haupt des Hauses geworden.

127:4.10

In diesem Jahr begann Jude mit der Schule, und Jesus sah sich gezwungen, seine Harfe zu verkaufen, um die Kosten bestreiten zu können. Und damit verschwand auch die letzte seiner der Entspannung dienenden Freuden. Er liebte es sehr, auf der Harfe zu spielen, wenn sein Geist und Körper müde waren, aber er tröstete sich bei dem Gedanken, dass die Harfe so wenigstens davor sicher war, dem Steuereinzieher in die Hände zu fallen.

5. Rebekka, die Tochter Ezras

127:5.1

Obwohl Jesus arm war, erfuhr seine gesellschaftliche Stellung in Nazareth dadurch keinerlei Beeinträchtigung. Er war einer der führenden jungen Männer der Stadt und stand bei den meisten jungen Frauen in hohem Ansehen. Da Jesus ein so vollendetes Beispiel robuster und intellektueller Männlichkeit war, und wenn man seinen Ruf als geistiger Führer in Betracht zieht, ist es nicht verwunderlich, dass Rebekka, die älteste Tochter Ezras, eines reichen Kaufmanns und Händlers von Nazareth, entdecken sollte, dass sie sich allmählich in diesen Sohn Josephs verliebte. Sie vertraute ihre Zuneigung zuerst Miriam, der Schwester Jesu an, und Miriam ihrerseits besprach all dies mit ihrer Mutter. Maria war sehr erregt. Stand ihr der Verlust ihres Sohnes bevor, der zum unentbehrlichen Familienoberhaupt geworden war? Würden die Sorgen nie ein Ende nehmen? Und was würde danach geschehen? Und dann hielt sie inne und überlegte, wie sich eine Heirat auf Jesu zukünftige Laufbahn auswirken könnte; nicht oft, aber wenigstens hin und wieder, erinnerte sie sich der Tatsache, dass Jesus ein „Kind der Verheißung“ war. Nachdem sie und Miriam diese Angelegenheit durchgesprochen hatten, beschlossen sie, ihr ein Ende zu bereiten, bevor Jesus davon erfuhr. Sie begaben sich direkt zu Rebekka, unterbreiteten ihr die ganze Geschichte und vertrauten ihr in aller Aufrichtigkeit ihre Überzeugung an, dass Jesus ein Sohn der Vorsehung sei und dass er ein großer religiöser Führer, vielleicht der Messias, werden würde.

127:5.2

Rebekka hörte gespannt zu. Die Erzählung begeisterte sie, und sie war mehr denn je entschlossen, ihr Glück mit dem Mann ihrer Wahl zu versuchen und mit ihm seine Führerlaufbahn zu teilen. Sie kam für sich zu dem Schluss, dass ein solcher Mann umso mehr einer treuen und tatkräftigen Frau bedürfe. Sie legte Marias Bemühungen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, als natürliche Angstreaktion aus, das Haupt und die einzige Stütze ihrer Familie zu verlieren; aber da sie wusste, dass ihr Vater ihre Neigung für den Zimmermannssohn guthieß, rechnete sie zu Recht damit, dass er glücklich wäre, der Familie ein genügend großes Einkommen zu verschaffen, um den Verlust des Verdienstes Jesu auszugleichen. Nachdem ihr Vater diesem Plan zugestimmt hatte, kam es zu weiteren Unterredungen zwischen Rebekka und Maria und Miriam. Und als es ihr nicht gelang, deren Unterstützung zu gewinnen, fasste sie sich ein Herz und wandte sich direkt an Jesus. Das tat sie im Zusammenwirken mit ihrem Vater, der Jesus zur Feier ihres siebzehnten Geburtstages zu sich nach Hause einlud.

127:5.3

Jesus hörte aufmerksam und teilnehmend zu, als zuerst der Vater und nach ihm Rebekka selber diese Dinge darlegten. Er erwiderte darauf freundlich, dass keine Geldsumme an die Stelle seiner Verpflichtung treten könne, die Familie seines Vaters persönlich aufzuziehen, „die heiligste aller menschlichen Verantwortungen wahrzunehmen – die Treue zu seinem eigenen Fleisch und Blut“. Rebekkas Vater war durch Jesu Worte über Familientreue tief berührt und zog sich von der Unterredung zurück. Zu Maria, seiner Gattin, bemerkte er nur: „Wir können ihn nicht zum Sohn haben; er ist zu edel für uns.“

127:5.4

Darauf begann das denkwürdige Gespräch mit Rebekka. Bis dahin hatte Jesus in seinem Leben nur wenig Unterschied in seinen Beziehungen zu Knaben und Mädchen, zu jungen Männern und jungen Frauen gemacht. Seine Gedanken waren mit den dringenden Problemen praktischer irdischer Angelegenheiten und der faszinierenden Betrachtung seines künftigen Werdegangs, „die Angelegenheiten seines Vaters betreffend“, viel zu beschäftigt gewesen, als dass er dem Vollzug persönlicher Liebe in der menschlichen Ehe jemals ernste Beachtung geschenkt hätte. Aber nun fand er sich noch einem jener Probleme gegenüber, mit denen jedes gewöhnliche sterbliche Wesen konfrontiert wird und die es lösen muss. Er wurde tatsächlich „in jeder Beziehung geprüft wie ihr“.

