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Die wahre Natur der Religion

RELIGION als menschliche Erfahrung reicht von der primitiven Furcht-Versklavung des sich entwickelnden Wilden bis zur sublimen und wunderbaren Freiheit im Glauben der zivilisierten Sterblichen, die sich auf wunderbare Weise bewusst sind, Söhne des ewigen Gottes zu sein.

101:0.2

Die Religion ist die Ahnherrin der fortgeschrittenen Ethik und Sittlichkeit der progressiven gesellschaftlichen Entwicklung. Aber Religion als solche ist nicht nur eine sittliche Bewegung, obwohl ihre äußeren, gesellschaftlichen Erschei­nungs­formen durch die ethische und sittliche Triebkraft der menschlichen Gesellschaft mächtig beeinflusst werden. Immer ist Religion die Inspi­ration der sich entwickelnden Natur des Menschen, aber sie ist nicht das Geheimnis dieser Entwicklung.

101:0.3

Die Religion, der überzeugte Glaube der Persönlichkeit, vermag immer über die im ungläubigen materiellen Verstand geborene, oberflächlich widerspr­üchliche Logik der Verzweiflung zu siegen. Es gibt tatsächlich eine wahre, echte innere Stimme, jenes „wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt“. Und diese geistige Führung ist verschieden von der ethischen Eingebung des menschlichen Bewusstseins. Das Gefühl religiöser Gewissheit ist mehr als ein emotionales Gefühl. Die Gewissheit der Religion übersteigt die Vernunftgründe des Verstandes und sogar die Logik der Philosophie. Religion ist Glaube, Vertrauen und Gewissheit.

1. Wahre Religion

101:1.1

Wahre Religion ist nicht ein System philosophischer Anschauungen, die man durchdenken und durch natürliche Beweise erhärten kann, noch ist sie eine phantastische, mystische Erfahrung unbeschreiblicher ekstatischer Gefühle, die nur von den romantischen Anhängern des Mystizismus genossen werden kann. Religion ist nicht das Produkt der Vernunft, aber von innen her betrachtet, ist sie ganz und gar vernünftig. Religion leitet sich nicht von der Logik menschlicher Philosophie ab, aber als eine menschliche Erfahrung ist sie ganz und gar logisch. Religion ist das Erfahren der Göttlichkeit im Bewusstsein eines sittlichen Wesens evolutionären Ursprungs; sie stellt eine wahre Erfahrung mit ewigen Realitäten im Zeitlichen dar, die Verwirklichung geistiger Befriedigungen schon in Menschengestalt.

101:1.2

Der Gedankenjustierer hat keine besonderen Mechanismen, durch die er sich ausdrücken könnte; es besteht keine mystische religiöse Fähigkeit für den Empfang oder den Ausdruck religiöser Empfindungen. Diese Erfahrungen werden von den naturgegebenen Mechanismen des sterblichen Verstandes geliefert. Und darin liegt eine der Erklärungen für die Schwierigkeit des Justierers, in direkte Verbindung mit dem von ihm ständig bewohnten materiellen Verstand zu treten.

101:1.3

Der göttliche Geist tritt mit dem sterblichen Menschen nicht über Gefühle und Emotionen in Kontakt, sondern in der Zone des höchsten und vergeistigten Denkens. Eure Gedanken sind es, und nicht eure Gefühle, die euch gottwärts leiten. Die göttliche Natur kann nur mit den Augen des Verstandes wahrgenommen werden. Aber der Verstand, der Gott tatsächlich erkennt, der den inwendigen Gedankenjustierer vernimmt, ist der reine Verstand. „Ohne Heiligkeit kann niemand den Herrn sehen.“ All solche innere und geistige Verbindung nennt man geistige Schau. Derartige religiöse Erfahrungen sind die Folge des Eindrucks, den die vereinten Operationen des Justierers und des Geistes der Wahrheit im menschlichen Verstand der sich entwickelnden Söhne Gottes machen, wenn sie inmitten von deren Ideen, Idealen, Erkenntnissen und geistigen Anstrengungen und auf diese wirken.

101:1.4

Religion lebt und blüht also nicht durch Sehen und Fühlen, sondern vielmehr durch Glauben und Erkennen. Sie besteht nicht in der Entdeckung neuer Tatsachen oder im Finden einer einmaligen Erfahrung, sondern vielmehr in der Entdeckung neuer und geistiger Bedeutungen in Tatsachen, die der Menschheit längst bekannt sind. Die höchste religiöse Erfahrung hängt nicht von vorausgegangenen, durch Glaubensbekenntnis, Tradition oder Autorität beeinflussten Handlungen ab; ebenso wenig ist Religion die Frucht sublimer Gefühle und rein mystischer Emotionen. Sie ist vielmehr eine zutiefst erlebte und wirkliche Erfahrung geistiger Verbindung mit den geistigen Einflüssen, die im menschlichen Verstand wohnen, und insofern als sich eine solche Erfahrung in psychologischer Ausdrucksweise definieren lässt, ist sie einfach die Erfahrung, die Realität des Glaubens an Gott als die Realität einer solch rein persönlichen Erfahrung zu erfahren.

101:1.5

Obwohl die Religion nicht das Ergebnis von rationalistischen Spekulationen einer materiellen Kosmologie ist, ist sie nichtsdestoweniger die Schöpfung einer völlig rationalen Erkenntnis, die ihren Ursprung in der mentalen Erfahrung des Menschen hat. Religion wird nicht aus mystischen Meditationen oder aus einsamen Kontemplationen geboren, obwohl sie stets mehr oder weniger mysteriös bleibt und vom Standpunkt der rein intellektuellen Vernunft und philosophischen Logik aus undefinierbar und unerklärlich ist. Die Keime wahrer Religion entstehen im Bereich des sittlichen Bewusstseins des Menschen, und sie offenbaren sich im Wachstum seiner geistigen Schau, jener Fähigkeit der menschlichen Persönlichkeit, die sich in dem nach Gott hungernden menschlichen Verstand infolge der Anwesenheit des Gott offenbarenden Gedankenjustierers herausbildet.

101:1.6

Der Glaube eint die sittliche Schau mit einer bewussten Wahrnehmung von Werten, und das schon vorher vorhandene evolutionäre Pflichtgefühl macht die Ahnenschaft wahrer Religion vollständig. Die religiöse Erfahrung bewirkt schließlich das sichere Bewusstsein von Gott und die fraglose Gewissheit des Fortlebens der gläubigen Persönlichkeit.

101:1.7

Daraus kann man erkennen, dass religiöse Sehnsüchte und geistige Antriebe nicht von der Art sind, in den Menschen bloß den Wunsch zu erwecken, an Gott zu glauben, sondern dass es ihr Wesen und ihre Macht ist, den Menschen die tiefe Überzeugung einzuprägen, dass sie an Gott glauben sollten. Das evolutionäre Pflichtgefühl und die Obliegenheiten im Gefolge der Erleuchtung durch Offenbarung machen auf die sittliche Natur des Menschen einen so tiefen Eindruck, dass er in seinem Verstand und seiner Seele schließlich zu einer Haltung gelangt, wo er den Schluss zieht, dass er kein Recht hat, nicht an Gott zu glauben. Die höhere und überphilosophische Weisheit solch erleuchteter und disziplinierter Einzelmenschen lehrt diese letzten Endes, dass es ein Verrat am Realsten und Tiefsten in Verstand und Seele des Menschen – am göttlichen Justierer – wäre, Gott zu bezweifeln oder seiner Güte zu misstrauen.

