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Die frühe Kindheit Jesu

WEGEN der Ungewissheiten und Befürchtungen, die mit dem Auf­enthalt in Betlehem verbunden waren, entwöhnte Maria den Säugling nicht eher, als bis die Familie sicher in Alexandria angekom­men war, wo sie wieder ein normales Leben führen konnten. Sie wohnten bei Verwandten, und Joseph, der kurz nach ihrer Ankunft Arbeit gefunden hatte, war gut in der Lage, für seine Familie zu sorgen. Er war einige Monate lang als Zimmermann angestellt und stieg dann zum Vorarbeiter einer großen Gruppe von Werktätigen auf, die bei einem der damals im Bau befindlichen öffentlichen Gebäude beschäftigt waren. Diese neue Erfahrung brachte ihn auf die Idee, nach ihrer Rückkehr nach Nazareth Unternehmer und Bauherr zu werden.

123:0.2

Während all der frühen Jahre der hilflosen Kindheit Jesu befand sich Maria in einem andauernden Zustand erhöhter Wachsamkeit, dass ihrem Kinde nichts zustoße, was sein Wohlergehen hätte gefährden oder in irgendeiner Weise seine künftige Sendung auf Erden hätte beeinträchtigen können. Nie hatte es eine hingebungsvollere Mutter gegeben. Mit Jesus zusammen im selben Hause lebten noch zwei andere Kinder ungefähr seines Alters, und unter den nächsten Nachbarn gab es sechs weitere Kinder, die ihm altersmäßig nahe genug standen, um ihm gute Spielgefährten zu sein. Zuerst neigte Maria dazu, Jesus ganz in ihrer Nähe zu behalten. Sie befürchtete, es könnte ihm etwas zustoßen, wenn ihm erlaubt würde, mit den anderen Kindern im Garten zu spielen, aber Joseph, unterstützt von seinen Verwandten, vermochte sie zu überzeugen, dass eine solche Verhaltensweise Jesus der nützlichen Erfahrung berauben würde, sich Kindern seines eigenen Alters anpassen zu lernen. Maria sah ein, dass ein solches Programm übertriebener Abschirmung und ungewöhnlicher Beschützung leicht dazu führen könnte, ihn zu selbstbewusst und ein wenig ichbezogen zu machen, und sie willigte schließlich in den Plan ein, das Kind der Verheißung genau wie jedes andere Kind aufwachsen zu lassen; und obgleich sie sich an diese Entscheidung hielt, machte sie es sich zur Aufgabe, immer wachsam zu sein, während die kleinen Leute im Hause oder im Garten spielten. Nur eine liebende Mutter kann ermessen, welche Sorge um die Sicherheit ihres Sohnes während der Jahre seiner Säuglingszeit und frühen Kindheit auf Marias Herzen lastete.

123:0.3

In den zwei Jahren ihres Aufenthaltes in Alexandria erfreute sich Jesus guter Gesundheit und wuchs weiterhin normal auf. Außer einigen Freunden und Verwandten erfuhr niemand, dass Jesus ein „Kind der Verheißung“ war. Eine Verwandte Josephs enthüllte es einigen Freunden in Memphis, Abkömmlingen des fernen Echnaton. Diese versammelten sich mit einer kleinen Schar von Gläubigen aus Alexandria in dem palastartigen Heim des Verwandten und Wohltäters Josephs kurz vor der Rückkehr nach Palästina, um der Familie aus Nazareth alles Gute zu wünschen und dem Kind ihre Aufwartung zu machen. Bei dieser Gelegenheit schenkten die versammelten Freunde Jesus eine vollständige Abschrift der griechischen Übersetzung der hebräischen Schriften. Aber diese Abschrift der jüdischen Schriften wurde Joseph erst ausgehändigt, nachdem er und Maria schließlich die Einladung ihrer Freunde aus Memphis und Alexandria, in Ägypten zu bleiben, abgelehnt hatten. Diese Gläubigen behaupteten beharrlich, dass das Kind der Vorsehung als Bewohner von Alexandria in der Lage wäre, einen weit größeren Einfluss auf die Welt auszuüben, als von irgendeinem bestimmten Ort in Palästina aus. Diese Überredungsbemühungen schoben ihre Abreise nach Palästina noch eine Zeit lang, nachdem sie die Nachricht vom Tode des Herodes erhalten hatten, hinaus.

123:0.4

Joseph und Maria verließen Alexandria schließlich auf einem ihrem Freunde Ezraeon gehörigen Schiff mit Ziel Jaffa und langten in diesem Hafen Ende August 4 v. Chr. an. Sie begaben sich geradewegs nach Betlehem und verbrach­ten dort den ganzen Monat September mit ihren Freunden und Verwand­ten in Beratungen darüber, ob sie dort bleiben oder nach Nazareth zurückkehren sollten.

123:0.5

Maria hatte die Idee nie ganz aufgegeben, dass Jesus in Betlehem, der Stadt Davids, aufwachsen sollte. Joseph glaubte nicht wirklich daran, dass ihr Sohn zum königlichen Befreier Israels bestimmt sei. Im Übrigen wusste er, dass er selbst kein richtiger Abkömmling Davids war; dass er nur durch die Adoption eines seiner Vorfahren in die davidische Linie zu dessen Nachkommen gezählt wurde. Maria hielt natürlich die Stadt Davids für den passendsten Ort, um den neuen Anwärter auf Davids Thron aufzuziehen. Joseph hingegen zog vor, es eher mit Herodes Antipas als mit dessen Bruder Archelaus zu riskieren. Er fürchtete sehr für des Kindes Sicherheit in Betlehem oder irgendeiner anderen Stadt Judäas und vermutete, dass Archelaus eher die drohende Politik seines Vaters Herodes fortsetzen würde als Antipas in Galiläa. Abgesehen von all diesen Gründen gab Joseph Galiläa eindeutig den Vorzug als dem Ort, den er für die Erziehung und Ausbildung des Kindes besser geeignet hielt. Aber drei Wochen waren nötig, um Marias Einwände zu überwinden.