127:5.5

Nachdem er ihr aufmerksam zugehört hatte, dankte er Rebekka aufrichtig dafür, dass sie ihm soviel Bewunderung entgegenbrachte und fügte hinzu: „Es wird mich alle Tage meines Lebens beglücken und ermutigen.“ Er erklärte, er sei nicht frei, mit irgendeiner Frau andere Beziehungen aufzunehmen als solche, die einzig auf brüderlicher Achtung und reiner Freundschaft beruhten. Er machte klar, dass seine erste und hauptsächlichste Pflicht die Erziehung der Familie seines Vaters sei, und dass er, solange dies nicht erfüllt sei, an keine Heirat denken könne; und dann fügte er hinzu: „Wenn ich ein Sohn der Vorsehung bin, darf ich keine lebenslänglichen Verpflichtungen eingehen vor der Zeit, in der sich meine Bestimmung kundtun wird.“

127:5.6

Rebekka war völlig gebrochen. Sie lehnte jeden Trost ab und drang so lange in ihren Vater, Nazareth zu verlassen, bis er endlich einwilligte, nach Sepphoris überzusiedeln. In den Jahren danach gab sie den vielen Männern, die um ihre Hand anhielten, immer nur dieselbe Antwort: Sie lebe nur einem Ziel – der Erwartung der Stunde, in der dieser für sie größte Mann, der je gelebt habe, seine Sendung als Lehrer der lebendigen Wahrheit antreten werde. Und sie folgte ihm mit Hingabe durch die bewegten Jahre seines öffentlichen Wirkens. Sie war (von Jesus unbemerkt) am Tage anwesend, da er triumphierend in Jerusalem einritt, und sie stand „unter den anderen Frauen“ an der Seite Marias an jenem schicksalsschweren und tragischen Nachmittag, als der Menschensohn am Kreuz hing. Für sie, wie für ungezählte höhere Welten, war er „der einzige wirklich Liebenswerte und der Größte unter Zehntausend“.

6. Sein zwanzigstes Jahr (14 n. Chr.)

127:6.1

Man erzählte sich in Nazareth und später in Kapernaum die Geschichte von der Liebe Rebekkas für Jesus, so dass er, obschon ihn in den folgenden Jahren viele Frauen als auch Männer liebten, nie wieder das persönliche Liebesangebot einer anderen achtbaren Frau zurückzuweisen hatte. Von dieser Zeit an hatte die menschliche Zuneigung für Jesus mehr den Charakter verehrender und anbetender Hochachtung. Sowohl Männer wie Frauen liebten ihn mit Hingabe als den, der er war, ganz ohne jeden Anflug selbstbezogener Befriedigung oder eines Wunsches nach gefühlsmäßiger Inbesitznahme. Aber viele Jahre lang, wann immer die Geschichte der menschlichen Persönlichkeit Jesu erzählt wurde, war auch von Rebekkas Liebe die Rede.

127:6.2

Miriam, die über Rebekkas Angelegenheit umfassend unterrichtet war und wusste, wie ihr Bruder sogar die Liebe eines schönen Mädchens ausgeschlagen hatte (aber die Tatsache seiner zukünftigen Schicksalssendung nicht erkannte) begann, Jesus zu idealisieren und für ihren Bruder rührende und tiefe Gefühle wie für einen Vater zu empfinden.

127:6.3

Obgleich sie es sich kaum leisten konnten, hatte Jesus ein seltsames Verlan­gen, zum Passahfest nach Jerusalem hinaufzugehen. Da seine Mutter um sein kürzliches Erlebnis mit Rebekka wusste, drängte sie ihn klugerweise, die Reise zu machen. Am meisten suchte er, auch wenn er sich dessen nicht deutlich bewusst war, eine Gelegenheit, mit Lazarus zu reden und mit Martha und Maria zu plaudern. Neben seiner eigenen Familie liebte er diese drei über alles.