2. Die Tatsache der Religion

101:2.1

Die Tatsache der Religion besteht ganz und gar in der religiösen Erfahrung durchschnittlicher vernünftiger Menschenwesen. Und dies ist der einzige Sinn, in dem Religion je als wissenschaftlich oder gar psychologisch angesehen werden kann. Und ebendiese Tatsache menschlicher Erfahrung ist der Beweis, dass Offenbarung wirklich Offenbarung ist: die Tatsache, dass Offenbarung effektiv die scheinbar auseinanderklaffenden Naturwissenschaften und die Theologie der Religion miteinander in einer harmonischen und folgerichtigen Univer­sumsphilosophie versöhnt, in einer koordinierten und ununterbrochenen Erklärung von Wissenschaft und Religion, und dadurch den Verstand mit Harmonie und den Geist mit Befriedigung erfüllt, was in menschlicher Erfahrung die Fragen des sterblichen Verstandes beantwortet, der sich danach sehnt zu wissen, wie der Unendliche seinen Willen und seine Pläne in der Materie, mit den Intelligenzen und im Geistigen ausführt.

101:2.2

Die Vernunft ist die Methode der Wissenschaft, der Glaube ist die Methode der Religion; die Logik ist die Technik, welche die Philosophie anzuwen­den versucht. Offenbarung kommt für die Abwesenheit des morontiellen Gesichts­punktes auf, indem sie eine Technik liefert, um durch Vermittlung des Verstandes im Verständnis der Realität von Materie und Geist und ihrer gegen­­seitigen Beziehungen eine Einheit herzustellen. Und wahre Offenbarung macht die Wissenschaft nie unnatürlich, die Religion unvernünftig oder die Philosophie unlogisch.

101:2.3

Durch das Studium der Wissenschaft kann die Vernunft vielleicht den Weg durch die Natur bis zu einer Ersten Ursache zurückverfolgen, aber es braucht den religiösen Glauben, um die Erste Ursache der Wissenschaft in einen Gott der Errettung zu verwandeln; und weiter braucht es Offenbarung, um einen solchen Glauben, eine solche geistige Schau gültig zu erklären.

101:2.4

Es gibt zwei fundamentale Gründe, um an einen Gott zu glauben, der das menschliche Fortleben begünstigt:

101:2.5

1. Die menschliche Erfahrung, persönliche Gewissheit, eine durch den innewohnenden Gedankenjustierer ausgelöste, irgendwie verspürte Hoffnung und Zuversicht.

101:2.6

2. Die Offenbarung der Wahrheit, sei es durch direktes persönliches Wirken des Geistes der Wahrheit, durch die Selbsthingabe göttlicher Söhne an die Welt oder durch Offenbarungen des geschriebenen Wortes.

101:2.7

Die Wissenschaft beendet ihre vernünftige Suche mit der Hypothese einer Er­sten Ursache. Die Religion bricht ihren Flug des Glaubens nicht ab, bevor sie eines Gottes der Errettung sicher ist. Das eingehende Studium der Wissenschaft legt logischerweise die Realität und Existenz eines Absoluten nahe. Die Religion glaubt rückhaltlos an Existenz und Realität eines Gottes, der sich des Fortlebens der Persönlichkeit annimmt. Was der Metaphysik völlig misslingt und sogar der Philosophie teilweise misslingt, schafft die Offenbarung; d. h. sie erklärt, dass die Erste Ursache der Wissenschaft und der rettende Gott der Religion ein und dieselbe Gottheit sind.

101:2.8

Die Vernunft ist das Beweismittel der Wissenschaft, der Glaube das Beweis­mittel der Religion, die Logik das Beweismittel der Philosophie, aber einzig menschliche Erfahrung verleiht der Offenbarung Gültigkeit. Wissenschaft schenkt Wissen; Religion schenkt inneres Glück; Philosophie schenkt Einheit; Offen­barung bestätigt die erfahrungsmäßige Harmonie dieser dreifachen Annäherung an die universale Realität.

101:2.9

Die Betrachtung der Natur kann einzig einen Gott der Natur, einen Gott der Bewegung, offenbaren. Die Natur lässt nur Materie, Bewegung und Belebtheit – Leben – erkennen. Materie plus Energie manifestiert sich unter bestimmten Umständen in lebendigen Formen, aber obwohl das natürliche Leben solcherweise ein relativ kontinuierliches Phänomen ist, ist es, was Individualitäten anbelangt, völlig vergänglich. Die Natur bietet keinen Ansatzpunkt für einen logischen Glauben an das Fortleben der menschlichen Persönlichkeit. Ein religiöser Mensch, der Gott in der Natur findet, hat denselben persönlichen Gott schon zuvor in seiner eigenen Seele gefunden.

101:2.10

Der Glaube offenbart Gott in der Seele. Die Offenbarung, die auf einer evolutionären Welt die morontielle Schau ersetzt, befähigt den Menschen, in der Natur denselben Gott zu erkennen, den der Glaube ihm in seiner Seele enthüllt. In dieser Art schlägt Offenbarung mit Erfolg eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Geistigen, ja zwischen Geschöpf und Schöpfer, zwischen Mensch und Gott.

101:2.11

Die Betrachtung der Natur weist logischerweise in Richtung einer intelligenten Lenkung, sogar einer lebendigen Überwachung, aber sie offenbart in keiner irgendwie befriedigenden Weise einen persönlichen Gott. Andererseits findet sich in der Natur nichts, was einen daran hindern könnte, das Universum als das Werk des Gottes der Religion anzusehen. Gott kann durch die Natur allein nicht gefunden werden, aber wenn der Mensch ihn auf anderem Weg gefunden hat, wird das Studium der Natur ganz und gar mit einer höheren und geistigeren Interpretation des Universums vereinbar.

101:2.12

Offenbarung als epochales Phänomen ist periodisch; als persönliche menschliche Erfahrung geschieht sie fortlaufend. Die Göttlichkeit wirkt in der sterblichen Persönlichkeit als das Justierer-Geschenk des Vaters, als Geist der Wahrheit des Sohnes und als Heiliger Geist des Universumsgeistes, während diese drei übermenschlichen Begabungen in der erfahrungsmäßigen menschlichen Evolution geeint sind als das Wirken des Supremen.

101:2.13

Wahre Religion ist ein Einblick in die Realität, sie ist das Glaubenskind des sittlichen Bewusstseins und nicht nur eine intellektuelle Zustimmung zu einer Sammlung dogmatischer Lehrsätze. Wahre Religion besteht in der Erfahrung, dass „der Geist selber mit unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind“. Religion besteht nicht aus theologischen Lehrsätzen, sondern in geistiger Erkennt­nis und in der Sublimität des Vertrauens der Seele.

101:2.14

Eure tiefste Natur – der göttliche Justierer – schafft in euch Hunger und Durst nach Rechtschaffenheit, eine gewisse Sehnsucht nach göttlicher Vollkom­menheit. Religion ist der Glaubensakt, der diesem inneren Drängen nach göttlicher Vollbringung Rechnung trägt; und so entstehen in der Seele jenes Vertrauen und jene Gewissheit, deren ihr euch als des Weges der Errettung bewusst werdet, als der Technik des Fortlebens der Persönlichkeit und all jener Werte, die ihr als wahr und gut angenommen habt.