123:0.6

Bis zum ersten Oktober hatte Joseph Maria und all ihre Freunde überzeugt, dass es das Beste für sie wäre, nach Nazareth zurückzukehren. Folglich verließen sie Anfang Oktober 4 v. Chr. Betlehem und gingen über Lydda und Skythopolis nach Nazareth. Sie brachen früh an einem Sonntagmorgen auf. Maria ritt mit dem Kind auf ihrem neu erstandenen Lasttier, während Joseph und fünf Begleiter aus der Verwandtschaft zu Fuß mitgingen; Josephs Verwandte hatten sich geweigert, sie allein nach Nazareth ziehen zu lassen. Sie fürchteten sich davor, über Jerusalem und das Jordantal nach Galiläa zu gehen, und die Wege im We­sten waren für zwei einzelne Reisende mit einem Kind im zarten Alter nicht allzu sicher.

1. Zurück in Nazareth

123:1.1

Am vierten Reisetag erreichte die Gruppe sicher ihr Reiseziel. Sie kamen unangemeldet in ihrem Heim in Nazareth an, in dem seit über drei Jahren einer von Josephs verheirateten Brüdern wohnte. Dieser war sehr erstaunt, sie zu erblicken; denn sie hatten so in aller Stille gehandelt, dass weder Josephs noch Marias Familie überhaupt wussten, dass sie Alexandria verlassen hatten. Am folgenden Tag zog Josephs Bruder mit seiner Familie aus, und Maria richtete sich mit ihrer kleinen Familie ein, um sich zum ersten Mal seit Jesu Geburt des Lebens in ihrem eigenen Heim zu erfreuen. In weniger als einer Woche hatte Joseph Arbeit als Zimmermann gefunden, und sie waren über die Maßen glücklich.

123:1.2

Jesus war zur Zeit ihrer Rückkehr nach Nazareth ungefähr drei Jahre und zwei Monate alt. Er hatte all diese Reisen sehr gut überstanden, war bei ausgezeichneter Gesundheit und voll kindlicher Fröhlichkeit und Ausgelassenheit darüber, Raum für sich zum Herumtollen und Spielen zu haben. Aber er vermisste die Gesellschaft seiner Spielgefährten in Alexandria sehr.

123:1.3

Auf dem Weg nach Nazareth hatte Joseph Maria davon überzeugt, dass es unklug wäre, unter ihren galiläischen Freunden und Verwandten zu verbreiten, dass Jesus ein Kind der Verheißung sei. Sie vereinbarten, diese Angelegenheit niemandem gegenüber zu erwähnen. Und beide hielten sich treu an dieses Versprechen.

123:1.4

Das ganze vierte Lebensjahr Jesu war eine Periode normaler körperlicher Entwicklung und ungewöhnlich reger geistiger Tätigkeit. Unterdessen hatte er eine sehr enge Freundschaft mit Jakob, einem Nachbarjungen seines Alters, geschlossen. Jesus und Jakob waren immer glücklich, zusammen zu spielen, und sie wuchsen heran und wurden große Freunde und treue Gefährten.

123:1.5

Das nächste wichtige Ereignis im Leben der Familie von Nazareth war die Geburt des zweiten Kindes, Jakobus, in den frühen Morgenstunden des zweiten April 3 v. Chr. Jesus war entzückt von dem Gedanken, ein kleines Brüderchen zu haben, und häufig stand er stundenweise dabei, um die frühen Aktivitäten des Säuglings zu beobachten.

123:1.6

Im Hochsommer desselben Jahres baute Joseph eine kleine Werkstatt dicht beim Dorfbrunnen nahe dem Platz, wo die Karawanen verweilten. Von da an führte er nur noch sehr wenige Zimmermannsarbeiten am Tage aus. Er hatte als Mitarbeiter zwei seiner Brüder und mehrere andere Handwerker, die er zur Arbeit ausschickte, während er selber in der Werkstatt blieb und Joche, Pflüge und andere Gegenstände aus Holz anfertigte. Auch mit Leder, Seilen und Segeltuch arbeitete er. Und als Jesus größer wurde, verbrachte er seine Zeit, wenn er nicht in der Schule war, zu ungefähr gleichen Teilen damit, seiner Mutter bei den Hausarbeiten zu helfen und seinem Vater bei der Arbeit in der Werkstatt zuzuschauen, während er den Unterhaltungen und Plaudereien der Karawanenführer und Reisenden aus allen vier Himmelsrichtungen der Erde zuhörte.

123:1.7

Im Juli dieses Jahres, ein Monat, bevor Jesus vier Jahre alt wurde, brach in Nazareth eine von Karawanenreisenden eingeschleppte, bösartige Darmgrippe aus und breitete sich in der ganzen Stadt aus. Maria ängstigte sich so sehr, Jesus könnte durch diese epidemische Krankheit angesteckt werden, dass sie ihre beiden Kinder auflud und zum Landhaus ihres Bruders floh, das einige Kilometer südlich von Nazareth an der Straße nach Megiddo in der Nähe von Sarid lag. Sie kehrten erst nach Ablauf von mehr als zwei Monaten nach Nazareth zurück; Jesus hatte große Freude an dieser seiner ersten Erfahrung auf einem Bauernhof.

2. Das fünfte Jahr (2 v. Chr.)

123:2.1

Etwas mehr als ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Nazareth erreichte der Knabe Jesus das Alter seiner ersten persönlichen, von ganzem Herzen getroffenen sittlichen Entscheidung, worauf ein Gedankenjustierer, eine göttliche Gabe des Vaters im Paradies, zu ihm kam, derselbe, der früher Machiventa Melchisedek gedient hatte und dabei seine Erfahrungen in Verbindung mit der Inkarnation eines übermenschlichen Wesens in Menschengestalt gewonnen hatte. Dieses Ereignis fand am 11. Februar 2 v. Chr. statt. Jesus war sich der Ankunft des göttlichen Mentors ebenso wenig bewusst, wie es die Millionen und Abermillionen anderen Kinder sind, die vor und nach diesem Tag in ähnlicher Weise solche Gedankenjustierer empfangen haben, damit diese ihrem Verstand innewohnten und für dessen höchste Vergeistigung und für das ewige Leben ihrer sich entwickelnden unsterblichen Seelen arbeiteten.