127:6.4

Er zog über Megiddo, Antipatris und Lydda nach Jerusalem und nahm dabei teilweise denselben Weg, den er anlässlich seiner Rückkehr von Ägypten nach Nazareth gekommen war. Er brauchte vier Tage für seine Reise zum Passahfest, und er sann viel über die vergangenen Geschehnisse nach, die sich in und um Megiddo, dem internationalen Schlachtfeld Palästinas, abgespielt hatten.

127:6.5

Jesus durchquerte Jerusalem und hielt nur an, um den Tempel und die versammelten Besuchermassen zu betrachten. Er hatte eine seltsame und wachsende Abneigung gegen diesen von Herodes erbauten Tempel mit seiner nach politischen Gesichtspunkten ausgewählten Priesterschaft. Aber am allermeisten wünschte er Lazarus, Martha und Maria zu sehen. Lazarus war im selben Alter wie Jesus und jetzt Familienoberhaupt; zum Zeitpunkt dieses Besuches war auch die Mutter von Lazarus bereits zu Grabe getragen worden. Martha war etwas über ein Jahr älter als Jesus, während Maria zwei Jahre jünger war. Jesus war das angebetete Ideal aller drei.

127:6.6

Während dieses Besuchs ereignete sich einer von seinen periodischen Aus­brüchen der Auflehnung gegen die Tradition, Ausdruck des Grolls gegen jene zeremoniellen Bräuche, die nach Jesu Meinung eine falsche Vorstellung von seinem himmlischen Vater gaben. Da Lazarus nicht wusste, dass Jesus kommen würde, hatte er Vorkehrungen getroffen, das Passahfest mit Freunden in einem Nachbardorf zu feiern, das an der Straße nach Jericho hinunter lag. Jesus schlug nun vor, das Fest da, wo sie waren, im Hause des Lazarus, zu begehen. „Aber wir haben kein Passahlamm“, sagte Lazarus. Darauf begann Jesus eine lange und überzeugende Rede des Inhalts, dass der Vater im Himmel sich wahrlich nicht um solch kindische und bedeutungslose Riten kümmere. Nach einem feierlichen und inbrünstigen Gebet erhoben sie sich, und Jesus sagte: „Lasst die kindlichen und verdunkelten Gemüter meines Volkes ihrem Gott dienen, wie Moses es gelehrt hat; sie tun besser so, aber wir, die wir das Licht des Lebens gesehen haben, wollen unserem Vater nicht länger in der Dunkelheit des Todes entgegengehen. Lasst uns frei sein im Wissen um die Wahrheit der ewigen Liebe unseres Vaters.“

127:6.7

An diesem Abend bei Sonnenuntergang setzten sich die vier und nahmen am ersten Passahfest teil, das je von frommen Juden ohne Passahlamm gefeiert wurde. Das ungesäuerte Brot und der Wein waren für dieses Fest vorbereitet worden, und Jesus reichte seinen Freunden diese Sinnbilder, die er „Brot des Lebens“ und „Wasser des Lebens“ nannte, und sie aßen feierlich in Befolgung der eben erhaltenen Unterweisung. Er pflegte diese sakramentale Handlung jedes Mal vorzunehmen, wann immer er in Zukunft nach Bethanien auf Besuch kam. Bei seiner Heimkehr erzählte er das alles seiner Mutter. Sie erschrak zuerst, gelangte aber allmählich dahin, seinen Standpunkt zu verstehen; immerhin war sie sehr erleichtert, als Jesus ihr versicherte, dass es nicht seine Absicht sei, diese neue Art Passahfest in ihrer Familie einzuführen. Zu Hause mit den Kindern fuhr er Jahr für Jahr fort, das Passahmahl „nach dem Gesetz Moses“ einzunehmen.

127:6.8

Im Laufe dieses Jahres führte Maria mit Jesus ein langes Gespräch über die Ehe. Sie fragte ihn frei heraus, ob er heiraten würde, wenn er seiner Familien­pflichten enthoben wäre. Jesus erklärte ihr, dass er darüber nicht viel nachgedacht habe, da seine unmittelbare Pflicht eine Heirat ausschließe. Er drückte seine Zweifel aus, dass er jemals in den Ehestand treten werde; er sagte, dass all diese Dinge auf „meine Stunde“, die Zeit, da „meines Vaters Werk beginnen muss“, zu warten hätten. Da er sich bereits darüber klar geworden war, dass er nicht Vater leiblicher Kinder werden dürfe, dachte er kaum über das Thema der menschlichen Heirat nach.

127:6.9

In diesem Jahr machte er sich erneut an die Aufgabe, seine sterbliche und göttliche Natur zu einer einfachen und wirksamen menschlichen Individualität zu verschmelzen. Seine Sittlichkeit und sein geistiges Verständnis wuchsen weiterhin.