101:2.15

Die Verwirklichung der Religion ist nie von großer Gelehrsamkeit oder gescheiter Logik abhängig gewesen und wird es nie sein. Sie ist eine geistige Schau, und das ist gerade der Grund, weshalb einige der größten religiösen Lehrer und auch die Propheten manchmal so wenig von der Weisheit der Welt besessen haben. Religiöser Glaube steht Gebildeten und Ungebildeten gleichermaßen zur Verfügung.

101:2.16

Die Religion muss stets ihr eigener Kritiker und Richter sein; sie kann von außen nie beobachtet und noch viel weniger verstanden werden. Eure einzige Gewissheit von einem persönlichen Gott besteht in eurem eigenen Tiefblick, was euren Glauben an geistige Dinge und eure Erfahrung damit angeht. All jene eurer Mitmenschen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, brauchen keine Argumente, die für Gottes Persönlichkeit oder Realität sprechen, während für alle anderen Menschen, die Gottes nicht in dieser Weise sicher sind, kein denkbares Argument je wahrhaft überzeugend sein kann.

101:2.17

Die Psychologie kann allerdings versuchen, die Phänomene religiöser Reaktionen auf das gesellschaftliche Umfeld zu studieren, aber nie kann sie hoffen, bis zu den wirklichen inneren Beweggründen und Arbeitsweisen der Religion vorzudringen. Einzig die Theologie, Wissensgebiet des Glaubens und Technik der Offenbarung, kann irgendwelche intelligenten Aussagen über Wesen und Inhalt der religiösen Erfahrung liefern.

3. Die charakteristischen Merkmale der Religion

101:3.1

Die Religion ist so vital, dass sie auch bei fehlendem Wissen weiter besteht. Sie lebt, auch wenn sie durch irrige Kosmologien und falsche Philosophien verunreinigt wird; sie überlebt sogar die Verwirrung metaphysischer Lehren. Durch alle historischen Wechselfälle der Religion überdauert stets das, was für den Fortschritt der Menschen und für ihr Fortleben unerlässlich ist: ethisches Gewissen und sittliches Bewusstsein.

101:3.2

Erkenntnis durch den Glauben, oder geistige Intuition, ist die Gabe des kosmischen Verstandes in Zusammenarbeit mit dem Gedankenjustierer, dem Geschenk des Vaters an den Menschen. Geistige Vernunft, oder Intelligenz der Seele, ist die Gabe des Heiligen Geistes, ist des Schöpferischen Geistes Geschenk an den Menschen. Geistige Philosophie, oder die Weisheit geistiger Reali­täten, ist die Gabe des Geistes der Wahrheit, das kombinierte Geschenk der Söhne der Selbsthingabe an die Menschenkinder. Und die Koordination und das Zusammenwirken dieser geistigen Gaben machen aus dem Menschen potentiell eine Geistpersönlichkeit mit ewiger Bestimmung.

101:3.3

Es ist dieselbe Geistpersönlichkeit in primitiver und embryonaler Form, die als Besitz des Justierers den natürlichen körperlichen Tod überlebt. Diese zusammengesetzte Wesenheit geistigen Ursprungs verbunden mit menschlicher Erfahrung wird durch den von den göttlichen Söhnen bereitgestellten lebendigen Weg befähigt, (in der Obhut des Justierers) die Auflösung des aus Verstand und Materie bestehenden materiellen Selbst zu überleben, nachdem die vergängliche Partnerschaft zwischen Materiellem und Geistigem durch das Aufhören des Lebensantriebs auseinander gefallen ist.

101:3.4

In ihrem religiösen Glauben offenbart sich die Seele des Menschen und beweist die potentielle Göttlichkeit ihrer erwachenden Natur durch die charakteristische Art und Weise, in der sie die sterbliche Persönlichkeit veranlasst, auf gewisse belastende intellektuelle und kritische soziale Situationen zu reagieren. Echter geistiger Glaube (wahres sittliches Bewusstsein) offenbart sich folgendermaßen:

101:3.5

1. Er veranlasst Ethik und Sittlichkeit, trotz angeborener und gegenläufiger tierischer Tendenzen zu wachsen.

101:3.6

2. Er erzeugt selbst angesichts bitterer Enttäuschungen und vernichtender Niederlagen ein sublimes Vertrauen in die Güte Gottes.

101:3.7

3. Er bewirkt natürlichen Notlagen und physischen Katastrophen zum Trotz großen Mut und tiefes Vertrauen.

101:3.8

4. Er legt trotz rätselhafter Krankheiten und selbst heftiger physischer Leiden unerklärlichen Gleichmut und Kraft verströmende Ruhe an den Tag.

101:3.9

5. Er bewahrt auf geheimnisvolle Weise Gleichgewicht und Fassung der Persönlichkeit angesichts von Misshandlung und schreiendster Unge­rechtigkeit.

101:3.10

6. Er hält fest an seinem göttlichen Vertrauen in den Endsieg trotz der Grausamkeit eines scheinbar blinden Schicksals und der offenbaren völligen Teilnahmslosigkeit der Naturkräfte am menschlichen Wohlergehen.

101:3.11

7. Er verharrt trotz aller gegenteiligen Beweise der Logik unbeirrbar im Glauben an Gott und widersteht erfolgreich allen anderen intellektuellen Sophistereien.

101:3.12

8. Er fährt fort, einen unbezähmbaren Glauben an das Fortleben der Seele zu zeigen, ohne sich um die täuschenden Lehren einer falschen Wissenschaft und die trügerischen Überredungskünste ungesunder Philosophien zu kümmern.

101:3.13

9. Er lebt und triumphiert ungeachtet der zermalmenden Überbelastung durch die komplexen und partiellen Zivilisationen der modernen Zeiten.

101:3.14

10. Er trägt dazu bei, dass der Altruismus trotz menschlicher Eigensucht, sozialer Gegensätze, industrieller Habgier und politischer Fehlanpassungen weiterlebt.

101:3.15

11. Er bekennt sich standhaft zu einem sublimen Glauben an die Einheit des Universums und die göttliche Führung ungeachtet der verwirrenden Gegenwart von Übel und Sünde.

101:3.16

12. Er fährt mit der Anbetung Gottes gegen allen und jeden Widerstand fort. Er wagt zu erklären: „Und sollte er mich auch umbringen, ich werde ihm trotzdem dienen.“

101:3.17

Wir wissen also durch drei Phänomene, dass der Mensch einen göttlichen Geist oder göttliche Geiste besitzt, die in ihm wohnen: erstens aufgrund von persönlicher Erfahrung – religiösem Glauben; zweitens durch Offenbarung – persönliche und rassische; und drittens durch das erstaunliche Auftreten so außerordentlicher und unnatürlicher Reaktionen auf sein materielles Umfeld, wie sie die obige Aufzählung von zwölf geistigen Leistungen in konkreten kritischen Situationen der realen menschlichen Existenz schildert. Und es gibt ihrer noch andere.

101:3.18

Es sind gerade solch lebensvolle und kräftige Leistungen des Glaubens im Bereich der Religion, die den sterblichen Menschen dazu berechtigen, den persönlichen Besitz und die geistige Realität der religiösen Erfahrung, jener Krone aller Gaben der menschlichen Natur, zu bejahen.