123:2.2

An diesem Februartag endete die direkte und persönliche Überwachung durch die Herrscher des Universums insofern, als sie sich auf die Unversehrtheit der kindlichen Inkarnation Michaels bezog. Von da an und während der menschlichen Entfaltung der Inkarnation war Jesus der Obhut dieses ihm innewohnenden Gedankenjustierers und der ihm beigesellten seraphischen Hüter anvertraut, dann und wann ergänzt durch die Dienste von Mittlern, die mit der Ausführung ganz bestimmter Aufgaben gemäß den Anweisungen ihrer planetarischen Vorgesetzten betraut waren.

123:2.3

Jesus wurde im August dieses Jahres fünf Jahre alt, und wir werden uns deshalb hierauf als auf sein – kalendarisch – fünftes Lebensjahr beziehen. In diesem Jahr 2 v. Chr., etwas mehr als ein Monat vor seinem fünften Geburtstag, machte die Ankunft seiner Schwester Miriam Jesus überglücklich, die in der Nacht vom 11. Juni zur Welt kam. Am Abend des folgenden Tages sprach Jesus lange mit seinem Vater über die Weise, in der die verschiedenen Arten von Lebe­wesen als gesonderte Individuen zur Welt kommen. Der wertvollste Teil der frühen Erziehung Jesu kam von seinen Eltern als Antwort auf seine tiefsinnigen und forschenden Fragen. Joseph versäumte es nie, seine volle Pflicht zu tun, und scheute weder Mühe noch Zeit für die Beantwortung der zahlreichen Fragen des Knaben. Von seinem fünften bis zu seinem zehnten Lebensjahr war Jesus ein einziges fortwährendes Fragezeichen. Joseph und Maria waren nicht immer imstande, seine Fragen zu beantworten; aber sie versäumten nie, seine Erkun­digungen gründlich mit ihm zu besprechen und ihn in jeder erdenklichen Weise bei seinem Bemühen zu unterstützen, für das Problem, welches sein reger Geist aufgeworfen hatte, eine befriedigende Lösung zu finden.

123:2.4

Seit ihrer Rückkehr nach Nazareth war im Haus immer viel Betrieb gewesen, und Joseph war durch den Bau der neuen Werkstatt und die Wiederinbe­triebnahme seines Geschäftes außerordentlich in Anspruch genommen worden; so sehr, dass er nicht einmal Zeit gefunden hatte, für Jakobus eine Wiege anzufertigen. Aber dem hatte er lange, bevor Miriam ankam, Abhilfe geschaffen, so dass diese sich in einem sehr bequemen Kinderbettchen kuscheln konnte, während die Familie sie bewunderte. Und das Kind Jesus nahm an all diesen natürlichen und normalen häuslichen Ereignissen herzlichen Anteil. Jesus freute sich sehr über seinen kleinen Bruder und sein Schwesterchen und war Maria eine große Hilfe bei ihrer Betreuung.

123:2.5

Es gab in der heidnischen Welt jener Zeit nur wenige Familien, die einem Kind eine bessere intellektuelle, sittliche und religiöse Erziehung geben konnten als die jüdischen Familien Galiläas. Diese Juden hatten ein systematisches Programm für die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Sie unterteilten das Leben eines Kindes in sieben Abschnitte:

123:2.6

1. Das neugeborene Kind, vom ersten bis zum achten Tag.

123:2.7

2. Das zu stillende Kind.

123:2.8

3. Das entwöhnte Kind.

123:2.9

4. Die Zeit der Abhängigkeit von der Mutter, bis zum Ende des fünften Lebensjahres.

123:2.10

5. Der Beginn der Unabhängigkeit des Kindes. Im Falle der Söhne übernimmt der Vater die Verantwortung für ihre Erziehung.

123:2.11

6. Die heranwachsenden Jünglinge und Mädchen.

123:2.12

7. Die jungen Männer und die jungen Frauen.

123:2.13

Bei den Juden Galiläas war es Sitte, dass die Mutter die Verantwortung für die Erziehung der Kinder bis zum fünften Geburtstag trug. Wenn das Kind ein Junge war, ging von da an die Verantwortung für die Erziehung des Knaben an den Vater über. Jesus trat also in diesem Jahr in den fünften Abschnitt der Entwicklung eines kleinen jüdischen Galiläers ein, und Maria übergab ihn demgemäß am 21. August 2 v. Chr. in aller Form an Joseph für die weitere Erziehung.

123:2.14

Auch wenn Joseph nun die unmittelbare Verantwortung für Jesu intellektuelle und religiöse Erziehung übernahm, fuhr seine Mutter doch fort, ihn in den häuslichen Angelegenheiten zu üben. Durch sie lernte er die Weinstöcke und Blumen kennen und pflegen, die entlang der das ganze Anwesen einfassenden Gartenmauer wuchsen. Auch stellte sie auf dem im Sommer als Schlafstelle dienenden Flachdach niedrige Sandkästen bereit, in denen Jesus Landkarten erstellte und sich früh im Schreiben von Aramäisch, Griechisch und später Hebräisch übte; denn mit der Zeit lernte er alle drei Sprachen lesen, schreiben und fließend sprechen.

123:2.15

Es zeigte sich, dass Jesus physisch ein beinahe vollkommenes Kind war und auch im mentalen und emotionalen Bereich weiterhin normale Fortschritte machte. Am Ende seines fünften (kalendarischen) Lebensjahres durchlitt er eine leichte Verdauungsstörung, seine erste geringfügige Krankheit.

123:2.16

Joseph und Maria sprachen zwar oft über die Zukunft ihres ältesten Kindes; wäret ihr jedoch zugegen gewesen, hättet ihr nichts weiter als das Heran­wachsen eines normalen, gesunden, sorglosen, aber über die Maßen wissbegierigen Kindes seiner Zeit und Umgebung beobachten können.