127:6.10

Obwohl all ihr Besitz in Nazareth (ihr Haus ausgenommen) dahin war, erhielten sie in diesem Jahr eine kleine finanzielle Hilfe aus dem Verkauf eines Anteils an einem Grundstück in Kapernaum. Dies war der letzte Rest von Josephs gesamtem Nachlass. Dieser Immobilienhandel in Kapernaum wurde mit einem Bootsbauer namens Zebedäus abgeschlossen.

127:6.11

Joseph legte in diesem Jahr sein Schlussexamen an der Synagogenschule ab und schickte sich an, die Arbeit an der kleinen Werkbank in der häuslichen Zimmermannswerkstatt aufzunehmen. Obwohl der Besitz ihres Vaters aufgezehrt war, bestand doch Aussicht, die Armut erfolgreich zu bekämpfen, da nun drei von ihnen regelmäßig arbeiteten.

127:6.12

Jesus wird jetzt rasch zum Mann, nicht nur zu einem jungen Mann, sondern zu einem Erwachsenen. Er hat gut gelernt, Verantwortung zu tragen. Er weiß, wie man angesichts von Enttäuschungen weitermacht. Er hält tapfer stand, wenn seine Pläne durchkreuzt und seine Vorhaben zeitweilig zunichte gemacht werden. Er hat gelernt, sogar angesichts von Ungerechtigkeit unparteiisch und gerecht zu sein. Er lernt jetzt, seine Ideale geistigen Lebens an den praktischen Erfordernissen der irdischen Existenz auszurichten. Er lernt, auf ein höheres und entferntes idealistisches Ziel hinzuarbeiten, während er sich ernsthaft abmüht, ein näheres, unmittelbares, von der Notwendigkeit bestimmtes Ziel zu erreichen. Er erwirbt schrittweise die Kunst, seine Erwartungen den gewöhnlichen Erfordernissen des menschlichen Alltags anzupassen. Er hat beinahe die Technik gemeistert, die Energie des geistigen Antriebs zu benutzen, um den Mechanismus der materiellen Leistungen in Schwung zu bringen. Er lernt langsam, das himmlische Leben zu leben, während er mit seiner irdischen Existenz fortfährt. Er verlässt sich immer mehr auf die höchste Führung durch seinen himmlischen Vater, während er die väterliche Rolle in der Lenkung und Beratung der Kinder seiner irdischen Familie übernimmt. Er wird erfahren darin, dem Rachen der Niederlage mit Gewandtheit Siege zu entreißen; er lernt, die Schwierigkeiten der Zeit in Triumphe der Ewigkeit zu verwandeln.

127:6.13

Die Jahre vergehen, und dieser junge Mann aus Nazareth macht weiterhin die Erfahrung des Lebens, wie es im sterblichen Fleisch auf den Welten von Zeit und Raum gelebt wird. Er lebt auf Urantia ein vollständiges, beispielhaftes und erfülltes Leben. Er verließ diese Welt mit der reifen Erfahrung, durch die seine Geschöpfe während der kurzen und mühsamen Jahre ihres ersten Lebens, des Lebens im Fleische, gehen. Und diese ganze menschliche Erfahrung ist nun ewiger Besitz des Herrn des Universums. Er ist unser verstehender Bruder, teilnehmender Freund, erfahrener Herrscher und erbarmungsvoller Vater.

127:6.14

Als Kind sammelte er eine große Menge Wissen; als Jugendlicher sichtete und ordnete er diese Informationen und stellte Beziehungen her; und nun, als ein Mensch dieser Welt, beginnt er diese geistigen Errungenschaften zu organisieren, bevor er sie später in seiner Lehrtätigkeit anwendet, in seiner Seelsorge und im Dienen an seinen sterblichen Brüdern dieser und aller anderen bewohnten Welten des gesamten Universums von Nebadon.

127:6.15

Als ein irdischer Säugling in diese Welt hineingeboren, hat er seine Kindheit durchlebt und die aufeinander folgenden Abschnitte der Jugend und des frühen Mannesalters durchschritten; er steht jetzt an der Schwelle zum vollen Mannesalter, ist reich an menschlicher Lebenserfahrung, hat umfassendes Verständnis für die menschliche Natur und ist voller Mitgefühl für deren Schwächen. Er wird Meister in der göttlichen Kunst, den sterblichen Geschöpfen aller Alters- und Entwicklungsstufen seinen Paradies-Vater zu offenbaren.

127:6.16

Und nun, als voll erwachsener Mann – als ein Erwachsener dieser Welt – macht er sich daran, seine höchste Sendung fortzusetzen, Gott den Menschen zu offenbaren und die Menschen zu Gott zu führen.


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Das Urantia Buch

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