4. Die Grenzen der Offenbarung

101:4.1

Weil eure Welt im Allgemeinen über Ursprünge, selbst physische Ursprünge, in Unwissenheit steckt, hat man es als weise erachtet, von Zeit zu Zeit kosmologische Auskünfte zu geben. Und stets hat das in der Zeit danach Verwirrung gestiftet. Die Gesetze der Offenbarung hemmen uns gewaltig durch ihr Verbot, unverdientes oder verfrühtes Wissen zu vermitteln. Jede als Teil einer Religions­offenbarung dargebotene Kosmologie ist dazu verurteilt, in sehr kurzer Zeit überholt zu sein. Deshalb werden künftige Studierende einer solchen Offenbarung versucht sein, auch alle Elemente echter religiöser Wahrheit, die sie enthalten mag, fallen zu lassen, weil sie in den sie begleitenden Kosmologien offenkundige Irrtümer entdecken.

101:4.2

Die Menschheit sollte verstehen, dass wir an der Wahrheitsoffenbarung Beteiligten durch die Anweisungen unserer Vorgesetzten sehr stark eingeschränkt sind. Wir sind nicht frei, den wissenschaftlichen Entdeckungen von tausend Jahren vorzugreifen. Die Offenbarer haben sich an die Anweisungen zu halten, die einen Teil des Offenbarungsauftrags bilden. Wir sehen keinen Weg zur Überwindung dieser Schwierigkeit, weder jetzt noch irgendwann in der Zukunft. Während die historischen Tatsachen und religiösen Wahrheiten, die in dieser Serie offenbarender Darstellungen enthalten sind, in den Annalen der künftigen Zeitalter weiterhin gültig bleiben werden, wissen wir nur zu gut, dass innerhalb sehr weniger Jahre viele unserer Aussagen bezüglich der physischen Wissenschaften infolge weiterer wissenschaftlicher Entwicklungen und neuer Entdeckungen einer Überholung bedürfen. Wir sehen diese neuen Entwicklungen jetzt voraus, aber es ist uns verboten, solche von Menschen noch nicht entdeckte Fakten in die Offenbarungsschriften aufzunehmen. Lasst uns klarstellen, dass Offenbarungen nicht notwendigerweise inspiriert sind. Die Kosmologie dieser Offenbarungen ist nicht inspiriert. Sie hält sich in den Grenzen unserer Erlaubnis zur Koordinierung und Sortierung des heutigen Wissens. Göttliche oder geistige Schau ist eine Gabe, aber menschliche Weisheit muss sich entwickeln.

101:4.3

Wahrheit ist immer eine Offenbarung: eine Eigenoffenbarung, wenn sie als Ergebnis der Arbeit des innewohnenden Justierers erscheint; eine epochale Offenbarung, wenn sie durch irgendeine andere himmlische Vermittlung, Gruppe oder Persönlichkeit dargeboten wird.

101:4.4

Letztlich muss die Religion nach ihren Früchten beurteilt werden, danach, auf welche Art und wie stark sie die ihr innewohnende göttliche Vorzüglichkeit zum Ausdruck bringt.

101:4.5

Wahrheit kann nur relativ inspiriert sein, auch wenn Offenbarung ausnahmslos ein geistiges Phänomen ist. Obwohl Ausführungen über Kosmologie nie inspiriert sind, sind derartige Enthüllungen doch von immensem Wert in dem Sinne, dass sie das Wissen wenigstens vorübergehend klären durch:

101:4.6

1. Die Verminderung der Konfusion durch gebieterische Eliminierung des Irrtums.

101:4.7

2. Die Koordinierung von Fakten und Beobachtungen, die bekannt sind oder im Begriff sind, bekannt zu werden.

101:4.8

3. Das Zurückrufen wichtiger Teile verlorenen Wissens um epochale Geschehnisse in ferner Vergangenheit.

101:4.9

4. Die Lieferung von Information zum Auffüllen entscheidender Lücken in den im Übrigen selbst erarbeiteten Kenntnissen.

101:4.10

5. Das Darbieten kosmischer Tatsachen in einer Weise, welche die in der begleitenden Offenbarung enthaltenen geistigen Lehren erhellt.

5. Erweiterung der Religion durch Offenbarung

101:5.1

Offenbarung ist eine Technik, die bei der notwendigen Arbeit, die Irrtümer der Evolution aus den Wahrheiten geistiger Erwerbungen auszusortieren und auszusieben, ganze Zeitalter einzusparen erlaubt.

101:5.2

Die Wissenschaft beschäftigt sich mit Tatsachen ; die Religion gibt sich einzig mit Werten ab. Mittels einer aufgeklärten Philosophie bemüht sich der Verstand, die Bedeutungen sowohl der Tatsachen wie der Werte zu vereinigen und dadurch zu einer Vorstellung von vollständiger Realität zu gelangen. Ruft euch in Erinnerung, dass Wissenschaft die Domäne des Wissens, Philosophie das Reich der Weisheit und Religion die Sphäre der Glaubenserfahrung ist. Indessen manifestiert sich Religion in zwei Phasen:

101:5.3

1. Evolutionäre Religion. Die Erfahrung primitiver Anbetung, die Religion, die ein Abkömmling des Verstandes ist.

101:5.4

2. Offenbarte Religion. Die Haltung gegenüber dem Universum, die ein Abkömmling des Geistes ist; der Glaube an den Bestand ewiger Realitäten, an das Fortleben der Persönlichkeit und an das schließliche Erreichen der kosmischen Gottheit, deren Vorhaben all das ermöglicht hat, und die Gewissheit von alledem. Es gehört zum Plan des Universums, dass es der evolutionären Religion bestimmt ist, früher oder später die geistige Erweiterung der Offenbarung zu empfangen.

101:5.5

Sowohl Wissenschaft wie Religion bauen für logische Folgerungen auf der Annahme gewisser allgemein akzeptierter Grundlagen auf. Ganz ebenso muss die Philosophie ihre Gedankengänge auf die Annahme der Realität von drei Dingen gründen:

101:5.6

1. Der materielle Körper.

101:5.7

2. Die übermaterielle Phase des menschlichen Wesens, die Seele oder gar der innewohnende Geist.

101:5.8

3. Der menschliche Verstand, der Mechanismus für wechselseitigen Austausch und Zusammenarbeit zwischen Geist und Materie, zwischen Materiellem und Geistigem.

101:5.9

Die Wissenschaftler fügen Tatsachen zusammen, die Philosophen koordinieren Ideen, während die Propheten Ideale verherrlichen. Ausnahmslos begleiten Gefühl und Empfindung die Religion, aber sie sind nicht die Religion. Religion ist vielleicht das Fühlen einer Erfahrung, aber sie ist kaum das Erfahren von Gefühlen. Weder Logik (Rationalisieren) noch Emotion (Fühlen) sind wesentliche Teile religiöser Erfahrung, obwohl beide sich unterschiedlich an der Betätigung des Glaubens beteiligen können, um einen tieferen geistigen Einblick in die Realität zu erhalten, und dies ganz in Übereinstimmung mit Status und veranlagungsmäßigen Neigungen des individuellen Gemütes.

101:5.10

Die evolutionäre Religion ist die Frucht aus der Gabe des lokaluniversellen Hilfsgeistes, der mit der Schaffung und Förderung des Drangs zur Anbetung in dem sich entwickelnden Menschen betraut ist. Solch primitive Religionen haben direkt mit Ethik und Sittlichkeit zu tun, mit dem Sinn für menschliche Pflicht. Sie gründen auf der Stimme des Gewissens und haben die Stabilisierung von relativ ethischen Zivilisationen zur Folge.