3. Ereignisse des sechsten Jahres (1 v. Chr.)

123:3.1

Schon beherrschte Jesus dank der Hilfe seiner Mutter den galiläischen Dialekt der aramäischen Sprache; und nun begann sein Vater, ihn in Griechisch zu unterrichten. Maria konnte nur wenig Griechisch, aber Joseph sprach sowohl Aramäisch als auch Griechisch fließend. Als Lehrbuch zum Studium der griechischen Sprache diente das Exemplar der hebräischen Schriften – eine vollständige Übersetzung des Gesetzes und der Propheten unter Einschluss der Psalmen – die sie beim Verlassen Ägyptens als Geschenk erhalten hatten. Es gab in ganz Nazareth nur zwei vollständige Exemplare der Schriften, und der Umstand, dass die eine davon sich im Besitz der Zimmermannsfamilie befand, machte aus Josephs Heim einen viel besuchten Ort und verschaffte dem heranwachsenden Jesus die Begegnung mit einer nahezu endlosen Reihe von sich ernsthaft bemühenden Studierenden und aufrichtigen Wahrheitssuchenden. Noch vor diesem Jahresende wurde das unschätzbare Manuskript der Obhut Jesu anvertraut. An seinem sechsten Geburtstag hatte er erfahren, dass das heilige Buch ihm von Freunden und Verwandten in Alexandria geschenkt worden war. Nach sehr kurzer Zeit konnte er es mühelos lesen.

123:3.2

Der erste große Schock im jungen Leben Jesu ereignete sich, als er noch nicht ganz sechs Jahre alt war. Es hatte dem Knaben geschienen, als ob sein Vater, oder zumindest Vater und Mutter zusammengenommen, allwissend seien. Man stelle sich deshalb das Erstaunen des wissbegierigen Kindes vor, das auf seine Frage nach der Ursache eines leichten Erdbebens seinen Vater sagen hörte: „Mein Sohn, ich weiß es wirklich nicht.“ So begann jene lange und beunruhigende Desillusionierung, in deren Verlauf Jesus herausfand, dass seine irdischen Eltern weder allweise noch allwissend waren.

123:3.3

Josephs erster Gedanke war, Jesus zu sagen, Gott habe das Erdbeben verursacht, aber eine kurze Überlegung warnte ihn, dass eine solche Antwort sofort weitere und noch unbequemere Fragen hervorrufen würde. Schon in einem sehr frühen Alter fiel es schwer, Jesu Fragen bezüglich physischer oder sozialer Phänomene damit abzutun, dass man ihm gedankenlos sagte, Gott oder der Teufel sei dafür verantwortlich. In Übereinstimmung mit dem vorherrschenden Glauben der Juden war Jesus lange Zeit bereit, die Lehre von den guten und bösen Geistern als mögliche Erklärung mentaler und geistiger Phänomene anzunehmen, aber es stiegen schon sehr früh Zweifel in ihm auf, ob solche unsichtbaren Einflüsse auch für die physischen Ereignisse der Natur verantwortlich zu machen seien.

123:3.4

Im Frühsommer des Jahres 1 v. Chr., bevor Jesus sechs Jahre alt war, kamen Zacharias, Elisabeth und ihr Sohn Johannes zur Familie von Nazareth auf Besuch. Jesus und Johannes verbrachten miteinander eine glückliche Zeit während dieses in ihrer Erinnerung ersten Besuches. Obwohl die Besucher nur einige Tage bleiben konnten, sprachen die Eltern über vieles, einschließlich der Zukunftspläne für ihre Söhne. Während sie damit beschäftigt waren, spielten die Kinder oben auf dem Dach mit Klötzen im Sand und vergnügten sich nach richtiger Jungenart auf manch andere Weise.

123:3.5

Nach dem Zusammensein mit Johannes, der aus der Nähe Jerusalems kam, begann Jesus ein ungewöhnliches Interesse an der Geschichte Israels zu zeigen und sich bis in kleinste Einzelheiten nach der Bedeutung der Sabbatbräuche, der Predigten in der Synagoge und der periodisch wiederkehrenden Erinne­rungsfeste zu erkundigen. Sein Vater erklärte ihm die Bedeutung all dieser Festzeiten. Die erste, mitten im Winter, war die acht Tage dauernde festliche Beleuchtung, die mit einer Kerze am ersten Abend begann, welcher an jedem folgenden Abend eine neue hinzugefügt wurde; dies geschah im Gedenken an die feierliche Weihe des Tempels nach der Wiederherstellung des mosaischen Zeremoniells durch Judas Makkabäus. Als nächste kam zu Frühlingsbeginn die Purimsfeier, das Fest Esthers und der Befreiung Israels durch sie. Dann folgte das feierliche Passahfest, das die Erwachsenen, wenn immer möglich, in Jerusalem begingen, während die Kinder zu Hause daran denken mussten, dass die ganze Woche über nur ungesäuertes Brot gegessen werden durfte. Später kam das Fest der ersten Früchte, die Einbringung der Ernte; und zuletzt, das feierlichste von allen, das Neujahrsfest oder der Tag der Versöhnung. Obwohl einige dieser Feierlichkeiten und Gebräuche dem jungen Fassungsvermögen Jesu Schwierigkeiten bereiteten, so dachte er doch ernsthaft darüber nach und überließ sich dann ganz und gar der Freude des Laubhüttenfestes. Das war für das ganze jüdische Volk die jährliche Ferienzeit, während der sie alle in blättergeschmückten Hütten hausten und sich der Fröhlichkeit und Vergnügungen hingaben.

123:3.6

Im Laufe dieses Jahres hatten Joseph und Maria mit Jesus Schwierigkeiten wegen seiner Gebete. Er bestand darauf, mit seinem himmlischen Vater ungefähr so zu sprechen wie mit Joseph, seinem irdischen Vater. Diese Abkehr von den feierlicheren und ehrerbietigeren Formen der Kommunikation mit der Gottheit befremdete seine Eltern ein wenig, insbesondere seine Mutter, aber trotz allem Zureden war er nicht davon abzubringen. Er sagte seine Gebete, wie er es gelernt hatte, aber danach bestand er darauf, „nur gerade ein bisschen mit meinem Vater im Himmel“ zu sprechen.

123:3.7

Im Juni dieses Jahres übergab Joseph seinen Brüdern die Werkstatt in Nazareth und arbeitete von da an ganz als Bauunternehmer. Vor Jahresende hatte sich das Familieneinkommen mehr als verdreifacht. Nie wieder bis nach Josephs Tod fühlte die Familie in Nazareth den Druck der Armut. Die Familie wurde immer größer, und viel Geld wurde für zusätzliche Erziehung und Reisen ausgegeben; aber Josephs wachsendes Einkommen hielt stets mit den zuneh­men­den Ausgaben Schritt.

123:3.8

In den nächsten paar Jahren unternahm Joseph größere Arbeiten in Kana, Betlehem (in Galiläa), Magdala, Nain, Sepphoris, Kapernaum und Endor, und baute viel in Nazareth und außerhalb. Als Jakobus alt genug geworden war, um seiner Mutter im Haushalt und bei der Versorgung der jüngeren Geschwister zu helfen, begab sich Jesus oft mit seinem Vater von zu Hause fort in diese Städte und Dörfer der Umgebung. Jesus war ein scharfer Beobachter und erwarb auf diesen Ausflügen fern von daheim viele praktische Kenntnisse. Unermüdlich erweiterte er sein Wissen über die Menschen und ihre Lebensweise auf dieser Erde.

123:3.9

In diesem Jahr gelang es Jesus immer besser, seine starken Gefühle und kräftigen Impulse den Anforderungen des Zusammenlebens in der Familie und der häuslichen Disziplin anzupassen. Maria war eine liebende Mutter, hielt aber eine recht strenge Disziplin. Indessen übte Joseph in mancher Hinsicht größere Autorität über Jesus aus, da es seine Gewohnheit war, sich mit dem Knaben hinzusetzen und ihm in aller Ausführlichkeit die wirklichen Gründe zu erklären, die eine disziplinarische Beschneidung persönlicher Wünsche aus Rücksichtnahme auf das Wohlergehen und die Ruhe der ganzen Familie erforderten. Nachdem man ihm die Situation auseinandergesetzt hatte, kam Jesus den elterlichen Wünschen und Familienregeln immer einsichtig und willig nach.

123:3.10

Wenn seine Mutter seine Hilfe im Haus nicht benötigte, verbrachte er einen großen Teil seiner Freizeit mit dem Beobachten von Blumen und Pflanzen bei Tag und der Sterne des Nachts. Er bekundete eine beunruhigende Neigung, noch lange nach der in diesem geordneten Haushalt Nazareths üblichen Schlafenszeit auf dem Rücken zu liegen und mit Staunen zum Sternenhimmel aufzuschauen.

4. Das siebente Jahr (1 n. Chr.)

123:4.1

Das war wirklich ein ereignisreiches Jahr im Leben Jesu. Früh im Januar gab es in Galiläa einen gewaltigen Schneesturm. Es fielen sechzig Zentimeter Schnee, der stärkste Schneefall, den Jesus zeit seines Lebens sah und einer der stärksten in Nazareth im Laufe von hundert Jahren.

123:4.2

Der Zeitvertreib jüdischer Kinder mit Spielen zur Zeit Jesu war ziemlich begrenzt; allzu oft ahmten die Kinder in ihren Spielen die ernsteren Dinge nach, die sie die Erwachsenen tun sahen. Sie spielten viel Hochzeit und Beerdigung, Zeremonien, die sie so häufig sahen und die so beeindruckend waren. Sie tanzten und sangen, besaßen aber nur wenige organisierte Spiele, an denen Kinder späterer Zeiten so viel Freude haben.

123:4.3

Es machte Jesus viel Vergnügen, zusammen mit einem Nachbarjungen und später mit seinem Bruder Jakobus in der entferntesten Ecke der häuslichen Zimmermannswerkstatt zu spielen, wo sie großen Spaß an Hobelspänen und Holzklötzen hatten. Jesus fiel es schwer, das Schädliche gewisser Spiele, die am Sabbat verboten waren, zu verstehen, aber er kam den Wünschen seiner Eltern stets nach. Er besaß Anlagen zu Humor und Spiel, für die es in der Umgebung seiner Zeit und Generation nur geringe Ausdrucksmöglichkeit gab, aber bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr war er meistens fröhlich und unbeschwert.

123:4.4

Maria unterhielt auf dem Dach des Stalles neben dem Haus einen Tauben­schlag. Der Erlös aus dem Verkauf der Tauben ging in eine gesonderte Wohltä­tig­keitskasse, die Jesus verwaltete, nachdem er den Zehnten abgezogen und ihn dem Vorgesetzten der Synagoge übergeben hatte.

123:4.5

Der einzige richtige Unfall, den Jesus bis zu dieser Zeit hatte, war ein Sturz die Steintreppe hinunter, welche vom Hinterhof zum leinwandüberdachten Schlaf­zimmer hinaufführte. Er ereignete sich während eines unerwarteten Julisandsturms aus dem Osten. Die heißen Winde, die Wolken von feinem Sand herant­rugen, bliesen gewöhnlich während der Regenzeit, besonders im März und April. Ein solcher Sturm im Juli war außergewöhnlich, und als er aufkam, spielte Jesus wie immer auf dem Hausdach; denn dies war während eines großen Teils der trockenen Jahreszeit sein gewohnter Spielplatz. Der Sand machte ihn blind, und er stürzte, als er die Treppe hinunterstieg. Nach diesem Unfall brachte Joseph beiderseits der Treppe Geländer an.

123:4.6

Dieser Unfall hätte in keiner Weise vermieden werden können. Er konnte nicht der Nachlässigkeit der beiden mit der irdischen Obhut betrauten Mittler zugeschrieben werden, waren doch ein primärer und ein sekundärer Mittler mit der Behütung des Knaben betraut. Ebenso wenig konnte der Schutzengel verantwortlich gemacht werden. Es hätte ganz einfach nicht vermieden werden können. Aber nach diesem leichten Unfall, der sich ereignete, als Joseph in Endor war, entwickelte sich in Maria eine solche Überängstlichkeit, dass sie unklugerweise versuchte, Jesus einige Monate lang ganz eng an ihrer Seite zu behalten.