101:5.11

Persönlich offenbarte Religionen werden von den schenkenden Geisten getragen, welche die drei Personen der Paradies-Trinität repräsentieren, und sie widmen sich insbesondere dem Wachstum der Wahrheit. Die evolutionäre Religion bringt dem Einzelnen die Idee von persönlicher Pflicht bei; offenbarte Religion legt das Gewicht in wachsendem Maße auf die Liebe, auf die goldene Regel.

101:5.12

Höherstehende Religion beruht ganz und gar auf dem Glauben. Offenbarung bringt durch ihre erweiterte Darlegung der Wahrheiten über Göttlichkeit und Realität eine zusätzliche Gewissheit, und – was noch wertvoller ist – für sie zeugt die gelebte und immer reichere Erfahrung infolge der praktischen Zusam­menarbeit zwischen evolutionärem Glauben und offenbarter Wahrheit. Solche Zusammenarbeit menschlichen Glaubens mit göttlicher Wahrheit stellt den Besitz eines Charakters dar, der sich eindeutig auf dem Weg zur Erwerbung einer morontiellen Persönlichkeit befindet.

101:5.13

Die evolutionäre Religion verschafft nur die Gewissheit des Glaubens und die Bestätigung durch das Gewissen; die offenbarte Religion verschafft zusätzlich zu der Gewissheit des Glaubens die Wahrheit der lebendigen Erfahrung mit den Realitäten der Offenbarung. Der dritte Schritt der Religion oder die dritte Phase religiöser Erfahrung betrifft den morontiellen Zustand, ein tieferes Erfassen der Mota. Immer mehr erweitern sich während des morontiellen Vorrückens die Wahrheiten offenbarter Religion; immer besser werdet ihr die Wahrheiten höchster Werte, göttlicher Güte, universaler Zusammenhänge, ewiger Realitäten und ultimer Bestimmungen verstehen.

101:5.14

Während des morontiellen Werdegangs ersetzt die Gewissheit der Wahrheit immer mehr die Gewissheit des Glaubens. Wenn ihr dereinst in der wirklichen geistigen Welt Einlass findet, werden die Gewissheiten reiner geistiger Schau anstelle von Glauben und Wahrheit wirken, oder vielmehr in Verbindung mit diesen früheren Techniken persönlicher Gewissheit und sich ihnen überlagernd.

6. Fortschreitende religiöse Erfahrung

101:6.1

Die morontielle Phase offenbarter Religion hat mit der Erfahrung des Fortlebens zu tun, und sie ist von einem starken Drang nach geistiger Vollkom­menheit erfüllt. Ebenfalls vorhanden ist ein starkes höheres Bedürfnis nach Anbetung, verbunden mit einem zwingenden Ruf nach vermehrtem ethischem Dienst. Die morontielle Schau bringt ein sich erweiterndes Bewusstsein des Siebenfachen, des Supremen und sogar des Ultimen mit sich.

101:6.2

Durch die ganze religiöse Erfahrung hindurch, von ihrem frühesten Beginn auf der materiellen Ebene bis zum Erreichen des vollen geistigen Status, ist der Justierer das Geheimnis des persönlichen Gewahrwerdens von der Realität der Existenz des Supremen; und derselbe Justierer besitzt auch das Geheimnis eures Glaubens an ein transzendentes Erreichen des Ultimen. Die erfahrungsmäßige Persönlichkeit des sich entwickelnden Menschen, vereint mit dem Justierer, der die Essenz des exis­tentiellen Gottes ist, stellt das Potential zur Vollbringung der supremen Existenz dar und ist die naturgegebene Basis für das überendliche Erscheinen der transzendenten Persönlichkeit.

101:6.3

Sittliches Wollen schließt Entscheidungen in sich, die auf vernünftigem Wissen beruhen, durch Weisheit verstärkt und vom religiösen Glauben gutgeheißen werden. Solche Entscheidungen sind Akte sittlicher Natur und beweisen das Vorhandensein einer sittlichen Persönlichkeit, der Vorläuferin der morontiellen Persönlichkeit und letzten Endes des wahren geistigen Status.

101:6.4

Der evolutionäre Typ von Wissen ist nur die Anhäufung protoplasmatischen Erinnerungsmaterials; das ist die primitivste Form von Geschöpfesbewusstsein. Weisheit beinhaltet Ideen, die ausgehend vom protoplasmatischen Gedächtnis, in dem ein Prozess der Verknüpfung und Neukombination stattfindet, formuliert werden, und derartige Phänomene unterscheiden den menschlichen Verstand vom nur tierischen Verstand. Tiere haben Wissen, aber nur der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Weisheit. Der mit Weisheit Begabte erhält Zugang zur Wahrheit durch die seinem Verstand geschenkten Geiste des Vaters und der Söhne, durch den Gedankenjustierer und den Geist der Wahrheit.

101:6.5

Als sich Christus Michael auf Urantia hingab, lebte er bis zu der Zeit seiner Taufe unter der Herrschaft der evolutionären Religion. Von diesem Augenblick an und bis und mit dem Ereignis seiner Kreuzigung ging er seiner Aufgabe unter der vereinigten Führung evolutionärer und offenbarter Religion nach. Vom Morgen seiner Auferstehung bis zu seiner Himmelfahrt durchlief er die vielgestaltigen Phasen des morontiellen Übergangslebens der Sterblichen von der Welt der Materie bis zu derjenigen des Geistes. Nach seiner Himmelfahrt wurde Michael Meister der Suprematieerfahrung, des Realisierens des Supremen; und da er die einzige Person Nebadons ist, die eine unbeschränkte Fähigkeit zur Erfahrung der Realität des Supremen besitzt, erreichte er augenblicklich den Status supremer Souveränität in seinem Lokaluniversum und über dieses.

101:6.6

Was den Menschen betrifft, so machen die schließliche Fusion und das durch sie bewirkte Einssein mit dem innewohnenden Justierer – die Persönlich­keitssynthese des Menschen und der Essenz Gottes – aus dem Menschen potentiell einen lebendigen Teil des Supremen und sichern diesem einst sterblichen Wesen das ewige Geburtsrecht zu, für den Supremen und mit ihm endlos nach der Finalität universellen Dienstes zu streben.

101:6.7

Die Offenbarung lehrt den Menschen, er sollte, um eine so wunderbare und fesselnde Abenteuerreise durch den Raum mittels der fortschreitenden Zeit zu unternehmen, damit beginnen, sein Wissen um Ideen-Entscheidungen herum zu organisieren und danach seiner Weisheit zu gebieten, unermüdlich an der edlen Aufgabe zu arbeiten, seine eigenen Ideen in immer praktischere, aber trotzdem himmlische Ideale umzuwandeln, in eben jene Konzepte, die als Ideen vernünftig genug und als Ideale logisch genug sind, damit der Justierer es wagen kann, sie so zu kombinieren und zu vergeistigen, dass sie im endlichen Verstand für eine Zusammenarbeit verfügbar werden, die aus ihnen die tatsächlichen menschlichen Partner für das Wirken des Geistes der Wahrheit der Söhne macht, die Zeit-Raum-Manifestationen der Wahrheit des Paradieses – der universalen Wahrheit. Die Koordinierung von Ideen-Entscheidungen, logischen Idealen und göttlicher Wahrheit bedeutet den Besitz eines rechtschaffenen Charakters, der die Voraussetzung für die Zulassung der Sterblichen zu den sich unablässig erweiternden und immer geistigeren Realitäten der morontiellen Welten ist.