123:4.7

Die himmlischen Persönlichkeiten greifen bei materiellen Unfällen, alltäglichen Vorkommnissen physischer Natur, nicht willkürlich ein. Unter gewöhnlichen Umständen können nur Mittler auf die materiellen Bedingungen einwirken, um Männer und Frauen der Vorsehung zu bewahren, und selbst in Ausnahmesituationen können diese Wesen nur in Befolgung bestimmter Anweisungen ihrer Vorgesetzten auf diese Weise eingreifen.

123:4.8

Und dies war nur einer von einer ganzen Anzahl kleinerer Unfälle, die diesem wissbegierigen und abenteuerlustigen Jungen in der Folge zustießen. Wenn ihr euch die normale Kindheit und Jugend eines lebhaften Jungen vor Augen haltet, dann habt ihr eine recht gute Vorstellung von der jugendlichen Laufbahn Jesu, und ihr werdet auch in der Lage sein zu ermessen, wieviel Besorgnis er in seinen Eltern und insbesondere seiner Mutter wachrief.

123:4.9

Joseph, das vierte Kind der Familie von Nazareth, kam am Mittwoch, dem 16. März 1 n. Chr., morgens zur Welt.

5. Schulzeit in Nazareth

123:5.1

Jesus hatte jetzt mit sieben Jahren das Alter erreicht, in dem die jüdischen Kinder offiziell ihre Erziehung in den Synagogenschulen zu beginnen hatten. Folglich trat er im August dieses Jahres seine bewegte Schulzeit in Nazareth an. Schon las, schrieb und sprach dieser Knabe fließend zwei Sprachen, das Aramäische und das Griechische. Er hatte sich nun an die Aufgabe zu machen, die hebräische Sprache lesen, schreiben und sprechen zu lernen. Er war wirklich begierig auf das neue Schulleben, das da vor ihm lag.

123:5.2

Drei Jahre lang, bis er zehn war, besuchte Jesus die Grundschule der Synagoge von Nazareth. Während dieser drei Jahre studierte er die Anfangs­gründe des Gesetzbuches, wie es in hebräischer Sprache überliefert war. In den folgenden drei Jahren studierte er in der Schule für Fortgeschrittene die tieferen Lehren des heiligen Gesetzes und lernte sie durch die Methode der lauten Wiederholung auswendig. Er machte seinen Abschluss an dieser Synagogen­schule während seines dreizehnten Lebensjahres und wurde seinen Eltern von den Leitern der Synagoge als ein ausgebildeter „Sohn des Gebotes“ übergeben, der von nun an ein verantwortlicher Bürger der Gemeinschaft Israels war, was notwendigerweise seine Anwesenheit am Passahfest in Jerusalem erforderte. So wohnte er in jenem Jahr, von seinen Eltern begleitet, zum ersten Mal dem Passahfest bei.

123:5.3

In Nazareth saßen die Schüler in einem Halbkreis am Boden, während der Chazan, ihr Lehrer, ein Angestellter der Synagoge, ihnen gegenüber saß. Sie begannen mit dem Levitikus und gingen dann zum Studium der anderen Bücher des Gesetzes über, dem sich das Studium der Propheten und der Psalmen anschloss. Die Synagoge von Nazareth besaß ein vollständiges Exemplar der Schriften auf Hebräisch. Vor dem zwölften Lebensjahr wurde nichts anderes als die Schriften studiert. In den Sommermonaten war die Unterrichtszeit beträchtlich kürzer.

123:5.4

Jesus wurde früh ein Meister im Hebräischen, und als jungen Mann bat man ihn oft, der gläubigen Gemeinde während der ordentlichen Sabbatgottesdienste aus den hebräischen Schriften vorzulesen, wenn sich gerade kein Besucher von Bedeutung in Nazareth aufhielt.

123:5.5

Diese Synagogenschulen verfügten natürlich über keine Lehrbücher. Um zu unterrichten, machte der Chazan eine Aussage, und die Schüler sprachen sie alle miteinander nach. Wenn sie zu den geschriebenen Gesetzbüchern Zugang hatten, lernten sie den Stoff durch lautes Lesen und fortwährende Wiederholung.

123:5.6

Zusätzlich zu seiner mehr formalen Schulung begann Jesus, mit der Natur des Menschen aller vier Himmelsrichtungen der Erde Bekanntschaft zu machen, da in seines Vaters Reparaturwerkstatt Menschen aus vielen Ländern ein- und ausgingen. Als er älter wurde, mischte er sich frei unter die Karawanen, wenn sie, um sich auszuruhen und zu verpflegen, in der Nähe des Brunnens Halt machten. Da er fließend Griechisch sprach, fiel es ihm nicht schwer, sich mit der Mehrzahl der Karawanenreisenden und -führer zu unterhalten.

123:5.7

Nazareth war Rastplatz an der Karawanenstraße, Kreuzungspunkt vieler Reiserouten, und hatte eine zum großen Teil heidnische Bevölkerung; auch war es weithin bekannt als Zentrum einer freien Auslegung des althergebrachten jüdischen Gesetzes. In Galiläa mischten sich die Juden freier unter die Heiden, als es in Judäa üblich war. Und von allen Städten Galiläas waren die Juden von Nazareth diejenigen, die die freieste Auslegung der sozialen Einschränkungen hatten, welche auf der Furcht vor Ansteckung durch Kontakt mit den Heiden beruhten. All dies war der Grund, weshalb man in Jerusalem zu sagen pflegte: „Kann irgendetwas Gutes aus Nazareth kommen?“

123:5.8

Jesus erhielt seine sittliche Schulung und geistige Kultur hauptsächlich in seinem eigenen Heim. Seine intellektuelle und theologische Erziehung empfing er zum großen Teil vom Chazan. Aber seine eigentliche Erziehung – jene Ausrüstung von Verstand und Herz für die wirkliche Prüfung in der Auseinander­setzung mit den schwierigen Lebensproblemen – erlangte er, indem er sich unter seine Mitmenschen mischte. Und gerade diese enge Verbindung zu seinen Mitmenschen, Jungen und Alten, Juden und Heiden, verschaffte ihm die Möglich­keit, die menschliche Rasse kennen zu lernen. Jesus war hochgebildet in dem Sinne, dass er die Menschen durch und durch verstand und sie mit Hingabe liebte.

123:5.9

Während seiner Synagogenjahre war er ein glänzender Schüler, der den großen Vorteil besaß, drei Sprachen zu beherrschen. Anlässlich des Abschlusses der Studien Jesu an seiner Schule bemerkte der Chazan von Nazareth zu Joseph, er fürchte, „von den tiefschürfenden Fragen Jesu mehr gelernt zu haben“, als er „imstande gewesen war, dem Jungen beizubringen“.

123:5.10

Jesus lernte viel während seiner Studienzeit, und die regelmäßigen Sabbat­predigten in der Synagoge waren für ihn eine große Quelle der Inspiration. Man pflegte bedeutende Besucher, die sich den Sabbat über in Nazareth aufhielten, zu bitten, das Wort in der Synagoge zu ergreifen. Während Jesus heranwuchs, hörte er viele große Denker aus der ganzen jüdischen Welt ihre Ansichten darlegen, unter ihnen viele kaum orthodoxe Juden, da die Synagoge von Nazareth ein fortschrittliches und aufgeschlossenes Zentrum hebräischer Denkweise und Kultur war.

123:5.11

Wenn sie mit sieben Jahren in die Schule eintraten (gerade in dieser Zeit hatten die Juden ein obligatorisches Erziehungsgesetz eingeführt), war es üblich, dass die Schüler ihren „Geburtstagstext“ auswählten, eine Art goldener Regel, die sie während ihrer Studien leiten sollte und über die sie sich anlässlich ihres Schulabschlusses mit dreizehn Jahren oft ausführlich ausließen. Der von Jesus gewählte Text stammte vom Propheten Jesaja: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, dass ich den Demütigen gute Botschaft bringe und all jene heile, die gebrochenen Herzens sind, den Unterdrückten Freiheit verkünde und die geistig Gefangenen befreie.“

123:5.12

Nazareth war eines der vierundzwanzig Priesterzentren der hebräischen Nation. Aber die galiläische Priesterschaft war in der Auslegung der traditionellen Gesetze großzügiger als die judäischen Schriftgelehrten und Rabbiner. Und in Nazareth waren sie auch in der Beachtung des Sabbats weniger streng. Deshalb pflegte Joseph an Sabbatnachmittagen Jesus auf Spaziergänge mitzunehmen. Einer ihrer bevorzugten Ausflüge war die Besteigung der in der Nähe ihres Heimes liegenden Anhöhe, von wo aus sie einen Rundblick über ganz Galiläa genossen. An klaren Tagen konnten sie im Nordwesten die lange, zum Meer abfallende Kammlinie des Berges Karmel sehen; und viele Male hörte Jesus seinen Vater die Geschichte von Elias erzählen, eines der ersten in der langen Reihe hebräischer Propheten, der den Achab angeklagt und die Priester des Baal entlarvt hatte. Im Norden ragte am Horizont der schneebedeckte Gipfel des Hermon in majestätischer Pracht empor und beherrschte den Horizont. Auf seinen oberen Hängen glänzte das Weiß des ewigen Schnees auf einer Länge von über einem Kilometer. Weit im Osten konnten sie das Jordantal unterscheiden, und noch viel weiter dahinter lagen die felsigen Berge des Moabs. Auch vermochten sie im Süden und Osten die griechisch-römischen Städte der Dekapolis mit ihren Amphitheatern und anmaßenden Tempeln zu sehen, wenn die Sonne ihre Marmormauern beschien. Und wenn sie bis gegen Sonnenuntergang verweilten, konnten sie im Westen auf dem fernen Mittelmeer die Segelschiffe ausmachen.

123:5.13

Nach vier Richtungen hin konnte Jesus beobachten, wie die Karawanenzüge ihren Weg nach Nazareth hinein und wieder hinaus nahmen, und gegen Süden konnte er das weite und fruchtbare Flachland Esdraelon überschauen, das sich bis zum Berg Gilboa und nach Samarien erstreckte.

123:5.14

Wenn sie nicht die Höhen bestiegen, um in die Ferne zu schauen, streiften sie durch das Land und beobachteten die mit den Jahreszeiten wechselnden Stimmungen der Natur. Jesu früheste Schulung, abgesehen von jener, die er zu Hause empfing, bestand aus einem ehrfürchtigen und innigen Kontakt mit der Natur.

123:5.15

Noch bevor er acht Jahre zählte, kannten ihn alle Mütter und jungen Frauen von Nazareth, die ihn am Dorfbrunnen getroffen und mit ihm gesprochen hatten. Der Brunnen befand sich nicht weit von seinem Zuhause und war eines der geselligen Zentren der Stadt, wo man sich zum Schwatzen traf. In diesem Jahr lernte Jesus die Familienkuh melken und die anderen Tiere versorgen. Während dieses und des folgenden Jahres lernte er auch das Zubereiten von Käse und das Weben. Mit zehn Jahren war er bereits ein geschickter Arbeiter am Webstuhl. Ungefähr zu dieser Zeit wurden Jesus und der Nachbarjunge Jakob enge Freunde des Töp­fers, der bei der sprudelnden Quelle arbeitete. Wenn sie zuschauten, wie Nathans flinke Finger den Ton auf der Töpferscheibe formten, beschlossen sie beide mehrmals, später einmal Töpfer zu werden. Nathan fasste eine große Zuneigung zu den Knaben und gab ihnen oft Ton zum Spielen. Er versuchte, ihre schöpferische Vorstellungskraft anzuregen, indem er sie anspornte, verschiedene Gegenstände und Tiere um die Wette zu modellieren.