101:6.8

Jesu Lehren bildeten die erste Religion Urantias, die eine derart volle harmonische Koordination von Wissen, Weisheit, Glauben, Wahrheit und Liebe enthielt, dass sie gleichzeitig und vollständig gewähren konnte: Ruhe in der Zeit, intellektuelle Gewissheit, sittliche Erleuchtung, philosophische Stabilität, ethisches Feingefühl, Gottesbewusstsein und die eindeutige Gewissheit persönlichen Fortlebens. Jesu Glaube wies den Weg nach der Endgültigkeit menschlicher Errettung, nach der Ultimität menschlicher Vollbringung im Universum, da er gewährte:

101:6.9

1. Errettung aus den materiellen Ketten durch das persönliche Innewerden der Sohnesbeziehung zu Gott, der Geist ist.

101:6.10

2. Errettung aus intellektueller Versklavung: Der Mensch soll die Wahrheit kennen lernen, und die Wahrheit wird ihn befreien.

101:6.11

3. Errettung aus geistiger Blindheit, das menschliche Gewahrwerden der Brüderlichkeit der sterblichen Wesen und das morontielle Bewusstsein der Bruders­chaft aller Universumsgeschöpfe; die Entdeckung geistiger Realität durch Dienen, und die Offenbarung der Güte der Geisteswerte durch tätige Liebe.

101:6.12

4. Errettung aus der Unvollständigkeit des Selbst durch Erreichen der geistigen Ebenen des Universums und durch die schließliche Verwirklichung der Harmonie Havonas und der Vollkommenheit des Paradieses.

101:6.13

5. Errettung vom Selbst, Erlösung aus den Begrenzungen des Selbst­be­wusstseins durch Erreichen der kosmischen Ebenen des Supremen Verstandes und durch Koordinierung mit dem von allen anderen selbstbewussten Wesen Vollbrachten.

101:6.14

6. Errettung aus der Zeit, die Erringung eines ewigen Lebens nie endenden Fortschritts in der Erkenntnis Gottes und im Dienst an ihm.

101:6.15

7. Errettung vom Endlichen, das vervollkommnete Einssein mit der Got­theit im Supremen und durch ihn, gestützt worauf das Geschöpf die transzendente Entdeckung des Ultimen auf den Nachfinalistenebenen des Absoniten versucht.

101:6.16

Solch ein siebenfaches Heil ist gleichbedeutend mit der Vollständigkeit und Vollkommenheit der Verwirklichung der ultimen Erfahrung des Universalen Vaters. Und all das ist potentiell in der Realität des Glaubens der menschlichen religiösen Erfahrung enthalten. Und es kann in dieser Weise darin enthalten sein, da Jesu Glaube sich von Realitäten nährte und sie offenbarte, die sogar noch jenseits des Ultimen lagen; Jesu Glaube kam dem Status eines universalen Absoluten nahe, insoweit etwas Derartiges in dem sich entwickelnden Kosmos von Zeit und Raum überhaupt manifestierbar ist.

101:6.17

Der sterbliche Mensch, der sich Jesu Glauben aneignet, kann schon in der Zeit einen Vorgeschmack von den Realitäten der Ewigkeit bekommen. Jesus machte – in menschlicher Erfahrung – die Entdeckung des Finalen Vaters, und seine sterblichen irdischen Brüder können ihm in dieser selben Erfahrung der Vater-Entdeckung nachfolgen. Sie können sogar, so wie sie sind, in dieser Erfahrung mit dem Vater dieselbe Befriedigung erreichen wie Jesus, so wie er war. Nach dieser letzten der Selbsthingaben Michaels wurden im Universum von Nebadon neue Potentiale Wirklichkeit, und eines von ihnen war das neue Licht, das auf den Pfad der Ewigkeit fiel, der zum Vater aller führt und der sogar von Sterblichen aus Fleisch und Blut während ihres ersten Lebens auf einem Planeten des Raums beschritten werden kann. Jesus war und ist der neue und lebendige Weg, über den der Mensch seine göttliche Erbschaft antreten kann, die nach des Vaters Beschluss die seine sein soll, wenn ihn bloß danach verlangt. In Jesus zeigen sich im Überfluss Anfang und Ende der Glaubenserfahrung der Menschheit, selbst einer göttlichen Menschheit.

7. Eine persönliche Religionsphilosophie

101:7.1

Eine Idee ist nur ein theoretischer Aktionsplan, während eine eindeutige Entscheidung ein gültig erklärter Aktionsplan ist. Ein Stereotyp ist ein ohne Gültigkeitserklärung akzeptierter Aktionsplan. Der Einzelne bezieht die Materialien zum Bau einer persönlichen Religionsphilosophie sowohl aus seiner inneren wie aus seiner Umwelterfahrung. Sozialer Rang, wirtschaftliche Bedingungen, erzieherische Gelegenheiten, sittliche Zeitströmungen, institutionelle Einflüsse, politische Entwicklungen, rassische Tendenzen und die religiösen Lehren der Zeit und des Ortes werden sämtlich zu Faktoren bei der Formulierung einer persönlichen Religionsphilosophie. Auch angeborenes Temperament und intellektuelle Veranlagung prägen das Modell einer Religionsphilosophie sehr stark. Beruf, Ehe und Verwandtschaft beeinflussen allesamt die Entwicklung der persönlichen Lebensnormen.

101:7.2

Eine Religionsphilosophie entwickelt sich aus einem grundlegenden Ideenwachstum und aus den Lebenserfahrungen, die beide durch die Tendenz verändert werden, Mitmenschen nachzuahmen. Die Gesundheit philosophischer Schlussfolgerungen hängt ab von scharfem, ehrlichem Denken mit Unterscheidungsvermögen, verbunden mit Feingefühl für Bedeutungen und mit richtiger Einschätzung. Sittliche Feiglinge erreichen nie hohe Ebenen philosophischen Denkens; es braucht Mut, um neue Erfahrungsebenen zu betreten und die Erforschung unbekannter Bereiche intellektuellen Lebens zu versuchen.

101:7.3

Gegenwärtig entstehen neue Wertesysteme, Prinzipien und Kriterien werden neu formuliert; Gewohnheiten und Ideale werden umgestaltet; eine gewisse Idee von einem persönlichen Gott ist erreicht, gefolgt von einer Erweiterung diesbezüglicher Konzepte.

101:7.4

Der große Unterschied zwischen einer religiösen und einer nichtreligiösen Lebensphilosophie besteht in der Natur und im Niveau der anerkannten Werte und im Gegenstand, auf den sich die Treue richtet. Es gibt vier Phasen in der Entwicklung religiöser Philosophie: Solch eine Erfahrung mag bloß in Konformität enden, indem sie sich resigniert der Tradition und Autorität beugt. Oder sie kann sich mit kleinen Anstrengungen zufrieden geben, die gerade ausreichen, um das tägliche Leben zu stabilisieren, und sie kommt deshalb auf einer so nebensächlichen Stufe schon früh zum Stillstand. Solche Sterbliche glauben, es sei besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Eine dritte Gruppe stößt bis zur Ebene logischer Intellektualität vor, aber stagniert dort wegen kultureller Versklavung. Der Anblick von Gedankenriesen, die sich so sicher in den grausamen Krallen kultureller Hörigkeit befinden, ist wirklich jammervoll. Und ebenso mitleiderregend ist es zu beobachten, wie andere ihr kulturelles Sklaventum gegen die materialistischen Fesseln einer fälschlich so genannten Wissenschaft eintauschen. Auf der vierten philosophischen Stufe erreicht man Freiheit von allen konventionellen und traditionellen Hemmnissen und wagt, ehrlich, loyal, furchtlos und wahrheitsliebend zu denken, zu handeln und zu leben.