6. Sein achtes Jahr (2 n. Chr.)

123:6.1

Dies war ein interessantes Jahr in der Schule. Jesus war zwar kein außergewöhnlicher, aber doch ein fleißiger Schüler und gehörte zum fortgeschritteneren Drittel der Klasse. Er machte seine Arbeit so gut, dass er jeden Monat eine Woche vom Unterricht befreit war. Diese Woche verbrachte er gewöhnlich entweder in der Nähe von Magdala am Ufer des Sees Genezareth bei seinem Onkel, der Fischer war, oder auf dem Hof eines anderen Onkels (des Bruders seiner Mutter) acht Kilometer südlich von Nazareth.

123:6.2

Seine Mutter machte sich zwar übertriebene Angst um seine Gesundheit und Sicherheit, söhnte sich aber nach und nach mit diesen Ausflügen außer Hause aus. Jesu Onkel und Tanten liebten ihn alle sehr, und es entstand in diesem und den unmittelbar folgenden Jahren ein lebhafter Wettstreit zwischen ihnen, um sich für die monatlichen Besuche seine Gesellschaft zu sichern. Sein erster einwöchiger Aufenthalt (seit seiner frühen Kindheit) auf seines Onkels Bauernhof fand im Januar dieses Jahres statt, das erste einwöchige Erlebnis beim Fischen auf dem See Genezareth im Monat Mai.

123:6.3

Um diese Zeit begegnete Jesus einem Mathematiklehrer aus Damaskus, und nachdem er sich einige neue Zahlentechniken angeeignet hatte, verbrachte er während mehrerer Jahre viel Zeit mit Mathematik. Er entwickelte einen scharfen Sinn für Zahlen, Strecken und Proportionen.

123:6.4

Jesus begann, an seinem Bruder Jakobus große Freude zu haben. Noch vor Jahresende fing er an, ihm das Alphabet beizubringen.

123:6.5

In diesem Jahr traf Jesus auch eine Abmachung für Harfenstunden im Austausch gegen Milchprodukte. Er fühlte sich in ungewöhnlichem Maße zu allem Musikalischen hingezogen. Später unternahm er viel, um das Interesse seiner jungen Gefährten an Vokalmusik zu fördern. Mit elf Jahren war er ein gewandter Harfenspieler und liebte es sehr, Familie und Freunde mit seinen außerordentlichen Wiedergaben und gekonnten Improvisationen zu erfreuen.

123:6.6

Während Jesus in der Schule weiterhin beneidenswerte Fortschritte machte, verlief für die Eltern und die Lehrer nicht alles so glatt. Hartnäckig stellte er immer wieder viele unbequeme Fragen bezüglich Wissenschaft und Religion, vor allem in Geographie und Astronomie. Insbesondere ließ er nicht locker, um herauszufinden, wieso es in Palästina eine trockene und eine regnerische Jahreszeit gab. Wiederholt suchte er die Erklärung für den großen Unterschied zwischen den Temperaturen Nazareths und des Jordantals. Er hörte ganz einfach nie auf, solche intelligenten, aber verwirrenden Fragen zu stellen.

123:6.7

Am Freitag, dem 14. April dieses Jahres 2 n. Chr., wurde abends sein dritter Bruder, Simon, geboren.

123:6.8

Im Februar kam Nahor, ein Lehrer an einer rabbinischen Akademie Jerusalems, nach Nazareth, um Jesus zu beobachten, nachdem er in gleicher Mission in Zacharias‘ Heim in der Nähe von Jerusalem gewesen war. Er kam auf Betreiben von Johannes‘ Vater nach Nazareth. Zuerst war er durch die Offenheit Jesu und seine unkonventionelle Art, mit religiösen Dingen umzugehen, einigermaßen schockiert, schrieb sie dann aber der Entfernung Galiläas von den Zentren hebräischer Gelehrsamkeit und Kultur zu und riet Joseph und Maria, ihm zu erlauben, Jesus mit sich zurück nach Jerusalem zu nehmen, wo er in den Genuss der Vorteile von Bildung und Schulung im Herzen der jüdischen Kultur käme. Maria war halb bereit zuzustimmen; sie war überzeugt, dass ihr ältester Sohn zum Messias, zum jüdischen Befreier bestimmt war. Joseph zögerte; er hatte ebenfalls die Überzeugung, dass Jesus ein Mann der Vorsehung werden würde, aber er war sich über die Art dieser Vorsehung völlig im Unklaren. Aber nie zog er ernstlich in Zweifel, dass sein Sohn auf Erden eine große Sendung zu erfüllen habe. Je mehr er über Nahors Rat nachdachte, umso mehr stellte er die Weisheit des vorgeschlagenen Aufenthaltes in Jerusalem in Frage.

123:6.9

Angesichts dieser Meinungsverschiedenheit zwischen Joseph und Maria bat Nahor um die Erlaubnis, die ganze Angelegenheit Jesus zu unterbreiten. Jesus hörte aufmerksam zu, sprach mit Joseph, Maria und einem Nachbarn, dem Steinmetzen Jakob, dessen Sohn sein bester Spielgefährte war, und gab seine Antwort erst nach zwei Tagen: Da die Meinungen seiner Eltern und Ratgeber so weit auseinanderklafften und er sich außerstande fühle, die Verantwortung für eine solche Entscheidung zu übernehmen, und weil es ihn eindeutig weder in die eine noch in die andere Richtung ziehe, habe er sich schließlich angesichts der ganzen Lage entschlossen, „mit meinem Vater im Himmel zu sprechen“; und obschon er bezüglich der Antwort nicht ganz sicher sei, rate ihm das Gefühl, eher zu Hause „bei meinem Vater und meiner Mutter“ zu bleiben; und er fügte hinzu: „Sie, die mich so sehr lieben, sollten in der Lage sein, mehr für mich zu tun und mich sicherer zu führen als Fremde, die nur meinen Körper sehen und meinen Verstand beobachten, mich aber kaum wirklich kennen können.“ Sie staunten alle, und Nahor kehrte nach Jerusalem zurück. Und es vergingen viele Jahre, bevor Jesu Weggang von zu Hause wiederum Gegenstand von Überlegungen wurde.


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