101:7.5

Die entscheidende Prüfung jeder religiösen Philosophie besteht darin, ob sie zwischen den Realitäten der materiellen und der geistigen Welt unterscheidet oder nicht und zugleich die Einigung der beiden im intellektuellen Streben und sozialen Dienen anerkennt. Eine gesunde religiöse Philosophie verwechselt die Dinge Gottes nicht mit jenen des Kaisers, noch anerkennt sie einen ästhetischen reinen Wunderglauben als Religionsersatz.

101:7.6

Die Philosophie verwandelt jene primitive Religion, die weitgehend ein Kindermärchen des Bewusstseins war, in eine lebendige Erfahrung der aufsteigenden Werte kosmischer Realität.

8. Glaube und Geglaubtes

101:8.1

Geglaubtes erreicht die Stufe des Glaubens, wenn es zum Lebensantrieb wird und die Lebensweise bestimmt. Das Fürwahrhalten einer Lehre ist nicht Glaube; es ist nur eine Glaubensvorstellung. Ebenso wenig ist Gewissheit oder Überzeugung Glaube. Ein Gemütszustand erreicht Glaubensebenen erst, wenn er wirklich die ganze Lebensweise beherrscht. Der Glaube ist ein lebendiges Attribut echter persönlicher religiöser Erfahrung. Man glaubt der Wahrheit, man bewundert die Schönheit und verehrt die Güte, aber man betet sie nicht an; eine solche Haltung rettenden Glaubens konzentriert sich auf Gott allein, der all das in Person ist und noch unendlich mehr.

101:8.2

Bloß Geglaubtes begrenzt und bindet immer, wohingegen Glaube erweiternd und erlösend wirkt. Bloß Geglaubtes fixiert, Glaube befreit. Aber ein lebendiger religiöser Glaube ist mehr als das Zusammenwirken edler geglaubter Inhalte; er ist mehr als ein erhabenes philosophisches System; er ist eine lebendige Erfahrung, die sich mit geistigen Bedeutungen, göttlichen Idealen und höchsten Werten beschäftigt; er kennt Gott und dient den Menschen. Geglaubtes kann zu Gruppenbesitz werden, aber Glaube muss persönlich sein. Theologische Glaubensinhalte können einer Gruppe anempfohlen werden, aber Glaube kann einzig im Herzen des religiösen Einzelmenschen aufblühen.

101:8.3

Der Glaube verletzt das in ihn gesetzte Vertrauen, wenn er sich anmaßt, Realitäten zu leugnen und seinen Anhängern vorgetäuschtes Wissen zu verleihen. Der Glaube begeht Vertrauensbruch, wenn er auf einen Verrat an intellektueller Integrität hinarbeitet und die Treue gegenüber höchsten Werten und göttlichen Idealen verringert. Der Glaube drückt sich nie vor der Pflicht, die Probleme des irdischen Lebens zu lösen. Lebendiger Glaube begünstigt weder Frömmelei noch Verfolgung oder Intoleranz.

101:8.4

Glaube hemmt die schöpferische Einbildungskraft nicht, noch hält er an einem unvernünftigen Vorurteil gegen die Entdeckungen wissenschaftlicher Forschung fest. Glaube macht die Religion lebendig und zwingt den Gläubigen, heroisch nach der goldenen Regel zu leben. Der Glaubenseifer steht in direktem Verhältnis zum Wissen, und die Glaubenskämpfe sind das Vorspiel zu einem sublimen Frieden.

9. Religion und Sittlichkeit

101:9.1

Keine sich als solche bezeichnende Religionsoffenbarung kann als echt betrachtet werden, wenn sie nicht die zwingende Forderung nach sittlicher Verp­flichtung anerkennt, die von der vorausgehenden evolutionären Religion erhoben und unterstützt worden war. Ausnahmslos dehnt eine Offenbarung den ethischen Horizont der evolutionären Religion aus, während sie gleichzeitig unfehlbar die sittlichen Verpflichtungen aller früheren Offenbarungen erweitert.

101:9.2

Wenn ihr euch erlaubt, über die primitive Religion der Menschen (oder über die Religion der primitiven Menschen) ein kritisches Urteil zu fällen, solltet ihr nicht vergessen, diese Wilden und ihre religiöse Erfahrung entsprechend ihrer Erleuchtung und ihrem Bewusstseinsstand zu beurteilen und zu bewerten. Macht nicht den Fehler, über die Religion anderer nach euren eigenen Wissens- und Wahrheitskriterien zu urteilen.

101:9.3

Wahre Religion ist jene in der Seele wohnende sublime und tiefe Überzeu­gung, die den Menschen dringend daran mahnt, dass er unrecht daran täte, nicht an die morontiellen Realitäten zu glauben, die seine höchsten ethischen und sittlichen Vorstellungen, seine höchste Interpretation der größten Werte des Lebens und der tiefsten Realitäten des Universums bilden. Und solch eine Religion ist einfach die Erfahrung, den höchsten Diktaten des geistigen Bewusstseins intellektuelle Treue zu halten.

101:9.4

Die Suche nach der Schönheit ist nur insofern ein Bestandteil der Religion, als sie ethisch ist, und nur in dem Maße, wie sie die Vorstellung vom Sittlichen bereichert. Kunst wird nur dann religiös, wenn sie von einer Zielsetzung durchdrungen ist, die aus einer hohen geistigen Motivation stammt.

101:9.5

Das erleuchtete geistige Bewusstsein des zivilisierten Menschen hat viel weniger mit irgendeinem besonderen intellektuellen Glauben oder einer speziellen Lebensweise zu tun als mit der Entdeckung der Wahrheit des Lebens, der guten und richtigen Technik des Reagierens auf die stets wiederkehrenden Situationen der irdischen Existenz. Sittliches Bewusstsein ist nur ein Name für das menschliche Erkennen und Wahrnehmen jener ethischen, erwachenden morontiellen Werte, an die sich zu halten die Pflicht den Menschen in seiner täglichen Disziplin und Lebensführung auffordert.

101:9.6

Trotz der Feststellung, dass Religion unvollkommen ist, gibt es mindestens zwei praktische Äußerungen ihres Wesens und ihrer Funktion:

101:9.7

1. Geistiger Antrieb und philosophischer Druck der Religion wirken dahin, den Menschen zu veranlassen, seine Ehrung sittlicher Werte direkt nach außen auf die Angelegenheiten seiner Mitmenschen anzuwenden – die ethische Reaktion der Religion.

101:9.8

2. Die Religion schafft im menschlichen Gemüt ein vergeistigtes Bewus­stsein göttlicher Realität, das auf früheren Vorstellungen von sittlichen Werten beruht und ihnen durch den Glauben entstammt, und das sich mit neu hinzugekommenen Konzepten geistiger Werte koordiniert. Die Religion wird dadurch zu einem Zensor irdischer Angelegenheiten, zu einer Art glorifizierten sittlichen Vertrauens in die Realität – in die höheren Realitäten der Zeit und in die dauerhafteren Realitäten der Ewigkeit.

101:9.9

Der Glaube wird zum Bindeglied zwischen dem sittlichen Bewusstsein und dem geistigen Konzept von dauernder Realität. Die Religion wird zum Weg menschlichen Ausbrechens aus den materiellen Begrenzungen der zeitlichen, natürlichen Welt in die himmlischen Realitäten der ewigen, geistigen Welt durch die Technik der Errettung, durch die progressive morontielle Verwandlung.

10. Religion als Befreierin des Menschen

101:10.1

Der intelligente Mensch weiß, dass er ein Kind der Natur, ein Teil des materiellen Universums ist; und in den Bewegungen und Spannungen der mathematischen Ebene des aus Energie bestehenden Universums kann er nirgends ein Fortleben individueller Persönlichkeiten feststellen. Ebenso wenig kann der Mensch je durch Beobachtung physischer Ursachen und Wirkungen eine geistige Realität ausmachen.

101:10.2

Ein menschliches Wesen ist sich auch bewusst, ein Teil des Ideenkosmos zu sein, aber obwohl ein Konzept eine menschliche Lebensspanne überdauern kann, gibt es im Konzept selber nichts, was auf ein persönliches Fortleben der konzipierenden Persönlichkeit schließen ließe. Und auch die Erschöpfung aller Möglichkeiten der Logik und Vernunft wird dem logischen Denker nie die ewige Wahrheit über das Fortleben der Persönlichkeit enthüllen.

101:10.3

Die materielle Ebene des Gesetzes sorgt für kausale Kontinuität, für die nie endende Antwort von Wirkung auf vorausgehende Verursachung; die mentale Ebene legt eine ewige ideelle Kontinuität nahe, das unablässige Fließen konzeptueller Potentialität aus vorausexistierenden Konzeptionen. Aber weder die eine noch die andere dieser Universumsebenen öffnet dem forschenden Sterblichen einen Fluchtweg aus der Einseitigkeit seines Status und aus der unerträglichen Bangigkeit, im Universum nur eine vorübergehende Realität, eine vergängliche Persönlichkeit zu sein, dazu verurteilt, mit der Erschöpfung der begrenzten Lebensenergien ausgelöscht zu werden.

101:10.4

Einzig über den morontiellen, zu geistiger Schau führenden Weg kann der Mensch die Ketten sprengen, die in der Natur seines Status eines Sterblichen des Universums liegen. Energie und Verstand führen zurück zum Paradies und zur Gottheit, aber weder die Ausstattung mit Energie des Menschen noch seine Verstandesbegabung stammen direkt aus der Paradies-Gottheit. Nur im geistigen Sinne ist der Mensch ein Kind Gottes. Und das ist wahr, weil der Mensch jetzt durch den Paradies-Vater nur im geistigen Sinne begabt und bewohnt wird. Die Menschheit kann die Göttlichkeit nie anders entdecken als über den Weg religiöser Erfahrung und die Ausübung wahren Glaubens. Die Annahme der Wahrheit Gottes durch den Glauben befähigt den Menschen, aus den engen Schranken materieller Begrenzung auszubrechen, und gibt ihm eine vernünftige Hoffnung auf ein sicheres Geleit aus dem materiellen Reich, wo der Tod herrscht, in das geistige Reich, wo ewiges Leben ist.

101:10.5

Das Ziel der Religion ist nicht, die Neugier auf Gott zu befriedigen, sondern vielmehr, intellektuelle Beständigkeit und philosophische Sicherheit zu bringen, das menschliche Leben zu stabilisieren und zu bereichern durch Verschmelzen des Sterblichen mit dem Göttlichen, des Bruchstückhaften mit dem Vollkommenen, des Menschen mit Gott. Durch religiöse Erfahrung geschieht es, dass die menschlichen Vorstellungen von Idealität mit Realität ausgestattet werden.

101:10.6

Nie kann es wissenschaftliche oder logische Beweise der Göttlichkeit geben. Die Vernunft allein kann niemals die Gültigkeit der Werte und Wohltaten religiöser Erfahrung beweisen. Aber stets wird wahr bleiben: Wer auch immer bereit ist, Gottes Willen zu tun, wird die Gültigkeit geistiger Werte begreifen. Das ist die größte Annäherung, die man auf der menschlichen Ebene an die Lieferung eines Beweises für die Realität religiöser Erfahrung machen kann. Ein solcher Glaube bietet die einzige Fluchtmöglichkeit aus den mechanischen Klauen der materiellen Welt und aus der durch Irrtum bewirkten Verzerrung der unvollständigen intellektuellen Welt; er ist die einzige entdeckte Lösung für das menschliche Denken, das sich hinsichtlich des dauernden Fortlebens der individuellen Persönlichkeit in einer Sackgasse befindet. Er ist der einzige Pass zur Vervollständigung der Realität und zur Ewigkeit des Lebens in einer universalen Schöpfung der Liebe, des Gesetzes, der Einheit und des progressiven Erreichens der Gottheit.

101:10.7

Die Religion heilt den Menschen auf wirksame Weise von seinen Gefühlen idealistischer Isoliertheit oder geistiger Einsamkeit; sie verleiht dem Gläubigen die Rechte eines Sohnes Gottes, eines Bürgers in einem neuen Universum voller Bedeutung. Die Religion versichert dem Menschen, dass er, folgt er nur dem schwachen Schein der Rechtschaffenheit, den er in seiner Seele wahrnimmt, sich dadurch mit dem Plan des Unendlichen und mit dem Vorhaben des Ewigen identifiziert. Solch eine befreite Seele beginnt sich allsogleich in diesem neuen Universum, ihrem Universum, zu Hause zu fühlen.

101:10.8

Wenn ihr solch eine Verwandlung des Glaubens durchmacht, seid ihr nicht länger ein sklavischer Teil des mathematischen Kosmos, sondern ein befreiter Willens-Sohn des Universalen Vaters. Ein solch befreiter Sohn kämpft nicht mehr allein gegen das unerbittliche Schicksal, das der zeitlichen Existenz ein Ende setzt; er kämpft nicht mehr gegen die ganze Natur an, wobei er alle Chancen hoffnungslos gegen sich hat; er wird nicht mehr schwankend unter der lähmenden Angst, sein Vertrauen vielleicht in ein hoffnungsloses Hirngespinst gesetzt oder mit seinem Glauben einen ausgefallenen Irrtum verfolgt zu haben.

101:10.9

Vielmehr kämpfen jetzt die Söhne Gottes denselben Kampf des Triumphs der Realität über die teilweisen Schatten der Existenz. Am Ende werden sich alle Geschöpfe der Tatsache bewusst, dass Gott und alle göttlichen Heerscharen eines beinahe grenzenlosen Universums auf ihrer Seite stehen in dem erhabenen Ringen um ewiges Leben und göttlichen Status. Solche durch den Glauben befreite Söhne haben sich für die Kämpfe der Zeit mit Sicherheit auf Seiten der höchsten Kräfte und göttlichen Persönlichkeiten der Ewigkeit anwerben lassen; selbst die Sterne auf ihren Bahnen kämpfen jetzt für sie; endlich schauen sie von innen her, aus Gottes Sicht, auf das Universum, und alles wandelt sich aus der Ungewissheit materieller Isolation in die Sicherheit ewigen geistigen Fortschritts. Sogar die Zeit selber wird zum bloßen Schatten der Ewigkeit, der von den Realitäten des Paradieses auf das bewegte Schauspiel des Raums geworfen wird.

101:10.10

[Dargeboten von einem Melchisedek von Nebadon.]


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